Schule & Wir 4|14 - page 14

O
rtstermin an der Mittelschule an
der Wörthstraße in München.
Die 20 Schüler der Ü8 sitzen im
Kreis um eine Tafel, neben der ein
Kleiderständer mit den unterschiedlichsten Klei-
dungsstücken steht. Von Rock und Hose, über
Hemd und Bluse bis hin zu Stiefeln und Flip-
Flops. Annett Grundgreif legt kleine Zettel, auf
denen die Begriffe der Kleidungsstücke notiert
sind, in die Mitte des Sitzkreises. Nun sind die
Schüler an der Reihe. Nacheinander pinnen sie
die Begriffe mit Stecknadeln an die zugehörigen
Kleidungsstücke. Und korrigieren sich immer
wieder gegenseitig. Denn für die Schülerinnen
und Schüler ist die Zuordnung der Begriffe gar
nicht so einfach. Sie kommen aus den verschie-
densten Ländern der Welt – aus der Ukraine oder
aus Syrien, Eritrea, Polen und Vietnam – und
sind erst seit wenigen Monaten in Deutschland.
In der Übergangsklasse lernen sie nun vor allem
die Grundlagen der deutschen Sprache, um dann
am Unterricht in den Regelklassen teilnehmen zu
können. Für die Lehrkräfte ist der Unterricht in
Übergangsklassen eine anspruchsvolle Aufgabe.
Schule & Wir hat darüber mit Annett Grundgreif
und ihrem Kollegen Bernd Klinger gesprochen.
Was ist die größte Herausforderung für
den Unterricht in einer Ü-Klasse?
Klinger:
Die riesige Heterogenität in den Klas-
sen. Die Bandbreite an Schülern geht von echten
Analphabeten, die nie in einer Schule waren und
bisher nur Schafe gehütet oder anderweitig gear-
beitet haben, bis hin zu Kindern mit gymnasialer
Eignung, die zwei, drei Sprachen sprechen, aber
eben kein Deutsch.
Grundgreif:
Diese Bandbreite gibt es auch im
Fachunterricht etwa in Mathematik. Manchen
muss ich beibringen, saubere Zahlen zu schrei-
ben. Andere rechnen schon Zinssätze oder den
Satz des Pythagoras. In meiner Klasse stehen die
Mathe-Lehrbücher von fünf Lernjahren, um allen
Schülern gerecht werden zu können.
Klinger:
Und dazu kommt noch ein breites
psychologisches Spektrum: Für fast jeden Ju-
gendlichen in einer Ü-Klasse, auch wenn er nicht
unmittelbar mit Flucht und Krieg in Berührung
kam, gilt: Er ist nicht freiwillig hier. Er hat sein
Kinderzimmer, seine Freunde, seine Verwandten,
er hat alles hinter sich gelassen. Die Entschei-
dung, hierher zu kommen, war selten seine. Und
da müssen die jungen Leute erstmal ankommen.
Deswegen legen wir auch viel Wert darauf, den
Unterricht in den Ü-Klassen familiär zu gestalten,
mit Teeküche oder gemeinsamem Frühstück. Wir
als Lehrkräfte sind für die Schüler sehr wichtige
Personen in der für sie neuen Kultur. Das spürt
man auch.
Grundgreif:
Hinzu kommt noch, dass wir im-
mer mehr Jugendliche haben, die ohne Eltern zu
uns kommen. Da spürt man ganz deutlich, dass
der Background Familie wegfällt. Alles, was man
Zwei Lehrkräfte aus
Übergangsklassen erzählen
Unterricht für
junge Flüchtlinge
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Schule & Wir
4 | 2014
MINT
Asyl
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