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3,60fo

r·n.

cht mit billigen Sprüchen zu–

frieden, sondern setzte sich hin

und ging der Sache auf den

Grund. Mit seiner Untersu–

chung schaffte er dort Klarheit,

wo andere Vorurteile und Be–

hauptungen verbreiten.

Die Schülerbögen zweier

Gymnasien, eines großstädti–

schen und eines mit ländlichem

Einzugsgebiet, bildeten die

Grundlage seiner Studie über

den Zusammenhang von Schul–

erfolg und sozialer Herkunft. ·

Zunächst verschaffte er sich

Klarheit darüber, welche sozia–

len Gruppen in der Elternschaft

vertreten sind. Er fand folgende

Einteilung:

e

Ungelernte und angelernte

Arbeiter, Facharbeiter, unselb–

ständige Handwerker etc.

e

Kleine und mittlere Selb–

ständige, Angestellte, Beamte

im mittleren Dienst etc.

e

Gehobene Angestellte und

entsprechende Beamte etc. .

e

Akademiker und höhere Be–

amte, Fabrikbesitzer, leitende

Angestellte etc.

e

Rentner, Hausfrauen etc.

Dann nahm er die Sitzenblei–

ber der beiden Schulen unter

die Lupe und ordnete sie eben–

falls nach ihrer sozialen Her-

Wer bleibt kleben?

kunft. Wenn es wahr ist, daß

das Gymnasium die Kinder ein–

facher Leute aussortiert und

nicht hochkommen läßt, dann

hätten sich die Sitzenbleiber in

den unteren sozialen Schichten

häufen müssen. Das war aber

nicht der Fall. Tatsächlich ent–

sprach der Anteil der Sitzeo–

bleiber aus einer bestimmten

sozialen Schicht immer dem

Anteil, mit dem eben diese

Schicht in der Schule vertreten

ist. Damit war bewiesen: Die

Chancen aufzusteigen, das Ri–

siko sitzenzubleiben sind für al–

le Schüler gleich. Elternhaus,

Rang und Name des Vaters,

Einkommen und Vermögen der

Familie haben keinen Einfluß,

bestimmen nicht über Erfolg

oder Mißerfolg der Kinder in

der Schule.

Das obenstehende Schaubild

zeigt diesen Befund am Beispiel

des Erasmus-Grasser-Gymna–

siums München. Auf den ersten

Blick erkennt jeder: Die einzel–

nen sozialen Gruppen, wie un–

terschiedlich stark sie auch im–

mer in der Elternschaft vertreten

sein mögen, stellen stets einen

ihrer Größe genau entspre–

chenden Anteil von Sitzenblei–

bern. Das Risiko ist derart

gleich verteilt, daß es "glei–

cher" kaum mehr geht.

Der Zufall kann dabei nicht

die Hand im Spiel gehabt ha–

ben. Das beweisen die Ver–

gleichszahlen aus dem Gymna–

sium Trostberg. Obwohl sich

die Elternschaft dort anders zu–

sammensetzt und zum Beispiel

von dem ländlichen Umfeld

viel stärker mitgeprägt wird als

die der Großstadtschule, glei–

chen sich die Befunde in bei–

den Fällen auf!i, Haar. Die Ge–

fahr, im Gymnasium sitzenzu–

bleiben, ist demnach für das

Arbeiterkind weder größer

noch kleiner als für den Spröß–

ling des Direktors. Entschei–

dend ist allein, ob einer den

Leistungsanforderungen

ge–

recht wird oder nicht. .

Daran sollte man sich erin–

nern, wenn wieder einmal die

Mär von der angeblich unge–

rechten sozialen· Auslese unse–

rer Gymnasien verbreitet wird.

Diese Mär ist übrigens so alt

wie das Gymnasium selbst.

Daß sie für unsere Zeit nicht

stimmt, ist beweisbar. Daß aber

auch früher das Gymnasium

keine hochelitäre Standesschu–

le war, dafür gibt es Zeugen.

Einer von ihnen schrieb kürz–

lich den folgenden Leserbrief

an die Frankfurter Allgemeine

Zeitung:

"Wer vor einigen Jahrzehn–

ten, also geraume Zeit vor der

Mobilisierung der sogenannten

Bildungsreserven, am Gymna–

sium einer damals noch kleinen

hessischen Stadt seine Reife–

prüfung abgelegt hat, der weiß

zu berichten, daß zusammen

mit ihm auf der Schulbank ne–

ben dem Sohn des Kranken–

haus-Chefarztes und dem des

Diplomingenieurs die Söhne

von allerlei kleinen Leuten ge–

sessen haben: des Firmenbo–

ten, des im Schichtdienst rotie–

renden Rangierarbeiters bei der

Eisenbahn, des Kalibergmanns,

des Försters, des kleinen justiz–

angestellten, des ebenso klei–

nen Landwirts (der im Grunde

nur ein halber war, weil er sein

Zubrot in der Stadt in einer Fa–

brik verdienen mußte) - Söhne

also zum Teil von armen

Schluckern, die sich's vom

Munde absparten, was sie ihren

Kindern an Bildung zukommen

ließen. An der nur wenige

Schritte entfernten höheren

Töchterschule lagen die Dinge

nicht anders. Und gescheitert

sind keineswegs etwa nur und

vorwiegend die Söhne -und

Töchter dieser armen Schluk–

ker , . ."

e

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