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„Frühe interkulturelle Lernerfolge“

Experteninterview mit Prof. Dr. Heiner Böttger

Herr Professor Böttger, Sie begleiten

den Modellversuch nun seit über zwei

Jahren wissenschaftlich. Was machen

Sie genau?

Meine Rolle und die meiner Spezialis-

tin für empirische Forschung, Dr. Tanja

Müller, ist die der objektiven wissen-

schaftlichen Begleitung des Modellver-

suchs. Wir erheben an verschiedensten

Stellen Forschungsdaten, um den Ver-

lauf, die Wirkung und die Ergebnisse

zu dokumentieren und zu analysieren.

Wir testen beispielsweise die fremd-

sprachlichen Kompetenzen der Kinder,

beobachten deren kognitive und mut-

tersprachliche Entwicklung, befragen

Schulleitungen und Eltern – ein großes

Forschungspaket also. Dazu beraten

wir die Leitung des Modellversuchs in

vielen Aspekten des Versuchs, z.B. der

gezielten Lehrerfortbildung.

Was haben Sie bei der Auswertung des

Schulversuchs bisher herausgefunden?

Sehr viel Positives, auch völlig Uner-

wartetes. So scheinen die getesteten

Kinder am Ende der Klassenstufe 2

im Vergleich bereits englischsprachig

so kompetent zu sein wie die meisten

Kinder eines Regelenglischunterrichts

am Ende von Klassenstufe 4. Wir kön-

nen das deshalb gut kontrastieren,

da es diesbezüglich bereits große For-

schungen gibt, z.B. die BIG- oder die

EVENING-Studie. Der Zuwachs in

dieser Hinsicht ist also enorm. Dazu

kommt, dass im Bereich von Mathe-

matik und auch in deutscher Sprache

derzeit keine Defizite festzustellen

sind. Das bereits lange festgestellte

kognitive Plus zweisprachig aufwach-

sender Kinder zeigt sich klar auch im

Pilotversuch.

Was bringt es dem einzelnen Schüler,

wenn er Englisch in einer bilingualen

Klasse lernt?

In jedem Fall eine fast natürlich er-

worbene zweite oder manchmal auch

schon dritte Sprache, in vielerlei Hin-

sicht auch eine schnellere kognitive

Entwicklung, z.B. beim Aufbau von

sprachlichen Lernstrategien. Dazu

frühe interkulturelle Lernerfolge und

nicht zuletzt eine exzellente Vorberei-

tung auf spätere, auch berufsfeldbe-

zogene bilinguale Kontexte.

Profitieren beim bilingualen Unter-

richt auch schwächere Schüler?

Eindeutig und ganz ohne Zweifel. Sie

entwickeln sich zwar nicht im gleichen

Tempo wie leistungsstarke Kinder, je-

doch ebenso deutlich und messbar. Der

Grund ist ein unstrittiger: Die Aufnah-

me von neuem Wissen in der Fremd-

sprache und der deutschen Sprache ist

für das sich entwickelnde Gehirn der

Kinder eine höhere Herausforderung

und führt in der Regel zu einer größe-

ren sprachlichen Verarbeitungstiefe

und somit zur besseren Behaltensleis-

tung. Es sieht also derzeit so aus, dass

alle Kinder profitieren. Ganz besonders

sehen wir uns gerade noch die Kinder

mit Migrationshintergrund an.

Wie wichtig ist der Lehrer für den bi-

lingualen Unterricht?

Die Rolle der Lehrkraft beim Lernen

in zwei Sprachen ist – das zeigen auch

die ersten Ergebnisse – definitiv für

den Lernerfolg, und damit auch den

Projekterfolg, entscheidend. Sie identi-

fiziert ja die Lerninhalte in den Sach-

fächern, die gut in englischer Sprache

vermittelt werden können. Darüber

hinaus ist die zweisprachig unterrich-

tende Lehrkraft auch absolutes Sprach-

vorbild – daran orientieren sich alle

Kinder. Die Lehrkräfte im Projekt sind

aus meiner Sicht allesamt Profis in die-

ser Hinsicht, in allerbestem Sinne. Sie

haben sich selbst auch extrem weiter-

entwickelt als Experten, Forscher und

Pädagogen, sind selbstbewusster –

und: Wir konnten eine erhöhte Berufs-

zufriedenheit feststellen.

| jf

Prof. Dr. Heiner Böttger Wissenschaftlicher Begleiter des Modellversuchs „Lernen in zwei Sprachen – Bilinguale Grundschule Englisch“. Er ist Professor für die Didaktik der eng- lischen Sprache und Literatur an der Katholischen Universität Eichstätt-Ingolstadt.

Bilinguale Grundschule

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Schule & wir

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