Schule & Wir 4|14 - page 9

Psychologie
urteilen. Das Ziel ist dabei sprachfähig und er-
wachsen zu werden. Hierfür müssen die Themen
unserer Zeit mit einbezogen und eine Ausei-
nandersetzung mit christlichem Glauben und
Handeln anregt werden. Das bildet Herz und
Charakter – also die Persönlichkeit.
„Mit meinen Eltern kann ich nicht über Glau-
bensfragen sprechen“, erzählt Julia aus der
9. Klasse eines Würzburger Gymnasiums,
„eigentlich interessiert sie das Thema nicht. In
der Schule stelle ich fest, dass meine Mitschüler
ähnliche Antworten suchen – diese Gespräche
helfen mir.“ Lehrer Franz Hertle erläutert: „Bei
der Auseinandersetzung mit den Themen des
Lehrplans erweist sich, dass damit tatsächlich
die zentralen Fragen der Schülerinnen und
Schüler angesprochen sind.“ Hier hat für ihn der
Unterricht „die Aufgabe und gleichzeitig auch die
große Chance, die weltanschaulichen Grund-
einstellungen kompetent und möglichst profund
einander gegenüberzustellen.“
Lehrkräfte sind Vorbilder
Dabei spielen eigene Erfahrungen und persönli-
che Haltungen der Lehrkräfte eine wichtige Rol-
le. „Authentizität ist ja nach Erkenntnissen der
Hattie-Studie einer der größten Einfluss-
faktoren für guten Unterricht“,
berichtet Hertle. „Junge
Menschen haben ein
untrügliches Gespür
dafür, wie glaub-
würdig der Lehrer
hinter dem steht, was
er als eigene Überzeugung
vermitteln möchte. Wenn ein Unterrichts-
gespräch auf diese persönliche Ausrichtung
zuläuft, wird die Atmosphäre merklich
intensiver, es entsteht eine gespannte Ruhe.
Jeder ist beteiligt.“
Sebastian Görnitz-Rückert erzählt: „Als
Religionslehrer sind wir automatisch lebendi-
ge Vorbilder für gelebten Glauben. Das darf
und sollte aus pädagogischer Sicht auch
spürbar werden. Beispielsweise so, dass wir
in unserer Haltung deutlich machen, dass wir
zwar aufgrund unserer Ausbildung und un-
serer Lebenserfahrung sicherlich sehr profes-
sionell mit grundlegenden Fragen nach Sinn
und Lebensorientierung umgehen können,
hier aber keinen prinzipiellen Vorsprung gegen-
über den Schülern haben. Denn letzte Wahrheit
kommt nur Gott zu.“
Suche nach Lebensglück
„In meinem Unterricht gibt es verschiedene
Ansichten. Wir finden aber auch oft in der Dis-
kussion eine gemeinsame Lösung“, erzählt Jan
aus der 11. Klasse eines Münchner Gymnasiums.
Der Religionsunterricht bietet Chancen, Schüler
bei der Suche nach Lebensglück und -sinn zu
unterstützen. „Die persönliche Erfahrung zeigt
mir, dass die Schüler oft froh sind, jemanden zu
finden, mit dem sie sich streiten, an dem sie sich
reiben können“, erzählt Hertle. „Gerade in dieser,
im wahrsten Sinn des Wortes, echten Auseinan-
dersetzung mit Fragen, die ihnen am Herzen lie-
gen, besteht schon ein Wert.“ Für ihn zählt: „Die
christliche Perspektive als eine gute und damit
wählbare Option mit auf den Weg zu geben, das
ist das Ziel.“
Ethikunterricht - Dialog als Angebot
Antworten auf das verantwortungsvolle Han-
deln im Alltag zu finden, ist auch eine große
Herausforderung für Ethiklehrer. Das zeigt sich
schon anhand der Schülerfragen im Unterricht.
So fragt Max aus der 5. Klasse: „Wie können
wir Menschen friedlich und fair miteinander
umgehen?“, während Johanna kurz vor ihrem
Schulabschluss den Blick in die Zukunft
richtet: „Welche Werte machen mein Leben
sinnvoll?“
Mit Pauschalantworten lassen sich die
Schüler hier nicht zufriedenstellen – zu ernst-
haft sind ihre Fragen. Die Lehrkraft hat viel-
mehr die Aufgabe den Blick auf das tägliche
Leben, auf die kleinen Dinge des Alltags
zu lenken, um sich dann erst den „großen
Antworten“ anzunähern. Dabei steht sie
selbst oft im Zentrum: „Der Lehrer ist – ob
er will oder nicht – Vorbild. Wenn er seine
Erfahrungen im Unterricht einbringt, bie-
tet er den Schülern eine Position an, mit
der sie sich auseinandersetzen. Allerdings
darf er nicht erwarten, dass Schüler sie
auch übernehmen“, erläutert Dr. Ulrich
Winter, langjähriger Fachreferent für den
Ethik-Unterricht an der MB-Dienststelle
Oberbayern-West.
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Foto: fotolia
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