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Von Kunstwelten und perfekten Verbrechen. Ein Gespräch mit Okwui Enwezor, Direktor am Haus der Kunst in München
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Einer breiten Öffentlichkeit in Deutschland wurde Okwui
Enwezor 2002 als künstlerischer Leiter der Documenta 11
bekannt. In Kassel verwirklichte er seine Vorstellungen ei-
ner Kunst im globalen Zeitalter in einem großen Maßstab.
Kommendes Jahr wird er die Biennale von Venedig leiten,
die andere der beiden weltweit bedeutendsten Ausstellun-
gen. Unter den vielen Biennalen, die es inzwischen gibt, ist
Venedig immer noch
die
Biennale, und es wird spannend
sein zu sehen, mit welchen Ideen Okwui Enwezor dieser so
alten wie immer wieder neuen Großschau internationaler
Kunst seinen Stempel aufdrückt.
Auf dem Gebiet der zeitgenössischen Kunst zählt
Okwui Enwezor zu den profiliertesten und angesehensten
Akteuren überhaupt. Geboren und aufgewachsen ist er in
Nigeria. Mit 18 Jahren zog Enwezor nach New York, stu-
dierte dort Politikwissenschaft und wurde ein bekanntes
Gesicht in der Kunst- wie Clubszene von Manhattan. 1993
gründete er die Zeitschrift
Nka: Journal of Contemporary
African Art
, die er noch heute herausgibt. Afrikanischer
Kunst widmete sich auch 1996 seine erste Ausstellung am
Guggenheim Museum,
In/Sight: African Photographers
1940-Present
. Seit den neunziger Jahren hat Okwui Enwe-
zor auf der ganzen Welt gearbeitet, unter anderem als Lei-
ter der Biennalen von Johannesburg, Sevilla und Gwangju
(Südkorea) und des Projekts
Meeting Points 6
in sechs ara-
bischen Städten. Daneben war er Dozent an Universitäten
in den USA und ist als Autor und Publizist tätig. In Mün-
chen hat Okwui Enwezor 2001 eine als wegweisend gelten-
de Ausstellung in der Villa Stuck organisiert,
The Short
Century. Unabhängigkeits-und Befreiungsbewegungen in
Afrika 1945-1994
. Einem weiteren bayerischen Museum ist
er eng verbunden: Im beschaulichen Neu-Ulm steht mit der
Walther Collection eine herausragend bestückte Sammlung
afrikanischer Kunst und Fotografie. ImOktober 2014 wur-
de Enwezor für seine kuratorische Arbeit mit dem Ver-
dienstorden der Bundesrepublik Deutschland ausgezeich-
net.
Seit 2011 ist Okwui Enwezor Direktor des Haus
der Kunst in München. Der Museumsbau an der Prinzre-
gentenstraße 1, errichtet als riesiger Showroom für das, was
Hitler unter „deutscher Kunst“ verstand, hat sich von der
einst ungeliebten Hinterlassenschaft der Nazizeit zu einem
der wichtigsten und dynamischsten Orte für zeitgenössi-
sche Kunst der Welt entwickelt – sicher die glücklichste Me-
tamorphose, die sich für ein Gebäude denken lässt. Das
Haus der Kunst bietet, wie auchOkwui Enwezor sagt, Räu-
me, die sich dank ihrer Proportionen und der enormen De-
ckenhöhe geradezu perfekt für Ausstellungen eignen. Und
in diesen Räumen läuft ein vielseitiges, interdisziplinäres
Programm. Unter der Leitung Okwui Enwezors bekam
afrikanische Kunst ein größeres Gewicht, daneben sind na-
türlich auch Einzelausstellungen mit den
heavyweight
champions
der zeitgenössischen Kunst zu sehen, 2014 etwa
Matthew Barney und Georg Baselitz. München-spezifisch
war die Ausstellung
ECM – eine kulturelle Archäologie
über das legendäre Münchner Plattenlabel. Mit den
Kapseln
hat Okwui Enwezor ein neues Ausstellungsformat für jün-
gere Künstler entwickelt, und die
Archiv Galerie
zeigt die
wechselhafte Geschichte des Hauses anhand historischer
Exponate. Das Haus der Kunst, oft als – behäbiger – Super-
tanker an der Südspitze des Englischen Gartens dargestellt,
ist in seinem Inneren eben ziemlich flexibel, undmit denDi-
rektoren verändert sich auch das Gebäude. Okwui Enwe-
zor hat bei seinem Amtsantritt ein neues visuelles Erschei-
nungsbild eingeführt und den schweren Vorhang aus der
Mittelhalle entfernt– die ehemalige Ehrenhalle ist jetzt so
Okwui Enwezor empfängt am Besprechungstisch in seinem Büro im Haus der Kunst,
vor sich einen kleinen Steinkrug mit seinem Lieblingsgetränk, heißem Ginger Ale.
Der weltgewandte und weitgereiste Ausstellungsmacher arbeitet schließlich seit drei
Jahren in München. Wie erwartet stilvoll gekleidet (die elegante Garderobe gehört zu
seinen gern zitierten Markenzeichen, und da wollen wir keine Ausnahme machen),
ist Enwezor ein aufmerksamer, konzentrierter Gesprächspartner. Er ist eloquent, prä-
zise, bestimmt, man spürt, wie er seine Gedanken beim Sprechen entwickelt und nach
den Bildern sucht, die seine Sichtweise am besten erklären. Und Enwezors Blick ist
weit, er räumt historischen, politischen und gesellschaftlichen Fragen in seiner Arbeit
als Kurator viel Platz ein. Er hat den Fokus der Gegenwartskunst wegbewegt von den
traditionellen Schwerpunkten Europa und Amerika, indem er Kunst aus Afrika, Asien
und Arabien zeigt und sich intensiv mit Themen wie Postkolonialismus und Globali-
sierung auseinandersetzt.
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