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Fortsetzung von SeHe 18

pfad aber auch moderne Breit–

spuren führen an Latein vorbei

zum Abitur. Wenn es trotzdem

so viele Lateinschüler gibt,

dann ist die alte Sprache offen–

bar nicht so "tot" wie es die

häufigen Grabgesänge glauben

machen wollen. Welches Teu–

felskraut hält sie am Leben?

Wer über Sinn und Nutzen

des Lateinischen nachdenkt,

dem fällt zunächst auf, daß ihm

diese totgesagte Sprache aus

den großen europäischen Welt–

sprachen recht munter entge–

genlacht Französisch, Spa–

nisch, Italienisch, Portugie–

sisch, Rumänisch sind Nach–

kommen des Lateinischen. Ihr

Wortschatz und ihre Gramma–

tik zeigen die Verwandtschaft

auf Schritt und Tritt.

Latein

Wer das moderne Europa

be–

greifen

will,

kommt an den al–

ten Quellen nicht vorbei.

Wer Latein kann, besitzt also.

einen Schlüssel zu diesen mo–

dernen Sprachen. Er ist damit

dem Nichtlateiner voraus, tut

sich leichter, braucht weniger

Eselsbrücken. Vielfach kehren

ja ähnliche Wörter, verwandte

Formen wieder, die dem Latei–

ner schon geläufig sind. Man–

chem wird dieser Vorteil erst so

richtig klar, wenn er es lange

nach der Schulzeit mit Franzö–

sisch, Spanisch oder Italienisch

zu tun bekommt- sei es beruf–

lich oder nur im Urlaub.

Auch in der Weltsprache

Englisch stecken in rund der

Hälfte des gängigen Wortschat–

zes lateinische Wurzeln. Viele

sind alte Bekannte für den, der

sich vorher mit der angeblich

"toten" Römersprache eingelas–

sen hat.

Latein ist nicht mit dem römi–

schen Weltreich untergegan–

gen, ausgestorben, vom Erdbo–

den verschwunden. Noch ein

Jahrtausend später spricht und

schreibt in Europa so gut wie al–

les, was Rang und Namen hat,

Latein. Bis tief in unsere Neu–

zeit hinein bleibt es die Sprache

der Kirche, der Politik, der Wis–

senschaft. Protokolle, Gesetz–

bücher und Dokumente, philo–

sophische und naturwisse!1-

schaftliche Schriften wurden in

Latein abgefaßt, alle Vorlesun–

gen an den Universitäten in

dieser Sprache gehalten.

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Kirchenlehrer wie Albert der

Große und Thomas von Aquin,

berühmte Gelehrte wie johan–

nes Kepler, Erasmus von Rotter–

dam oder Nikolaus Kopernikus

schrieben, sprachen, stritten

sich in Latein. Auch Martin Lu–

ther faßte seine 95 Thesen, die .

die Welt veränderten, in latei–

nischer Sprache ab. Eineinhalb

Jahrtausende lang beherrscht

Latein das geistige Leben, und

zwar in ganz Europa. Wer Den–

ken und Fühlen, Lebensweise

und Technik, Wirtschaft und

Weltordnung dieser Zeiten be–

greifen will, der kommt an La–

tein nichtvorbei.

Aber auch die Wissenschaft

unserer Tage steht im Zeichen

der alten Sprache. "Medizin"

und "Jura" - schon die Namen

sind lateinisch. Erst recht die

Fachausdrücke! Da wird ein

"Patient" "ambulant", der an–

dere "stationär" behandelt.

Einer leidet an "Coronarinsuffi–

zienz", der andere an "Angina

pectoris". Manche schlucken

erst ,,Sedativa", dann "Stimu–

lantien" und wundern sich zu–

letzt über ihre "cerebralen De–

fekte". Wir leiden an "intestina–

len" Blutungen, messen unsere

"Temperatur" "oral" oder "rec–

tal", fürchten "Injektionen",

seien sie nun "intravenös" oder

"intramuskulär". Das "Vokabu–

lar" der "Mediziner" besteht bis

heute weitgehend aus Latein.

Wer diese Sprache kann, blickt

also besser durch, ist im Bild,

wo andere nur "Bahnhof" ver–

stehen.

Dasselbe gilt für die Fach–

sprache der "Juristen". Sie sam–

meln "Indizien", finden das

"corpus delicti", verlieren den

"Prozeß", gehen in die "Revi–

sion" und machen sich "in du–

bio pro reo" stark. "Advokaten"

bevölkern samt "Mandanten"

den "Instanzenweg", berufen

sich auf einen "Präzedenzfall",

"argumentieren" "kasuistisch",

"rehabilitieren" die "Delin–

quenten", fechten das "Testa–

ment" des "Kontrahenten" an

und "zitieren" aus "Kommenta–

ren" ·"ad infinitum".

von "Mikroprozessoren", von

"Transistoren" und "Reakto–

ren", von "Videotechnik" und

"Aquaplaning", von "Pulsaren"

und "interstellarer Materie".

Der Griff in die Wortschatz–

kammer Latein ist heute für For–

scher und Techniker, Ingenieu–

re, Konstrukteure und Wissen–

schaftler auf der ganzen Welt

ebenso notwendig wie selbst–

verständlich. Hier finden sie

die Muster und Modelle ihrer

Kunstsprache, mit der sie sich

über Länder und Kontinente

hinweg verständigen. Parade–

beispiel: das internationale

Kunstwort "Radio", gebildet

aus lateinisch radius

=

Strahl.

Latein war schon in alter Zeit

und ist auch heute noch das un–

ersetzliche Ersatzteillager für je–

den, dem seine Muttersprache

nicht mehr weiterhilft - sei es

im Forschungslabor oder im

Konstruktionsbüro.

Latein auf Schritt und Tritt er–

lebt aber auch der Normalver–

braucher, sobald er nur eine

Zeitung aufschlägt oder die Ta–

gesschau einschaltet. Wer in

der Schule Latein gelernt hat,

gerät nicht in Verwirrung,

wenn von "de facto"-Anerken–

nung die Rede ist oder vom

"status quo". Er verwechselt

nicht "liberal" und "bilateral",

"Expansion" und "Emanzipa–

tion", "Dissidenten" und "Divi–

denden". Er kommt nicht ins

Schleudern bei "Dirigismus",

"Regionalismus", "Separatis–

mus", "Terrorismus" und "Fö–

deralismus". Er weiß, daß eine

"konzertierte Aktion" kein Mu–

sikfest ist.

Latein

ln diese alte Wortschatzkammer

greifenWissenschaftler und

Techniker auf der ganzen WeH.

Aber selbst wenn Latein kei–

nen direkten Bezug mehr zur

heutigen Sprache hätte, selbst

wenn kein einziges lateinisches

Kunstwort im Deutschen mehr

umliefe, auch dann wäre 'es

noch der Mühe wert, sich mit

Aber die Sprache der Wis–

senschaft erschöpft sich nicht in

solchen alteingeführten lateini–

schen "termini technici". Latein

eignet sich auch sehr gut zur

Bezeichnung neuer Dinge,

Vorgänge und Ideen, die in For–

schung und Technik heute pau–

senlos entwickelt werden. Für

sie braucht man international

verständliche Namen.

Da

spricht plötzlich alle Welt von

"audiovisuellen"

"Medien",

· der alten Sprache zu beschäfti–

gen. Der Kulturphilosoph Os–

wald Spengler nannte Latein

die disziplinierteste Sprache,

die es gibt. Der Pädagoge Ker–

schensteiner bestätigt, daß sie

ein hervorragendes Mittel ist,

den Geist zu schärfen, das

Denken zu schulen.

Tatsächlich erschöpft sich

der Lateinunterricht nicht im

bloßen Auswendiglernen vieler

Wörter und Wortformen. Ent–

scheidend ist dies: Im Lateinun–

terricht erleben Kinder, daß

Sprache sich in eine Vielzahl

kleiner und kleinster Bauteile

zerlegen läßt, in Wörter,

Stammformen, Endungen, Vor–

silben, Tempuszeichen, Binde–

vokale usw. Keiner dieser Teile

wird vom Zufall gesteuert, darf

willkürlich mit anderen zusam–

mengefügt

w~rden.

Bis zur letzten Feinheit wal–

ten in der lateinischen Wortbil–

dung Gesetze, werden die Satz–

teile von Regeln bestimmt. Die

gar)ze Sprache ist ein einziges,

äußerst präzises Ordnungssy-

Latein

Denkschulung durch Sprach–

arbeit, das Ist das Herzstück

des Latelnunterrlchts.

stem, das zum logischen Den–

ken zwingt. Beim Übersetzen

vom Deutschen ins Lateinische

und umgekehrt gilt es, die Ge–

setze zu

erkenn.en

und richtig

anzuwenden. Lateinunterricht

heißt darum: genau beobach–

ten, das Wortmaterial gliedern,

sorgfältige Unterscheidungen

treffen, pausenlos logische

Schlüsse ziehen, Kombinatio–

nen aufbauen.

Wer auf diese Weise lernt,

Ordnung zu schaffen, steigert

seine Denkfähigkeit, schärft

seinen Verstand, seine Konzen–

tration. Denkschulung durch

Spracharbeit, das ist das Her7

stück des Lateinunterrichts. Ge

wiß eine harte Arbeit. Aber wer

käme schon auf die Idee, man

tue einem Hürdenläufer etwas

Gutes, wenn man ihm beim

Training die Hürden aus dem

Weg räumt?

Denkschulung ist viel, aber

nicht alles im Lateinunterricht

Hinzu kommt die Begegnung

mit der antiken Literatur, mit

den Dichtern Ovid, Horaz und

Vergil, mit den Geschichts–

schreibern Livius und Tacitus,

mit der Staatsphilosophie Cice–

ros. Noch immer haben sie uns

viel zu sagen; denn auch Roms

Dichter und Denker gehören zu

den Baumeistern des modernen

Europa. Sie schufen mit an sei–

nen geistigen Grundlagen. Wer

Europa verstehen will, kann auf

sie und ihre Sprache nicht ver–

zichten.

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