aviso - Zeitschrift für Wissenschaft und Kunst in Bayern - page 14-15

aviso 2 | 2014
Quintensprünge
Colloquium
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Peter Stangel
ist künstlerischer Leiter der
taschenphilharmonie
, die seit
ihrer Gründung 2005 neben den regulären Konzerten für Erwachsene
von Anfang an das Ziel hatte, Kindern einen hochwertigen Zugang zu klas-
sischer Musik zu ermöglichen. Nach den Erfahrungen, die das Ensemble
mit zigtausenden von Kindern zwischen 4 und 12 Jahren gemacht hat, hat
Peter Stangel das bundesweite Projekt KLI©K (»Klassik in die
Kitas«) ins Leben gerufen, dessen Ziel es ist, möglichst allen Kindern ab 4
Jahren, unabhängig von ihrem sozialen und ökonomischen Status
sowie familiären Hintergrund, einen ersten Kontakt mit klassischer
Musik ermöglichen.
Die Materialien dazu sind bereits in vielen Kindergärten im Einsatz,
Lehrer benutzen sie für den Musikunterricht in der Grundschule: Das
Buch »Oboe & Co, oder: was macht das Horn im Wald?« (Horncastle
Verlag), das die wichtigsten klassischen Instrumente in Wort, Ton und
Bild beschreibt und vorführt; ein Poster, eine CD, ein Orchester zum
Ausschneiden, Instrumentenvorstellungen in Form kleiner Dialoge
(»oioioi Dialogoi«) und Fortbildungen für die ErzieherInnen. Peter
Stangel hat auch die preisgekrönte CD-Edition »Große Musik für kleine
Hörer« mit über fast 300.000 verkauften CDs eingespielt.
Große Musik für kleine Hörer
Stattdessen gilt es, den Kindern »the real thing«
zu vermitteln: echte, »erwachsene« Musik,
anspruchsvoll und auf höchstem professionellen
Niveau musiziert – nur eben in einer Form, die
ihre jungen Gehirne aufnehmen können.
Das bedeutet, Musikstücke in einer Komplexität
und Länge, auf die die Kinder sich einlassen kön-
nen. Dazu eine Geschichte, die einen Bogen spannt
und es den Kleinen ermöglicht, 45 Minuten dran-
zubleiben – und zwar kein »Kessel Buntes«, son-
dern immer nur eine Geschichte und ein Musik-
stück. Die Geschichte selbst ist in einer Sprache
verfasst, die Kindern zwar gut zugänglich ist, sie
aber gleichzeitig auch herausfordert, ihnen Kennt-
nisse und Einblicke in frühere Zeiten und Lebens-
welten verschafft. Diese Konzerte werden mit der-
selben Ernsthaftigkeit und Akkuratesse vorbereitet
wie jedes Erwachsenen-Konzert. Und es gibt nicht
nur die immer gleichen zwei oder drei Stücke, son-
dern ein Repertoire, das inzwischen 20 verschiedene
Programme mit Musik von Mozart bis Debussy,
von Beethoven bis Mussorgsky umfasst. So ma-
chen wir es bei der
taschenphilharmonie
.
Zuhören funktioniert
Und es funktioniert! Wir ernten immer ungläubige
Blicke, wenn wir erzählen, dass in den Konzerten
der
taschenphilharmonie
regelmäßig 500 Kinder
von 4 bis 7 eine Dreiviertelstunde mucksmäus-
chen still sitzen und mit großen Augen zuhören,
ohne dass wir sie irgendwie »beschäftigten«, sie
weder mit Clowns oder Projektionen, auch nicht
mit »Interaktivität« und »Mitmachen« bespaßen.
Die Antwort auf die oft gestellte Frage, warum es
funktioniert, ist einfach: Wir nehmen die Kinder
ernst. Wir bieten ihnen nicht Kindliches, sondern
Kindgerechtes. Wir machen keine Kinder-Musik,
sondern erwachsene Musik für Kinder. Und sie
machen die Erfahrung, dass Stillsitzen und Zuhö-
ren spannend sein kann, dass tolle Dinge imKopf
passieren, ohne dass man in die Hände klatschen
oder rhythmisch hüpfen muss.
Leicht ist es
nicht, denn diese Arbeit »rechnet«
sich nicht. Wir veranstalten Konzerte zu Preisen,
die nicht kostendeckend sind, weil uns sonst nur
jene Kindergärten besuchen würden, die ohnehin
schon kulturell bessergestellt sind. Wir haben in
unseren Konzerten des Öfteren große Klassenver-
bände, von denen die Lehrer uns sagen, es sei für
die allermeisten das erste Klassik-Konzert ihres
Lebens gewesen.
Das bedeutet, dass wir auf Unterstützung angewiesen sind. Wären nicht
verschiedene Stiftungen (Castringius, Stadtsparkasse München), die
unsere Arbeit seit Jahren fördern, wir könnten sie nicht tun.
Nicht jeder muss Klassik mögen,
aber jeder sollte die Chance dazu bekommen.
Wir wissen nicht imVorhinein, welche Saat aufgehen, wo sie auf frucht-
baren Boden fallen wird, und welche nicht. Genau deshalb halte ich den
Ansatz, möglichst vielen, im idealen Fall ALLEN Kindern eine Chance
zu geben, klassische Musik kennenzulernen, für den einzig richtigen.
Denn ich kenne beide Fälle: Elternhäuser, in denen musiziert und
gelesen wurde, und die Kinder interessieren sich nur für Computer und
Snowboarden – aber auch den Jungen, in dessen Elternhaus das einzige
kulturelle Druckerzeugnis das Telefonbuch war, und der heute Professor
für Germanistik an einer angesehenen US-amerikanischen Hochschule
ist. Er hatte das Glück, in den 70er Jahren von der Welle engagierter
Bildungspolitik erfasst zu werden und als erstes Kind in dieser Familie
ein Abitur machen zu können.
Klassik für alle?
Die gibt es längst! Klassik ist nicht mehr die eli-
täre Veranstaltung früherer Zeiten. Dass Klassik heute jedem, wirklich
jedem prinzipiell zugänglich ist, das ist eine großartige Errungenschaft
des 20. Jahrhunderts. Aber: wir müssen sie auch allen bekannt geben.
Deshalb hat die
taschenphilharmonie
ihre Kinderkonzerte unter das
Motto gestellt: »Nicht jeder muss Klassik mögen, aber jeder sollte die
Chance dazu bekommen.« Denn ich glaube daran, dass klassische Musik
eine Bereicherung für jeden Menschen darstellen kann, und dass die
Kenntnis der eigenen Kultur für das Selbstverständnis des späteren
Erwachsenen und für seine Verortung innerhalb einer Gesellschaft wich-
tig ist. Und wenn es uns gelänge, dieses Wissen auch an jene weiterzuge-
ben, die neu hierherkommen (Stichwort Migration), wäre dies – neben
allem anderen – auch ein effektiver Beitrag zur Integration.
Für mich selbst gehören die Kenntnis und der Genuss klassischer Musik
zu einem sinnvollen Dasein, denn ich bin als Mensch ein sinnsuchendes
Tier. Begründen lässt sich dieses Bedürfnis nach Kunst wissenschaftlich
nicht, es ist etwas, was meine Seele einfach braucht – ein wenig geheim-
nisvoll. Und auch, was große, was bedeutende Kunst ausmacht, bleibt
am Ende ein Geheimnis: »Wenn ihrs nicht fühlt, ihr werdet’s nicht
erjagen«. Das schrieb weiland fack ju Goethe.
Hört auf mit der >low-level-Musikalisierung<
«
Denn allzu häufig ist das, was leider gerade häufig
von den subventionierten Institutionen produziert
wird, wenig mehr als »Karneval der Tiere« oder
»Peter & der Wolf«, allenfalls wird ein Stück gespielt,
das eh gerade im Repertoire ist und kurzerhand
zum Kinderkonzert erklärt wird – ob sich die Mu-
sik nun für Kinder eignet oder nicht. Mit ein paar
Clowns auf der Bühne und/oder einem aus Film
und Fernsehen bekannten Sprecher macht man
das schon kinderunterhaltungs-gerecht.
Denn auf Unterhaltung läuft fast alle kulturelle
Arbeit für Kinder hinaus – so will es die vorherr-
schende Ideologie, auf die sich die Szene der Päda­
gogInnen, die jedes Bildungsprojekt mit Konzeptio­
nen und Evaluationen begleiten, verständigt hat.
Alles muss lustig sein, ständig muss irgendetwas
in Bewegung sein und die Kinder »interaktiv«
einbinden – dass es ganz angebracht sein kann,
einfach einmal zuzuhören, ist ein reaktionäres Vor-
urteil von gestern. Da erhielt ernsthaft einen zum
Thema »Kinder und Musik« ausgelobten Preis
für ein Projekt, bei dem drei Erwachsene (!) auf
einemTisch mehrere Teller und Tassen (!) hin und
her schoben (!).
Diese Tendenz,
Kinder und ihren geistigen
Anspruch zu unterschätzen, hängt möglicherweise
mit der seit einigen Jahren zu beobachtenden Ver-
kindlichung unserer Gesellschaft zusammen: Auch
im Erwachsenen-Leben soll nämlich alles mög-
lichst einfach sein und vor allem auch sofort, ohne
jeden Bedürfnisaufschub, zu haben. Alles muss
Spaß machen, Anstrengungen und Frustrations­
toleranz, Hartnäckigkeit und Durchhaltevermögen,
um ein hochgestecktes Ziel zu erreichen, erschei-
nen als gestrig. Die digitalen Medien mit ihrem
instant-response befördern dieses Verhalten, ebenso
wie die Defragmentierung von Aufmerksamkeit:
Sich eine Stunde lang auf eine gegebenen Sache
zu konzentrieren (so lange dauert eine Bruckner-
Sinfonie), ist für viele Unter-40-Jährige eine
ungewohnte Anstrengung geworden.
Wenn aber Erwachsene sich nicht mehr wie
Erwachsene benehmen wollen, hat das zur Folge,
dass der erwachsene Mensch dem Kind kein Vor-
bild mehr ist, kein Modell, an dem das Kind sich
orientieren, an dem es lernen kann. Denn ein Kind
will lernen, es hat eine wichtige Aufgabe, der es sich
24 Stunden am Tag widmet: erwachsen werden.
Unter Hirnforschern macht hinter vorgehaltener
Hand bereits das Wort von der »low-level-Musi-
kalisierung« die Runde. Kinder dürfen aber nicht
durch Unterforderung verdummt werden. Wir
wollen sie zur Klassik bringen? Dann sollten wir
ihnen auch Klassik zumuten! Die Idee ist, die Kin-
der zu faszinieren und zu begeistern. Durch das
Erlebnis wirklich »großer«, bedeutender Musik
(wie sie in »Mitmachkonzerten« aus vielerlei Grün-
den nicht gespielt werden kann) erwächst dann
im besten Fall der Wunsch: Das möchte ich auch
können. Und diese Motivation ist es, die Kinder
dazu bringt, selbst z. B. ein Instrument lernen zu
wollen, »so tolle Musik« selber spielen zu können.
Auf eine Pauke draufzuhauen, ist zweifellos sehr
unterhaltsam, aber das ist Kindergeburtstag und
hat mit einer Hinführung zur Musik nichts zu tun.
rechts
Die Vermittlung großer Musik weckt in kleinen Zu-
hörern im bestem Fall den Wunsch: Das möchte ich auch
können, z. B. das Horn blasen.
unten
Peter Stangel, Dirigent der
taschenphilharmonie
.
© Julia Parker
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