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Ihr Institut soll im Auftrag des

bayerischen Sozialministeriums

einen Bildungsplan für den Kinder-

garten ausarbeiten ...

In den vergangenen Jahrzehnten hat

das Sozialministerium lediglich

Empfehlungen an die Erzieherinnen

in den Kindergärten herausgegeben.

Nun entwickeln wir einen neuen

Plan mit größererVerbindlichkeit.

Unterstützt werden wir dabei von

einer Fachkommission, in der sich

Erzieherinnen,Vertreter der Schule,

der Eltern, der Kindergarten-Träger, derWissenschaft

und der Fachakademien für Sozialpädagogik befinden.

Weshalb ist ein solcher Plan nötig?

Bisher setzten die Kindergärten bei der Förderung der

sozialen und emotionalen Kompetenz einen Schwer-

punkt. Die Förderung der kognitiven Fähigkeiten, z.B.

die Entwicklung des Zahlen- und Zeitbegriffes, wur-

den nach unserer Beobachtung dagegen niedriger ge-

wichtet. Defizite gibt es auch bei der frühzeitigen För-

derung der Sprachkompetenz und bei derVermittlung

von naturwissenschaftlichemVerständnis.Wir stehen

deshalb vor der Frage:Wo sollen die Schwerpunkte

wirklich liegen, um eine Förderung der Gesamtper-

sönlichkeit des Kindes zu erreichen?

Gibt es bereits derartige Konzepte?

International gesehen gibt es seit Beginn der 90er

Jahre eine Kehrtwende:Viele Staaten haben erkannt,

wie wichtig die vorschulische Zeit als Bildungsphase

für die Kinder ist. Bildungspläne existieren daher be-

reits in Norwegen, Neuseeland, Schweden und Eng-

land. In Deutschland ist Bayern das erste Land, das

ebenfalls Schritte in diese Richtung unternommen

hat – schon lange vor PISA.

Welche erzieherische „Philosophie“ liegt dem Bil-

dungsplan zugrunde?

In erster Linie geht es nicht um dieVermittlung von

Wissen, sondern darum, die Fähigkeiten des Kindes

zu stärken. Dazu zählt die Entwicklung eines gesunden

Selbstwertgefühls und die Fähigkeit, sich selbst zu or-

ganisieren, d.h. beispielsweise mit Zeit umzugehen

und Entscheidungen zu treffen.Vor allem soll jedes

Kind ein klares Bild über seine Stärken gewinnen.

Neben die Entwicklung zu einer eigenständigen Per-

sönlichkeit tritt gleichberechtigt die soziale Mitverant-

wortung. Sie ist unverzichtbar in unserer demokrati-

schen, sehr individualisierten Gesellschaft. Das Kind

muss lernen, darüber nachzudenken, welche Konse-

quenzen die eigene Handlung für die anderen Men-

schen und die Umwelt hat.

Ein weiterer Punkt: Kinder sollen frühzeitig lernen,

dass es in vielen Bereichen Unterschiede gibt, die

nicht beseitigt, sondern respektiert, ja gezielt genutzt

werden sollen. Das gilt für Mädchen und Buben, Kin-

der mit unterschiedlichem kulturellen Hintergrund,

behinderte und nicht behinderte Kinder.

Schreibt der Bildungs- und Erziehungsplan vor,

was die Kinder wann lernen sollen?

Nein.Wir wollen von Anfang an das Lernen systema-

tisch fördern. Das bedeutet, die Aktivitäten der Kinder

viel mehr als bisher unter dem Blickwinkel des Ler-

nens zu sehen.Aber es soll keineVorwegnahme des

Schulunterrichts sein, sondern ein spielerisches Einü-

ben von geistigen Fähigkeiten.Von außen vorgegebene

Standards und denVergleich der Kinder untereinander

lehnen wir ab.Viel wichtiger ist es, auf die individuel-

len Fortschritte eines Kindes zu achten. Ein guter An-

satz wäre z.B., für jedes Kind eine „Lerngeschichte“

zu schreiben, die dokumentiert, welche Lernprozesse

es während der Kindergartenzeit durchlaufen hat. Das

böte dann für die Grundschule Ansatzpunkte.

Große Pläne für kleine Leute

Die ersten Lebensjahre eines Kindes sind besonders lernintensiv.

Um diese Zeit besser zu nutzen,wird jetzt vom Staatsinstitut

für Frühpädagogik ein Bildungs- und Erziehungsplan entwickelt.

ProfessorWassilios Fthenakis erläutert dessen Grundzüge.

Prof. Dr. Wassi-

lios Fthenakis:

Der mehrfach

promovierte

Entwicklungs-

psychologe und

Familienforscher

ist Leiter des

Staatsinstituts für

Frühpädagogik

in München.

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foto: privat