Leitprinzip: Individuelle Förderung statt Einheitsschule

"Für alle das Gleiche ist keine Lösung für die Zukunft der Schüler im 21. Jahrhundert"

Kultusminister Dr. Ludwig Spaenle
Kultusminister Dr. Ludwig Spaenle

Die individuelle Förderung der Schülerinnen und Schüler ist das Leitprinzip des bayerischen Bildungswesens. „Die Förderung des einzelnen Schülers ist die Antwort auf eine gestiegene Heterogenität der Schülerschaft im Hinblick auf Vorwissen, Herkunft und Bildungsbeteiligung. Dabei steht der junge Mensch in seiner ganzen Individualität im Mittelpunkt – und nicht das Prinzip einer Einheitsschule für alle“, erläutert Kultusminister Dr. Ludwig Spaenle.

„Für alle das Gleiche ist keine Lösung für die Zukunft der Schülerinnen und Schüler im 21. Jahrhundert“, so Spaenle. Bayern bekenne sich zur individuellen Förderung der Schüler unabhängig von ihrer sozialen oder sprachlichen, kulturellen oder ethnischen Herkunft. Das gelte für alle Schularten, Bildungsgänge und Kompetenzstufen. „An Bayerns Schulen wird die individuelle Förderung durch strukturelle und schulorganisatorische Maßnahmen künftig noch weiter vertieft“, kündigt der Minister an.

Flexible Grundschule - Schullaufbahn individuell gestalten

Nun hat die Stiftung Bildungspakt Bayern gemeinsam mit dem Kultusministerium das Projekt „Flexible Grundschule“ initiiert: Die ersten beiden Jahrgangsstufen der bayerischen Grundschule sollen in einer flexiblen Eingangsstufe mit jahrgangskombinierten Klassen organisiert werden. „Wir wollen die Grundschule im Freistaat künftig noch stärker als bisher auf das einzelne Kind hin abstimmen“, sagt Kultusstaatssekretär Dr. Marcel Huber, der auch Vorstandsvorsitzender der Stiftung Bildungspakt Bayern ist. „Das erste schulische Angebot wollen wir optimal an die individuelle Entwicklung der Schülerin und des Schülers anpassen“. Dieses Angebot können die Schüler entsprechend ihrer Entwicklung und ihrer Lernvoraussetzungen in individuellem Tempo zwischen einem und drei Jahren durchlaufen. Die unterschiedliche Verweildauer in der Eingangsstufe soll dabei keine Auswirkungen auf die Schulpflicht haben. Sie ist deshalb auch nicht mit dem traditionellen Wiederholen einer Jahrgangsstufe oder dem Überspringen gleichzusetzen. Am Ende der Eingangsstufe soll gewährleistet sein, dass jedes Kind, ob nach einem, zwei oder nach drei Jahren, flüssig lesen und schreiben kann sowie die Grundrechenarten im Zahlenraum bis 100 beherrscht. Die Grundschulzeit dauert damit zwischen drei und fünf Jahren.

„Die Startblöcke unserer Schülerinnen und Schüler stehen beim Eintritt in die Grundschule nicht alle nebeneinander an der Startlinie. Manche stehen bereits ein paar Meter weiter vor der Linie, andere ein paar Meter dahinter“, so Huber. Die Grundschule müsse dies berücksichtigen und das erste schulische Angebot optimal an die Startposition des jeweiligen Kindes anpassen. Im September 2010 begann die konkrete Arbeit an 20 Modellschulen. Die Modellphase ist auf vier Jahre angesetzt. In jedem Regierungsbezirk Bayerns wird mindestens eine Schule am Modellversuch beteiligt – von Hof über München bis Mindelheim, von Hösbach über Nürnberg bis Straubing.

Vielfältig differenziertes Schulwesen

Nach der Grundschule erlaubt die Förderung der Schüler in verschiedenen Schularten eine auf die jeweiligen Begabungen, Neigungen und Bildungsziele zugeschnittene Förderung der Schüler in relativ leistungshomogenen Lerngruppen. Die individuelle Förderung ist ein fester Bestandteil der Unterrichtsorganisation in den verschiedenen Schularten. Möglich wird dies durch eine Differenzierung
wie beispielsweise in der Haupt- bzw. Mittelschule mit dem M-Zug, den Praxisklassen und den berufsorientierenden Zweigen (Technik, Wirtschaft, Soziales) oder eine Differenzierung an der Realschule in den Wahlpflichtfächer- gruppen nach der 7. Klasse sowie die vier Ausbildungsrichtungen am Gymnasium.

Initiative „Realschule 21“

Die bayerische Realschule schlägt eine Brücke zwischen Theorie und Praxis und fördert dabei individuell. Ein Blick auf die Realschul-Absolventen zeigt: Zwei Drittel ergreifen einen Ausbildungsberuf, rund ein Drittel der Schüler beschreitet einen Bildungsweg bis hin zur Hochschule. „Das pädagogische Konzept der Realschule funktioniert“, erläutert Kultusminister Spaenle. „Aber die Bildungslandschaft erlebt zugleich eine große Dynamik: Die Eingangsvoraussetzungen für zukunftsfähige Ausbildungsberufe werden anspruchsvoller“, so Spaenle. Die Berufliche Oberschule (FOS/BOS) biete etwa einen attraktiven, an der Berufspraxis orientierten Weg zur Hochschule. Zudem können Techniker und Meister unter bestimmten Voraussetzungen ohne zusätzliche Qualifikation ein Studium an einer Hochschule aufnehmen. Anspruchsvolle Ausbildungsberufe und vor allem der Übertritt an die Berufliche Oberschule werden zu einem überwiegenden Anteil von Realschul-Absolventen genutzt. Das heißt, die Realschule ist die wichtigste Zubringer-Schule für den berufsbildenden Weg zur Hochschule. Darin liegt ihr Alleinstellungsmerkmal. „Mit der Initiative „Realschule 21“ wird diese gute Position weiter ausgebaut. Die Realschule muss Schritt halten mit den Entwicklungen in ihrem Umfeld und ihre Stellung im Gesamtgefüge des gegliederten Schulsystems neu positionieren“, kündigt Spaenle an.

Für die „Realschule 21“ ergeben sich folgende Handlungsfelder:

  • Weiterentwicklung des Unterrichts, denn die Anforderungen an die Kompetenzen der Absolventen verändern sich, insbesondere in den Bereichen Sprache, mathematischnaturwissenschaftliche und wirtschaftliche Bildung. Realschulen mit sehr guten Erfolgen im MINT-Bereich werden daher in Netzwerken mit anderen Schulen eine Vorreiterfunktion übernehmen, um die begabungsgerechte
  • Förderung von Schülern zu intensivieren. Daneben wird das Bildungsangebot in den Fremdsprachen durch die Einrichtung bilingualer Züge, die Fremdsprache Spanisch als Ergänzung zu Französisch sowie durch Zusatzangebote in anderen Fremdsprachen erweitert, um die Anschlussfähigkeit zu Bildungsgängen mit höherwertigen Bildungsabschlüssen zu optimieren.
  • Schnittstellen, denn die Realschule ist eine offene Schulart, die Übergänge von bzw. zu anderen Schularten aktiv begleitet und auf diese Weise individuell Sorge für gelingende Bildungsbiographien trägt. Dies geschieht durch intensive Zusammenarbeit von aufnehmenden und abgebenden Schularten.
  • Gezielte Beratung der Eltern und Schüler als individuelle Entscheidungshilfe für eine passgenaue Bildungsbiographie.

Der Qualitätsentwicklungsprozess „Realschule 21“ startet im Schuljahr 2010/11. Gemeinsam mit dem Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung schnürt das Kultusministerium ein erstes Maßnahmenpaket in allen Handlungsfeldern. Künftig erproben Realschulen an acht Standorten mit eng benachbarten Fachoberschulen, wie durch die aktive Begleitung des Übergangs von Realschulabsolventen an die Fachoberschule die Anzahl der Hochschulzugänge über diesen Weg gesteigert werden kann.

Kooperationsmodell: Wirtschaftsschule mit der Haupt-/ Mittelschule

Das Kultusministerium startet zum Schuljahr 2010/11 einen Schulversuch, bei dem die dreijährige Form der Wirtschaftsschule mit der Mittelschule kooperiert. Dabei soll die Durchlässigkeit zwischen den Bildungsgängen beider Schularten gestärkt und die Zahl der mittleren Schulabschlüsse erhöht werden. Das wichtigste Ziel: Die individuellen Chancen der Jugendlichen auf Ausbildungsstellen zu verbessern. Haupt-/Mittelschüler, die einen Ausbildungsberuf im Bereich Wirtschaft und Verwaltung anstreben, können damit gezielt, begabungsgerecht und profilorientiert gefördert werden. Voraussetzung für das Kooperationsmodell ist, dass beide Schularten eigenständig bleiben.

Das neue Modell bietet den Schülern im Gebäude der Hauptschule ein dreijähriges Angebot und vermittelt einen mittleren Schulabschluss (Wirtschaftsschulabschluss). Ferner können interessierte Haupt-/Mittelschüler an profilbildenden Unterrichtsangeboten der Wirtschaftsschule teilnehmen und ein Zertifikat erwerben. Den allgemein bildenden Unterricht übernehmen Lehrkräfte der Hauptschule, während Lehrkräfte der Wirtschaftsschule die wirtschaftskundlichen Fächer unterrichten. Die beteiligten Schularten können zusammen Intensivierungs- kurse konzipieren und anbieten, z. B. zur Deutschförderung, in musischen Fächern und im Bereich Sport sowie in Wahlfächern. Auch außerhalb des Unterrichts ist eine Zusammenarbeit möglich, wenn Fachräume und Sportanlagen vereint genutzt werden und die Ausgestaltung des Schullebens gemeinsam erfolgt.

Förderung von starken und schwächeren Schülerinnen und Schülern

Die Förderung besonders begabter Schüler erfolgt in Bayern beispielsweise mit der „Talentklasse“ als Modellversuch an Realschulen und den Hochbegabten- klassen am Gymnasium. Es gibt doppelqualifizierende Angebote an Berufs- und Berufsfachschulen sowie Zusatzangebote, Wahlunterricht, freiwillige Arbeits- gruppen, Pluskurse, Wettbewerbe, Frühstudium, Kooperationsmodelle mit Hochschulen, schulübergreifende Anreicherungsprogramme, „Schülerakademien“ und Ferienseminare für vielseitig begabte Schüler. Unterstützung wird auch im Rahmen der individuellen Förderung an der Mittelschule, mit Förderunterricht an der Realschule oder durch Intensivierungsstunden am Gymnasium gewährleistet.

Ein besonderes Handlungsfeld ist die individuelle Förderung von Kindern und Jugendlichen mit Migrationshintergrund beispielsweise für Hauptschüler mit ergänzender bildungssprachlicher Deutschförderung oder die Förderung besonders begabter Schüler mit Migrationshintergrund durch Stipendiaten- programme wie „Talent im Land“ oder ein Berufsintegrationsjahr der Berufsschule. Daneben gibt es die geschlechtersensible Förderung mit Formen differenzierter Koedukation und einem Performance-Wettbewerb zu Rollenbildern.

Die individuelle Förderung ist ein wichtiges Leitprinzip der Bildungsarbeit in Bayern. Sie wird bereits heute in vielfältiger Weise von den bayerischen Schulen verwirklicht und dient als Leitlinie bei der Weiterentwicklung des bayerischen Schulwesens.

Stiftung Bildungspakt Bayern

Stiftung Bildungspakt Bayern

Die Stiftung ist eine Private-Public-Partnership zwischen dem Bayerischen Kultusministerium und
138 namhaften Wirtschaftsunternehmen. Zweck der Stiftung ist die Förderung und Etablierung moderner Unterrichtsmethoden und neuer Formen des Lernens an Bayerns Schulen. In den vergangenen zehn Jahren hat sich die Stiftung in zahlreichen Großprojekten wie z. B. MODUS 21 oder KidZ für die Schulentwicklung an Bayerns Schulen engagiert. Seit ihrer Gründung im Oktober 2000 wurden knapp 200 Einzel- und Großprojekte unterstützt. Seit September 2009 fördert die Stiftung die „Flexible Grundschule“.

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