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onderosa! Manhattan!

Olympiastadion! - das

ist die Schule am Mon–

tagmorgen . Da beben

die Bänke. Nachwuchs-Kajaks

mit Lockenkopf legen Gang–

ster aufs Kreuz. Riegen von

Kinder-Cartwrights scheuchen

Schufte und Schurken.

Der Lehrer trägt das mun–

tere Spiel mit Fassung. Er

weiß: am Montag morgen

hat er eine Klasse voller

Mainzelmännchen . Und er

weiß auch, was ihm im Un–

terricht blüht: unausgeschla–

fene Westernstars, zappelige

Krimihelden, lustlose Sport–

kanonen . Sie alle haben " ab–

geschaltet" . Und das nicht

nur am Montag morgen.

Kinder sind, neben Senio–

ren , des Pantoffelkinos treue–

ste Kundschaft. Von vier Kin–

dern im Alter zwischen drei

und dreizehn sitzen drei tag–

täglich vor der Flimmerkiste.

Vieledavon stundenlang! Und

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auch das steht fest: Eine

wachsende Zahl von Schülern

jüngster Jahrgänge sieht täg–

lich das gesamte Abendpro–

gramm! Wer ist dann schuld

am Fünfer in der Rechenpro–

be?- Der Schulstreß??

Was sehen die Kinder?

Vor allem das, was nicht für

sie bestimmt ist. Nur magere

13 Prozent schauen beim ei –

gentlichen Kinderprogramm

am Nachmittag zu; denn da

ist Spiel- und Hausaufgaben–

zeit. Zwischen 18 und 20 Uhr

aber schnellt die Sehbeteili–

gung der Kinder nach oben.

Sie erreicht ihren Höhepunkt

um 19 Uhr. Die meisten Kin–

der sehen also das " Vor–

abendprogramm" : ein kunter–

buntes Allerlei aus Mainzel–

männchen und Magenbitter,

aus Krimi und Kosmetik, aus

Western und Weichspülern.

Zur eisernen Ration in die–

sem täglichen Potpourri ge–

hören die Abenteuer- und

Unterhaltungsserien.

Seit

man weiß, daß Millionen von

Kindern gerade hier am in–

tensivsten zuschauen, steht

diese Programmfolge im

Kreuzfeuer der Meinungen.

Sie hat sich in den letzten

Jahren herausgemausert Ver–

schwunden ist der schlimm–

ste Schwachsinn, jene heiter–

ein fä lti gen Bandwürmer aus

den USA, in denen Schim–

pansen die Intelligenz von

Menschen haben und Men–

schen die von Schimpansen.

Seit die Importe aus dem

Ausland kritischer eingekauft

und hierzulande anspruchs–

vol lere Serien gedreht wer–

den, gibt es einige lichtblik–

ke im Vorabendprogramm .

Nach wie vor gibt es aber

auch noch Schlagschattense–

rien , bei denen die 114. Fort–

setzung den 113 vorangegan–

genen gleicht wie ein Ei dem

anderen .

Doch Kinder finden Fern-

sehen immer

und bekommen es nie satt.

Darum gilt Fernsehverbot bei

Kindern als fürchterliche Stra–

fe. Um sie, falls verhängt,

rückgängig zu machen, ver–

richten kleine Übeltäter die

unglaublichsten Bußübungen:

von Fleißaufgaben in Latein

bis zur freiwilligen Müll–

eimerleerung. Was ist eine

Watschn im Vergleich zum

Fernsehverbot? Schall und

Rauch! Spätestens wenn der

Sohn anbietet: " Bitte, Vati ,

hau mir lieber eine runter! "

wird die Rangordnung klar.

Kann man den Kindern ih–

re Fernsehsucht verübeln?

Ehrlicherweise : nein. Wie

sollte man von ihnen erwar–

ten, was die Erwachsenen

selbst nicht fertigbringen ,

nämlich den Flimmerkasten

auszuschalten? Zwar hat der

Volksmund bereits über 120

Schimpfwörter für das Fern–

sehgerät geprägt - von " Af-