Gedenktag für NS-Opfer: Erstmals findet Gedenkakt des Landtags an Schule statt

Schülerinnen und Schüler der St. Wolfgang-Mittelschule Regensburg erinnern an Kinder und Jugendliche, die im KZ Flossenbürg umgekommen sind.
Schülerinnen und Schüler der St. Wolfgang-Mittelschule Regensburg erinnern an Kinder und Jugendliche, die im KZ Flossenbürg umgekommen sind.

Der Bayerische Landtag und die Stiftung Bayerische Gedenkstätten erinnerten in einer gemeinsamen Veranstaltung an die Menschen, die während der nationalsozialistischen Schreckensherrschaft ausgegrenzt, verfolgt, ermordet wurden. Der Gedenkakt des Landtags fand erstmals an einer Schule statt.

Der 27. Januar ist der Internationale Gedenktag für die Opfer des Nationalsozialismus. Mit dem Elly-Heuss-Gymnasium Weiden wurde zum ersten Mal eine Schule als Veranstaltungsort für den Gedenkakt des Bayerischen Landtags gewählt, weil die Schulen im Bereich der Geschichtsvermittlung eine außerordentlich hohe Bedeutung haben: Die Schulen leisten einen wichtigen Beitrag in der Erinnerungsarbeit an die Schrecken des Nationalsozialismus und für die Opfer des Braunen Regimes. Zugleich sind sie Orte, an denen mit allem Nachdruck Demokratie und Toleranz vermittelt und eingeübt werden. "Ihr tragt die Erinnerung an die NS-Zeit weiter, Ihr seid die Zeugen der Zeitzeugen, die noch immer an die Schulen kommen und berichten", beschreibt Landtagspräsidentin Barbara Stamm die Rolle der Schülerinnen und Schüler.

Vier Schulen aus der Oberpfalz stellten im Rahmen des Gedenkakts ihre Projekte vor, in denen sie sich mit dem Nationalsozialismus auseinandergesetzt hatten:

Schülerinnen und Schüler der Gustl-Lang-Schule/Staatliche Wirtschaftsschule Weiden berichteten, wie sie sich um die Anerkennung als „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ beworben und bei Mitschülern und Lehrern für diese Idee geworben haben. Die Beteiligungsrate lag bei 95,5 Prozent! Beim Gedenkakt präsentierten die Schülerinnen und Schüler Speisen aus verschiedenen Ländern. Ein Beispiel für die bunte Vielfalt in ihrer Schule.

Schülerinnen des P-Seminars Kunst am Elly-Heuss-Gymnasium Weiden präsentieren ihr Projekt.
Schülerinnen des P-Seminars Kunst am Elly-Heuss-Gymnasium Weiden präsentieren ihr Projekt.

Das P-Seminar Kunst am Elly-Heuss-Gymnasium Weiden hat einen ungewöhnlichen Ansatz gefunden, um sich dem NS-Terror zu nähern. Die Schülerinnen und Schüler erstellten ein Werkverzeichnis mit der Biographie und grafischen Arbeiten des tschechischen Künstlers Milos Volf, eines Überlebenden der Vernichtungslager Theresienstadt und Flossenbürg. Zu ihm knüpften die Schülerinnen und Schüler im Laufe des Projekts einen engen Kontakt. „Wie konnten sich die Menschen in den KZ behaupten?“ Diese Frage zog sich wie ein roter Faden durch die gesamte Arbeit. Am Beispiel von Milos Volf fand das Seminar eine Antwort: Die Kunst rettete nicht nur sein Leben, sondern auch seine Seele. Eine Broschüre über die Arbeit der Projektgruppe wurde an die Besucher der Gedenkveranstaltung verteilt. Die Druckkosten für den Band hat der Bayerische Landtag übernommen.

Ergebnis der Auseinandersetzung mit der Geschichte: Das Geheimnis der Erinnerung heißt Versöhnung.
Ergebnis der Auseinandersetzung mit der Geschichte: Das Geheimnis der Erinnerung heißt Versöhnung.

Das P-Seminar Geschichte des Gymnasiums Neutraubling hat in Zusammenarbeit mit dem Leo-Baeck-Institut die Geschichte des Flossenbürger Außenlagers Obertraubling erforscht, das über Jahrzehnte in Vergessenheit geraten war. Den Schülerinnen und Schülern gelang es Überlebende in den USA ausfindig zu machen und deren erschütternden Zeitzeugenberichte aufzuzeichnen. Die Auseinandersetzung mit einem Stück ihrer Heimatgeschichte hat den jungen Leuten klar gemacht: „Das Geheimnis der Versöhnung heißt Erinnerung.“

Die 8. Klasse der St. Wolfgang-Mittelschule Regensburg erinnerte an die Kinder und Jugendlichen, die im KZ Flossenbürg oder in einem seiner Außenlager umgekommen sind. Jugendliche in dunklen Kleidern hielten Schilder mit Namen, Geburts- und Sterbedaten der Opfer hoch. Dann sprachen sie Gedanken und Pläne aus, die die ermordeten Kinder und Jugendlichen damals vermutlich hatten, aber nie verwirklichen konnten: „Zuerst nahm man ihnen die Freiheit, dann das Leben und damit die Zukunft. Sie waren so alt wie wir“, sagte ein Schüler.
 

Landtagspräsidentin Barbara Stamm und der Holocaust-Überlebende Dr. Jack Terry
Landtagspräsidentin Barbara Stamm und der Holocaust-Überlebende Dr. Jack Terry

Dr. Jack Terry, Sprecher der Überlebenden des KZ Flossenbürg, war 15 Jahre alt als er aus dem KZ befreit wurde. In seinem Schlusswort zeigte er sich besorgt über das Anwachsen des Antisemitismus. Heute würden wieder Dinge ausgesprochen und Dinge getan, die ihn an längst vergangene Zeiten erinnerten – in Deutschland und anderswo. Aber die Projekte der Schüler lassen ihn hoffen, dass Menschen mit feindseliger Gesinnung nicht erfolgreich sein werden. Terry bezeichnete die Beiträge der Schülerinnen und Schüler als „Insel der Verständnis und Anteilnahme.“

Landtagspräsidentin Barbara Stamm dankte Terry für seine Bereitschaft immer wieder von den Gräueln der NS-Zeit zu berichten. „Für uns lässt sich nur erahnen, welche Kraft es kostet, immer wieder zurückzukehren in die Erinnerung und an die Orte ihres Leids“, sagte Stamm. Dem Einsatz der Überlebenden sei es auch zu verdanken, dass aus den Konzentrationslagern Dachau und Flossenbürg würdevolle Erinnerungs- und Lernorte geworden seien.

Im Anschluss an die Gedenkstunde in Weiden legten die Landtagspräsidentin sowie Vertreter verschiedener Staaten und Religionsgemeinschaften in der Gedenkstätte Flossenbürg Kränze nieder.

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