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Teil 1: Beobachtung und Dokumentation

Bei deutschsprachig und mehrsprachig

aufwachsenden Kindern

Die Bezugspersonen/Eltern machen sich hinsicht-

lich der Sprachentwicklung ihres Kindes Sorgen

Wenn sich Eltern oder Bezugspersonen Sorgen

hinsichtlich der Entwicklung ihres Kindes

machen, ist das stets ernst zu nehmen, da ihre

Beobachtungen meist begründet sind.

Das Kind hat keine Hör- oder Sehstörungen

(Organische Fähigkeiten sind abgeklärt)

Klären Sie ab, ob die Augen und das Gehör des

Kindes bereits untersucht worden sind. Oft

stecken hinter Sprachauffälligkeiten häufige

Mittelohrentzündungen, bisweilen auch Seh-

schwächen – wenn auch seltener. Falls noch

keine ohren- und augenärztliche Abklärung

erfolgt ist, ist den Eltern dringend anzuraten,

dies unmittelbar nachzuholen. Wenn bei der

ärztlichen Abklärung eine Hörbeeinträchtigung

festgestellt wurde, ist die Wahrscheinlichkeit,

dass eine Sprachentwicklungsstörung hinter den

sprachlichen Auffälligkeiten steckt, relativ gering.

Das Kind kann viel vom Vorkurs profitieren.

Des Weiteren werden eine Reihe von Sympto-

men auf verschiedenen psycholinguistischen

Ebenen abgefragt (siehe Kap. 1.2 Sprachent-

wicklungsstörungen, Symptome). Zu den

typischen Symptomen gehören auch die Fragen

nach einem verspäteten Sprechbeginn, dem

produktiven Wortschatz (z. B. „Das Kind hat

Schwierigkeiten, passende Wörter für Gegen-

stände (z. B. Schaufel) oder Handlungen (z. B.

fahren) zu finden oder zu gebrauchen“) und zur

Grammatik (morphologische und syntaktische

Regeln). Zwei oder drei Sätze können noch

keine Auskunft über das sprachliche Können

eines Kindes geben. Sammeln Sie daher ein paar

Äußerungen des Kindes – machen Sie sich kurze

Notizen in verschiedenen Kontexten (optimal

wären 50 Äußerungen). Teilen Sie sich diesen

Auftrag mit den Eltern – auch sie können vor

dem Gespräch mit Ihnen ein paar Äußerungen

sammeln. Wenn Sie die geschriebenen Sätze

analysieren, tun Sie sich leichter, zu erkennen,

ob die Kinder Formen entsprechend den in der

Orientierungshilfe angegebenen bilden.

Bei Kindern, die Deutsch als

zweite Sprache lernen

Bei mehrsprachigen Kindern, die noch keine

18 Monate intensiven Kontakt zur deutschen

Sprache (z. B. in der Kindertageseinrichtung)

hatten, kann die Orientierungshilfe nicht ver-

wendet werden, da die „Auffälligkeiten“ auch

Teil des Zweitspracherwerbsprozesses sein

könnten. Holen Sie die Einschätzung anhand

dieser Orientierungshilfe aber nach, sobald das

Kind diese Sprachkontaktdauer erreicht hat.

Bis dahin ist es sinnvoll und richtig, dass das

Kind den Vorkurs besucht, außer das Kind

kommt aus einer Asylbewerberfamilie (hierzu

siehe „Kinder aus Familien mit Fluchterfah-

rung“).

Im grammatischen Bereich gibt es einen Unter-

schied zwischen den Kindern, die vor dem

3. Lebensjahr begonnen haben, Deutsch zu

lernen, oder die von Geburt an mit zwei Sprachen

aufwachsen (Familiensprache(n) und Deutsch),

und denjenigen, die erst ab dem 3. Lebensjahr

begonnen haben, Deutsch zu lernen. Deshalb

ist es notwendig, im Elterngespräch zu klären,

ab wann das Kind angefangen hat, die zweite

Sprache zu sprechen (Chilla et al., 2010).