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"Jetzt sind

wir hier, jetzt

wird alles gut"

Fortsetzung von Seite 7

Zeit, die uns freie Deutsche

nicht nur materiell,. sondern

geistig, politisch und kulturell

aufs stärkste verändert hat?

Oder bleibt die Aussiedlung

eine Heimkehr in die Fremde?

Ob die Neubürger bei uns hei–

misch werden, Anschluß fin–

den, Fuß fassen, sich einge–

wöhnen, ist allein eine Frage

unserer aktiven Mithilfe.

Da ist zunächst der Staat ge–

fordert. Er kümmert sich nach

Kräften um die praktische Seite

der Eingliederung, um . das

. Dach über dem Kopf, um Ar–

beitsplätze, Entsc;hädigungen,

Sozialleistungen, Beihilfen und

Darlehen. Aber Eingliederungs–

hilfen dieser Art, so wichtig sie

sind, lösen nur die materiellen

Probleme.

Wasnot tut,

Ist Hilfe mit Herz

Größere Sorgen machen sich

die Aussiedler um ihre Kinder.

Wie sollen sie den plötzlichen

Übergang von Armut und so–

zialistischer Mangelwirtschaft

zum Überfluß-Angebot unserer

Konsumweit verkraften? Dann

ist da das große Problem Schu–

le. Wie und wo sollen die Kin–

der den angefangenen Bil–

dungsweg, die unterbrochene

Berufsausbildung

fortsetzen,

ohne deutsche Sprachkennt–

nisse

Schulen

besuchen

können?

Ein auf die verschiedenen

Bedürfnisse, auf Vorkenntnisse

und Altersstufen abgestimmtes

Spezialprogramm soll den Aus–

siedlern hier weiterhelfen:

e

Wo sich genügend Kinder

eines Jahrgangs finden, werden

an Bayerns Grund- und Haupt–

schulen eigene Förderklassen

für Aussiedlereingerichtet

e

Wo solche Klassen nicht

zustande kommen, gibt es für

die Aussiedlerkinder Deutsch–

kurse.

e

Ein umfassendes Eingliede–

rungsprogramm bieten die För–

derschulen, die überwiegend

von Privatträgern unterhalten

werden . Zusammen mit ange–

schlossenen Internaten betreu–

en sie die Kinder rund um die

Uhr. Sind ihre Sprachkenntnis–

se entsprechend weit gediehen,

folgt der Übertritt in die Volks–

schule oder eine weiterführen-

8

de Schule am Wohnsitz der Ei–

tern .

e

Junge Aussiedler, die im

Herkunftsland eine Abschluß–

klasse der höheren Schule be–

sucht haben, werden in Son–

derlehrgängen zur Hochschul–

reife geführt. Reichen ihre

Sprachkenntnisse nicht aus, er–

halten sie Hilfe in privaten

Kursen.

e

Aussiedlern im Alter von 15

bis 20 Jahren, die schon im

Osten die Volksschule ab–

schlossen oder eine Berufsaus–

bildung begannen, stehen pri –

vate Intensivkurse mit 42 Wo–

chenstunden Unterricht offen.

Ausbildungsziel ist der qualifi–

zierende Hauptschulabschluß

oder die "Mittlere Reife".

Abgesehen von diesen spe–

ziellen

Fördereinrichtungen

kann selbstverständlich jedes

Aussiedlerkind, das die nötigen

Kenntnisse mitbringt, die regu–

lären Schulen in Bayern besu–

chen. Viele Sonderregelungen,

angefangen bei eigenen Prü–

fungsbestimmungen bis hin zu

kostenlosen Nachhilfestunden,

erleichtern und ebnen ihm den

Weg.

Gewiß: Materielle Unterstüt–

zung und amtliche Hilfe sind

wichtig zur Eingliederung, und

es geschieht damit auch sehr

viel Gutes. Das allein genügt

aber nicht. Die Aussiedler

brauchen vor allem unsere per-·

sönliche Zuwendung, die ver–

stehende Anteilnahme an ih–

rem Schicksal. So etwas kann

nicht verordnet werden . Gefor–

dert sind darum unsere Mit–

menschlichkeit, die Nachbar–

schaftshilfe, die Bereitschaft

zum Gespräch . Dazu gehören

auch die persönlichen Kontakte

am Arbeitsplatz, die Einladung

in unsere Familien, die Aufnah–

me in Vereine, der Beistand zur

Bewältigung des Alltags, kurz–

die Freundschaft zwischen Alt–

und Neubürgern. Erst wenn

sich die Aussiedler bei uns hei–

misch fühlen, ist das Ziel er–

reicht. Vor welchem tragischen

Hintergrund ihr Schicksal gese–

hen werden muß, das zeigen

die Worte eines jungen Ost–

preußen : "ln Polen war ich

Deutscher, also Ausländer, und

in Deutschland bin ich plötz–

lich Pole, also wieder ein Aus–

länder. Was bin ich denn jetzt

eigentlich?"

e

Worte sind gut,

Taten sind llesser

Nach dem ersten großen Aufatmen im freien Westen stehen

die deutschen Aussiedler oft vor neuen Problemen. Mit Geld

und staatlicher Unterstützung allein schaffen sie die Einglie–

derung in die fremde Umwelt nicht. Ebenso dringend brau–

chen siemenschliche Zuwendung. Frau Helga Pawelke,

Regensburg, hat das erkannt. Geboren in Schlesien und

geprägt durch das eigene Vertriebenenschicksal, leistet sie

den Neubürgern aus dem Osten vorbildliche Nachbarschafts–

hilfe mit Rat und Tat: Sie begleitet, betreut und dolmetscht

bei Behördengängen, hilft mit bei der Suche nach einem

Arbeitsplatz, kümmert sich um Rentenansprüche und die

richtigen Schulen für die Kinder. Ein solches Beispiel sollte

auch andernorts Nachahmer finden.Das Bild oben zeigt Frau

Pawelke mit einigen ihrer Schützlinge.·

+

Durchgangutele

e -

Stationen

der Eingliederung

ln Bayern neu angekommene Aussiedler finden in der Durch–

gangsstelle Nümberg erste Betreuung. Dazu gehören die

ärztliche Untersuchung, die Ausstellung von Personalpapie–

ren sowie ein Spracbtest, der die Deutschkenntnisse fest–

stellt. Von seinem Ergebnis hängen die weiteren Maßnahmen

zur Eingliederung in Schule und Beruf ab. Die Zeit, bis Woh–

nung und Arbeitsplatz gefunden sind, überbrücken die Aus–

siedler dann in Wohnheimen.