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SCHULE

ALLER

SCHICHTEN

Haben die Kinder von Arbeitern und

Landwirten weniger Aussichten·auf dem

·

Gymnasium als die Söhne und Töchter

von Ettern mit dicker Brieftasche oder

akademischem Titel? Gibt es ,;Chancen–

gleichheit" oder ist sie nur ein leeres

Wort? Hier der Bericht über eine neue

Untersuchung zu dieser alten Streitfrage.

S

chule aller Schichten" -

so wurde in dieser Zeit–

schrift das Gymnasium

schon früher genannt.

Mit gutem Grund; denn

es steht allen Kindern offen, ob

die Eltern arm oder reich, Ar–

beiter oder Akademiker sind.

Jeder, der Fleiß und Talent mit–

bringt, hat am Gymnasium sei–

ne Chance. Titel und Porte–

monnaie spielen keine Rolle.

Fast vierhundert über ganz Bay–

ern verteilte Gymnasien sorgen

dafür, daß jedes Kind eine sol–

che Schule in Reichweite hat.

Der kostenlose Schulbusservice

erschließt auch noch das entle–

genste Dorf. Lernmittelfreiheit

und Ausbildungsförderung tun

ein übriges.

Es gibt bayerische Gymna–

sien, deren Schülerschaft sich

vorwiegend aus Arbeiterkin–

dern zusammensetzt, und an–

dere, an denen der Nachwuchs

aus Beamtenfamilien über–

wiegt. Wieder andernorts bil–

den die Kinder von Angestell–

ten den Löwenanteil. Beispiele

stellte S&W schon in der Aus–

gabe 6/1977 vor.

10

Den Ausschlag für solche

Unterschiede gibt der Aufbau

der Bevölkerung im Einzugsge–

biet der Schule, nicht Bevorzu–

gung hier, Benachteiligung

dort. Daran ändern auch an–

derslautende Legenden nichts,

die oft wider besseres Wissen in

Umlauf gesetzt und künstlich

am Leben erhalten werden.

Daß das Gymnasium keine

Standesschule für die Sprößlin–

ge gutbetuchter Eltern ist, das

bewiesen z. B. jüngst die drei

Einser-Schwestern aus dem

Bayerischen Wald. Alle drei

Töchter der Bauernfamilie

Oberneder haben ihr Abitur mit

der Traumnote 1,0 geschafft -

und das, obwohl sie von Kind

auf im Haus und in der Land–

wirtschaft mithelfen mußten.

Aber haben die Kinder von

Akademikern im Gymnasium

nicht doch natürliche Startvor–

teile? Werden Kinder von El–

tern, die selbst die höhere

Schule, vielleicht gar ein Hoch–

schulstudium absolvierten, zu

Hause nicht ganz anders geför–

dert und betreut? Ihre Väter und

Mütter lernten ja selbst Latein

oder Französisch, haben sich

mit Algebra befaßt und ihre Ge–

schichtskenntnisse wohl auch

nicht völlig vergessen. Meist

wird in solchen Familien Hoch–

deutsch gesprochen, so daß

die vielzitierte Bildungshürde

"Mundart" dort gar nicht in Er–

scheinung treten kann. Vor al–

lem aber wissen solche Eltern,

worauf es im Gymnasium an–

kommt und wie der Hase läuft.

Ein ganzes Arsenal von Vortei–

len und Erleichterungen für ihre

Kinder- möchte man meinen.

Gleich oder "gleicher"?

Beim Nachwuchs von Indu–

striearbeitern oder Landwirten

sieht die Sache erfahrungsge–

mäß ganz anders aus. Er kann

sich selten oder nie auf einen

hilfreichen familiären Hinter–

grund stützen . Für Nachhilfe-

Gehobene

Angestell–

te

und entsprechende

Beamteuaw.

stunden wird kein Geld ausge–

geben, und bei Schulschwierig–

keiten gilt die rauhe Devise:

Vogel, friß oder stirb! Schon bei

den ersten schlechten Noten

spricht der Vater das Macht–

wort: Runter von der höheren

Schule! Herrscht demnach also

doch Ungleichheit? Sind die

Chancen am Gymnasium unge–

recht verteilt? Gibt es bevorzug–

te und benachteiligte Schüler?

Am Ende des Schuljahres,

wenn alle Kinder ihre Zeugnis–

se bekommen, müßte sich ja ei–

gentlich zeigen, ob die Parole

stimmt: "Weil du arm bist, fällst

du eher durch, bleibst dl.l leich–

ter kleben. " Kinder aus Arbei–

terfamilien müßten demnach

häufiger sitzenbleiben als die

Klassenkameraden aus höheren

Kreisen.

Ein bayerischer Lehrer wollte

das genau wissen . Er gab sich