Schulversuch Flexible Grundschule - Dokumentation, Ergebnisse, Emfpehlungen für die Praxis - page 134

132
er sich motiviert. Auffallend ist sein kreativer Um-
gang mit Aufgabenstellungen; er entwickelt oft-
mals ein eigenes Anspruchsniveau, das weit über
dem des Klassendurchschnitts liegt.
Entwicklung
Aufgrund seiner Vorkenntnisse bearbeitet Phi-
lipp schon bald nach Schuleintritt die Aufgaben-
stellungen der Kinder im zweiten Schulbesuchs-
jahr und zeigt auch dort überdurchschnittliche
Leistungen in den Probearbeiten. In den Orientie-
rungsarbeiten „Richtig schreiben“ der Jahrgangs-
stufe 2 erzielt er sehr gute Ergebnisse.
Unterstützung
Das Unterrichtskonzept der Flexiblen Grund-
schule bietet für Philipp die passende Form der
Unterstützung:
Philipp erhält durch herausfordernde Aufgaben
im differenzierten Wochenplan die Möglichkeit,
auf einem höheren Anspruchsniveau zu lernen.
In Mathematik profitiert Philipp besonders von
offenen Aufgabenstellungen, die er selbststän-
dig erweitert.
Philipp wird angeregt, Aufgaben kreativ zu ver-
ändern und somit seine mathematische Denk-
fähigkeit weiterzuentwickeln.
Das Angebot von Forscheraufgaben trägt zur
Aufrechterhaltung seiner hohen Lernmotiva-
tion bei.
Ausblick
Bereits nach wenigen Wochen finden erste
Gespräche der Lehrerin mit den Eltern statt. Zu-
nächst wollen die Eltern nicht, dass Philipp Auf-
gaben über die Anforderungen des ersten Schul-
besuchsjahres hinaus bearbeitet. Die Lehrkraft
kann die Eltern überzeugen, dass Philipp die
Lernanreize der offenen Aufgaben nutzen muss,
damit seine Motivation und sein Lerneifer erhal-
ten bleiben.
Gegen Ende des ersten Schulbesuchsjahres
könnte Philipp nach Einschätzung der Lehrerin
aufgrund seines Leistungsvermögens und im Hin-
blick auf seine emotionale und soziale Entwick-
lung problemlos in die Jahrgangsstufe 3 wech-
seln. Die Flexible Grundschule eröffnet nun zwei
Möglichkeiten:
a) Die Eltern entscheiden sich nach entsprechen-
der Beratung durch die Schule für eine einjäh-
rige Verweildauer in der Flexiblen Grundschule
und für Philipps Vorrücken in die Jahrgangs-
stufe 3.
b) Die Eltern entscheiden sich gegen die Empfeh-
lung einer einjährigen Verweildauer und das
Kind bleibt auch im zweiten Schulbesuchsjahr
in der Klasse der Flexiblen Grundschule. In
diesem Fall muss im zweiten Schulbesuchs-
jahr eine entsprechende kognitive Förderung
sichergestellt werden, die sich auch auf die
Kompetenzerwartungen der Jahrgangsstufen
3 und 4 bezieht. Entwicklungsmöglichkeiten
im emotionalen und sozialen Bereich ergeben
sich nicht zuletzt durch die Möglichkeit, als
Helfer die Schülerinnen und Schülern des ers-
ten Schulbesuchsjahres zu unterstützen.
2.2.2 Fallbeispiel: Förderbedarf
Ausgangssituation
Manuel kommt als Frühgeburt zur Welt und
wächst als Einzelkind auf. Der Vater stammt aus
Italien, die Mutter aus Brasilien. Die Mutter ist
berufstätig und arbeitet in gehobener Position. Zu
Hause wird deutsch und italienisch gesprochen.
Manuel erhält zusätzliche Deutschförderung und
kann sich gut verständigen.
Vor Schulbeginn wird der Besuch einer För-
derschule angeraten; die Eltern entscheiden sich
für die örtliche Grundschule. Manuel wird in die
Eingangsstufe der Flexiblen Grundschule einge-
schult. Er ist 7 Jahre alt und ein schmächtiges,
blasses, eher kränklich wirkendes Kind.
Das Kind verhält sich ich-bezogen und zieht
sich häufig zurück, es spricht leise und undeut-
lich. Manuel zeigt bei sozialen Konflikten immer
wieder kleinkindhafte Verhaltensweisen wie lau-
tes Schreien und Weinen. Durch seine fehlende
soziale Reife ist ein altersgemäßer Umgang mit
seinen Mitschülern erschwert. Die Eltern haben
unterstützende ergotherapeutische und logo-
pädische Maßnahmen veranlasst. Aufgrund des
Verdachts auf Asperger-Syndrom wird der Mutter
1...,124,125,126,127,128,129,130,131,132,133 135,136,137,138,139,140,141,142,143,144,...170
Powered by FlippingBook