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Die Hauptschule ist riesig. Eine halbe Million junger Leute besucht

s~e

in

Bayern. Fast alle mit Erfolg. Viele schafien den qualifizierenden Abschluß.

Fortsetzung von Seite 6

bildungsleitern probieren sie selbst

Maschinen und Werkzeug aus. Tage–

lang, bei besonders ergiebigen Besu–

chen sogar wochenlang, tragen die

Schüler im Unterricht die Ergebnisse

der Betriebserkundungen zusam–

men. Sie werten die Gruppenberich–

te und Tonbandprotokolle aus, er–

rechnen Statistiken und zeichnen

Schaubilder.

Mehrmals im Jahr finden von der

7. bis zur 9. Klasse solche Betriebs–

erkundungen statt. Dabei legen die

Lehrer Wert darauf, die Palette mög–

lichst bunt zu halten. Sie reicht vom

landwirtschaftlichen Mustergut zum

Kamerawerk, von der Maschinen–

fabrik zur Glashütte, vom Kranken–

haus zur Kreissparkasse. So gewin–

nen die Hauptschüler in Bayern

Kenntnisse über wichtige Bereiche

der Wirtschaft. Sie helfen ihnen, die

eigene Berufsentscheidung richtig zu

treffen.

Aber nicht nur in den Betrieben

finden Hauptschüler Kontakt mit der

Praxis. Ihr Lehrplan stellt Fächer zur

Wahl, in denen sie weitere prakti–

sche Erfahrungen für ihren späteren

Beruf sammeln. Dazu gehören Tech–

nisches Werken, Technisches Zeich–

nen, Handarbeit und Textiles Gestal–

ten, Haushalts- und Wirtschaftskun–

de, Kurzschrift und Maschinenschrei–

ben . Auch Teile des neuen Pflicht–

faches Erziehungskunde stehen in

diesem Rahmen.

Je nach Berufsziel, Neigungen und

Fähigkeiten stellt sich jeder Schü–

ler sein Kurs-Programm zusammen.

Die Hauptschule ist also wohl eine

Pflichtschule - sie gibt aber auch

Wahlmöglichkeiten. Sie verpaßt kei–

nen Einheitsunterricht Schüler-Indi–

vidual ität und unterschiedliche Bega–

bungen kommen zu ihrem Recht. ln

Kernfächern wie Mathematik und

Englisch schickt sie die einzelnen

Schüler je nach Leistungsvermögen in

Kurse, wo sie Schritt halten und er–

folgreich lernen können.

Neben diesen Leistungskursen und

den oben genannten Wahlpflicht–

fächern gibt es zusätzlich Neigungs–

gruppen. Sie sind derzeit noch im

Aufbaustadium. Den Siebtkläßlern

stehen sie schon j etzt zur Wahl. Je

nach persönlichem Geschmack oder

Nachhol-Bedarf entscheiden sie sich

Dieses Schicksal

trifft Bayerns Volks–

schüler sehr selten.

Der Anteil von

Wiederholern ist hier

nur halb so groß wie

im Bundesdurchschnitt.

Stets schneiden

die Mädchen besser ab

als die Buben.

Mädchen Buben Insgesamt

Anteil der 1973 nicht

versetzten Volksschüler

in Bayern

0

Im Bundesdurchschnitt

für Musik, Chorgesang, Deutsch, Ma–

thematik, Englisch oder Physik/Che–

mie. Die Acht- und Neuntkläßler fol–

gen in den nächsten zwei Schuljah–

ren . Für sie gibt es darüber hinaus

noch Neigungsgruppen in Technik,

Schulspiel und musischem Werken.

Der Hauptschüler entscheidet in

vielen Fällen selbst über die Fragen :

Welche Fächer machen mir Spaß?

Welche brauche ich für den qualifi–

zierenden Abschluß? Wo habe ich

Lücken? Welche Kurse nützen mir in

meinem späteren Beruf? Das diffe–

renzierte System aus Wahl- und

Pflichtfächern, aus Neigungsgruppen

und Kursen verbreitert das Lernange-

bot beachtlich. Der Stundenplan der

Klasse 9 b, St. Mang in Kempten, den

S

&

W auf Seite 7 vorstellt, zeigt das

auf einen Blick : Nur noch wenige

Stunden läuft der Unterricht im gan–

zen Klassenverband ab. Der weit grö–

ßere Teil ist Lernarbeit in Gruppen.

Mehr als 40 Prozent des gesamten

Unterrichts der bayerischen Haupt–

schulen von der 5. bis zur 9. Klasse

spielt sich in ihnen ab. Dieser Grup–

penunterricht schafft Miniklassen;

denn die Schüler aus einer Jahr–

gangsstute sitzen ja zur selben Zeit

in den verschiedensten Kursen . Die

gleichaltrigen Gymnasiasten sind da

viel schlechter dran. Nur höchst sel–

ten werden ihre Klassen geteilt.

Weitaus die meiste Zeit unterrichtet

man sie im "Plenum". Kurs- und

Gruppenunterricht ist eine Speziali–

tät der Hauptschule. Der Preis für

ihr differenziertes Unterrichtsmosaik

ist jedoch hoch. Er heißt: mehr Leh–

rer. Die 33 oder 34 Wochenstunden

einer 9. Hauptschulklasse kosten et–

wa doppelt so viele Lehrerstunden.

Hauptschule kommt den Staat also

teuer.

Das große Fächerangebot, das

starke Lehreraufgebot, die kleinen

Lerngruppen garantieren nicht auto–

matisch den Lernerfolg. Auch Haupt–

schülern wird harte Arbeit nicht er–

lassen. Aber jeder, der zugreift und

das Angebot nach Kräften nützt, ver–

bessert seine Chancen für die Zu–

kunft - gleichgültig ob im Beruf

oder in den weiterführenden Schu–

len, die ihm der " qualifizierende

Abschluß" öffnet. Mancher verkork–

ste Gymnasiast wäre froh, mit einem

solchen Abschluß in der Tasche fe–

sten Boden unter den Füßen zu ha–

ben.

Zukunftschancen für ihre Kinder

haben viele Eltern bisher nur in den

" höheren " Schulen gesehen . Noch

immer setzen sie alles daran, ihr

Kind am Gymnasium unterzubringen .

Aber ein einziger Schultyp kann nie

allen Begabungen gerecht werden.

Nicht länger sollten Gymnasium,

Realschule und Universität als die

einzigen Orte der Seligsprechung

für den gebildeten Menschen gel–

ten. Die große Alternative, der an–

dere Weg auf solidem Fundament

heißt Hauptschule.

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