Stiftung Bayerische Gedenkstätten Gedenkorte im Mühldorfer Hart der Öffentlichkeit übergeben

Der Gedenkort wird symbolisch eröffnet: (v.li.) Kultusminister Bernd Sibler, Andor Stern, Überlebender des KZ-Außenlagers, Karl Freller, Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, Hans-Jochen Vogel, früherer Oberbürgermeister von München, Dr. h.c. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, und Stephan Mayer, Parlamentarischer Staatssekretär
Der Gedenkort wird symbolisch eröffnet: (v.li.) Kultusminister Bernd Sibler, Andor Stern, Überlebender des KZ-Außenlagers, Karl Freller, Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, Hans-Jochen Vogel, früherer Oberbürgermeister von München, Dr. h.c. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, und Stephan Mayer, Parlamentarischer Staatssekretär

Gegen das Vergessen: Gemeinsam mit Überlenden wurden die Gedenkorte „Waldlager“ und „Massengrab“ des KZ-Außenlagers im Mühldorfer Hart eröffnet. Besucher können sich nun am historischen Ort über das grausame Schicksal der Zwangsarbeiter informieren und so die Erinnerung an die Opfer bewahren.

„Die Erinnerung an die Opfer der KZ-Außenlager im Mühldorfer Hart hat nun weithin sichtbare Anlaufpunkte. Mit zwei Gedenkorten stemmen wir uns hier gegen das Vergessen!“, betonte Kultusminister Bernd Sibler in Waldkraiburg. Dort übergab er in Vertretung für Ministerpräsident Dr.  Markus Söder gemeinsam mit Karl Freller, Direktor der Stiftung Bayerische Gedenkstätten, und Überlebenden die Gedenkorte „Waldlager“ und „Massengrab“ des KZ-Außenlagers Mühldorf der Öffentlichkeit.

Am Festakt nahmen Überlebende der Mühldorfer Lager sowie Vertreter des Arbeitskreises KZ-Außenlager Mühldorfer Hart und des Vereins „Für das Erinnern“ teil, die durch ihre langjährigen ehrenamtlichen Vorarbeiten den Weg für die eingeweihten Gedenkorte bereitet hatten.

„‚Nie wieder‘ muss mehr als selbstverständlich sein“

Kultusminister Bernd Sibler erklärte: „Die Aufgaben, die diese Gedenkorte uns heute vorgeben, sind eindeutig: Unsere freiheitliche, auf die unveräußerlichen Menschenrechte gegründete demokratische Ordnung garantiert uns seit drei Generationen Frieden und Freiheit – diese Ordnung müssen wir schützen! Das ‚Nie wieder‘ muss für uns mehr als selbstverständlich sein. Jeder menschenverachtenden Ideologie müssen wir den Kampf ansagen!“

Kultusminister Bernd Sibler, Rabbiner Shmuel Aharon Brodmann und Dr. h.c. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern (v.re.)
Kultusminister Bernd Sibler, Rabbiner Shmuel Aharon Brodmann und Dr. h.c. Charlotte Knobloch, Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern (v.re.)

Die beiden Gedenkorte sind Teil eines weitläufigen Areals, das im Sommer 1944 als zweitgrößter Außenlager-Komplex des Konzentrationslagers Dachau errichtet wurde. Dort sollte ein gigantischer halbunterirdischer Bunker für die Rüstungsindustrie entstehen. Für die Bauarbeiten wurden Tausende von Zwangsarbeitern nach Mühldorf verschleppt, darunter 8.300 KZ-Häftlinge. In nur zehn Monaten bis April 1945 kam fast die Hälfte der meist jüdischen Häftlinge ums Leben.

Die Präsidentin der Israelitischen Kultusgemeinde München und Oberbayern, Dr. h.c. Charlotte Knobloch, dankte dem Freistaat Bayern für das Engagement wider das Vergessen: „Das ist gerade heute, da es in gewissen Kreisen en vogue geworden ist, lauthals unsere Geschichte zu relativieren oder umzudeuten von elementarer Bedeutung.“ Knobloch appellierte daran, die Lehren aus der Geschichte ernst zu nehmen: „Es ist an jedem Einzelnen Antisemitismus und andere Formen der Menschenverachtung in allen Formen zu benennen, zu ächten und zu bekämpfen.“

Relikte über Besucherweg aus nächster Nähe sichtbar

Überlebende, Vereine und Institutionen hatten sich seit Langem dafür eingesetzt, die Erinnerung an die Mühldorfer KZ-Außenlager zu bewahren. Die Stiftung Bayerische Gedenkstätten hat nun mit Mitteln des Freistaats die Realisierung von zwei der insgesamt drei Gedenkorte an den wichtigsten historischen Arealen im Mühldorfer Hart abgeschlossen.

Stiftungsdirektor Karl Freller betonte: „Die Erinnerung an die Verbrechen in den Konzentrationslagern wandelt sich, wenn keine Zeitzeugen mehr unter uns sind. Dann wird es wichtiger denn je sein, an den historischen Orten über das damalige Geschehen zu informieren und an die Opfer zu erinnern. Dafür haben wir hier im Mühldorfer Hart mit zwei eindrücklichen Dokumentationsorten den Grundstein gelegt.“ Gerade an den Orten ehemaliger KZ-Außenlager habe die Stiftung Bayerische Gedenkstätten in den letzten Jahren ihr Engagement verstärkt, so Freller.

Die Relikte des Waldlagers, in dem über 2.000 männliche und weibliche Häftlinge in provisorischen Erdhütten untergebracht waren, sind nun erstmals für Besucher über einen fest installierten Weg aus nächster Nähe sichtbar. In einem Informationsraum am ehemaligen Hauptzugang des Lagers geben Texte und Bilder Auskunft über den gesamten Lagerkomplex und das Waldlager. Zitate von ehemaligen Häftlingen vermitteln entlang des Besucherweges, was es bedeutete, in diesem Lager ums Überleben kämpfen zu müssen. Der zweite Gedenkort befindet sich am Massengrab. Über 2.200 Tote waren hier notdürftig verscharrt und wurden nach Kriegsende auf Friedhöfen in der Umgebung beigesetzt. Auch dieser Gedenkort ist nun mit einem Informationsraum und einem festen Besucherweg versehen.

In Planung: Gedenkort Rüstungsbunker

Als letztes und bedeutendstes historisches Areal soll der ehemalige Rüstungsbunker zum Gedenkort gestaltet werden. Der Bunker, der bei Kriegsende nicht fertiggestellt war, wurde nach dem Krieg gesprengt, lediglich ein gigantischer Bunkerbogen blieb stehen. Im Umfeld der Bunkerruine wurden nach dem Krieg Sprengmittel und Kriegsmunition gesprengt. Diese Kampfmittel müssen erst beseitigt werden, bevor der Gedenkort für Besucher gefahrenfrei zugänglich gemacht werden kann. Die Architekten sehen vor, am gesprengten fünften Bunkerbogen einen Besuchersteg auf die Ruine zu führen, von dem sowohl ein Blick über das gigantische Trümmerfeld wie auch zum stehenden Bogen möglich ist. Zentrales Anliegen ist es, den Besuchern die schrecklichen Entstehungsbedingungen dieses technisch ambitionierten Bauwerks zu verdeutlichen.

Die Gedenkorte sind nun für die Öffentlichkeit zugänglich.

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