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Eva Horn

EIN MANN RAST

im Sportwagen durch Manhattan, vom

Washington Square aus die Fifth Avenue herauf in Richtung

Midtown. Es ist taghell, aber die Straßen sind menschenleer,

auf den Plätzen wächst mannshohes Gras. Es herrscht voll-

kommene Stille. – Der Vorspann des Films »I am Legend«

(2007) ist ein Bild wie aus einem Traum: eine Welt ohne

Menschen. Pflanzen, die die ewig verkehrsverstopften Stra-

ßen überwuchern, Tiere, die sich in dieser Wildnis wieder

eingerichtet haben. Der letzte Mensch, der in dieser leeren

Stadt lebt, hat plötzlich Ruhe und Platz, er ist entlastet von

den Zumutungen sozialen Dauerkontakts. Ein Traum und ein

Alptraum zugleich: Eine Virusepidemie hat New York kom-

plett entvölkert, bis auf den letzten Menschen, Dr. Neville

(Will Smith). Er ist zugleich Zeuge und Opfer eines Endes

der menschlichen Spezies.

Das Bild einer Erde ohne Menschen hat in jüngster Zeit eine

seltsame Konjunktur, nicht nur in der Fiktion. Der Sachbuch-

autor Alan Weisman beispielsweise entwirft eine zukünftige

Verfallsgeschichte unserer Städte und Architekturen unter

der Voraussetzung, dass plötzlich alle Menschen vom Erd-

ball verschwunden sind. Sein Bestseller »The World Without

Us« (2007) erzählt Geschichten der Vergänglichkeit von Häu-

sern, Brücken und prominenten architektonischen Wahr-

zeichen. Weisman imaginiert eine Welt, die vom Druck der

Menschheit endlich wieder »entlastet« wäre. Ist der Mensch

erst weg, verwischen irgendwann seine Spuren, die Welt gerät

wieder in eine natürliche Balance, wird blühen und grünen:

Der erhellende Blitz der Katastrophe

ein Narrativ von Krankheit und Heilung, Druck und Ent-

lastung – bizarrerweise erzählt von dem Wesen, das selbst

die Krankheit war. Ähnlich imaginiert der österreichische

Autor Thomas Glavinic in »Die Arbeit der Nacht« (2006) ein

Wien, das plötzlich ohne Wiener ist: kein Mensch, kein Haus-

tier, nur der plötzlich vereinsamte Protagonist Jonas, der sich

ratlos und zunehmend deprimiert auf die Suche nach seinen

verschwundenen Nachbarn und Freunden macht. Der Traum

von der eigenen Auslöschung, dem Verschwinden der gesam-

ten Menschheit scheint wie eine Signatur der Gegenwart, ein

Traum, an dem wir eine rätselhafte Befriedigung finden.

DIESE FIKTION VON

der Erde ohne Menschen ist symptoma-

tisch für eine Phantasie, die vomMainstream-Kino bis zum

naturwissenschaftlichen Sachbuch, vom philosophischen

Essay bis zum Roman reicht. Zweifellos hat sie mit dem Zer-

brechen einer modernen Zeitordnung zu tun, in der Zukunft

noch ein Raum der Hoffnung, Planung und Gestaltung war,

ein Ort der Utopien. Mit dem Fortfall einer Idee von göttlicher

Vorsehung musste der Mensch die Gestaltung seiner Zukunft

in die Hand nehmen und entwickelte Techniken der Vorsor-

ge, Absicherung und Planung zusammen mit der Vorstellung,

dass es in Zukunft »immer besser« werden würde: Wachs-

tum und Fortschritt sollten es möglich machen. Aktuelle Ent-

würfe des Zukünftigen sind von diesem hoffnungsfrohen Ton

einer vergangenen Zukunft jedoch denkbar weit entfernt. Ihr

Modus heute ist das Futur II, ihr Gegenstand Zukunft als

Katastrophe. Der apokalyptische Ton, den Derrida den 80er-

DIE WELT OHNE MENSCHEN

aviso 2 | 2017

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