Immaterielles Kulturerbe Zehn Traditionen und Bräuche in bayerische Landesliste aufgenommen

Die Tölzer Leonhardifahrt: Ein prächtiges Schauspiel vor großer Kulisse
Die Tölzer Leonhardifahrt: Ein prächtiges Schauspiel vor großer Kulisse

Von der Leonhardifahrt über das Flechthandwerk bis zum Zwiefachen: Zehn weitere Traditionen und Bräuche werden in die bayerische Landesliste des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Eine besondere Würdigung.

Kultusminister Dr. Ludwig Spaenle
Kultusminister Dr. Ludwig Spaenle

Kunstminister Dr. Ludwig Spaenle: „Bayern ist ein Kulturstaat mit einer Vielzahl an lebendigen Traditionen wie Musik, Tanz, Bräuchen, Festen und Handwerkstechniken, die unsere Gesellschaft prägen und bereichern. Das dokumentieren wir mit dem Eintrag in das Bayerische Landesverzeichnis des immateriellen Kulturerbes, das wir im vergangenen Jahr eingerichtet haben.“

Aufgenommen werden folgende Traditionen und Bräuche:

Feldgeschworenenwesen in Bayern

Das Amt der Feldgeschworenen ist seit dem späten Mittelalter belegt (in Fürth werden sie beispielsweise 1426 erstmals urkundlich erwähnt) und stellt damit das womöglich älteste kommunale Ehrenamt in Bayern dar. Gruppen von typischerweise sieben Feldgeschworenen („Siebener“ genannt) wachen bereits seit Jahrhunderten über die Einhaltung von Grundstücksgrenzen und sorgen durch Grenzsteinsetzung für deren Sichtbarkeit.

Osingverlosung

Der Osing ist eine gemeindefreie Hochfläche von 274 ha im Landkreis Neustadt/Aisch-Bad Windsheim. Seit mehr als 550 Jahren existiert die genossenschaftliche Praxis, den gemeinschaftlichen Besitz durch ein genau festgelegtes Losverfahren in festen Abständen neu unter den bäuerlichen Rechteinhabern zu verteilen.

Flechthandwerk

Flechten ist die manuelle Fähigkeit, Materialien miteinander zu verbinden, um eine in sich stabile Struktur zu schaffen. Das Flechten zählt zu den ältesten handwerklichen Techniken der Menschheit und ist weltweit verbreitet. Besondere Bedeutung hat diese Handwerkstradition in den oberfränkischen Flechthandwerkszentren Lichtenfels und Michelau.

Georgiritt und historischer Schwerttanz Traunstein

Der Georgiritt in Traunstein findet jeweils am Ostermontag statt und führt zum Ettendorfer Kircherl, wo Pferde und Reiter gesegnet werden. Nach der Rückkehr der Reiterprozession findet am Stadtplatz in Traunstein in spielerischer Form ein historischer Schwerttanz statt.

Mal-, Fass- und Vergoldetechniken des Kirchenmalers

Die traditionellen Handwerkstechniken des Kirchenmalers sind in ihrer dekorativen Oberflächengestaltung aus Kirchen, Schlössern und anderen repräsentativen Bauten in Deutschland nicht wegzudenken. Es gibt dabei drei große Bereiche: Dazu gehören die Gestaltung von Wandflächen, die Imitation von edlen und kostbaren Materialien sowie die Verarbeitung von Blattmetallen und Metallpulvern.

Sennfelder und Gochsheimer Friedensfest

Das Friedens- und Freudenfest in Sennfeld und Gochsheim geht auf die Wiedererlangung der Reichsfreiheit im Jahre 1649 zurück, die die beiden Dörfer im Dreißigjährigen Krieg verloren hatten. In Gochsheim wird das seit 1650 belegte Friedensfest von Anfang an zusammen mit der Kirchweih gefeiert. Ein analoges Fest ist in Sennfeld ab 1705 belegt.

Spitzenklöppeln im Oberpfälzer Wald

Beim Klöppeln handelt es sich um eine seit dem 16. Jahrhundert belegte textile Technik zur Spitzenerzeugung, die sich als Hausindustrie etabliert hat. Insbesondere in den Gemeinden Schönsee, Stadlern und Tiefenbach – im Oberpfälzer Wald nahe der Grenze zur Tschechischen Republik gelegen – ist das Spitzenklöppeln eine seit dem 19. Jahrhundert von Generation zu Generation weitergegebene handwerkliche Praktik.

Tölzer Leonhardifahrt

Die Bad Tölzer Leonhardifahrt ist eine alljährlich am 6. November durchgeführte Prozession zu Pferd zu Ehren des Heiligen Leonhard, deren Tradition nachweislich bis 1772 zurückreicht. Über 80 Vierergespanne mit prächtig geschmückten Wägen nehmen an dem Zug hinauf zum Kalvarienberg teil.

Wunsiedler Brunnenfest

Zum Johannistag (24. Juni) schmücken die Brunnengemeinschaften in Wunsiedel alljährlich die öffentlichen Brunnen der Stadt mit Blumen und Lichtern. Am zugehörigen Wochenende findet ein Stadtfest statt, bei dem Bevölkerung und Gäste von Brunnen zu Brunnen ziehen und gemeinsam feiern.

Zwiefacher

Der Zwiefache ist eine überlieferte, typisch bayerisch-böhmische Musikgattung, die sowohl musiziert, getanzt als auch gesungen wird. Seine Besonderheit besteht im unregelmäßigen Wechsel zwischen Dreivierteltakt (Walzer) und Zweivierteltakt (Dreher).

Ferner finden zwei Initiativen, die sich in besonderer Weise um den Erhalt des immateriellen Kulturerbes verdient machen, Eingang in ein – analog zur internationalen und nationalen Ebene – neu geschaffenes „Bayerisches Register Guter-Praxisbeispiele der Erhaltung des immateriellen Kulturerbes“:

Flurnamen und Hausnamen in Bayern

Die tradierten Flurnamen und Hausnamen in Bayern sind sprachlicher Ausdruck einer Beziehung der Menschen zur Landschaft sowie zur sozialen Struktur ihrer Heimat. Sie waren im gesamten Freistaat eine der wichtigsten sprachlichen Orientierungshilfen im ländlichen Raum und besitzen diese Funktion teilweise immer noch.

Bewahrung und Förderung der traditionellen Spezialitätenvielfalt in Oberfranken (Verein „Genussregion Oberfranken e.V.“)

In Oberfranken gibt es eine große Fülle kulinarischer Besonderheiten, mit denen häufig sorgsam gepflegte Bräuche und ihre kreative Weiterentwicklung verbunden sind. Die kulinarische Identität ist nicht nur ein Stück Geschichte, sondern allseits gepflegte kulturelle Gegenwart und Teil der Identität der Menschen. Der Verein „Genussregion Oberfranken“ und die Handwerkskammer für Oberfranken dokumentieren dieses kulinarische Erbe übergreifend.

Spaenle: „Mit dem ,Bayerischen Register Guter-Praxisbeispiele zur Erhaltung des immateriellen Kulturerbes‘ können nunmehr auch in Bayern vorbildhafte Projekte deutlich sichtbar gewürdigt werden.“

Die Begutachtung aller eingegangenen Bewerbungen nahm ein achtköpfiges Expertengremium unter Leitung des Regensburger Kulturwissenschaftlers Prof. Daniel Drascek vor - nach den maßgeblichen Kriterien des UNESCO-Übereinkommens - wie z.B. Alter, Wandel und Tradierung, Inhalt, Trägergruppe, Bedeutung, Erhalt, Gefährdung sowie Kommerzialisierung.

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