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Einsichten und Perspektiven Themenheft 1 | 16

Mein Kampf

in Lehrplänen und Schulbüchern

Dabei zeigt sich, dass die Schulbuchautoren bei den laut

Lehrplan zu behandelnden historischen Zusammenhängen

immer wieder explizit auf

Mein Kampf

zu sprechen kom-

men und Auszüge daraus in ihre Werke aufnehmen. Außer

in zwei Büchern für die Mittelschule wird in allen anderen

in Bayern zugelassenen Lehrwerken für den Geschichtsun-

terricht Hitlers Schrift ausdrücklich erwähnt.

Mein Kampf

ist also im Schulgeschichtsbuch präsent. Dies erklärt sich

daraus, dass sich die Lehrwerke seit den 1960er-Jahren

grundsätzlich gewandelt haben und nun vielfältige Quellen

für die Bearbeitung durch die Schülerinnen und Schüler

bieten. Zumeist wird im Zusammenhang mit dem Hitler-

putsch lediglich auf die Entstehungsgeschichte des Buches

während Hitlers Haft in Landsberg hingewiesen, weshalb

sich hier deutlich weniger Quellenauszüge finden. Demge-

genüber finden sich bei der Darstellung der NS-Ideologie

sehr häufig Passagen aus

Mein Kampf

. Andere Kontexte der

historischen Quelle wie der biografische oder der Rezep-

tionskontext werden kaum thematisiert.

31

Daher wird, da

sie in den Schulbüchern schon dargestellt und dokumen-

tiert ist, im Folgenden weniger die NS-Ideologie, wie sie in

Hitlers Buch zum Ausdruck kommt, im Mittelpunkt der

Betrachtung stehen; vielmehr werden andere, bislang weni-

ger beachtete Aspekte von

Mein Kampf

näher betrachtet.

Auf eine Erfassung der Sozialkundebücher wurde ver-

zichtet, da eine Auseinandersetzung mit den historischen

Zusammenhängen, in denen

Mein Kam

pf steht, in den

Sozialkundelehrplänen nicht explizit vorgesehen ist.

Dementsprechend finden sich, wie eine Durchsicht erge-

ben hat, in den entsprechenden Werken auch keine Hin-

weise. Gleichwohl ist die Bedeutung für die politische Bil-

dung nicht zu unterschätzen. Gerade weil Hitlers Schrift

noch in der Geschichtskultur präsent ist, weil sie, wie die

Verkaufszahlen der wissenschaftlichen Edition zeigen, auf

großes öffentliches Interesse stößt und weil sie, wie sich

im Zusammenhang mit dem Auslaufen des Urheberschut-

zes gezeigt hat, Anlass für politische Debatten ist, ist eine

nähere Beschäftigung mit

Mein Kampf

im Rahmen der

politischen Bildung möglich und sinnvoll.

Mein Kampf

im Unterricht

Wie mit Hitlers

Mein Kampf

im Unterricht konkret ver-

fahren wird, ist schwer zu sagen, nicht zuletzt, weil die

Unterrichtsgestaltung im individuellen Spielraum der

Lehrkräfte liegt. Gleichwohl gibt es eine aufschlussreiche

31 Eine genauere Analyse der in Nordrhein-Westfalen verwendeten Schulbü-

cher findet sich bei Baumgärtner (wie Anm. 27), S. 90–99.

Analyse einer einschlägigen Unterrichtsstunde. Im Rahmen

eines Forschungsprojekts haben Frankfurter Erziehungs-

wissenschaftler eine Reihe von Schulstunden videografiert

und ausgewertet, unter anderem auch eine zum Thema

Mein Kampf

. Hier sollten die Schülerinnen und Schüler

Auszüge aus Hitlers Hetzschrift mit Hilfe eines Arbeitsauf-

trags analysieren, wobei sich die Lehrkraft erhoffte, dass die

Jugendlichen selbstständig zu einer moralisch-politischen

Verurteilung von Hitlers Weltanschauung gelangen. Dies

war, folgt man der Analyse der Autoren, nicht der Fall: „Für

den Lehrer unterschreiten die Schüler mit ihren Textrefera-

ten nicht nur die gesellschaftlich erwünschten Redeweisen

über das Thema Nationalsozialismus und Holocaust, sie

‚gehen‘, wie der Lehrer formuliert, ‚Hitler auf den Leim‘,

stehen mithin in der Gefahr, ideologisch verführt zu wer-

den.“ Hier wird das Spannungsfeld zwischen Quellenana-

lyse und Urteilsbildung, zwischen historischem Lernen

und politischer Bildung deutlich.„Die Differenz zwischen

der Vermittlungsabsicht des Lehrers und dem Aneignungs-

verhalten der Schüler tritt offen zu Tage. Der gescheiterte

Versuch, die Schüler durch einen selbsttätigen Umgang

mit dem Text zur Einsicht, mithin zur moralischen Verur-

teilung der nationalsozialistischen Rassenlehre zu führen,

hat zur Folge, dass der Lehrer zu einer expliziten Belehrung

übergeht, die schließlich in einer quasi politischen, gänz-

lich unpädagogischen ‚Schülerbeschimpfung‘ endet.“

 32

Dies zeigt die besondere Herausforderung für das histo-

risch-politische Lernen, da nicht nur die Aneignung von

Wissen, das Einüben von methodischen Fertigkeiten, son-

dern auch die Entwicklung einer bestimmten Einstellung

erwartet wird. Eine Beschäftigung mit Hitlers

Mein Kampf

ist hier besonders gefordert, da die nationalsozialistische

Weltanschauung hier nicht in verabscheuungswürdigen

politischen Handlungen begegnet, sondern als persönliche

Meinungsäußerung, deren menschenverachtender Charak-

ter manchmal erst bei einer aufmerksamen Lektüre, mit-

hin auf den zweiten Blick erkennbar wird und daher eine

unmittelbare Stellungnahme erschwert. Zudem setzt eine

eingehende Auseinandersetzung mit Hitlers Weltanschau-

ung, die Grundlage für eine begründete Verurteilung ist,

voraus, probeweise sein Gedankengebäude zu betreten und

gleichsam von innen zu betrachten.

32 Wolfgang Meseth u.a.: Nationalsozialismus und Holocaust im Geschichts-

unterricht. Erste empirische Befunde und theoretische Schlussfolgerun-

gen, in: dies. (Hg.): Schule und Nationalsozialismus. Anspruch und Gren-

zen des Geschichtsunterrichts, Frankfurt am Main u.a. 2004, S. 95–146,

hier S. 128 f.; ausführlicher: Oliver Hollstein u.a.: Nationalsozialismus im

Geschichtsunterricht. Beobachtungen unterrichtlicher Kommunikation.

Bericht zu einer Pilotstudie, Frankfurt am Main 2002, S. 111–127.