Schulversuch Flexible Grundschule - Dokumentation, Ergebnisse, Emfpehlungen für die Praxis - page 27

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II 1 Die Flexible Grundschule im Kontext der Theorie der Grundschule
1 Die Flexible Grundschule im Kontext der Theorie der
Grundschule (Prof. Dr. Dr. Werner Wiater)
1.1 Erziehung und Bildung – der
gesellschaftliche Auftrag an die
Grundschule
Die Schule in Deutschland hat von der Gesell-
schaft einen Erziehungs- und Bildungsauftrag ge-
genüber Kindern und Jugendlichen erhalten, den sie,
anknüpfend an die familiäre und vorschulische Per-
sönlichkeitsentwicklung des Kindes, schulformspe-
zifisch und Institutionen übergreifend ausübt. Für
die Flexible Grundschule stellt sich hier die Frage,
welche besonderen Akzente sie bei der Ausübung
des Erziehungs- und Bildungsauftrags setzen kann.
In seinem Buch „Die Grundschule als Bildungs-
institution“
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stellt G. Schorch diese Schulform in
den Vergleich mit anderen Bildungsinstitutionen
und charakterisiert sie mit den Bezeichnungen
grundlegende Schule,
d. h., die Grundschule
ist eine Schule, die einerseits das Fundament
für darauf aufbauende weiterführende Schulen
legt und andererseits Kindern grundlegende
Erziehungs- und Bildungserfahrungen ermög-
licht. Er sieht ihre Funktion in einer „Schulpro-
pädeutik“, was die Befähigung zum schulischen
Lernen und die Vermittlung von Basiskompe-
tenzen anbetrifft, und in einer „Lebenspro-
pädeutik“, worunter er Lebenshilfe sowie die
Anbahnung von Selbstständigkeit, Mündigkeit
und Urteilsfähigkeit versteht;
erste Schule
im Schulsystem, d.h., die Grund-
schule ist eine Schule, bei der zum Kindsein das
Schüler- /Schülerinnensein hinzukommt, was
Übergangsprobleme mit sich bringt und Fragen
zur Schulbefähigung des Kindes aufwirft;
gemeinsame Schule
, d. h., die Grundschule ist
eine Schule, die das Problem der Heterogenität
der Kinder bewältigen und als Lernchance pro-
duktiv nutzen muss, die Ziel- und Leistungsdif-
ferenzierung vorsieht und Polaritäten wie Inte-
gration/ Individualisierung oder gemeinsames
Lernen/ individuelles Lernen im Unterricht und
im Schulleben zu bewältigen hat;
Kinderschule
, d.h., die Grundschule ist eine
Schule, die aufgrund der vielfältig unterschied-
lichen Lebens- und Lernerfahrungen der heuti-
gen Kinder das Prinzip der Schülerorientierung
nur mittels starker Differenzierung realisieren
kann, die als Lebensstätte für Kinder konzi-
piert werden muss und die in einer anregen-
den Spiel- und Lernwelt ihr didaktisch-pädago-
gisches Potenzial entfalten sollte.
In allen genannten Punkten setzt die Flexible
Grundschule eigene Akzente. Sie trägt der Hete-
rogenität und Individualität der Schülerinnen und
Schüler didaktisch durch differenzierte Lernum-
gebungen Rechnung, sie räumt den Kindern die
Entwicklungs- und Lernzeit ein, die sie brauchen,
um in der Anfangsphase schulischen Lernens die
grundlegende Bildung und die Schulbefähigung er-
folgreich zu erlangen, sie stärkt die Gemeinschaft
der Kinder durch kooperative Lernformen (soziales
und tutorielles Lernen) und lässt die Schülerinnen
und Schüler Kind sein – beim Lernen mit allen Sin-
nen, durch Nachahmen, Experimentieren und Ent-
decken, im Gespräch untereinander und mit der
Lehrkraft, durch Üben sowie auch durch Anregung,
Steuerung und Feedback seitens der Lehrkraft.
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1.2 Der Erziehungsauftrag der
Grundschule
Die Grundschule ist – nach dem Kindergar-
ten – ein Ort formaler Erziehung, der zur non-
formalen Erziehung des Elternhauses der Kinder
hinzukommt und der die informelle Erziehung,
wie Kinder sie beim Spiel mit anderen in ihrer
Freizeit oder über die Medien, die sie nutzen, er-
fahren, beachten muss. Nach den Bayerischen
Leitlinien für die Bildung und Erziehung von Kin-
dern bis zum Ende der Grundschulzeit (BayBL)
ist das oberste Bildungs- und Erziehungsziel „der
eigenverantwortliche, beziehungs- und gemein-
schaftsfähige, wertorientierte, weltoffene und
schöpferische Mensch“, der fähig und bereit ist,
„in Familie, Staat und Gesellschaft Verantwortung
zu übernehmen“, und der „offen für religiöse und
weltanschauliche Fragen“ ist.
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