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2.1 Von der „Behinderung“ zum „sonderpädagogischen Förderbedarf“

Bis ca. 1990 war das ehemals so genannte „Sonderschulwesen“ in der Bundesrepublik

Deutschland geprägt durch eine defizitorientierte Aufgliederung nach Behinderungsrichtun-

gen. Die

Separation

1

Behinderter, die sich geschichtlich in über 200 Jahren entwickelt hatte,

stellt aus historischer Sicht eine Erfolgsgeschichte dar, wurde doch hierdurch das Bildungs-

recht für alle errungen. Dieses wurde 1972 durch die „Empfehlung zur Ordnung des Sonder-

schulwesens“ der Kultusministerkonferenz institutionell zementiert. Sie führte zu einer

Aus-

differenzierung des „Sonderschulwesens“ nach „Behinderungsarten“

und zu einer ver-

stärkt institutionalisierten Sichtweise von „Behinderung“.

Doch was ist eigentlich eine „Behinderung“?

„Nach dem Verständnis der Behindertenrechtskonvention gehören zu den Menschen mit

Behinderungen Kinder und Jugendliche, die langfristige körperliche, seelische, geistige Be-

einträchtigungen oder Sinnesbeeinträchtigungen haben, welche sie in Wechselwirkung mit

verschiedenen Barrieren an der vollen, wirksamen und gleichberechtigten Teilhabe an der

Gesellschaft hindern können. Insofern ist der Behindertenbegriff der Konvention ein offener,

an der Teilhabe orientierter Begriff. Er umfasst für den schulischen Bereich Kinder und Ju-

gendliche mit Behinderungen oder chronischen Erkrankungen ohne sonderpädagogischen

Förderbedarf ebenso wie Kinder und Jugendliche mit sonderpädagogischem Förderbe-

darf.“ (Ständige Konferenz der Kultusminister der Länder 2011, S. 6).

Auch das System „Schule“ kann hinsichtlich der Teilhabe von Kindern und Jugendlichen mit

Behinderungen oder sonderpädagogischem Förderbedarf behindernd sein. Die Heterogeni-

tät der Schüler und ihrer Förderbedürfnisse und Lernvoraussetzungen erfordert es im Rah-

men der aktuellen gesellschaftlichen Entwicklungen, dass sich Schule der Herausforderung

stellt, sich im Sinne einer inklusiven Pädagogik der Vielfalt weiterzuentwickeln. Hierzu sind

schulische Angebote nötig, die das ganze Spektrum von der Hochbegabung bis zur Behinde-

rung umfassen.

Von der „Behinderung“ zum „sonderpädagogischen Förderbedarf“

Die „Empfehlungen zur sonderpädagogischen Förderung in den Schulen in der Bundesre-

publik Deutschland“ der Kultusministerkonferenz von 1994 bewirkten schließlich einen ein-

schneidenden Paradigmenwechsel in der Sonderpädagogik weg von der Defizitorientierung

hin zur Kompetenz- und Förderorientierung. Es war nun nicht mehr von „Behinderung“, son-

1

„Separation“ bezeichnet in der Pädagogik die Trennung unterschiedlicher Einzelpersonen

mit dem Ziel größtmöglicher Homogenität sozialer Gruppen bzw. Lerngruppen.