Immaterielles Kulturerbe Bayerisches Landesverzeichnis des immateriellen Kulturerbes wird erweitert

Auch Kinder und Jugendliche beteiligen sich aktiv beim Augsburger Hohen Friedensfest
Auch Kinder und Jugendliche beteiligen sich aktiv beim Augsburger Hohen Friedensfest

Vom Augsburger Friedensfest über die Berchtsgadener Weihnachtsschützen bis zur Oberpfälzer Zoiglkultur: Zwölf kulturelle Ausdrucksformen, die das Leben und die Gesellschaft überregional prägen, werden 2018 in das Bayerische Landesverzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen.

Kunstminister Dr. Spaenle
Kunstminister Dr. Spaenle

Insgesamt zwölf lebendige Traditionen, Bräuche und Handwerkstechniken, die das  Leben und die Gesellschaft überregional prägen, werden 2018 in das Bayerische Landesverzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Das gab Kunstminister Dr. Ludwig Spaenle bekannt. „Mit ihrem Engagement und ihrem Enthusiasmus füllen die Menschen Traditionen und Bräuche mit Leben, geben sie an nachfolgende Generationen weiter und garantieren so den Erhalt unseres immateriellen Kulturerbes. Die Neuaufnahmen in das Bayerische Landesverzeichnis spiegeln dabei die vielfältige Bandbreite der immateriellen Schätze im Freistaat wider“, betonte der Minister.

Folgende Traditionen, Bräuche und Handwerkstechniken werden im März 2018 in das Bayerische Landesverzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen:

Agnes Bernauer Festspiele Straubing

Der Agnes-Bernauer-Festspielverein in Straubing führt im Innenhof des herzoglichen Schlosses im vierjährigen Turnus ein Freilichttheater auf, das seit 1935 in verschiedenen Tableaus die in den lebensgeschichtlichen Details legendäre, 1435 in Straubing hingerichtete Baderstochter Agnes Bernauer darstellt. Bei der von rund 200 Laiendarstel­lern aus Stadt und Umland getragenen Inszenierung, die eine wiederholte Neubearbeitung erfahren hat, wird insbesondere bei der Ausstattung auf histori­sche Detailtreue wert gelegt und trägt so zur Identifikation mit der Stadt- und bayerischen Landesgeschichte bei.

Augsburger Friedensfest

Das Augsburger Friedensfest entstand im Jahre 1650 anlässlich der Wiederer­langung der freien protestantischen Religionsausübung nach dem Drei­ßigjährigen Krieg. Seit dem 20. Jahrhundert stellt das mittlerweile ganz be­wusst überkonfessionell und interreligiös ausgerichtete Fest mit gegenwärtig über 60 Veranstaltungen die wechselseitige Achtung des Anderen und die Friedenssicherung in den Mittelpunkt. Als Deutschlands einziger städtischer gesetzlicher Feiertag (8. August) ist das Augsburger Friedensfest das zentrale gesellschaftliche Festereignis.

Traditionelle Dörrobstherstellung und Baumfelderwirtschaft im Steigerwald

Das traditionelle Dörren von Obst erfolgt im Steigerwald mittels holzbefeuerter Öfen auf sogenannten Därren. Verbunden ist diese seit vielen Generationen überlieferte handwerkliche Technik mit der Baumfelderwirtschaft, bei der auch die Flächen unter den Obstbäumen  (Birne, Apfel, Zwetsche, Kirsche) landwirtschaftlich genutzt werden. Die seit Generationen bestehende Herstellung von Dörrobst und Baumfelderwirtschaft verbindet ein Wissen im Umgang mit der Natur mit tradierten Fähigkeiten der Lebensmittelkonservierung.

Drechslerhandwerk

Die Handwerkstradition des Drechselns ist eine sehr alte Form der mechanischen Bearbeitung von Werkstoffen. Heute wird das Handwerk neben meist kleinen Betrieben, die sich auf Einzelstücke oder Kunsthandwerk spezialisiert haben, als Hobby oder künstlerisch motiviert betrieben. Mit der Berufsschule in Bad Kissingen (einer von zwei verbliebenen in ganz Deutschland) und der Stadt Fürth als Sitz des Drechslerfachverbandes ist Bayern ein wichtiges Zentrum im Hinblick auf die Weitervermittlung der hand­werklich-tradierten Fähigkeiten und Techniken.

Erhalt der Jurahäuser – traditionelle Baukultur im Altmühljura (Jurahausverein)

Der Erhalt der traditionellen Baukultur von Jurahäusern im Altmühltal, von denen sich noch etwa 3.000 erhalten haben, stellt vor allem handwerklich eine große Herausforderung dar. Die historischen Jurahäuser sind geprägt durch eine Dachde­ckung aus dünnen, nur an einer Kante gerade gehauenen Jurakalk­steinplatten und einen schlichten kubischen Baukörper. Der 1984 gegründete Jurahausverein e.V. mit ca. 800 Mitglie­dern hat es sich zur Aufgabe gemacht, durch das in Eichstätt gegründete Museum „Das Jurahaus“ und eine Vielzahl von Aktivitäten wie Vorträge, Führungen, Workshops und Publikationen die Erhaltung der regionalen Baukultur zu sichern.

Bäuerliche Gemeinschaftswälder im Steigerwald

Im Steigerwald findet man noch heute häufig sogenannte „Stockaus­schlagwälder“ vor. Laubbaumarten werden im Abstand von einigen Jahrzehnten abgeschlagen – also auf den Stock gesetzt, was vor allem der Gewinnung von Brennholz dient. Die Bewirtschaftung der rund 100 bäuerlichen Gemeinschaftswälder im Steigerwald erfolgt auf Basis eines breiten Spektrums an genossenschaftlichen Rechtsformen mit  Jahrhunderte alten überlieferten Praktiken der Vermessung, des Einschlagens sowie Regelungen zur Verteilung des Holzes unter den etwa 2.600 Waldrechtlern.

Schafhaltung in Bayern

Als traditionelle Form der Tierhaltung hat die Schäferei gerade auch in Bayern seit Jahrhunderten eine prägende Wirkung auf verschiedene Kultur­landschaften (Wacholderheiden, Trocken- und Magerrasen) mit gegenwärtigen Schwerpunkten in Franken und Schwaben. Heutzutage im „Landesverband Bayerischer Schafhalter“ mit seinen rund 1.500 Schafhaltern organisiert, lassen sich die Schäfervereinigungen auf die seit dem 15. Jahrhundert belegbaren Schäferzünfte zurückführen. Für den sozialen Zusammenhalt von zentraler Bedeutung sind vielfältige tradierte Brauch- und Festformen wie Schäferläufe, Hütewettbewerbe oder Schäfertänze.

Oberpfälzer Zoiglkultur

Charakteristisch für die Oberpfälzer Zoiglkultur ist das gemeinschaftliche Brauen im lokalen Kommunbrauhaus sowie der von intensiver Kommunikation be­gleitete Ausschank und Konsum des handwerklich gebrauten Bieres bei (Laien)Wirten. Die traditionell ge­ringen Produktionschargen bedingen einen nur temporären Aus­schank in wechselnden Lokali­täten. In der Oberpfalz lassen sich Belege für das Kommunbrauwesen und die Zoiglkultur bis in das Jahr 1415 (Neuhaus) zurückverfolgen.

Weihnachtsschützen im Berchtesgadener Land

Die 17 Mitgliedsvereine umfassenden „Vereinigten Weihnachtsschützen des Berchtesgadener Landes e.V.“ mit über 3.300 Mitgliedern üben den Brauch des Böllerschießens mit ihren Hand- und Schaftböllern aus. Dabei verstärkt der Widerhall im Berchtesgadener Talkessel die akustische Wirkung auf besonders eindrucksvolle Weise. Seit 1666 belegt, findet das Böllerschießen anlässlich hoher christlicher Festtage und aus besonderen Anlässen wie Hochzeiten oder regionalen Festen statt.

Die Neuaufnahme der folgenden drei kulturellen Ausdrucksformen aus der vorhergegangenen Bewerbungsrunde in das Landesverzeichnis wurde bereits Anfang 2018 bekannt gegeben:

Fürther Michaeliskirchweih

– Beispiel für die Tradition der Stadtkirchweihen in Franken

Die Fürther Michaeliskirchweih zählt zu den größten Stadtkirchweihen in Bayern. Mit ihren Elementen des überkonfessionellen Kirchweihgottesdienstes, dem Kirchweihmarkt, der Wirtshauskerwa, dem Unterhaltungsbereich und dem in den Medien übertragenen Erntedankumzug steht sie mit einer großen historischen Tiefe stellvertretend für Kirchweihfeste in den Städten Frankens.

Nürnberger Epitaphienkultur

Die reich gestalteten metallenen Relieftafeln auf den liegenden Grabsteinen der Nürnberger Friedhöfe St. Johannis und St. Rochus machen diese zu einem wichtigen Erinnerungsort und geben Zeugnis über die bis ins 16. Jahrhundert zurückreichende Nürnberger Epitaphienkultur. Die historischen Neuschöpfungen und Neuinterpretationen stellen eine moderne Form der Trauerarbeit dar.

Wirken der Nürnberger Naturhistorischen Gesellschaft

– Beispiel für die Tradierung von Wissen um die Natur und das Universum

Die Nürnberger Naturhistorische Gesellschaft vereinigt einen aufklärerischen Vermittlungsimpetus mit einer breitenwirksamen, auf ehrenamtlicher Basis gründenden Vermittlungsarbeit. Neben der Tradierung historischer Sammlungen stehen eigene Schwerpunkte im Sinne einer „Citizenscience“ im Mittelpunkt, womit die Aktivitäten an der Schnittstelle von akademischer Wissenschaft und bürgerlicher Wissensgenerierung stehen.

„Gerade in Bayern genießen die Pflege und der Erhalt immaterieller kultureller Ausdrucksformen einen besonders hohen Stellenwert. Die Vielzahl an Bewerbungen um die Aufnahme in das Landes- und Bundesverzeichnis des immateriellen Kulturerbes zeigt, wie breit die vielfältigen Bräuche, Rituale, Feste und sonstigen Ausdrucksformen im Bewusstsein der Bevölkerung verankert sind“, so Minister Spaenle.

Für eine Aufnahme in das Bundesverzeichnis des immateriellen Kulturerbes steht dem Freistaat Bayern ein reguläres Kontingent von vier Nominierungen zu. Auf Anregung von Minister Spaenle hat der Ministerrat entschieden, die folgenden vier Traditionen und Bräuche vorzuschlagen:

  • Augsburger Friedensfest

  • Weihnachtsschützen im Berchtesgadener Land

  • Erhalt der Jurahäuser – traditionelle Baukultur im Altmühljura (Gutes Praxisbeispiel)

  • Bäuerliche Gemeinschaftswälder im Steigerwald

Die Verzeichnisse auf Bundes- und Landesebene sind Teil der Umsetzung des UNESCO-Übereinkommens zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes, das 2013 in Deutschland in Kraft getreten ist. Fachexperten begleiten die Entscheidungsprozesse auf Bundes- und auf Landesebene. Eine Eintragung in das bundesweite Verzeichnis ist zudem Voraussetzung für eine internationale Nominierung.

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