Alan Brooks: Gehörlose Schüler tanzen sich zu Kraft und Selbstvertrauen

Schülerinnen und Schüler der Samuel-Heinicke-Realschule bei ihrer Vorführung
Schülerinnen und Schüler der Samuel-Heinicke-Realschule bei ihrer Vorführung

Der Choreograf und Tänzer Alan Brooks bietet im Auftrag des Kultus- ministeriums Tanzprojekte für bayerische Schulen an. Die einwöchigen Kurse sind ein großer Erfolg. Die Schüler – hauptsächlich von der Realschule und der Mittelschule – lernen durch das professionelle Tanzen nicht nur ihren Körper besser kennen, sie entwickeln auch Selbstvertrauen. Brooks hat sich in seinem neuesten Projekt einer besonderen Herausforderung gestellt: Erstmals choreografierte er einen Tanz mit einer Schule für Schwerhörige und Gehörlose.

Die Tänzer warten auf ihren Einsatz
Die Tänzer warten auf ihren Einsatz

Stille in der Turnhalle der Samuel-Heinicke-Realschule in München. Die Zuschauer, die Eltern, die jüngeren Schüler, die Gäste sagen kein Wort. Vor ihnen haben sich 37 Schülerinnen und Schüler der 9. Klassen aufgebaut. Die Beine schulterbreit, Arme abwärts gestreckt, der Körper angespannt, der Blick kämpferisch geradeaus. Es ist der Moment, unmittelbar bevor die Musik einsetzt und die 29 Mädchen und acht Buben ihr Tanzprojekt aufführen.

Die Zuschauer spüren die Energie der Tänzer – die wollen zeigen, was sie in einer Woche harten Trainings gelernt haben. Es ist Freitag, Tag der Abschlussvorführung.

Geballte Spannung vor dem Auftritt

37 Tänzer und Tänzerinnen stellten sich der Herausforderung
37 Tänzer und Tänzerinnen stellten sich der Herausforderung

Dann setzt die instrumentale Musik ein und sie wirbeln los – sie finden sich zu Gruppen zusammen, lösen sich wieder, rennen und springen. Jungen und Mädchen zeigen einen stilisierten Kampf, drücken einander weg, drängen und schieben ihre Mitschülerinnen und Mitschüler.

Spaß an der Bewegung gehört dazu
Spaß an der Bewegung gehört dazu

Was diesen Tanz und dieses Projekt so ganz besonders macht, erschließt sich nicht auf den ersten Blick – die Schülerinnen und Schüler besuchen alle die staatlich anerkannte private Samuel-Heinicke-Realschule. Diese Schule ist die einzige Realschule zur sonder- pädagogischen Förderung mit dem Förderschwerpunkt Hören in Bayern. Fast alle der Tänzerinnen und Tänzer sind gehörlos, schwerhörig oder haben auditive Wahrnehmungs- und Verarbeitungsstörungen.

Erläuterungen übersetzt ein Lehrer simultan in Gebärdensprache
Erläuterungen übersetzt ein Lehrer simultan in Gebärdensprache

Manche von ihnen haben nicht sichtbare Implantate im Innenohr, andere moderne, kleine Hörgeräte. Doch wie nehmen sie die Musik wahr? „Den Bass spürt man im Oberkörper, man fühlt die Musik, wenn man den Boden berührt“, wird es nach der Aufführung der 17jährige Axel Bräuninger beschreiben. Doch jetzt wirbelt er noch mit einer Art Breakdance-Einlage über seine Bühne, den Boden der Turnhalle. Am Ende der Choreografie stellen sich Tänzerinnen und Tänzer in einer Reihe zum lauten Schlussapplaus auf – die T-Shirts verschwitzt, doch mit glücklichen Gesichtern.

Zwei Tänzerinnen beim Training
Zwei Tänzerinnen beim Training

Rückblende: Drei Tage vorher, es ist Dienstag in der gleiche Turnhalle. Die Schülerinnen und Schüler der 9. Klassen üben für ihren Auftritt. Es ist schwerer, als es sich viele vorgestellt haben. Einige haben die Füße oder Zehen mit Tape abgeklebt, um Blasen zu verhindern. Die Tänzer, die bei der Abschlussveranstaltung so stolz und selbstbewusst, fast herrisch tanzen - jetzt sind sie einfach nur Teenager.

Alan Brooks bei einem Auftritt
Alan Brooks bei einem Auftritt

„Viele sagen mir, ich kann nicht tanzen“, berichtet ihr Tanzlehrer Alan Brooks, „alle können tanzen, sage ich - aber nicht alle wollen tanzen!“ Einige der Jungs sind sich an diesem Dienstag noch nicht sicher, ob sie tanzen wollen. Die Frage „Ist das cool?“ haben sie noch nicht eindeutig für sich beantwortet. Aus sich heraus gehen, Schüchternheit überwinden, sogar mit Mädchen tanzen und sie dabei berühren? Und dann kommt dazu der körperliche Schmerz – drei Stunden täglich üben die Schülerinnen und Schüler für ihren Auftritt. Die Muskeln schmerzen von den ungewohnten Bewegungen, Muskelkater macht die Jugendlichen langsam. „Das ist das Schöne beim Tanzen und gleichzeitig auch das Schlimme“, meint ihr Choreograf, „niemand kann sich hinsetzen und sagen: Ich bin fertig. Ich weiß, wir haben wenig Zeit, aber es ist für niemand genug Zeit da.“

Der Tanzlehrer zeigt einen Sprung
Der Tanzlehrer zeigt einen Sprung

Auch ein Beobachter spürt, warum der professionelle Tänzer so gerne mit den Schülerinnen und Schülern arbeitet: Er bringt ihnen mehr als nur Tanzen bei. Seit 2009 gibt es diese Kooperation des Tänzers mit dem bayerischen Kultus- ministerium. 15 Wochenprojekte bietet er im Jahr an, Schulen können sich an ihn wenden und um eine Kooperation bewerben. Dieses Projekt ist in ganz Europa einmalig – und es wird von den bayerischen Schulen sehr stark nachgefragt.

„Natürlich hat das Tanzprojekt einen ganz praktischen Nutzen, wenn die Schüler zum Beispiel Körper- bewusstsein bekommen. Dann sitzen sie auch bei einem Bewerbungsgespräch mit geradem Rücken und aufrecht da. Und sie sind präsent“, sagt Alan Brooks. Aber es geht ihm auch um Energie, Konzentration und Mut. Er freut sich immer, wenn er die Jugendlichen vom Anfang der Woche mit denen am Ende der Projektwoche vergleicht.

Das große Thema für ihn ist immer Integration. Bei einem vorigen Projekt in Aschaffenburg tanzten Schülerinnen von vier Schularten zusammen. „Oder Jungen und Mädchen, Immigranten und Deutsche, Mittelschule und Gymnasium. Und nun eben Gehörlose und Hörende“, sagt er. Das Projekt mit Schwerhörigen und Gehörlosen war aber auch für ihn „eine persönliche Herausforderung“. Doch die Kinder hätten es ihm dann leicht gemacht: „Sie sind Experten in Körpersprache. Sie haben eine ganz eigene. Und die Musik ist eigentlich nur eine Unterstützung für die Gefühle, die sie durch ihren Tanz ausdrücken wollen.“

Dass die Schülerinnen und Schüler auch diese Meta-Ebene verstanden haben, haben sie bewiesen.

Karikatur einer Kursteilnehmerin
Karikatur einer Kursteilnehmerin

Am Freitag flossen auch einige Tränen, weil das Tanztraining und der Kontakt mit Alan nun endgültig zu Ende waren. „Du hast uns nicht nur den Tanz gelehrt, sondern dass wir auch im normalen Leben Kraft haben“, dankte die 15jährige Schülersprecherin Fiona Engert. Die anderen Tänzerinnen und Tänzer sahen das wohl genauso – denn trotz der Härte: Vorzeitig aufgehört hat nicht ein einziger.

Sie werden nicht vergessen, was ihnen Alan Brooks am Ende einer harten Trainingseinheit gesagt hat: „Wenn ihr noch nicht stolz auf euch seid – es ist höchste Zeit damit anzufangen“, meinte der Engländer, „aber trotzdem weiter arbeiten.“

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