Weiterentwicklung des Gymnasiums Bayerischer Ministerrat beschließt Konzept

Erfolgreiche Schulart: Das bayerische Gymnasium bietet Schülerinnen und Schülern schon jetzt sehr gute Rahmenbedingungen
Erfolgreiche Schulart: Das bayerische Gymnasium bietet Schülerinnen und Schülern schon jetzt sehr gute Rahmenbedingungen

LehrplanPLUS, Lehrerbildung, zeitgemäße Gymnasialpädagogik und individuelle Lernzeit: Der Ministerrat hat die Weichen zur Weiterentwicklung des bayerischen Gymnasiums gestellt. Der Baustein "Mittelstufe Plus" wird nun ab dem Schuljahr 2015/16 in einer 2-jährigen Pilotphase erprobt.

Das Gymnasium ist heute beliebter denn je: Knapp 40 Prozent eines Schülerjahrgangs treten auf das Gymnasium über. Neben der erfolgreichen Arbeit der Gymnasien belegt diese Zahl zugleich einen Trend, den erfahrene Pädagogen aus ihren Klassenzimmern kennen: Die Heterogenität der Schülerschaft hat in den letzten Jahren deutlich zugenommen – und mit ihr auch unterschiedliche Erwartungen, die Gesellschaft, Eltern und Schüler an das Gymnasium richten. Aktuelle Themen wie Ganztag, Inklusion oder Demographie sind weitere Herausforderungen, denen sich das Gymnasium heute stellen muss.

Gymnasium im 21. Jahrhundert

Um für das 21. Jahrhundert fit zu sein, muss sich das bayerische Gymnasium daher kontinuierlich weiterentwickeln. Angesichts der Heterogenität der Schülerschaft wirkt dabei der Gedanke einer einheitlichen Lernzeit für alle – sei es in acht oder neun Jahren – überholt. Das hat auch der breit angelegte, ergebnisoffene Dialogprozess zur Weiterentwicklung des Gymnasiums gezeigt, zu dem Kultusminister Dr. Ludwig Spaenle seit dem Frühjahr zahlreiche Gesprächspartner aus Schule, Gesellschaft, Wirtschaft, Kirche und Politik eingeladen hatte. „Was wird gelernt?“ und „Wie wird gelernt?“ haben sich dabei als Fragen erwiesen, die als nochwichtiger eingeschätzt werden als „Wie lange wird gelernt?“. Das Konzept zur Weiterentwicklung des Gymnasiums beruht dabei auf vier Säulen:

  • Lehrplan: neue Lehrplangeneration "Lehrplan PLUS"
  • Lehrerbildung
  • Zeitgemäße Gymnasialpädagogik
  • Individuelle Lernzeit

Der neue Lehrplan PLUS, der für das Gymnasium derzeit entwickelt wird, soll zukunftsorientiert beantworten „Was und wie wird gelernt?“. Denn der Fokus liegt hier nicht nur darauf, was die Schülerinnen und Schüler am Ende wissen, sondern vor allem auch darauf, was sie am Ende können. Kompetenzorientierung lautet das Schlagwort, das bis in die tägliche Unterrichtsgestaltung hineinwirkt und so die neue Lernkultur am Gymnasium unterstützt. Der modernste Lehrplan bleibt freilich wirkungslos ohne die, die ihn in täglicher Interaktion mit den Schülerinnen und Schülern engagiert umsetzen: die Lehrerinnen und Lehrer. Daher soll auch künftig gewährleistet sein, dass die Lehrkräfte an den bayerischen Gymnasien eine fundierte wissenschaftliche, aber auch praxisnahe Ausbildung erfahren, die die Grundlage für hochwertigen Unterricht auf gymnasialem Anspruchsniveau bildet.

Auch die Einbeziehung aktueller pädagogischer Herausforderungen in alle Phasen der Lehrerbildung – einschließlich der Lehrerfortbildung – stellt sicher, dass gymnasialer Unterricht auch in Zukunft stets „auf der Höhe der Zeit“ bleibt. Dieser Anspruch schlägt sich auch in der dritten Säule nieder: Bereits heute verfügen die bayerischen Gymnasien über ein breites pädagogisches Grundinstrumentarium, das zahlreiche innovative Ansätze umfasst. Darauf aufbauend sollen künftig verstärkt neue pädagogische Spielräume erschlossen werden – auch, um die Schülerinnen und Schüler ein Stück weit zu entlasten. Dies kann durch die Unterrichtsgestaltung ebenso wie durch die Unterrichtsorganisation erfolgen, etwa wenn einzelne Fächer epochal – also abschnittsweise – oder in Doppelstunden unterrichtet werden oder wenn in Gestalt neuer Formen der Leistungserhebung eine modernere Prüfungskultur Einzug hält. Diese Ansätze werden weiter optimiert, um auch in der Fläche zum Einsatz zu kommen.

Individuelle Lernzeit

Kultusminister Dr. Ludwig Spaenle
Kultusminister Dr. Ludwig Spaenle

Die Frage nach der Dauer der Lernzeit bildet schließlich den vierten Teil des pädagogischen Gesamtpakets. Grundsätzlich wird an den Gymnasien durch das Konzept der Ganztagsschule mehr Lernzeit für die Schüler geschaffen.
Mit einem durchdachten Ganztagsmodell kann der Stundenplan rhythmisiert und mit individuellen Fördermaßnahmen angereichert werden. Insbesondere bei gebundenen Ganztagseinrichtungen ist es möglich, Ruhezeiten, Wiederholungs-, Übungsund Vertiefungsphasen sowie Wahlangebote z.B. im naturwissenschaftlichen oder musischen Bereich in den Stundenplan zu integrieren.

Ganztagsangebote sind weit mehr als nur ein Betreuungselement zur Unterstützung junger Familien. Sie sind in erster Linie ein Ansatz zur Erhöhung der pädagogischen Qualität unserer Schulen, indem die individuelle Förderung und die Nachhaltigkeit des Lernens gestärkt werden. Aus diesem Grund sind rhythmisierte Ganztagsangebote in gebundener Form ein wichtiger Baustein des neuen Konzepts zur Weiterentwicklung des Gymnasiums. Sie werden bedarfsgerecht ausgebaut. Damit geht die Möglichkeit einher, sie von der Unter- in die Mittelstufe hinein fortzuführen.

Mittelstufe Plus

Zudem ist die Möglichkeit vorgesehen, die Mittelstufe künftig statt in drei in vier Jahren durchlaufen zu können - anders als beim „Flexibilisierungsjahr“ jedoch in einem gerade in dieser Altersstufe so wichtigen Klassenverband. In dieser vom Ministerrat beschlossenen „Mittelstufe Plus“ wird ein Zusatzjahr eingeschoben, das zu einer Dehnung des Stoffes in Kernfächern (z.B. in Deutsch und Mathematik) und einer der verlängerten Lernzeit angepassten Fächer- und Stundenzahl pro Schuljahr führt: „Die Einheit des bayerischen Gymnasiums mit seinem auf acht Jahre angelegten Stoffumfang bleibt auf jeden Fall gewahrt“, betont Kultusminister Dr. Ludwig Spaenle. „Vielmehr lösen wir mit diesem pädagogischen Herangehen an die Lernzeitfrage den Gegensatz zwischen acht und neun Jahren auf.“

Konzipiert ist die „Mittelstufe Plus“ für Schülerinnen und Schüler mit entsprechendem pädagogischen Bedarf – sei es, weil sie mehr Zeit benötigen, um sich den Stoff zu erschließen und sich die erforderlichen Kompetenzen zu erarbeiten, sei es, weil sie besondere Talente ausprägen wollen oder ein Auslandsjahr planen. Rhythmisierte Ganztagszüge sind Alternativangebote zur individuellen Gestaltung von Lernzeit.
Während einige Aspekte des Konzepts – etwa die Weiterentwicklung der Gymnasialpädagogik – zeitnah angegangen werden können, soll die „Mittelstufe Plus“ zunächst in einer zweijährigen Pilotphase an ausgewählten Gymnasien erprobt werden.

Zweijährige Pilotphase erprobt Baustein der Mittelstufe Plus

Die nächsten Schritte der Pilotphase konkretisiert Minister Spaenle: „Bei pädagogischem Bedarf sollen Schülerinnen und Schüler die ‚Mittelstufe Plus‘ nutzen können.“ Die Nachfrage und die  Gestaltungsmöglichkeiten in der Mittelstufe werden in der Pilotphase mit den Schulen praxisorientiert ermittelt. Die Klassenbildung erfolgt auch bei der „Mittelstufe Plus“ im Rahmen des regulären Budgets. Hinsichtlich der personellen Ressourcen für die „Mittelstufe Plus“ gilt, dass Mehrbedarfe v. a. dann entstehen (und ausgeglichen) werden, wenn die Schülerinnen und Schüler der ersten „Plusklassen“ in ihr 13. Schuljahr eintreten.

Auf die zweijährige Pilotphase legt der Minister besonderes Gewicht: „Nicht zuletzt im Interesse der Schülerinnen und Schüler möchte ich keinen Schnellschuss, sondern ein ausgereiftes, in der Praxis bereits bewährtes Konzept anbieten.“ Anschließend könnten die Schulen selbst entscheiden, ob sie die „Mittelstufe Plus“ einführen oder nicht. Angesichts des breit aufgestellten Maßnahmenpakets blickt der Minister zuversichtlich in die Zukunft: „Ich bin mir sicher: Mit unserer Weiterentwicklung ist das bayerische Gymnasium fit für das 21. Jahrhundert.“

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