Schulversuch Flexible Grundschule - Dokumentation, Ergebnisse, Emfpehlungen für die Praxis - page 56

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fachliche Kompetenzen mehr gefördert werden als
fachliche Kompetenzen. Doch ist die Abgrenzung
von offenen Unterrichtsformen unscharf, sodass
generelle Wirkungen nur schwer belegbar sind.
Auch hier scheint der Unterschied eher auf der
„Mikroebene“
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bzw. in den „Tiefenstrukturen“
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des Unterrichts zu liegen. Reusser betont, „dass
eine ‚Öffnung‘ des Unterrichts im Sinne einer Fle-
xibilisierung seiner Oberflächenstrukturen allein
nicht ausreicht für eine nachhaltige Qualitätsstei-
gerung des Lernens“.
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Es komme darauf an, die
lernförderlichen Potenziale jeder Unterrichtsform
zu erkennen und produktiv zu nutzen.
Kooperative Lernformen
Formen des kooperativen Lernens zeichnen sich
vor allem dadurch aus, dass beim gemeinsamen
Lernen ein Austausch zwischen den Lernenden
stattfindet und zwischen ihnen eine „positive Ab-
hängigkeit“
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besteht. Schülerinnen und Schüler
arbeiten in Gruppen an einer gemeinsamen Auf-
gabe und bringen dabei ihre unterschiedlichen Vo-
raussetzungen ein. Dadurch entwickeln sich nicht
nur ihre sozialen Fähigkeiten, sondern sie erhalten
durch die anderen Teammitglieder auch Impulse
für ihr fachliches und methodisches Denken. Bei
geschickter Aufgabenstellung können Kinder mit
heterogenen Voraussetzungen produktiv zusam-
menarbeiten und erfahren, dass jede Einzelleis-
tung etwas zum Gesamtergebnis beiträgt. Auch
diese Form des Unterrichtens erfordert ein ho-
hes didaktisches Können von den Lehrpersonen.
Kooperatives Lernen lässt sich in offenen Unter-
richtsarrangements gut realisieren, bedarf jedoch
einer präzisen didaktischen Orchestrierung.
Adaptiver Unterricht
Das Konzept des adaptiven Unterrichts fußt auf
der Erkenntnis, dass derselbe Unterricht nicht für
alle Kinder dieselben Wirkungen hat, dass also
die individuellen Unterschiede ein variables Set
an Unterrichtsformen und -methoden erfordern.
Adaptives Unterrichten bedeutet Anpassung der
Lernangebote und -aufgaben an die individuellen
Lernvoraussetzungen. Dies kann in individualisie-
renden, in differenzierenden und auch in offenen
Unterrichtsarrangements geschehen. Adaptive
Lehrkompetenz besteht nach Beck et al. (2008,
S. 37) aus dem Zusammenspiel von Sachkom-
petenz, diagnostischer Kompetenz, didaktischer
Kompetenz und Klassenführungskompetenz. Einer
Lehrperson mit einer hohen adaptiven Lehrkom-
petenz gelingt es, sich auf der Basis sicheren fach-
lichen Wissens und mithilfe eines reichhaltigen di-
daktischen Repertoires auf die Heterogenität und
Individualität der Schülerinnen und Schüler einzu-
stellen. Dazu gehören beratende wie auch instruk-
tive Anteile. In der Studie von Beck et al. (2008)
konnte gezeigt werden, dass adaptive Lehrkom-
petenz zu besseren Lernfortschritten der Schüle-
rinnen und Schüler führt, insbesondere in Klassen
mit hoher Leistungsheterogenität. Dieser Befund
weist auf die Bedeutung der Lehrerbildung hin. Es
lohnt sich, in die Verbesserung der Lehrkompetenz
zu investieren. Ein Modell wie die Flexible Grund-
schule, in der Heterogenität Ausgangsbedingung
ist, erfordert dies in besonderer Weise.
1.4 Heterogenität in der Flexiblen
Grundschule
Für die Flexible Grundschule ist die Heterogeni-
tät der Schülerschaft in den jahrgangsgemischten
Lerngruppen ohne Zweifel eine Herausforderung,
da sie hohe Anforderungen an das didaktische
Können der Lehrpersonen stellt. In der Aufgabe
der Fiktion von Homogenität
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liegt aber auch eine
Chance, weil Lehrpersonen die unterschiedlichen
Lernvoraussetzungen von vornherein in ihren Pla-
nungen und didaktischen Handlungen berücksich-
tigen müssen. Zum einen kommt es darauf an,
dass sie der Voraussetzungsvielfalt ihrer Klasse mit
einer Lernangebotsvielfalt in den (gemeinsamen)
Aufgaben gerecht werden, und zum anderen dar-
auf, dass sie ihre Schülerinnen und Schüler beim
Lernen einfühlsam und in lernaktivierender Weise
begleiten. Die Formen des Unterrichtens werden
entsprechend vielfältig sein, wobei es vor allem
darauf ankommt, sie in lernförderlicher Weise zu
nutzen. Denn nicht die Form an sich garantiert
den Lernerfolg, sondern die Art und Weise, wie
Lehrpersonen damit umgehen.
Wie die Erfahrungen mit den flexiblen Ein-
gangsstufen anderer Bundesländer zeigen, hängt
der Erfolg zu einem großen Teil auch von der
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