Ungarn

Schülerinnen und Schüler berichten über ihr Auslandsjahr in Ungarn:

Allgemeines und Motivation

Der Abschied von meinen Freunden und Familie war nicht so schmerzhaft, wie gedacht. Zu wissen, dass man immer die Möglichkeit hat eine kurze Nachricht zu schreiben oder ab und zu mal zu skypen, macht den Gedanken, sich für ein ganzes Jahr nicht zu sehen gleich viel erträglicher, sowohl für meine Lieben in Deutschland als auch für mich.

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Und warum Austausch? Austausch, weil man selbst offener wird. Weil man seine Vorurteile über andere Länder und Menschen verliert und Andere über dich und dein Land. Weil Austausch verbindet. Während eines Austausches denkt man nach. Die ganze Zeit. Über alles. Darüber wie all diese Leute reagieren, wenn du sie zum ersten Mal siehst. Darüber wie sie reagieren, wenn du sie wiedersiehst. Darüber, ob die Jungs neben dir jetzt über etwas lachen, was du getan, oder gesagt hast, oder nur über einen Witz, den du mal wieder nicht verstanden hast. Darüber, wie man wohl in dem Mathetest abgeschnitten hat, obwohl deine Noten nicht zählen. Darüber ob man nicht gerade furchtbar unfreundlich war, obwohl man das gar nicht vorhatte. Darüber, was man heute Nachmittag nur unternehmen soll und darüber wie man es schafft all die vielen Dinge zu tun, die man gerne machen möchte. Darüber, ob es nicht ziemlich verrückt ist, einfach ein Jahr an einem unbekannten Ort zu verbringen, mit Leuten, die man noch nie zuvor gesehen hat und darüber, wie man nur jemals wieder zurück gehen kann, und den Ort verlassen, der dein Zuhause geworden ist und all die Menschen, die deine Familie und deine Freunde geworden sind.  Während eines Austausches fühlt sich alles an wie das erste Mal. Das erste Mal in die Schule gehen. Der erste Satz und das erste Gespräch in einer neuen Sprache. Das erste unbekannte Gericht. Der erste Regen. Das erste Gewitter. Das erste Mal einkaufen gehen. Das erste Mal in einem Restaurant bestellen. Das erste Mal mit einer anderen Währung bezahlen. Das erste Mal in einem neuen Bett schlafen. Die erste Party. Die ersten Ferien. Das erste Mal nach Hause kommen.
Während eines Austausches fühlen sich auch kleine Dinge an wie ein Riesenerfolg. Wenn man verstanden hat ,worum es in dem Gespräch gerade ging. Wenn man einen grammatikalisch richtigen Satz zustande gebracht hat. Wenn man im Restaurant für einen Einheimischen gehalten wird. Wenn man eine gute Note in einem Test geschrieben hat. Wenn man endlich mal alles richtig gemacht hat.


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Ein Austauschjahr beginnt lange vor der Abreise am Flughafen. Es beginnt in dem Moment, in dem man sich entscheidet, einen Austausch zu machen. Wenn man beginnt, sich auf das „große Abenteuer“ vorzubereiten. Man packt seine Koffer, füllt stapelweise Dokumente aus und hetzt von einem Büro zum Nächsten um noch rechtzeitig alle nötigen Papiere zu bekommen, packt den Koffer wieder aus, da er doch zu schwer war und sitzt ratlos vor einem riesigen Stapel Klamotten und fragt sich, was man den jetzt für ein Jahr alles einpacken soll. Man wartet ängstlich und sehnsüchtig auf Briefe, die entschieden, wo man denn jetzt letztendlich landet, kauft Gastgeschenke für eine noch unbekannte Familie und Abschiedsgeschenke für Familie und Freunde in Deutschland. Aber was ich vor meinem Austauschjahr hauptsächlich gemacht habe, war immer und immer wieder die gleichen Fragen zu beantworten. Wo gehst du hin? Und Warum? Die Antworten darauf fielen auch immer ähnlich aus. Austausch? Cool! Ungarn? Naja. Was willst du denn da? Das ist doch nur irgend so ein Land in Osteuropa, das größtenteils aus Puszta besteht, die Menschen essen da die ganze Zeit Gulasch und zu jedem Essen Paprika und Ungarisch ist eine der schwersten Sprachen der Welt, die niemand sonst spricht, also vollkommen unnötig zu lernen. Und dann auch noch für ein ganzes Jahr? Auch wenn ich das nie so direkt gesagt bekommen habe, bin ich mir ziemlich sicher, dass sich die Meisten das zumindest so ähnlich gedacht haben.

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Und jetzt bin ich in Ungarn, wo die Puszta Alföld heißt, da Puszta das ungarische Wort für Wüste oder Einöde ist und hauptsächlich als Nationalpark existiert. Ungarn, wo die Leute auch nicht wirklich mehr Paprika essen als in Deutschland und das Gulasch eine Suppe ist. Mit einer Sprache, die außer entfernt mit Finnisch und Estnisch mit fast keiner anderen auf der Welt verwandt ist, aber eigentlich gar nicht so schwer zu lernen ist.

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Also warum Ungarn? Ungarn, weil die Menschen so viel freundlicher und offener sind, das Essen fantastisch schmeckt, die Sprache wunderschön und nicht unmöglich zu lernen ist und man hier so viel mehr entdecken kann als nur Puszta.

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Ungarn ? Wieso Ungarn? Das haben mich viele Freunde vor, während und nach meinem Austauschjahr gefragt. Ich weiß es bis heute nicht genau, warum ich mich letztendlich für Ungarn entschieden habe, doch ich weiß, dass es die richtige Entscheidung war.

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Da ich bereits so viele Male in meinen Ferien in Ungarn war und nie wirklich Gelegenheit hatte, ungarisch zu lernen, da dort immer alle deutsch mit mir gesprochen haben, habe ich Ungarn mit auf meine Liste gesetzt.

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Am Anfang war ich zugegebener Maßen etwas enttäuscht, dass es nicht in die weite Ferne, sondern „nur" nach Ungarn ging, doch das ging bald vorüber, als mir bewusst wurde, dass dies eine einmalige Chance war, ein Land, das eigentlich sehr nahe an Deutschland liegt, und von dem wir doch so wenig wissen, näher kennenzulernen. Und ich bereue es nicht im Geringsten, dass ich nun hier bin.

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Seit gut drei Monaten bin ich nun Austauschschülerin in Ungarn. Und ich habe es an noch keinem einzigen Tag bereut, dieses Land anstelle der USA, Frankreich oder anderen „Klassikern” gewählt zu haben.

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Ein Jahr Ungarn. Oft wurde ich gefragt, was ich mir davon erhoffte, warum ich denn ins Ausland gehe. Manchmal kamen auch Fragen wie „Gefällt es dir denn hier nicht mehr?" Natürlich gefällt es mir in meiner Heimat sehr gut, und selbst nach einem Jahr kann ich immer noch nicht wirklich sagen was mich persönlich dazu veranlasste, mein Auslandsjahr anzutreten. Vielleicht die Chance, eine neue Sprache zu erlernen? Die vielseitigen Erfahrungsmöglichkeiten? So vieles Anderes, von dem ich ehemalige Austauschschüler habe berichten hören? Das alles mag sein, aber ich weiß nur sicher, was ich in diesem einem Jahr gefunden habe. Ich habe eine weitere Familie gewonnen, zu der ich immer wieder zurückkehren kann und die auch mich in Zukunft sicherlich in Deutschland besuchen wird. Ich habe Freundschaften geschlossen mit Jugendlichen anderer Nationalität und anderer Kultur, auch wenn wir nicht die gleiche Sprache sprachen, und ich habe mich mit Austauschschülern aus den verschiedensten Ländern anfreunden können. Ich habe Freundschaften geschlossen, die hoffentlich ein ganzes Leben lang halten werden.

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In Ungarn wurde alles ganz anders als ich es mir immer ausgemalt habe: Es wurde viel besser. Es ist nicht möglich, ein Jahr im Voraus zu planen, vor allem nicht, wenn man dieses in einem fremden Land, einer fremden Kultur und einer neuen Familie verbringen wird.

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Mir gefällt es in Ungarn sehr gut. Die Leute sind sehr freundlich, das Essen ist ausgezeichnet und die Landschaften traumhaft.

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Durch ein einziges kleines Wort in meinem Leben hat sich alles verändert! Das Wort JA! Ja zu sagen, zu Neuem, zu etwas, das man nicht kennt, etwas zu wagen, was sich so viele andere Menschen nicht trauen, etwas zu riskieren ohne das man etwas verliert!

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Es viel mir sehr schwer, alles in Deutschland loszulassen, weil ich Angst hatte, alles zu verlieren, was ich mir seit meiner Kindheit aufgebaut habe! Doch kaum war der erste Monat herum, bemerkte ich, dass es ein Irrtum war! Ich hatte Nichts verloren, keine Freunde, kein zu Hause - ganz im Gegenteil ich habe ich viel mehr gewonnen als verloren! Ich habe ein neues, zweites Leben dazu gewonnen - in einem neuen Land, eine neue Familie. Ich beherrsche schon fast eine weitere Sprache und ich habe Freunde - und das erste Mal in meinem Leben Geschwister, die ich über alles liebe!

Ankunft im Gastland

Die Ankunft in Ungarn war total überwältigend. Alles in einer unbekannten Sprache, alles sieht anders aus. Der Gedanke, dass wir am Ende des Jahres fähig sein werden, zu verstehen was all diese Schilder am Flughafen bedeuten war unfassbar. Aber es ist gut dass man die ersten Tage mit allen anderen Austauschschülern verbringt. Sich über alle ersten Eindrücke und Meinungen mit Leuten aus aller Welt, die dasselbe Ziel haben, auszutauschen war eine große Hilfe. Als wir dann von unseren Gastfamilien abgeholt wurden, war das für alle von uns ein spannender Moment! Wir durften endlich unsere Familien kennenlernen, bei denen wir für das restliche Jahr leben würden.

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Bei meiner Ankunft in Budapest haben mich meine Gasteltern und drei meiner Gastschwestern herzlich empfangen. Ich habe mich von Anfang an mit Ihnen allen sehr gut verstanden (von groß bis klein). Dazu gehörten mein kleinerer Gastbruder, meine drei älteren Gastschwestern, meine Gasteltern und alle anderen Familienmitglieder wie Großeltern, Tanten usw.

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Von Frankfurt aus ging es dann auch gemeinsam mit einer Reisebegleiterin weiter, mit der wir Austauschschüler uns alle sehr gut verstanden haben. Jede und jeder von uns hatte eine andere Art diesen Flug von Frankfurt nach Budapest zu verbringen. Und dann waren wir endlich in Budapest, dem Ende unserer eigentlich ziemlich kurzen Reise und am Beginn des wahrscheinlich erlebnisreichsten Jahres unseres Lebens. Als wir das Flughafengebäude verließen, erlebten zumindest wir beiden aus München abgeflogenen Mädchen so etwas wie einen Temperaturschock. Wir waren in Kälte und Regen los geflogen und in Budapest erwartete uns Sommer, ohne Kälte und ohne Regen.

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Die ersten Tage verbrachten wir noch alle gemeinsam in einem Ankunftscamp. Dort bekamen wir einen kurzen Einblick in die Geschichte unseres neuen „Heimatlandes", lernten ein wenig Ungarisch und bekamen viele Tipps, die uns noch einmal gezielt auf unser Auslandsjahr in Ungarn vorbereiten sollten.

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In Budapest angekommen, ging es gleich weiter zu der dreitägigen Vorbereitungstagung, nur zehn Minuten mit dem Auto von meinem zu Hause für ein Jahr entfernt. Dort habe ich viele andere Austauschschüler aus Ländern wie Mexico, Japan, Thailand, Schweden, Finnland und anderen, kennengelernt und auch neue Freunde gefunden. Als dann endlich der Tag gekommen war an dem wir unseren Gastfamilien das erste Mal begegnen würden, waren wir alle sehr nervös. Unter anderem auch, weil wir uns alle auf Ungarisch vorstellen sollten und jeder Angst hatte irgendeinen Fehler zu machen. Nachdem wir uns vorgestellt hatten, sind wir zu unseren Gastfamilien gegangen.

Essen

Nun zum ungarischen  Essen. Dieses ist vor allem viel, fettig, süß und aus ernährungswissenschaftlicher Sicht total ungesund. Wenn man genügend Zeit hat, wird selber gekocht, besonders am Sonntag. Ein sehr wichtiger Bestanteil eines ungarischen Mittagessens ist die Suppe, nichts geht ohne Suppe. Und natürlich das Fleisch. In Ungarn wird sehr viel Fleisch gegessen.

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Das ungarische Essen ist einfach fantastisch, und selbst regelmäßige Fitnessstudiobesuche ändern nichts daran, dass man ein paar Pfunde zulegt. Vor allem weil man meistens Vorspeise, Hauptspeise und Nachspeise isst.

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Süti, das ungarische Wort für Gebäck, war schon früh fester Bestandteil meines Wortschatzes

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Alle zwei Wochen ist die ganze Familie zur Großmutter gefahren und dort haben wir uns alle mit leckerem Essen die "Bäuche vollgeschlagen". Als Vorspeise gab es immer die berühmte ungarische hús leves (Fleischbrühe mit Nudeln) - nicht wie viele meinen, die ungarische Gulaschsuppe. Danach gab es einen Hauptgang und noch einen Hauptgang mit zwei Gerichten zur Auswahl und anschließend Kuchen und frisches Obst aus dem Garten. Zu fast allen Gerichten gehört Paprika - als Pulver, als Paste, als Gemüse - gekocht, gebacken oder frisch. Vor jedem essen trinkt man Unicum, denn der macht so richtig hungrig auf die vielen Köstlichkeiten. Mit dem Obstbrand Palinka schließt man nicht nur das Essen ab, sondern heilt auch Krankheiten, wie Halsschmerzen. Zu meinem Lieblingsessen gehörte "töltött káposzta" (Kohlrouladen) mit saurer Sahne und Brot.

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Mir wurde vor meiner Abreise nach Ungarn von vielen deutschen Freunden gesagt: „Den Ungarn ist das Essen sehr wichtig.” Oder: „Lern auf jeden Fall schnell, wie man ’Ich habe keinen Hunger mehr’ sagt, sonst wirst du gemästet.” Ich war natürlich vollkommen davon überzeugt, dass das nur Vorurteile sind und diese nichts oder nur wenig mit der Realität zu tun haben – aber es stimmt. Die Ungarn reden gerne, viel und schnell. Und vor allem reden sie gerne über Essen, denn es ist ein wichtiger Bestandteil des täglichen Lebens. Das Frühstück ist meist wie in Deutschland, also Kaffee oder Tee mit Müsli oder einer Scheibe belegtem Brot. Spätestens bei meinem ersten ungarischen Mittagessen merkte ich aber, dass ich nicht mehr in Deutschland bin. Ein ungarisches Mittagessen ist ohne Suppe nicht vorstellbar. Es gibt unzählbar viele Varianten von „levesek”, zu deutsch: Suppen.

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Ein anderes Klischee, das ich leider bestätigen muss: Die Ungarn essen sehr deftig. Immer.

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Aber das ungarische Essen ist immer ein Genuss, also keine Scheu bei fremden Dingen: Probieren und genießen. Es lohnt sich.

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Etwas, das in Ungarn sehr wichtig ist, ist das Essen. Ungarn essen gerne und auch viel. Wie mir mein Gastbruder erklärte: Die ungarischen Männer habe drei Mägen, einen für das Essen, einen für das Trinken und einen für Kuchen und Nachtische. Das konnte ich sehr oft beobachten. Zu Beginn unseres Austauschjahres wurde uns angekündigt, dass wir in Ungarn auf jeden Fall zunehmen werden. Jetzt weiß ich auch warum. Die ungarische Küche ist sehr gut, aber sehr schwer und es wird viel mit Fleisch und Fett gekocht.

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Als ich in Deutschland war, war es für mich selbstverständlich, dass auf meinem Teller Gemüse lag. Mit viel Sauce, Kartoffeln, Reis oder Nudeln und oft mageres Fleisch. Was mich hier erwartete, war ganz anders! Gemüse findet man hier fast nur eingelegt wie saure Gurken oder vielleicht mal eine gekochte Karotte in einer Suppe. Sauce ist hier so als würde das gar nicht existieren eher Ketchup, Mayo oder einfach nichts. Deshalb finden auch viele Deutsche das es sehr trocken ist. Beim Fleisch isst man in Ungarn einfach alles mit. Haut, Knochen, Knorpel und zwischen drin steckt dann sogar irgendwo noch Fleisch! Einmal habe ich sogar Knochenmark probiert, was für mich vorher unvorstellbar gewesen wäre! Ich muss sagen, es stimmt Knochenmark ist wirklich lecker!

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Was von den Ungarn gar nicht wusste ist, dass sie sehr viel Suppe essen! Wenn die ganze Familie zusammen isst, dann gibt es immer Suppe als Vorspeise. Es gibt sogar Obstsuppe mit Zimtgeschmack und davon gibt es sehr viele Varianten! Und Fleischbrühe ist meine Lieblingsspeise! Die gibt es immer, wenn wir alle zwei Wochen zu meiner Gastoma zum Essen fahren. Dort trifft sich immer die ganz große Familie! Was ich allerdings sehr vermisst habe, ist Apfelmus. Das esse ich sehr gerne und das gibt es hier nicht einmal zu kaufen. Als ich Geburtstag hatte, hat meine Gastfamilie dann Apfelmus für mich selbstgemacht und ich habe mich riesig darüber gefreut!

Gastfamilie

Das erste Mal ins neue Zuhause zu kommen war schon ein bisschen komisch, alles war neu und auch viel größer als zuhause in Deutschland. Sobald ich aber die Schildchen mit ungarischen Wörtern gesehen habe, die meine Gastschwester geschrieben hatte, und die überall in meinem Zimmer, dem Wohnzimmer und der Küche hingen und nach einer herzlichen Umarmung von meiner Gastmutter, waren meine Ängste auch schon wieder verflogen.

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Die ersten Tage in meiner neuen Familie waren seltsam, ungewohnt. Und doch habe ich mich hier von Anfang an wohl gefühlt.

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Eine der ersten Fragen meiner Gastmutter war dann auch genau die Frage, die ich schon so oft in Deutschland zu hören bekommen hatte, und die mir auch hier in Ungarn immer noch ständig begegnet: Warum ein Auslandsjahr in Ungarn? Eine sehr gute Frage, doch leider habe ich keine Antwort darauf, zumindest keine die für jemand anderes als mich selbst verständlich wäre.

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Das ungarische Familienleben unterscheidet sich nicht viel von dem deutschen. Die Eltern arbeiten meistens beide, da die Gehälter in Ungarn deutlich niedriger sind als in Deutschland und das Geld für das tägliche Leben benötigt wird. Die Kinder und Jugendlichen gehen natürlich ganz normal jeden Tag in die Schule, lernen in der Regel aber mehr als deutsche Schüler, da der Unterricht wie schon erwähnt sehr anspruchsvoll ist.

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Nachdem ich meine erste Gastfamilie nach drei Monaten verlies und ab Anfang November in meiner zweiten Familie wohnte, gingen alle meine Träume in Erfüllung. Meine Gastfamilie war für mich perfekt, ich habe viele neue Geschwister bekommen, Nichten, Neffen und das wichtigste: Meine Gastmutter. Sie ist eine waschechte Ungarin, oder wie man auf ungarisch sagt „Egy igazi magyar!" Herzlich, bestimmend und immer um das Wohl ihrer Mitmenschen besorgt. Für mich war und ist das ganz wunderbar, da ich vor allem durch sie die Sprache gelernt habe.

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Die ersten unsicheren, bescheidenen Schritte in meinem neuen Zuhause. Meine Gastschwester führt mich durch das Haus. Hier die Küche, da das Wohnzimmer. Oben sind die „Kinderzimmer” und das Schlafzimmer der Eltern. Und das ist mein Zimmer. „Ich hoffe das passt so!”, sagte sie mit einer gewissen Sorge, dass es meinen Ansprüchen nicht genügen könne. Es ist fast unmöglich einen zusammenhängenden Satz über die ersten Tage in Ungarn zu schreiben, so kurzatmig waren meine Gedanken damals, völlig überwältigt von der Masse an Impressionen. Alles war neu und ich saugte es auf wie ein Schwamm. Nach kurzer Zeit verfiel ich in eine Art Hypnose: Mit einem genügsamen Dauergrinsen aß ich Dinge, die ich vorher nicht einmal angerührt hätte! (Ich war so gar kurz davor, einen Kuhmagen zu probieren).

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Es gibt eine Familie, die mir die Augen weit geöffnet hat: meine Gastfamilie. Sie setzen sich zusammen aus meiner sehr liebgewonnen Gastmutter, dem leicht cholerischen Familienvater, meinem kaum vorhandenen, kindlichen Gastbruder und schließlich meiner ständig traurigen Gastschwester. Hörte sich anfangs nicht sehr positiv an, aber im Nachhinein war es viel interessanter und lehrreicher mal bei einer etwas weniger perfekten Familie zu leben.

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Ich verbrachte mein Jahr in einer weißen, afrikaanssprachigen Familie, mit der ich mich super verstand. Jetzt kann ich voller Stolz sagen "Ek is 'n boeremeise!" (Ich bin ein Burenmädchen!).

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Ich hatte in meiner neuen Familie, so wie jedes andere Mitglied der Familie,  auch einen Kochtag, an dem man abends kochte. Ich versuchte oft süddeutsches Essen für sie zu zubereiten. So kam ich dazu ihnen Schweinebraten, Spätzle, Kaiserschmarrn, oder auch Semmelknödel aufzutischen, wobei sie beim letzteren sehr verdutzt waren, warum man denn „gemanschtes Brot“ in Wasser kocht. Ich habe beim Kochen nicht auf komische Fragen wie „Warum kochst du Brot in Wasser, wenn schon, dann frittiere es in Fett.“ geantwortet. Als sie es schließlich, wenn auch mit großen Widersprüchen, dann doch probierten, waren sie sehr überrascht, wie gut in „Wasser gekochtes Brot“ schmecken konnte. Ich musste es letztendlich zahlreiche Male wieder kochen. Ihr absolutes Lieblingsessen war jedoch Kaiserschmarrn, sie liebten es, und ich habe es bestimmt zwanzigmal zubereitet!

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Der Wechsel der Gastfamilie war für mich auch ein Neubeginn meines Austauschjahres. Ich war in einer neuen Stadt, der Hauptstadt Südafrikas, ging auf eine neue Schule, hatte eine neue Familie und hoffentlich bald neue Freunde. Das Einzige, was ich ein bisschen traurig fand, war die Tatsache, dass ich mich nicht von meinen Freunden in meiner alten Schule verabschieden konnte.

Kultur

Großer Bestandteil des ungarischen Familienlebens ist die Kirche. Es ist üblich, einmal die Woche mit der ganzen Familie in die Kirche zu gehen (nicht immer sonntags, da in kleinen Dörfern nicht immer sonntags Kirche ist). Meine 1. Gastfamilie war streng katholisch, weshalb wir 1-2-mal die Woche in die Kirche gegangen sind und täglich den Rosenkranz gebetet haben.

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Eine meiner schönsten Erfahrungen in Ungarn habe ich wohl an Weihnachten gemacht. In Ungarn ist es üblich, dass dieses Fest mit der ganzen Familie begangen wird, deshalb kamen am 24. Dezember auch meine bereits erwachsenen Gastgeschwister mit ihren Kindern zu meiner Gastfamilie und mir nach Hause. Mit der in Ungarn üblichen charmanten Verspätung kam also auch mein ältester Gastbruder mit seiner Frau und meinen zwei Gastnichten zu uns. Die Ältere von beiden verteilte an alle Familienmitglieder entweder einen selbstgemachten Husaren aus Zinn oder ein dazugehöriges Pferd. Als ich an der Reihe war, sagte sie zu mir „Du darfst dir einen Husaren und ein Pferd nehmen, damit du deine Familie heute nicht so vermisst, und damit du weißt, dass du ab heute zwei Familien hast." Dieser Satz von dem kleinen Mädchen hat mich sehr gerührt und sehr, sehr glücklich gemacht.

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Im zweiten Teil meines Austauschjahres bin ich wieder auf viele Bräuche der Ungarn gestoßen. Besonders in Erinnerung geblieben ist mir der Ostermontag, an dem ich von meinem Gastbruder mit einem Glas Wasser über dem Kopf geweckt wurde. Der Brauch ist eigentlich, dass die Jungen von Haus zu Haus ziehen und die Mädchen mit Wasser oder Parfüm bespritzen und sie im Gegenzug eine Tafel Schokolade oder eine bisschen Geld von ihren 'Opfern' bekommen. Also musste ich mich geschlagen geben und habe meinem Gastbruder Schokolade für den Weckdienst gegeben.

Land und Leute

Und auch schon einer der größten Unterschiede zwischen den Deutschen und den Ungarn, der sich während meinen drei Monaten hier immer wieder bestätigt hat. Die Ungarn sind viel freundlicher und hilfsbereiter und vor allem sehr viel offener. Hier kommen die Leute auch einfach mal zu dir her und reden mit dir wenn sie dich nicht kennen, anstatt dich nur anzuschauen aber kein Wort an dich zu wenden. Auch sind die ungarischen Jungs mehr Gentlemanlike als die deutschen. Zum Beispiel lassen sie die Mädchen immer zuerst durch die Tür.

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Erst auf den zweiten Blick merkt man, wie stolz die Ungarn auf ihr Land und ihre Nationalität sind. Zu vielen Anlässen wird die Nationalhymne gespielt oder gesungen, so dass ich die ungarische Hymne heute besser kann als die deutsche.

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In Gesprächen ist merkte ich schnell, wie sehr die Ungarn ein Lächeln im Gesicht haben, sobald man das kleinste Lob über ihr Land und ihre Traditionen ausspricht.

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Und ich muss sagen, dass sämtliche Ungarn, denen ich bisher begegnet bin, immer freundlich waren und sind.

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Ich reiste ab [nach Ungarn] und traf auf reine Gastfreundschaft und Freundlichkeit mir gegenüber, egal ob in meiner Gastfamilie, in der Schule oder in meiner Freizeit.

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Die Ungarn reden gerne, viel und schnell.

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Mein deutscher Lebensrhythmus ist so ganz anders als der von ungarischen Jugendlichen. Diese sitzen oft zu Hause, sind gerne traurig und es ist wegen begrenzter finanzieller Mittel selten, im Alter von 18 Jahren bereits einen Führerschein zu haben. In Deutschland dagegen hatte ich eine Hand voller guter Freunde, mit denen ich fast sieben Tage die Woche, 24 Stunden am Tag beisammen war. Wir waren eigentlich ständig unterwegs, sei es beim Essen, im Kino oder sonst wo. Umso größer war natürlich der Kontrast, als ich nach Ungarn kam.

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Anders als bei uns, ist in Ungarn der Namenstag genauso wichtig wie der Geburtstag. Deswegen war ich sehr überrascht als meine Gastfamilie mir an meinem Namenstag Schokolade und Pralinen überreichte und mir gratulierte. Ich habe mich natürlich sehr darüber gefreut.

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In Ungarn begrüßt man sich unter Freunden mit Küsschen links, Küsschen rechts. Als ich einer meiner Freundinnen zum ersten Mal begegnete, begrüßte sie mich auch so, obwohl wir vorher nur mal auf Facebook miteinander Kontakt hatten. Ich war sehr überrascht über diese Herzlichkeit, die mir auch später noch öfters begegnet ist. Einmal wurde ich zur Feier des 18. Geburtstags eines Freundes meiner Freundin eingeladen. Dort wurde ich von der ganzen Familie herzlich aufgenommen und zum Abschied in den Arm genommen. 

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In meiner Freizeit habe ich auch oft mit meinen Freunden Rugby und Kricket gespielt. Ich glaube zwar nicht, dass es wirklich gut aussah oder gut war, aber es hat einfach unheimlich Spaß gemacht!

Schule

Was man sehr häufig in Ungarn findet, sind "besondere" Schulen zum Beispiel Sport, Tanz und vor allem musische Gymnasien. Nicht zuletzt gibt es deshalb die Möglichkeit, mit einem Musikstipendium nach Ungarn zu gehen. Außerdem ist es in Ungarn sehr wichtig, auf welcher Schule man war und wie viele Sprachexamen man erfolgreich absolviert hat, weshalb die ungarischen Schüler sehr viel lernen und kaum ihre Freizeit mit Freunden verbringen.

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Meine Gastschwestern besuchten ein katholisches Gymnasium. Das bedeutet, wir sind jeden 1. Freitag im Monat mit der ganzen Schule in den Gottesdienst gegangen,  jeden 2. Freitag nur mit der ganzen Klasse und wir haben natürlich vor und nach dem Unterricht gebetet. Es war recht ungewohnt für mich, aber nicht schlimm, es war einfach mal etwas anderes.

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Was ich noch sehr schön finde, ist die sogenannte "Szalagavató", man kann es mit einem sehr festlichen Abiball vergleichen. Die Mädchen kommen in weißen Ballkleidern und die Jungen tragen Fräcke und dann wird eine Walzerchoreographie, die man schon seit Monaten übt, aufgeführt. Im Laufe dieses Events werden noch Auszeichnungen verliehen, kleinere Showeinlagen, Klassentänze, Lehrertänze und ein Volkstanz von der 11. Klasse aufgeführt.

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Eine Sache, die am Anfang recht hart klang, es aber eigentlich gar nicht war, war die Ganztagsschule. Auch wenn 7- 10 Unterrichtsstunden täglich viel sind, ist das eigentliche Problem, dass die Mittagspause nur ca. 20 Minuten ist. Was ich wirklich gut finde ist, dass das ungarische Kultusministerium vor wenigen Jahren fünf Stunden Sport die Woche eingeführt hat, das heißt, wir hatten fast jeden Tag Sport, wodurch der stressige Schulalltag aufgelockert wurde. Eine Sache, die ich allerdings als unnötig empfunden habe, waren die 10- 15 minütigen Pausen nach jeder Unterrichtsstunde. Als ich meinen ungarischen  Mitschülern erzählt habe, dass wir "nur" alle zwei Stunden eine Pause haben, waren sie geschockt und haben gefragt, wie ich das nur aushalten kann.

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Anders als in Deutschland hat jede Klasse sein eigenes Klassenzimmer und hat fast alle Stunden dort. Da meine Klasse sehr groß ist, habe ich schnell Freunde gefunden, was bei den Ungarn auch leicht geht, weil sie sehr offen und freundlich sind. Weil zwischen allen Unterrichtseinheiten mindestens 15 Minuten Pause sind, ist die Schule nicht so anstrengend. Vor allem die Deutschstunden sind amüsant.

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Das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern ist auch anders als in Deutschland. An meiner Schule begrüßt man die Lehrer mit „Ladetur Jesus Christus“ was dann gewöhnlicher Weise mit einem „In Aeternum Amen“ beantwortet wird. Auch wenn man einen Lehrer auf dem Gang trifft, begrüßt man einander auf diese Weise, auch wenn ich dies am Anfang nicht wusste und einfach immer „Jó nápot“ (Guten Tag) oder „Szia“ (Hallo) gesagt habe. Die Lehrer werden nur mit Tanárúr (Herr Lehrer) und Tanárnő (Frau Lehrerin) angesprochen und alle Schüler halten sich daran, am Beginn jeder Stunde aufzustehen und dem Lehrer zu sagen, wenn man seine Hausaufgaben oder Schulsachen vergessen hat. Wenn man sich an diese Vorschriften hält, ist das Verhältnis zwischen Lehrer und Schülern allerdings sehr viel herzlicher und vertrauter als in Deutschland.

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Meine ersten Eindrücke von der Schule lassen sich eigentlich ganz gut mit den Worten meiner Gastmutter zusammenfassen: „ Also, am Sonntag gehen wir noch Schulsachen kaufen, und am Abend gehen wir dann in die Schule zur Zeremonie. Kannst du deinen Text schon?“ In Ungarn haben die Geschäfte auch am Sonntag offen, die Schule, die in meinem Fall eine katholische Schule ist und mit 400 Schülern ungefähr halb so groß ist, wie meine deutsche, beginnt am Sonntagabend mit einer offiziellen Zeremonie. Alle Schüler, Eltern und Lehrer haben sich in der Sporthalle versammelt: die Jungs im Anzug, die Mädchen in schwarzem Rock und weißer Bluse. Und ich mittendrin, unglaublich aufgeregt, weil ich ja jetzt dann noch irgendwann meinen Text aufsagen muss. Ein paar Sätze über mich, wer ich bin, woher ich komm und warum ich jetzt hier bin. Selbstverständlich auf Ungarisch. Ich habe den Text zwar auswendig gelernt, habe im Moment aber das Gefühl alles wieder zu vergessen. Außerdem verstehe ich so gut wie kein Wort von dem, was der Pfarrer und der Direktor da vorne auf dem Podest sagen. Woher soll ich da denn wissen wann ich dran bin? Ah, jetzt hat der Direktor irgendwas von Austauschschülern gesagt, und mein Klassenlehrer hinter mir hat auch irgendwas zu mir gesagt, wahrscheinlich sollte ich jetzt nach vorne gehen. Zum Glück geht der mexikanische Austauschschüler, der auch auf meiner Schule ist, vor. Und als er nach seiner Vorstellung mit einem freundlichen Lachen von allen begrüßt wird, bin ich auch schon ein bisschen beruhigt. Wird schon gut gehen. Auch ich kriege meinen Text einigermaßen fehlerfrei hin, obwohl ich mich bei dem Wort „Magyarországra“ (nach Ungarn) natürlich wieder verspreche. Übrigens ein gutes Beispiel für das Prinzip der ungarischen Sprache. Man hat ein Wort an das man alle möglichen Endungen anhängt anstelle von Präpositionen oder Artikeln. Danach bekomme ich von allen Seiten ein freundliches Lächeln.


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Ungarische Schüler müssen im Allgemeinen mehr lernen als Schüler in Deutschland, da man hier fast in jeder Stunde einen Test schreibt,oder mündliche Noten gemacht werden. Die Tests haben mich am Anfang leicht verwirrt, da man nur einen kleinen Zettel bekommt. Der Lehrer diktiert 4 Fragen, und wenn man genau das hinschreibt, was im Heft steht, bekommt man eine 5 (das ist hier die beste Note und eine 1 ist die Schlechteste). Wenn ein Schüler fehlt muss er den Test nachschreiben, wenn er wieder kommt; jedoch bekommt er die gleichen Aufgaben. Manchmal wenn jemand schlecht in einem Test abgeschnitten hat oder einen Test schreiben möchte, weil er sehr gut gelernt hat, schreiben diese Schüler einen Test während der Stunde und der Lehrer hält für die Anderen Unterricht. Es gibt allerdings auch die „großen“ Tests, die wir ein oder zweimal im Monat schreiben, bei denen man dann ein DIN A4 Blatt mit schon aufgedruckten Aufgaben bekommt.

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Ich versuche im Unterricht so gut es geht mitzuarbeiten und verstehe bis auf Geographie eigentlich auch die meiste Zeit, worum es gerade geht. Auch die Tests schreibe ich mit (mit Hilfe des Wörterbuches und höchstwahrscheinlich katastrophaler Grammatik und Rechtschreibung), Noten bekomme ich aber nur, wenn ich gut abschneide. Deshalb enthielt mein Vierteljahreszeugnis (das es aber irgendwie nur an meiner Schule gibt) auch nur 8 von 19 Fächern und ich hatte einen der besten Notendurchschnitte der Klasse.

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Der Unterricht begann täglich um 7:45 Uhr und endete um 15:00 Uhr. Zu Beginn jeder Stunde stehen alle Schüler auf und begrüßen den Lehrer mit "Áldás Békesség", was so viel bedeutet wie "Segen und Frieden". Danach ging es mit 45-minütigem Unterricht weiter und nach jeder Stunde hatten wir fünf Minuten Verschnaufpause. Einmal am Tag hatten wir Sport und haben meistens Volleyball gespielt.

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Mein schönstes Highlight in der Schule war der Abiball, bei dem ich selbst mittanzen durfte und dabei ein langes, weißes Hochzeitskleid anhatte. Wir tanzten Wiener Walzer, den wir natürlich auch erst einmal in  einem Tanzkurs lernen mussten. Einen Monat später bastelte mein Tanzpartner für mich ein Geburtstagsvideo, auf dem mir alle Freunde aus der Schule auf Ungarisch gratulierten. Darüber habe ich mich sehr gefreut.

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Mein erster ungarischer Schultag. Ich kann mich nicht erinnern dass ich jemals in meinem Leben so aufgeregt gewesen bin wie an diesem Tag, noch nicht einmal kurz bevor ich meine Gastfamilie getroffen habe. Wie würde die Klasse auf mich reagieren? Würden sie mich akzeptieren oder nicht? An diesem Morgen hatte ich so viele Fragen in meinem Kopf, dass ich mich nicht wirklich auf irgendetwas konzentrieren konnte. Ich war zwei Tage zuvor mit meiner Gastmutter und einer meiner Gastschwestern dort gewesen, habe meine Schulbücher gekauft und meinen zukünftigen Klassenleiter getroffen. Er hat mir versichert, dass die ganze Klasse bereits gespannt darauf ist, mich kennenzulernen und dass er denkt, dass ich mich gut in die Klasse einpassen werde. Das hatte mich aber auch nicht wirklich beruhigt. Und es hat auch nicht wirklich geholfen dass meine beiden Schwestern auf andere Schulen gehen. Um ehrlich zu sein ist dieser Tag dann tausendmal besser verlaufen als ich es mir jemals vorgestellt hatte. Meine Klassenkameraden waren alle von Anfang an freundlich und hilfsbereit, auch wenn die Kommunikation am Anfang nur auf Englisch und Zeichensprache funktionierte.

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Am ersten Schultag kommen die Schüler im Anzug und die Mädchen im Hosenzug bzw. schwarzen Rock und weißer Bluse in die Schule. An meiner Schule gab es um 9 Uhr einen Gottesdienst in der schönen Kathedrale in Eger; am Ende des Gottesdienstes haben alle die ungarische Hymne gesungen. Das hat mich sehr beeindruckt, da man in Deutschland ja leider nur selten die Hymne singt, schon gar nicht in der Schule. Ein anderer Unterschied, der mir in der Schule aufgefallen ist, ist das Verhältnis zwischen Lehrern und Schülern. Es ist viel respektvoller. Wenn ein Schüler einem Lehrer begegnet, sagt er nicht „Szia” (Hallo), sondern „Csókolom”. Das heißt so viel wie „Ich küsse Ihnen die Hand.” Natürlich küsst man den Lehrern nicht wirklich die Hand, aber man sagt es. Da ich auf einer katholische Schule bin, wird von den Lehrern die Anrede „Dicsértessék a Jézus Krisztus” erwartet, woraufhin die Lehrer erwidern „Mindörökké Ámen” Das bedeutet „Gelobt sei Jesus Christus.” – „In Ewigkeit Amen.”

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Wenn man im Unterricht eine Frage hat, meldet man sich auch wie in Deutschland, allerdings spricht man die Lehrer nicht mit „Frau Schmidt” oder „Herr Müller” an. Wenn man einen männlichen Lehrer hat, sagt man „tanárul” (Herr Lehrer) und wenn man eine weibliche Lehrerin hat, sagt man „tanárnő” (Frau Lehrerin). Der Unterricht ist ebenfalls anders als in Deutschland. Die Lehrer stehen an der Tafel und erzählen den Lernstoff und die Schüler schreiben mit. Es gibt fast keine Tafelanschriften und die Schüler werden nur in den Unterricht eingebunden, wenn sie eine Frage haben. Referate oder Abfragen kommen fast nie vor.

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Die Reaktionen der anderen Schüler waren ganz unterschiedlich, doch die meisten waren sehr neugierig, wer es denn wagt, ein Jahr in Ungarn zu verbringen. Am Anfang habe ich immer sehr viel Gemurmel um mich herum gehört, vor allem wenn ich gemeinsam mit ein paar Klassenkameraden in der Kantine war und die anderen Schüler merkten, dass ich kein Ungarisch spreche. Ich war also immer sehr gut als „die" Austauschschülerin erkennbar. Und obwohl meine neuen Freundinnen ein paar der Kommentare der anderen mit Ausdrücken wie „Komisch, ich habe mir eine Deutsche immer ganz anders vorgestellt" übersetzt haben, habe ich mich doch, denke ich, ziemlich schnell in der Schule eingelebt.

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Aufgefallen ist mir auch, dass die Schüler sehr oft mehr oder weniger lange Texte auswendig lernen müssen, um sie dann in der nächsten Unterrichtsstunde aufzusagen.

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„Schwarz-weiß” hat in Ungarn weniger mit Film und Fotografie zu tun, sondern mit Schulveranstaltungen. Es ist der Dresscode für jegliche Feier: Schwarze Hose und weißes Hemd. Am Sonntag vor Schulbeginn fuhr ich mit meiner Gastmutter und meinem Gastbruder zu meiner zukünftigen Schule. Ich kam mir ein bisschen hilflos vor, als ich da zwischen all den fein gekleideten Schülern und Schülerinnen in weißem T-Shirt und schwarzer kurzer Hose stand. Meine Mitschüler begrüßten mich freundlich und neugierig. Meine Klassenlehrerin versuchte mühsam, den Begriff „Schicksalsgefährten” ins Englische zu übersetzen, um mich in deren Mitte willkommen zu heißen. Ich kannte solche Feiern nicht von zu Hause. In der Ecke stand eine riesige Fahne, mit großem Tamtam wurde die Nationalhymne angestimmt (von den Schülern allerdings nur sehr verhalten begleitet), eine Rede folgte der anderen und eine Unzahl an Gedichten und Liedvorträgen füllte die brütend heiße Luft im Schulhof. Am nächsten Morgen erwartete mich mein erster ungarischer Schultag. Meine 28 Mitschüler und ich kommunizierten in einer Art „Hunglish” und später stellte ich mich dann mit starkem deutschen Akzent der Klasse vor. Alles in allem ein gelungener Tag.

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Noch in den Ferien organisierte meine Schule eine Kanu tour anlässlich ihres 50 jährigen Bestehens. Wir ruderten zwei Tage auf der Donau, was für mich natürlich die
perfekte Gelegenheit war die wunderschöne Landschaft Ungarns kennenzulernen.

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An meiner Schule beginnt der Unterricht immer um 7:30 Uhr was für mich natürlich heißt: Früher aufstehen! Da ich für meinen Schulweg an sich eine knappe Stunde brauche, stehe ich jeden Morgen kurz vor 6 Uhr auf. Ich fahre mit dem Bus und dem lokal Zug zur Schule. Der Unterricht geht meistens bis 13 oder 14 Uhr und danach gehe ich an drei Nachmittagen zum Tanztraining. Außerdem habe ich am Donnerstag immer ungarisch Unterricht bei einer Lehrerin, die auch an meiner Schule unterrichtet. Mit meiner Klasse verstehe ich mich sehr gut. Sie waren von Anfang an sehr nett zu mir und haben versucht mit mir Kontakt aufzunehmen. Manche haben sich anfangs nicht getraut mit mir zu reden, aber mittlerweile hat sich das auch gelegt. Meine Lehrer sind sehr freundlich und versuchen mir zu helfen, damit ich zurechtkomme. Sie sind sehr rücksichtsvoll und unterstützen mich beim Lernen, und wenn ich Fragen zum Schulstoff habe.

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Eine weitere Tradition, die mich sehr fasziniert hat, war die „ballagás“, was so viel bedeutet wie Wanderung. Die ganze Schule wird von den unteren Klassen mit Blumen dekoriert. Die Abschlussschüler wandern klassenweise durch das Schulhaus um sich von ihrer Schule zu verabschieden. Währenddessen singen sie und bekommen von Freunden, Mitschülern und Verwandten, die am Rand stehen, Geschenke, wie Blumen, Luftballons oder Kuscheltiere überreicht. Danach gehen sie mit ihrer Familie nach Hause um gemeinsam zu feiern. Da mein älterer Gastbruder im Abschlussjahrgang war, habe ich das miterleben dürfen. Vorher wurde aber im Schulhof eine Abschiedszeremonie abgehalten. Der Direktor hielt eine Rede und viele Schüler wurden Urkunden für besondere Leistungen überreicht.

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Der Unterricht ist in zwei Klassen geteilt, eine Matheklasse, in der ich bin, und eine Sprachklasse. Manchmal sind aber auch beide Klassen zusammen. Der Unterricht läuft so ähnlich ab wie in Deutschland. Am Anfang jeder Stunde muss ein Schüler aus der Klasse vorne stehen und berichten,  wer fehlt und welche Themen in der letzten Stunde gelehrt wurden. Danach wird eigentlich immer jemand ausgefragt oder ein kurzer Test geschrieben. Die Tests sind aber sehr kurz. Die Schüler müssen nach der Schule sehr viel lernen. Wenn man jemanden fragt ob er nach der Schule zeit hat, sagen die meisten eher nein mit der Begründung, sie müssen lernen. Anfangs habe ich nicht verstanden warum sie so viel lernen müssen, doch mit den ganzen Tests und dem ganzen drum und dran verstehe ich es jetzt!

Sprache

Inzwischen [nach ca. drei Monaten]  verstehe ich eigentlich fast alles und kann auch sagen, was ich möchte, auch wenn die Grammatik wahrscheinlich noch nicht so toll ist.

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Die Kommunikation dort war am Anfang etwas kompliziert, doch wenn Worte nicht mehr weiterhelfen, gibt es ja immer noch die Zeichensprache und so verstehe ich doch immer wieder irgendwie, was ich zu tun habe. Mittlerweile wechseln wir immer mehr ins Ungarische.

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Noch eine weiter Sache, die ich immer wieder erwähne, wenn ich gefragt werde, ob es denn nicht sehr schwer war Ungarisch zu lernen, ist, dass die Ungarn es lieben, wenn ein Ausländer ihre Sprache lernt. Sobald ich ein paar Wörter sinngemäß aneinanderreihen konnte, bekam ich von allen Seiten gesagt, dass ich ja schon fließend Ungarisch spräche. Ich wusste natürlich, dass dies nicht stimmte, aber es hat mich immer wieder unwahrscheinlich motiviert.

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Die ungarische Sprache ist nicht gerade leicht und noch immer klappt nicht alles perfekt, aber ich freue mich über jedes Wort, das ich neu dazu gelernt habe und über jeden kleinen Satz, den ich verstehe! Ich bin sehr froh, dass ich eine der schwersten Sprachen der Welt lernen darf, auch wenn es am Anfang eine Herausforderung ist. Neulich im Supermarkt hat mich eine Frau gefragt, ob ich ihr etwas aus dem obersten Regal holen kann, weil sie sehr klein war. Einen kurzen Moment habe ich überlegt, ob ich sage, dass ich noch kein ungarisch spreche, doch dann habe ich mich überwunden und sie hat sich bedankt. Als sie dann feststellte, dass es das Falsche war, suchten wir gemeinsam nach dem Richtigen. Sie bedankte sich dann noch einmal und entschuldigte sich. Ich sagte ihr, es sei kein Problem und als ich weg ging und sie nicht mal bemerkt hatte, dass ich keine Ungarin war, war ich überglücklich.

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Meine Gastfamilie sprach nur ungarisch mit mir, deshalb wurde mein ungarisch schnell besser. Obwohl ich noch viele Fehler machte, konnte man schon verstehen was ich sagen wollte. Natürlich gab es Tage an denen das Sprechen so gar nicht funktionieren wollte, aber was ich gelernt habe: „Niemals aufgeben, einfach nochmal probieren. Aus Fehlern lernt man.“ Dafür spürte man dann nach ein paar Monaten schon richtige Fortschritte, die nicht nur ich bemerkte, sondern auch meine Freunde und Familie. Auch in der Schule haben mir Lehrer und Klassenkameraden beim Ungarisch-Lernen geholfen, und ich ihnen ab und zu im Deutschunterricht. Deshalb konnte ich mich auch gut auf eine Sprachprüfung vorbereiten, die, wie ich vor kurzem erfahren habe, auch erfolgreich ausgefallen ist.

Zum Schluss: Betrachtungen und Erkenntnisse

Außerdem bin ich reicher geworden. Nicht reicher im materiellen Sinne, sondern reicher an Erfahrungen, die Jugendliche in meinem Alter, die nicht ins Ausland gehen, einfach nicht sammeln können. Ich weiß jetzt, dass ich mich auf der ganzen Welt irgendwie verständigen kann. Und sei es auch nur mit Händen und Füßen, denn Worte sind nicht das wichtigste im Leben. Ich habe erfahren, dass kulturelle Unterschiede Toleranz erfordern und Sprachen nicht einfach wörtlich übersetzt werden können, da auch in deren Verständigung die verschiedenen kulturellen Unterschiede bedacht werden müssen. Wer freundlich und offen durchs Leben geht, der lernt den wahren Wert des Lebens kennen, das habe ich gelernt.

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Ein einjähriges Austauschprogramm gibt jungen Leuten eine Chance, ihren Horizont zu erweitern und eines der größten Abenteuer ihres Lebens zu erleben.

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Ich hatte am Anfang meines Austauschjahres viele Zweifel wie das Jahr im fremden Land sich wohl abspielen wird, und Angst dass ich eine schlechte Austauschschülerin sein werde. Aber mittlerweile kann ich sagen, dass sich nichts davon bewahrheitet hat. Ich habe gelernt, dass man, wenn man sich selbst treu bleibt, dabei aber offen für Neues ist, nur gewinnen kann. Dieses Jahr wird immer zu den schönsten meines Lebens gehören, und das wurde mir durch die Gastfreundschaft meiner wunderbaren ungarischen Familie ermöglicht.

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Manche sagen, ein Austauschjahr sei nicht einfach nur ein Jahr im Leben, sondern ein Leben in einem Jahr. Und ich muss sagen: Wer das sagt, hat nicht ganz unrecht.
Das Austauschjahr hat mein Leben verändert, so wie ich mich verändert habe. Es ist unmöglich, es in all seiner Tiefe niederzuschreiben, es ist gewaltig. Man kommt noch einmal zur Welt, man fängt noch einmal ganz von vorne an, man lernt noch einmal zu sprechen und wie man sich zu verhalten hat. Man wird sich seiner selbst bewusst, man lernt sich selbst kennen, man wächst und wächst, wird heimisch und zieht eines Tages wieder in die Ferne. Es ist eine Chance, Flügel zu bekommen und zu lernen, sie zu nutzen. Es ist ein Chance, sich auszuprobieren, ein unbeschriebenes Blatt zu sein. Es ist eine Chance, zu laufen und heimzukommen, sich weit von sich zu entfernen und wieder zu sich zurückzukehren. Es hat mich weit vorangetragen. Ich habe eine zweite Heimat gefunden und wenn es schwer ist, wieder heimzukommen, weiß ich, dass ich alles richtig gemacht habe. Ich bereue keine Sekunde.
Und am Schluss ist es ein Gefühl der GRENZENLOSEN Dankbarkeit.

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Die Wichtigste Erkenntnis aber war, dass Glück nichts mit materiellen Werten oder Besitz zu tun hat. Noch nie habe ich Menschen mit so großem Elan und Freude gesehen. Auch ist mir klar geworden, dass je weniger materiellen Besitz man hat, desto stärker ist der Glaube. Ich war total fasziniert von der engen Beziehung zu Gott, die die meisten meiner Freunde dort hatten.

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„Ein Austauschjahr ist kein Jahr in deinem Leben. Es ist ein Leben in einem Jahr.“ Und das ist es. Und wie sollte ich ein ganzes Leben in ein paar Sätzen beschreiben. Selbst wenn ich es könnte würden es die meisten nicht verstehen. Manche Dinge verstehen eben nur die Ungarn, weil ich zu einem Teil ungarisch geworden bin und was für andere fremd scheinen mag, ist ein Teil der Kultur. Unserer Kultur. Meiner Kultur. Andere Sachen verstehen nur Austauschschüler. Weil wir alle auf gewisse Art und Weise das Gleiche durchgemacht haben. Alles für ein Jahr zurücklassen und in einer anfangs neuen Umgebung ein neues Leben anfangen. Sich durchschlagen. Durchhalten.

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Ein knappes Jahr. Unbekanntes Land. Neue Sprache. Unbekannte Familie. Neues zweites Zuhause. Mein Austauschjahr hatte Höhen und Tiefen, aber es war das wertvollste und schönste Jahr meines Lebens. Wenn ich könnte, würde ich gleich nochmal für ein Jahr ins Ausland fahren.

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Ich kann aus diesem Austauschjahr sehr viel mitnehmen, nicht nur eine neue Sprache, sondern auch eine zweite Familie und viele neue Freunde.

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