Schulversuch Flexible Grundschule - Dokumentation, Ergebnisse, Emfpehlungen für die Praxis - page 142

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soziale und hierarchische Vergleiche aufgrund der
zusätzlichen heterogenen Lernvoraussetzungen
und Lernziele komplizierter und seltener werden.
Erhofft wird damit auch ein Rückgang der sozia-
len Bezugsnorm sowie des Konkurrenzverhaltens
in solchen Klassen.
Eine weitere Argumentationslinie für günstige
Effekte der Jahrgangsmischung ergibt sich aus
der flexiblen Verweildauer. So ist es für die Schü-
lerinnen und Schüler möglich, ein oder drei Jahre
in der Klasse zu bleiben, ohne dass sie dann ihre
gesamte Bezugsgruppe verlieren (was beim Wie-
derholen oder Überspringen einer Jahrgangs-
klasse der Fall ist). Damit kann ein gewisser Leis-
tungsdruck von den Kindern genommen werden.
Erwartungen hinsichtlich des
Lernzuwachses
Neben den sozialen Zielen wird auch argumen-
tiert, dass sich beim jahrgangsgemischten Lernen
zudem kognitive Vorteile für die Kinder ergeben.
So sollten für die Schülerinnen und Schüler – ihrer
jeweiligen Entwicklung entsprechend – vermehrt
individualisierende und differenzierende Lernge-
legenheiten ermöglicht werden. Begründen lässt
sich dies durch erforderliche Veränderungen im
Unterricht. So ist in jahrgangsgemischten Klas-
sen zieldifferentes Vorgehen (zumindest für die
zwei Gruppen) zwangsläufig erforderlich, was
wiederum dazu führen sollte, dass die Lehrerin-
nen und Lehrer mehr Maßnahmen zur Differen-
zierung und individuellen Förderung entwickeln.
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Zudem ergeben sich – v. a. für die jüngeren und
die leistungsschwächeren Kinder – mehr Möglich-
keiten für das Lernen am Modell, und gerade sie
sollten von den Helfersystemen profitieren. Bei
Kindern mit weit entwickelten Lernvoraussetzun-
gen im ersten Schulbesuchsjahr sollte es außer-
dem günstig sein, dass sie Anreize durch weiter
fortgeschrittene Schülerinnen und Schüler des
zweiten Schulbesuchsjahres erhalten.
1.3 Empirische Befunde
Die empirische Überprüfung der oben darge-
stellten Erwartungen ergibt jedoch kein vollstän-
dig einheitliches Bild – insbesondere wenn man die
Befunde zu den Lernleistungen der internationalen
Studien mit denen in Deutschland vergleicht.
Forschungsergebnisse hinsichtlich der
sozial-emotionalen Entwicklung
Für die soziale Entwicklung ergibt sich ein recht
eindeutiges Bild. Verschiedene Studien deuten
sowohl für den internationalen als auch für den
deutschsprachigen Raum darauf hin, dass Kin-
der aus jahrgangsgemischten Klassen im Durch-
schnitt hier überlegen sind.
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Genannt werden in
diesem Zusammenhang Selbstkonzept, soziale
Anpassungsfähigkeit, Lernfreude und Anstren-
gungsbereitschaft. Diese sind in jahrgangsge-
mischten Klassen höher ausgeprägt als in jahr-
gangshomogenen.
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Dabei wird darauf hingewie-
sen, dass dies kein „automatischer“ Effekt der
Jahrgangsmischung sei, sondern durch eine ver-
änderte (differenziertere und weniger frontale)
Unterrichtsgestaltung verursacht ist.
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Forschungsergebnisse hinsichtlich des
Lernzuwachses
Außerhalb Deutschlands existiert eine recht er-
giebige empirische Befundlage aus dem skandina-
vischen Raum sowie aus den USA, zum Teil auch
als Metaanalysen. Die Studien sind jedoch durch-
gängig vergleichsweise alt. Seit Mitte der 1990er-
Jahre finden sich keine neuen Untersuchungen.
Der Forschungsüberblick von Veenmann (1995)
konstatiert dabei keine signifikanten Unterschiede
hinsichtlich der kognitiven Entwicklung zwischen
jahrgangsgemischt und jahrgangshomogen un-
terrichteten Kindern. Gutiérrez und Slavin (1992)
zeigen in ihrer Metaanalyse auf, dass sich die
Leistungen in jahrgangsgemischten Gruppen po-
sitiv entwickeln, wenn diese leistungshomogen
zusammengesetzt werden. Für leistungshetero-
gene Gruppen mit stark individualisierendem Un-
terricht stellen sie sogar weniger günstige Effekte
fest. Leichte Nachteile für jahrgangsgemischte
1...,132,133,134,135,136,137,138,139,140,141 143,144,145,146,147,148,149,150,151,152,...170
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