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AUSSTIEG

INS

MICHTS1

eit einigen Jahren hat es

sich herumgesprochen:

Bayerns

Hauptschulen

bieten zwei verschiedene

·Abschlüsse an, den einfachen

und den qualifizierenden. Den

"Quali", wie ihn mittlerweile

der Volksmund getauft hat, er–

wirbt man durch eine freiwilli–

ge Abschlußprüfung am Ende

der

9.

Klasse Hauptschule. Wer

sie besteht, hat bessere berufli–

che Aussichten. Das beginnt

schon bei der Lehrstellensuche.

Darüber hinaus aber ist der

"Quali" auch begehrt, weil er

die Eintrittskarte ist für weiter–

führende berufliche Schulen,

wie z. B. für viele Berufsfach–

schulen und die Berufsaufbau–

schulen. Dort holen sich all–

jährlich Tausende junger Leute

neben einer gediegenen Berufs–

ausbildung auch noch die

Fachschulreife, die der "Mittle-

n Reife" entspricht.

!

Noch viel zu wenig bekannt

ist, daß es den "Quali" nicht

nur für Hauptschüler gibt, son–

dern daß man auch am Gymna–

sium, an den Real- und Wirt–

schaftsschulen die Berechtigun–

gendes "Quali" erwirbt. Das ist

besonders wichtig für solche

junge Leute, die erst einige Jah–

re nach dem Start auf der höhe–

ren Schule merken, daß diese

doch wohl zu "hoch" ist für ih–

re Leistungskraft Anstatt aber

daraus die Konsequenz zu zie–

hen und das Glück anderswo

zu versuchen, .hängen sie oft

weitere verlorene Jahre auf dem

Gymnasium, den Real- oder

Wirtschaftsschulen an. Der ein–

zige Grund: Sie fürchten, an–

dernfalls ins Nichts aussteigen

zu müssen, von der höheren

Schule keinerlei schulischen

Abschluß mit ins Leben neh–

men zu können .

II

Das war auch bei Volker so,

der in der

9.

Klasse Gymnasium

hängen · blieb. Mit Note

5

in

Englisch und in Latein war an

ein Aufsteigen zur 10. · Klasse

nicht zu denken. Daß Englisch–

vokabeln und Lateingrammatik

auch im Wiederholungsjahr

problematisch bleiben, Ver–

zweiflung und Tränen bedeu–

ten würden, sagten ihm seine

Lehrer. Auch die ehrliche

Selbstkritik ließ Volker daran

nicht zweifeln . Aber der Alp–

traum, jetzt nach fünf Jahren

Gymnasium einfach ins Nichts

aussteigen zu müssen, lähmte

seine Entschlußkraft. Weiter–

wursteln am Gymnasium oder

die Konsequenz ziehen und auf

Lehrstellensuche gehen - an

dieser Frage erhitzten sich die

Gemüter in der Familienrunde.

"Fünf Jahre Gymnasium für

die Katz!" schimpfte Volkers

Vater. "Wärst du in der Haupt–

schule geblieben, hättest du

jetzt einen Schulabschluß, viel–

leicht sogar den qualifizieren–

den . Damit fänden wir spielend

eine Lehrstelle für dich . Aber so

hast du überhaupt nichts!"

Volkers Vater täuscht sich. Er

und der ganze Familienrat wis–

sen offenbar nicht, daß ihr in

der 9. Klasse hängengebliebe–

ner Gymnasiast den qualifizie–

renden

Hauptschulabschluß

schon in der Tasche hat. Ein

Antrag würde genügen, dann

bekäme sein Zeugnis über die

nicht bestandene 9. Gymna–

sialklasse folgenden Zusatz:

"Dieses Zeugnis verleiht die

gleichen schulrechtlichen Be–

rechtigungen wie das Zeugnis

über den qualifizierenden Ab–

schluß der Hauptschule".

Der wertsteigernde Zeugnis–

Zusatz ist an folgende Bedin–

gungen gebunden :

e

ln Mathematik, Englisch so–

wie in der als ein Fach gewerte–

ten Kombination Physik/Che–

mie muß mindestens zweimal

die Note

4

erscheinen;

e

Keines der oben genannten

Fächer darf mit Note

6

im

Zeugnis bewertet sein.

e

ln Deutsch muß mindestens

die Note

4

erreicht werden.

Obwohl Volker also mit sei–

nen Schwierigkeiten in Latein

und Englisch das Ziel der

9.

Klasse

Gymnasium

nicht

schaffte, erhält er dennoch auf

Antrag den Vermerk über den

qualifizierenden Hauptschul–

abschluß in sein Zeugnis. Da–

mit ist ihm die Suche nach

einer Lehrstelle und überhaupt

der Start ins Berufsleben we–

sentlich erleichtert. Sogar die

Fachschulreife, erworben an

einer Berufsaufbauschule, liegt

nun für ihn im Bereich des

Möglichen. Das bedeutet: Er

hat sogar die Chance, über die

Fachoberschule zur Fachhoch–

schule durchzustarten und sich

dort zum Ingenieur ausbilden

zu lassen.

Aber nicht nur ein in der

9.

Klasse

hängengebliebener

Gymnasiast kann sich den

"Quali"-Vermerk ins Zeugnis

eintragen lassen. Selbstver–

ständlich erhält ihn auch, wer

den Aufstieg in die 10. Klasse

schafft.

·

Wie steht es nun mit den Re–

alschülern und den Wirtschafts–

schülern? Natürlich haben

auch sie die Möglichkeit, sich

im Jahreszeugnis der 9. Klasse

die Berechtigungen des qualifi–

zierenden Hauptschulabschlus–

ses bestätigen zu lassen. Dabei

gelten die gleichen Vorausset–

zungen wie bei den Gymnasia–

sten. Zwei kleine Abwei–

chungen:

Wer nach den er–

sten fünf Runden

aufgibt, weil die

höhere Schule zu

"hoch" ist für ihn,

der steht dennoch

nicht mit leeren

Händen da.

Er hat einen wert–

vollen Abschluß

in der Tasche.

Oftohne es

zu wissen.

1. Hat ein Realschüler Mathe–

matik nicht als Vorrückungs–

fach, so wird für die "Quali"–

Bestätigung im Zeugnis statt

dessen die Note aus dem Fach

Rechnungswesen

herange–

zogen.

2.

Besucht eine Realschülerin

der Wahlpflichtfächergruppe

II

den Unterricht in Haushalts–

und Wirtschaftskunde, dann

tritt die Zeugnisnote dieses Fa–

ches an die Stelle von Chemie.

Möchte sich ein Wirtschafts–

schüler nach dem Besuch der

9.

Klasse den qualifizierenden

Abschluß im Zeugnis eintragen

lassen, dann gelten unter–

schiedliche Bedingungen, je

nachdem, ob er die Fächer–

gruppe "M" oder "H" besucht.

Bei Schülern der Fächergrup–

pe "M" zählen die Leistungen

in Wirtschaftsmathematik, Eng–

lisch und Physik. ln der Fächer–

gruppe "H" dagegen Rech–

nungswesen, Englisch und Be–

triebswirtschaftslehre.

Den

"Quali"-Vermerk im Zeugnis

erhält jeder, der in den genann–

ten Fächern keine Note

6

und

wenigstens zweimal die Note

4

hat.

Wie bei den Gymnasiasten

können sich selbstverständlich

auch solche Real- und Wirt–

schaftschüler den "Quali"-Ver–

merk eintragen lassen, die die

9. Klasse bestanden haben und

in die 10. vorrücken dürfen.

Nun noch eine wichtige Ein–

schränkung: Ob Gymnasiast,

Realschüler oder Wirtschafts–

schüler - den Zeugnisvermerk

am Schluß der 9. Klasse über

den qualifizierenden Haupt–

schulabschluß gibt es nur an

staatlichen und kommunalen

Schulen sowie an staatlich an–

erkannten Privatschulen. ·

e

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