Indien

Schülerinnen und Schüler berichten über ihr Auslandsjahr in Indien:

Allgemeines und Motivation

Soweit ich mich erinnere begann alles im Dezember 2015, als sich langsam die Idee verfestigte doch ein Auslandsjahr zu machen. Die Frage, in welches Land es doch gehen sollte, war schwer und es dauerte lange, bis mich entschieden hatte. Es gab einfach so viele Länder, die mich reizten, jedoch war ich mir nie sicher, welches Land für Urlaub und welches für einen längeren Auslandsaufenthalt besser geeignet wäre. Indien hat sich im Laufe der Zeit immer mehr zum Favoriten entwickelt. Die Kultur ist so besonders, dass man sie nicht annähernd auf einem zweiwöchigen Urlaub kennenlernen kann. Bei einem zehnmonatigen Aufenthalt sieht es aber noch mal ganz anders aus. Ich denke, dass schlussendlich dieser Aspekt dafür gesorgt hat, dass Indien mein Wunschland wurde.

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Rückblickend ist es erschreckend, dass zum einen schon vier Monate seit meiner Abreise aus Deutschland vergangen sind, zum anderen aber auch, dass ich erst vier Monate hier bin. Obwohl ich mir ursprünglich nicht gänzlich sicher war, ob ein Austauschjahr für mich das Richtige ist, bin ich heute sehr froh, dass ich mich für ein Schuljahr in Indien beworben habe. Jetzt kann ich aus fester Überzeugung sagen, dass es die beste Entscheidung meines Lebens war. Meine Länderwahl fiel deswegen auf Indien, da es in vielerlei Hinsicht für mich so völlig anders als Deutschland ist.

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Der erste Schultag, das erste Mal indische Kleidung tragen, der erste Besuch in einem Tempel, der erste freigesprochene Satz auf Hindi, das erste Festival, das man erlebt, der Moment, wenn man Tochter, bzw. Sohn genannt wird. Es hat mit einer ganz kleinen Idee angefangen. Am Anfang war ich überhaupt nicht davon begeistert. Aber jetzt sitze ich hier und bin unglaublich froh und dankbar, dass ich doch hier in Indien gelandet bin. Ich habe damit ein neues Leben geschenkt bekommen! Mit einer neuen Familie, neuen Freunden, neuen Erlebnissen und Erfahrungen ist Indien meine neue, zweite Heimat geworden.

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Wenn man als Weißer in Indien auf die Straße geht, ist es so, dass jeder dich anschaut. In Delhi gingen wir zu  vierzehnt durch den Markt ; dort haben uns die Inder sogar gezählt. Aber auch wenn ich in meinem Village irgendwo mit meiner Gastfamilie hingehe, schauen alle mich an. Aber inzwischen habe ich das Gefühl, es wird weniger, da die meisten mich jetzt schon mal gesehen haben.

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So melde ich mich also zurück: Wobei ich nun wohl mit Fug und Recht behaupten darf, die Anzahl meiner Heimaten verdoppelt zu haben. Gemeint ist hier natürlich meine ursprüngliche Heimat, Deutschland. Und auch nach drei Monaten in Deutschland kann ich kaum realisieren, in welche Ferne mein indisches Leben – geographisch gesehen – quasi über Nacht gerückt ist. Manchmal geht das sogar so weit, dass mir meine Zeit im Ausland wie ein Traum erscheint.

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Die Zeit ist so schnell verflogen. Nun bin ich schon seit 12 Wochen wieder  Zuhause und blicke mit Wehmut zurück auf mein Austauschjahr in Indien.
Es war ein sehr ereignisreiches Jahr mit vielen Höhen und Tiefen, traurigen, lustigen, lehrreichen und emotionalen Momenten.

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Wenn ich mein Austauschjahr mit Gesichtern und Grimassen erzählen würde, wäre es sicherlich ein sehr interessantes pantomimisches Schauspiel: So lang wie zehn Monate, emotional wie das Leben eines Teenagers in einer völlig neuen Welt, vorhersehbar aufgrund einiger allgemein bekannter Tatsachen, anziehend durch die Andersartigkeit Indiens, abstoßend durch die krassen Unterschiede und vielleicht zum Teil schwer oder kaum verständlich, da es ja doch ein sehr individuelles Erlebnis war.

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Als ich mich entschloss für ein Jahr nach Indien zu kommen, wusste ich recht wenig über dieses Land. Ich kannte nur Ghandi, Kashmir, Mumbai, Sarees und ein paar Bollywoodfilme. Oft wurde ich damit aufgezogen, dass ich einen roten Punkt auf der Stirn tragen werde. Ich habe mich für Indien entschieden, weil Indien so geheimnisvoll, so traditionsreich und so anders ist und ein sich rasant entwickelndes Land ist. Wie anders Indien ist, habe ich aber erst dann herausgefunden, als ich in Indien angekommen bin. Dass Menschen in verschiedenen Teilen der Welt so unterschiedlich leben können, hätte ich mir davor nicht vorstellen können und es hat mein Weltbild und mich total verändert.

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Ich kann nur sagen, dass es eine unglaublich tolle Erfahrung ist, die ich hier mache, und dass ich mich hier von Tag zu Tag wohler fühle. Ich kann nur jedem raten, auch ein Austauschjahr zu machen, sei es in Indien oder einem anderen Land auf der Welt, denn was man in dieser Zeit so alles lernt, kann man - meiner Meinung nach - nirgendwo besser lernen, als in einem Austauschjahr.

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„Ein Jahr im Ausland ist ja cool, aber was zum Teufel willst du ausgerechnet in INDIEN?!“ war eine der meistgestellten Fragen in diesem Zusammenhang. Ganz einfach: Es zog mich nicht in eines der „üblichen“ Länder, in denen sich Kultur, Lebens- und Essgewohnheiten nicht wesentlich von unserer westlichen Gesellschaft unterscheiden. Was ich hautnah erleben wollte, war eine einzigartige Erfahrung am anderen Ende der Welt. Allerdings hatte ich dabei die Entscheidung für Indien durchaus ganz bewusst getroffen, weil diese Nation gerade im IT-Sektor, dem mein besonderes Interesse gilt, sehr aufstrebend ist.

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Auf den Vorbereitungstagen wurde mir schon klar gemacht, dass nicht alle Freundschaften nach dem Austausch noch genauso sind wie davor. Bei mir ist das genauso. Mit manchen ist es noch so wie davor, bei anderen eher nicht. Ich habe sie natürlich immer noch gerne, aber die Interessen haben sich einfach zu sehr verschoben. Und das nicht nur bei mir, auch sie haben sich in den zehn Monaten deutlich verändert, auch wenn es mir im ersten Moment vielleicht nicht so aufgefallen ist. Das ist natürlich nicht bei all meinen Freunden passiert, aber trotzdem habe ich, seitdem ich wieder hier bin, schon neue Freundschaften geschlossen.

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Wenn ich an mein Auslandsjahr zurückdenke, kann ich eindeutig sagen, dass es die beste Entscheidung und das beste Jahr meines Lebens war. Indien war zehn Monate lange mein Zuhause und es wird immer einen Platz in meinem Herzen haben. Ich habe so viele Erinnerungen an meine Zeit dort und ich freue mich schon jetzt darauf, irgendwann wieder dorthin zu fliegen. Auch wenn ich dann Indien nur als Gast besuchen werde.

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Viele meinen, dass sie in ihrem Austauschjahr Freunde fürs Leben kennengelernt haben. Bei mir waren es nicht die Freunde fürs Leben, sondern die Familie fürs Leben. 

Ankunft im Gastland

Angekommen in Indien. Natürlich ist man erstmal aufgeregt und erstaunt, was einem alles so entgegen kommt, denn man steigt in Deutschland in ein Flugzeug ein und beim Aussteigen in Indien ist alles anders. Ich muss wirklich sagen, dass ich Indien mit allen Sinnesorganen anders wahrnehmen konnte. Raus aus dem Flughafenterminal schlägt einem die deutlich wärmere Temperatur entgegen und ich fange nach nur wenigen Minuten an zu schwitzen, wie nach einem einstündigen Lauf. Die Augen erlebe ein vermeintliches Verkehrschaos voller hupender Autos und Rikschas und zwischendrin unzählig viele Menschen mit anderen Klamotten. Was andere Indienfahrer mir sicherlich bestätigen würden ist, dass sogar die indische Luft anders riecht, irgendwie würziger. Den Vorgeschmack auf das Essen gab habe ich schon im Flugzeug bekommen, welches natürlich lange nicht so gut war, wie das auf den Straßen Delhis.

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Indien ist ein Land, wie es gegensätzlicher nicht sein könnte: Auf der einen Seite riesige Häuser mit Gärten, begrünten Dächer und zwei, drei oder vier Bediensteten, und auf der anderen Seite Blech- oder Holzhütten, Rikshawfahrer und Straßenverkäufer, die täglich um ihr Überleben kämpfen. Das ist so ziemlich das Erste, was einem auffällt, wenn man in Indien ankommt.

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Vier Monate bin ich jetzt schon in Indien...wie schnell doch die Zeit verfliegt! Und nun bin ich auch angekommen, fühle mich als ein Teil des indischen Alltags. Denn sich hier wirklich einzuleben und alles einfach zu akzeptieren, wie es ist, war zu Anfang schwieriger als ich gedacht hatte. In einem Land, wo die Kultur 90% deines Alltags einnimmt, gelten eben andere Regeln. Aber jetzt ergeben diese Regeln endlich einen Sinn für mich.

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Als wir den Flughafen in Indien verlassen haben, schlug uns die schwüle Luft wie ein
Vorhang entgegen und man hat nur drauf gewartet, dass man wieder atmen kann, das ist aber nicht passiert. Am Anfang hatten wir erst mal unsere „Orientation“ in Delhi. Dorthin wurden wir mit einem Bus hingebracht, der in Deutschland niemals eine Straßenzulassung bekommen hätte. Zwischendurch sind wir mit zwei Stundenkilometern die „Autobahn" entlang geschlichen. Wir waren dann gegen 3.30 Uhr im Bett und uns wurde gesagt, dass wir um 7 Uhr wieder aufstehen sollen. Das frühe Aufstehen war nur leider umsonst, denn dank der „Indian stretchable time" kommen alle eine halbe bis eine Stunde später.

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So begann also meine Zeit im Ausland mit einer fünftägigen „ORIENTation" in Neu-Delhi, zusammen mit geschätzt 25 anderen angehenden Austauschschülern aus ganz Europa (ca. die Hälfte aus Deutschland) und veranstaltet durch YFU-lndia. Untergebracht waren wir in einer Highschool, wo auch die „Midterm Orientation" im Dezember stattfinden wird. Auf dem Stundenplan standen in erster Linie praktische Tipps für ein gelungenes Auslandsjahr aber auch ein Sightseeing in Delhi (sehr abenteuerlich, wenn man das indische Standard-Verkehrschaos nicht gewöhnt ist) und ersten „Konfrontationen" mit indischer Kost. Auch die Temperaturen (mittags über 50°C) waren anfangs außerhalb klimatisierter Räume kaum auszuhalten. Dennoch war die Orientation sehr interessant und auch spaßig, auch weil die indische Arbeitsmoral, die auch während der Orientation herrschte, sehr viel Freizeit vorsieht. Also umso mehr Zeit sich mit den anderen auszutauschen.

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Auf Teppichboden gingen wir erst zu einer aufwändig gestalteten Passkontrolle, dann zum Gepäckband (wo übrigens der Reißverschluss meines Rucksacks aufplatzte, was nicht so lustig war). Im Anschluss wurden wir von Mitarbeitern von YFU-Indien empfangen. Aufgrund der hohen Temperaturen zogen wir es vor, im Flughafen auf den Bus zu warten, der uns dann zur Schule brachte. Drei Klassenzimmer hatte man dort für uns in Schlafräume umfunktioniert und wir konnten auch die anderen Räume der Schule für unsere Orientierungsveranstaltung nutzen. Am zweiten Tag hieß man uns sogar mit einer ganzen Zeremonie willkommen.

Essen

Die indische Esskultur ist völlig anders als die deutsche. Doch genau das finde ich sehr gut und so kann ich immer wieder neue Gerichte entdecken und genießen. Die Schärfe war nie ein großes Problem, da meine Gastfamilie nicht sehr scharf isst, aber mittlerweile ist es auch kein Problem für mich scharfes Essen von außerhalb zu essen.

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Punjab ist vor allem auch sehr bekannt wegen ihres Essens, was zum Teil sehr reichhaltig ist. Es besteht eigentlich immer aus „Chappatis“, einem flachen Brot, entweder mit Gemüse oder Hühnchen. Aus Respekt vor dem Islam und dem Hinduismus wird in Indien ausschließlich Hühnchen gegessen.

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Zudem essen hier viele Menschen vegetarisch, was im Normalfall sogar ohne Ei bedeutet, was fϋr mich als ϋberzeugte Vegetarierin ein Segen ist, weil die ganze Lebensmittelindustrie darauf angepasst ist. Das Essen ist eine Sache für sich. Am Anfang war so ziemlich jedes Gericht für mich sehr scharf. Mittlerweile habe ich mich daran gewöhnt und finde es super. Heute esse ich alles und vertrage es auch sehr gut. Hier in Indien bekommt man viel vegetarisches Essen, wenn es Fleisch gibt, handelt es sich um Lamm oder Hühnchen. Aber was das Huhn anbetrifft, so haben es die Inder wirklich drauf! Ich liebe alles - von Butter-Chicken bis Tandoori-Chicken, und als Beilage Naan-Brot. Echt genial!

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Am ersten Tag bekam ich nach dem Aufstehen ein gutes Frühstück serviert mit frischer Milch, aber keine Kuhmilch, sondern Büffelmilch.

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Das Abendessen wird – für das mitteleuropäische Verständnis - erst sehr spät serviert. So auch in meiner Gastfamilie: vor neun Uhr abends gab es noch nichts, das Essen befand sich (wenn überhaupt) in der Vorbereitung.

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Das meiste war sehr lecker, doch anfangs viel zu scharf für mich. Deshalb gab es in der Gastfamilie zwei Schüsseln: Eine große „normal gewürzte" für die ganze Familie und eine kleine, in der sich mein Essen befand, doch bald hatte ich „trainiert" und konnte mich zusammen mit den anderen aus einer Schale bedienen.

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Das Essen hier ist sehr lecker, wenn auch sehr scharf, woran man sich erst einmal gewöhnen muss. Dann jedoch lernt man indisches Essen lieben. Es wird immer warm, nie kalt gegessen.

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Ich habe das schärfste, das süßeste und das beste Essen meines Lebens gegessen.

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Das Essen in Indien war zum Anfang sehr gewöhnungsbedürftig, da man zuerst den Geschmack für das Süß-saure und Scharfe entwickeln muss, aber nach einigen Wochen fing es an mir zu schmecken. Essen in Indien ist, wie die meisten Sachen in Indien, sehr vielfältig und mir wurde ständig etwas Neues zum Probieren angeboten. Meine Gastmutter hat mich oft ausgelacht, da ich mir angewöhnt hatte an dem Essen zuerst zu riechen „wie ein Hund“ bevor ich es probierte. Wegen der Schärfe, an die ich mich bis zum Ende nicht ganz gewöhnen konnte, stellte mir meine Gastmutter auf meinen Teller immer Joghurt dazu, den ich mir untermischen konnte falls es zu scharf wurde.

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Nachdem unser Haus einen kleinen Tempel beherbergt, ist der Verzehr jeglichen Fleisches im Haus aus religiösen Gründen verboten. Für mich als überzeugten Nicht-Vegetarier selbstverständlich ein Desaster. So verging der erste Tag damit, mich Verwandten vorzustellen und mich zur ein oder andren indischen Delikatesse zu nötigen. Ja mit der traditionellen Punjabi-Küche konnte ich mich bis heute nicht anfreunden.

Gastfamilie

So traf ich ungefähr im September die Entscheidung Gastfamilie wechseln zu wollen. Manchmal funktioniert es einfach nicht und dies ist auch kein Problem. YFU ist sehr hilfsbereit und fing sofort mit der Suche nach einer neuen Gastfamilie an. Ich kam dann in meiner neuen Gastfamilie an und fühlte mich sofort wohl. Ihr müsst also gar keine Angst vor einem Gastfamilienwechsel haben.

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Meine Gastfamilie: Es sind sehr herzliche Menschen und sie sind mittlerweile nicht mehr aus meinem Leben wegzudenken. Von Anfang an haben sie mich als ein richtiges Familienmitglied aufgenommen und so habe ich mich auch sehr schnell wohl gefühlt. Sie sind Christen, das heißt, dass ich viele Festivals, welche meist der Hindu Religion zugeordnet werden, nicht immer hautnah mitbekomme. Doch meine Gasteltern versuchen ihr Bestes, mir alle Seiten von Indien zu zeigen. YFU hat  gefragt, ob es für mich okay sei, wenn ich zu einer alleinstehenden Frau komme, die sozusagen im Internat lebt und auf die Mädchen, die dort wohnen, aufpasst. Ich habe gesagt, dass ich damit einverstanden bin.

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Das Leben bei dieser Familie war eine großartige und neue Erfahrung für mich. Das  Haus bestand aus einer Küche, einem Schlafzimmer und einem Wohnzimmer. Im Schlafzimmer teilten meine Gastschwester und ich ein Bett und meine Gasteltern haben auf einer Liege geschlafen. Meine Großeltern haben im Wohnzimmer gewohnt. Das Badezimmer befand sich im Hof und bestand aus einem Eimer und einer Schöpfkelle zum Duschen. Was bei null Grad im Winter sehr erfrischend war! Die Häuser haben dünnen Wände, da sie für den heißen  Sommer gebaut sind und nicht für den Winter. Heizungen gab es auch nicht, so haben wir viele Stunden gemeinsam mit einer Tasse heißem Tee und Handschuhe im Bett verbracht.

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Familie hieß bei mir nicht nur meine Mutter sowie meine Brüder, sondern alle mögliche Tanten, Onkeln und Cousins und davon hatte ich reichlich und zwar direkt als Nachbarn; in drei angrenzenden Häusern war die Verwandtschaft meiner Gastfamilie zu Hause,  eine richtig typische indische Großfamilie verteilt in ein paar kleinere Häusern. Mir wurde schnell klar, dass ich hier nicht nur als Schüler zu Gast bin, sondern dass ich in Indien ein zweites zu Hause gefunden habe.

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Der Alltag der Mädchen im Dorf bestand aus Kochen, Putzen und  Waschen. Wenn man Glück hatte, konnte man die Schule besuchen. Als Mädchen durften wir nie alleine das Haus verlassen und auch zum Schulbus ist immer meine Großmutter mitgekommen und hat uns auch wieder abgeholt.

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Empfangen wurde ich von meiner „neuen" Familie sehr herzlich. Meine Gastmutter wurde schnell meine beste Freundin, mit der ich über alles reden konnte, mein Gastvater der Ansprechpartner für alle möglichen Fragen und technischen Problemchen, meine ein Jahr jüngere Gastschwester eine super Gesprächspartnerin für alles und das allabendliche Quatschmachen und Spielen mit meinem sechsjährigen Gastbruder wurde schnell zur Routine.

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Vier Tage später holte mich meine Gastfamilie ab und es ging in mein neues Zuhause. Sie empfingen mich typisch indisch mit einer Willkommenszeremonie und zeigten mir mein Zimmer, dass ich zusammen mit meinem Gastbruder für die nächsten zehn Monate teilen würde.

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Als wir dann in unsere Familie kamen, ging dann das richtige Austauschjahr los und
es wird sehr schwierig für mich, zu erklären, was ich hier erlebe, denn es ist komplett anders, als alles, was ich bis jetzt erlebt habe. Es ist im wahrsten Sinne des Wortes unbeschreiblich! Der Anfang war leider nicht immer so, wie ich es mir vorgestellt habe, denn da kam das Heimweh und zwar nicht zu knapp. Außerdem hab ich das Essen nicht vertragen und mich in meiner Familie nicht wirklich wohlgefühlt. Nach zwei Wochen habe ich gemerkt, dass ich mich in meiner Familie nicht wohlfühlen kann und habe dann einen großen Fehler gemacht, der mir allerdings sehr viel Glück gebracht hat. Ich habe mit meinen Freunden über meine Probleme in der Familie geredet, was hier in Indien nun mal gar nicht geht. Aber so habe ich meine neue Familie gefunden, denn ein Mädchen aus meiner Parallelklasse hat mir angeboten, dass ich in ihre Familie wechseln kann. Am selben Tag habe ich mit meiner Betreuerin telefoniert und nicht eine Woche später bin ich dann bis alles Organisatorische geklärt war, ins Internat meiner Schule gegangen. Seit dem ich in meiner neuen Familie bin, genieße ich mein Austauschjahr sehr und auch Indien wächst mir mehr und mehr ans Herz. Es ist ein tolles Gefühl, Freunde und vor allem eine dich liebende Familie am anderen Ende der Welt zu finden!

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Ich habe während meines Austauschjahres einmal die Familie gewechselt.
Mit meiner ersten Familie kam ich einfach nicht zurecht und habe bereits nach drei Wochen gewechselt. Das war das Beste, was ich tun konnte, denn so hatte ich noch neun Monate Zeit in meiner zweiten Familie. Meine zweite Familie habe ich mir sozusagen selbst gesucht, denn es war eine Klassenkameradin von mir, die mich dann aufgenommen hat. Ich war sehr glücklich dort und werde auch heute noch von allen wie ein Familienmitglied angesehen. Ich habe noch sehr viel Kontakt zu meiner indischen Familie.

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Familienleben in Indien ist viel enger und abgeschirmter von der Öffentlichkeit. Es wird sehr viel darauf geachtet, was nach außen getragen wird um das Image der Familie nicht zu stören. Anfangs fiel es mir schwer in Indien zu leben da ich viel von der Freiheit, die ich in Deutschland gewohnt war, abgeben musste. Daher freute ich mich Anfangs ständig auf Feste, Hochzeiten und Großeinkäufe, da das alles Gelegenheiten waren das Haus zu verlassen. Doch nach und nach bemerkte ich das egal wo ich mich befand, ich immer Spaß hatte mit meiner Familie, zuhause beim Kochen, Lernen und Fernsehen schauen oder auf Festen und Familientreffen.

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Das Leben im Dorf war für mich eine große Umstellung, aber nach nur ein paar Tagen habe ich mich daran gewöhnt und war glücklich dort. Als erstes möchte ich meine neue Umgebung und Familie beschreiben. Das Haus besteht aus einem Wohnzimmer, in dem die Großeltern schlafen, einer Küche, einer Rumpelkammer mit einem großen Kleiderschrank und einem Schlafzimmer, in dem meine Gastschwester, meine Gasteltern und ich schlafen, und einem Badezimmer.

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Meine Gastfamilie bestand aus meinen Gasteltern und meinem Gastbruder. Eine ältere Schwester studiert in Australien. Meine Familie lebte sehr komfortabel in einem Haus. Mein Gastvater ist Zwischenhändler und zuständig für die Kommissionen im örtlichen Gemüsemarkt. Meine Gastmutter ist Hausfrau. Durch meine Familie habe ich das Leben einer mittelständischen hinduistischen Familie kennengelernt. Eine ziemliche Herausforderung für mich war, dass meine Gasteltern kaum Englisch sprachen, sondern nur die Landessprachen Hindi und Punjabi.

Kultur

Das Fest heißt Deshera: Die Schwester steckt ihrem Bruder Gras in die Taschen und hinter die Ohren, was repräsentativ für Weisheit und Reichtum steht. Auch zu diesem Fest war die gesamte Verwandtschaft anwesend.

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Während des „Kite-Flying-Festival“ Lori ist der Himmel gefüllt mit Drachen in den buntesten Farben. Unerklärtes Ziel ist es, möglichst viele Drachenschnüre anderer Feiernder zu kappen.

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Für die ersten zwei Monate lebte auch noch die Mutter meines „Dads" im Haus, doch leider starb sie Mitte September. Durch dieses traurige Ereignis lernte ich nicht nur die Verwandtschaft, die sich bei uns einfand, sondern auch die interessanten Traditionen und Rituale des Hinduismus kennen: Um den Respekt vor der verstorbenen Person zu zeigen, setzen sich alle (als Zeichen der Trauer in helle Farben oder Weiß gekleidet), die ins Haus kommen, um ihr Beileid und ihre Kondolenz zu bezeugen, auf den Boden. Zwei Wochen lang nach dem Tod kam jeden Nachmittag ein Priester, um eine sogenannte „Garudh-Pooja" zu vollführen. Eine Pooja ist generell eine religiöse Zeremonie, die es in verschiedenen Versionen für jede Lebenslage gibt. Bei der oben genannten Zeremonie wurden Geschichten über den Tod eines Menschen, seine Wiedergeburt und das Loslassenkönnen der Verwandten aus dem heiligen Buch erzählt, es wurde für den Seelenfrieden der Großmutter gebetet und religiöse Lieder gesungen. Trotz des traurigen Anlasses waren diese Zeremonien doch sehr schön. Während dieser zwei Wochen wurde auch auf Unterhaltung wie Fernsehen, Internet oder Shopping verzichtet.

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Hier in Indien gibt es einige Dinge, die ich mir selber durch einigermaßen logisches Denken nicht erklären kann, auch meine Gastfamilie, die natürlich über Indien, seine Traditionen usw. bestens Bescheid weiß, sagt mir oft, dass sei halt einfach so. Mittlerweile ist der kleine Satz meiner Gastmutter „My Dear, that's India" („Mein Liebling, das ist Indien") zu einem geflügelten Wort geworden.

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Im Gegensatz zu einigen in Deutschland gebräuchlichen Feiertagen, die oft eher bedächtig und still ausfallen, waren sie in Indien schrill, bunt mit Musik, Tänzen und besonders tollem Essen.

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lndien heißt nicht zu Unrecht „Land der Feste". Da gibt es „Raksha Bandhan", ein Fest für Geschwister, in dem die Schwester dem Bruder ein Armband umbindet und er ihr verspricht, auf sie aufzupassen, „Dusherra", wo eine riesige siebenköpfige Figur verbrannt wird, „Navratras" und „Ashtmi", eine Fastenwoche und ein Fest, an dem kleine Kinder, vor allem Mädchen, verehrt werden, vieles, vieles mehr und natürlich „Diwali", das größte indische Fest. Übersetzt bedeutet „Diwali" „Fest der Lichter" und das ist nicht zu viel versprochen. Diwali dauert nicht nur einen Tag lang, es dauert mindestens drei Tage und ist voller Diwali-Feiern in den Tagen davor, bei Freunden oder im Park, und ständig kommen Leute vorbei und bringen kleine und große Geschenke - und man selbst geht auch zu vielen Freunden und Verwandten. Am Tag von Diwali selbst wird dann „Rangoli" gemacht. „Rangoli" ist ein Bild oder Muster, das mit gefärbten Sägespänen oder Farbpulver auf den Boden gemalt wird, was wirklich schön aussieht. Zudem werden sogenannte „Die" vorbereitet, das sind kleine Tonschälchen, die mit Öl gefüllt werden und ein Stück Baumwolle als Docht bekommen. Diese werden dann mit ein paar Kerzen im ganzen Haus und Garten verteilt und - wenn es dunkel ist - angezündet. Jedes Haus ist mit bunten Lichterketten behängt. Am Abend gibt es ein „Puja" (Gebet) im Haustempel mit einer festen Zeremonie und Liedern und im Anschluss ein Feuerwerk. Einen Haustempel, gibt es in jedem indischen Haus mit Götterfiguren, Bildern etc.; jeden Morgen findet dort ein Gebet statt.

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Indien ist ja bekanntlich ein sehr religiöses Land. Und ich war sehr glücklich, dass ich ein großes Ereignis mit meiner Sikh-gläubigen Gastfamilie erleben durfte! Das Todesjubiläum meines verstorbenen Gastgroßvaters. Zwar ein trauriger Anlass, aber meiner Meinung nach erlebt man eine Religion immer dabei am intensivsten, wie sie mit dem Tod umgeht! Diese Todeszeremonie zog sich über einen Zeitraum von einer Woche, in der ein Raum im Haus ausgeräumt und speziell geschmückt wurde. Man durfte ihn nur noch verschleiert betreten und sollte die ganze Zeit die traditionellen hellen Trauerfarben tragen! Diese fremde Religion so hautnah mitzuerleben war wirklich sehr aufregend und interessant!

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Eines der wichtigsten Feste im hinduistischen Kalender und mein persönliches Lieblingsfest: Holi, das Fest der Farben. Es ist ein religiöses Fest und wird zum Sieg des Guten über das Böse gefeiert, es wird aber auch als das Frühlingsfest bezeichnet. Man bewirft sich zu diesem Fest mit Farbpulver dem sogenannten Gulat, wir lieferten uns mit den Nachbarn Farbschlachten, besuchten Verwandte und Freunde meiner Gastfamilie um uns gegenseitig mit Farbe zu beschmieren und gingen zur Segnung in den Tempel und Prasad, eine Art Opferspeise, zu holen.

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Religion in Indien ist allgegenwärtig, wenn man sich verabschiedet wird man meistens gesegnet („May god bless you“). Beten gehört in Indien zum Alltag, sei es zu Hause vor dem Haustempel oder beim täglichen Gebet in der Schule.

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In die Gurdwara mit meiner Familie zu gehen war einer der schönsten Erlebnisse in meinem Austauschjahr für mich. Ich hätte stundenlang dasitzen können und beten und meditieren können, da die Stimmung einfach so entspannt und gut war. Danach gab es immer draußen unter freiem Sternenhimmel ein großes Essen mit der ganzen Großfamilie, das nach der Tradition für alle umsonst ist und von  Spenden bereitgestellt wird. In Indien gibt es unzählige Feste, die meistens einen religiösen Hintergrund haben.

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Ein paar Tage vor Ram Navami, einem anderen hinduistischen Feiertag betrat ich das Haus meiner Gastfamilie. Meine Gastmutter saß auf dem Sofa, sah mich und begann plötzlich wild zu gestikulieren und rief mir nur entgegen: „Raus!“. Ich war erst recht perplex, später erklärte mir mein Gastvater, dass ich meine Schuhe und Socken vor der Tür hätte ausziehen sollen, denn in der Woche vor Ram Navami wird das Haus aus religiösen Gründen besonders sauber gehalten und insbesondere Schuhe und Socken gelten als unrein. Solche kleinen Mischgeschicke und Fehler passierten mir vor allem am Anfang oft. Sie sind das, woraus ich am meisten gelernt habe. Mein Gastvater nutzte solche Gelegenheiten gerne, um mir mehr über Indien zu erzählen.

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Garvachauth, ein Fest an dem Frauen für ihre Ehemänner oder auch zukünftige Ehemänner fasten, und das von Sonnenaufgang (tatsächlich aber schon ab vier Uhr, wieso konnte man mir auch nicht genauer erläutern) bis der Mond zu sehen ist. Daraufhin wird ein Puja abgehalten, ein Gebet, wobei jedoch der Mond zu sehen sein muss, da aus diesem dann die Zukunft des Ehemanns gelesen wird.

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Meine Familie ist, wie viele indische Familien, sehr religiös (Hindus). Im Haus gab es einen eigenen Raum nur um zu beten. Man durfte den Raum nur barfuß betreten und nachts brannte immer das Licht.

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Ich vermisse Indien einfach in so vielen verschiedenen Bereichen. Einer von diesen  ist der Hinduismus. Ich bin zwar weder getauft, noch gläubig, doch der Hinduismus fasziniert mich unglaublich. Ich habe mich auch schon vor Beginn meines Auslandsjahres damit beschäftigt. Das Thema „Hinduismus“ wurde in der Schule im Rahmen des Ethikunterrichtes behandelt und ich habe privat auch einige Bücher dazu gelesen. Doch das Ganze hautnah aus, bzw. in Indien zu erleben, war noch einmal komplett anders. Die ganzen Tempel, all diese Festivals, man kann sie eigentlich nur mögen. Mit meiner Familie habe ich häufiger „Tempeltouren“ gemacht. Wir sind also samstagmorgens aufgebrochen und haben an verschiedenen Tempeln angehalten, sie besucht und dort gebetet. Auf dem Rückweg haben wie wieder an mehreren Tempeln einen Zwischenstopp eingelegt. Diese kurzen Trips waren zwar auch anstrengend, aber es war immer wieder schön, die ganzen Tempel zu besichtigen. Jeder Tempel hat eine besondere Atmosphäre, die so schwer zu beschreiben ist. Sobald ich einen Tempel betreten habe, hatte ich irgendwie ein Gefühl von Ruhe, Ausgeglichenheit und Faszination, so wie ich es noch nie zuvor in einer Kirche erlebt habe. Auch die größeren Pujas (= Verehrung) habe ich sehr gerne gemocht. Dort sind wir häufig mit Verwandten hingefahren. Dabei wird meistens bis spät in den Abend geklatscht und zusammen gesungen. Alle haben versucht, mir die ganzen Texte beizubringen, und wenn es nicht geklappt hat, haben sie sich immer gefreut, dass ich mitgeklatscht bzw. mitgesummt habe.

Land und Leute

In Indien ist das Bett nicht nur zum Schlafen da, sondern auch ein ganz normaler Aufenthaltsort. Meine Gastschwester lernt nur im Bett und auch zum Fernsehschauen oder lesen ist man fast immer im Bett. Dort reden wir dann, telefonieren oder schauen Filme.

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Übrigens hat die Familie hier in Indien einen sehr hohen Stellwert. So ist es ganz normal, dass die Großeltern im selben Haushalt wohnen und die ganze Verwandtschaft in der Nähe wohnt und häufig spontan vor der Türe steht. Eine Sache, die mich noch immer verwirrt, ist, dass alle Verwandten unterschiedliche Bedeutungen haben. Die Großeltern väterlicherseits (Dada und Dadi) heißen anders, als die Großeltern mütterlicherseits (Nana und Nadi). Und während wir in Deutschland schlicht und einfach Tante und Onkel sagen, wird hier in Indien unterschieden, je nachdem, ob es die ältere oder jüngere Schwester der Mutter oder des Vaters ist.

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Wir haben zum ersten Mal die indischen Straßen gesehen, auf denen immer etwas passiert. Massen von Menschen gehen ihren täglichen Beschäftigungen nach, es laufen Kühe, Affen, Hunde, Katzen und manchmal sogar Schweine auf der Straße herum. Der Verkehr, abgesehen von den Tieren besteht auch noch aus Autos, Fahrrädern, Motorrädern und Mofas, auf denen meistens zwei Leute sitzen, aber manchmal auch eine ganze Familie. Vorne, zwischen den Beinen vom Papa steht ein Kind, der Vater fährt, dann kommt noch ein Kind und hinten mit den Beinen auf einer Seite sitzend, da sie normalerweise ein Suit trägt, kommt die Mutter. Außerdem besteht der Verkehr noch aus Rikschas und Autorikschas, die hier für die öffentlichen Verkehrsmittel stehen.

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Es fängt schon damit an, dass ich jedes Mal, wenn ich die Straße überqueren muss, fast Todesangst habe und das in einer Stadt, in der der Verkehr, verglichen mit dem Rest von Indien, sehr geordnet ist. So ist es also zur Angewohnheit geworden dass, wer auch immer die Straße mit mir überquert, mich an die Hand nimmt, wie ein kleines Kind. Aber die Definition von Kind, besonders für Mädchen, ist hier sowieso anders. Ich lebe hier, mit inzwischen 16 Jahren, ein deutlich stärker behütetes Leben mit viel weniger Freiheiten. Es war am Anfang eine große Umstellung für mich, dass ich nicht mal schnell alleine raus gehen kann, um etwas zu besorgen. Aber ich habe mich daran gewöhnt und bin froh darüber, hier die „kleine“ Sophia zu sein, vor allem,  da ich in Deutschland die Älteste von drei Geschwistern bin und ich dort Vieles eigenverantwortlich erledige.

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Die ersten Tage waren schwer, aber ich habe schnell gemerkt, dass die Menschen hier in Indien sehr hilfsbereit, freundlich und aufmerksam sind. Nach dem Motto `Sharing is caring´ wird hier alles geteilt. Zeit, Essen, Familie, Spaß, Freunde. Auch wenn es nur wenig ist. Das hat mir die Eingewöhnung sehr erleichtert.

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Ein Erlebnis, das mich sehr geprägt hat und mich immer wieder beschäftigt, ist die Armut. Ich habe meine ältere Gastschwester vom College abgeholt, als plötzlich zwei Kinder an unser Autofenster geklopft und nach Essen gefragt haben. Es waren ein Junge und ein Mädchen. Der Junge trug ein weiteres, vielleicht zweijähriges, Mädchen auf dem Arm. Meine Gastmama hat lange überlegt, ob sie ihnen etwas zu essen kaufen soll, denn die meisten dieser armen Kinder wissen noch nicht mal, was sie mit Geld anfangen sollen, geben es ihren Eltern und dort wird es dann meistens für Drogen oder Alkohol verwendet. Nach einigem Überlegen hat sich meine Gstmama aber doch erweichen lassen und wir haben den Kindern Essen gekauft. Das einfachste Gericht, das in Indien zu kriegen ist. Daahl und Roti, Linsen und Brot.
Die lächelnden Gesichter haben mir das Herz zerrissen. Denn die beiden Größeren waren so damit beschäftigt, zu essen, dass sie die Kleine total vergessen haben. Ich habe also angefangen sie zu füttern.

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Die erste Zugfahrt in Indien war schon etwas Besonderes. Vor dem Bahnhof  wurden wir erst mal von den Leuten umringt, die unser Gepäck tragen wollten und irgendwie stritten die mit unserem Begleiter oder auch untereinander. Nach vielleicht einer Viertelstunde verschwanden alle Gepäckträger bis auf einen, der dann unsere Koffer, jeweils ca. 23 Kilo, auf dem Kopf zum Bahnsteig trug. Als wir den Bahnhof betraten, wurden wir erst mal durchgecheckt. Das wird man hier eigentlich überall, egal wo man hingeht, z.B. auch im Kino. Unser Zug kam ungefähr drei Stunden zu spät. Wir warteten auf einer Bank sitzend und beobachteten die Ratten. Um uns herum schliefen Leute auf dem Bahnsteig liegend. Wir wollten eigentlich auch nur schlafen, aber auf einer Bank sitzend  konnte ich damals noch nicht schlafen. Jetzt vielleicht schon, da Inder eigentlich überall schlafen können. Mit dem Zug fuhren  wir dann sechs Stunden. Da wir im Liegewagen fuhren, konnten wir zum Glück endlich unseren Schlaf nachholen. Das einzig nicht so Schöne auf der Zugfahrt waren die Toiletten.

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Bei dieser Gelegenheit komme ich auch auf die enorme Polizei Präsenz in Nordindien und speziell Delhi, bedingt durch die Angst vor Terroranschlägen durch rechtsradikale Pakistani in Folge des Kashmir Konflikts zu sprechen. Jeder Polizist trägt eine vollautomatische Handwaffe. Im Eingangsbereich jeder Metro-Station Delhis sind Sicherheitskräfte hinter einer schweren Deckung anzutreffen, die Läufe ihrer Sturmgewehre auf die herein strömenden Passanten gerichtet. Wann immer man die Metro betritt, muss man also zwingend einer vollautomatischen Langwaffe in den Lauf sehen. Ein durchaus bedrückendes Gefühl.

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Meine Brüder bewirtschafteten die kleine Farm der Familie, die sich ein paar Kilometer weg von unserem Dorf befindet. Wir hatten ein paar kleinere Felder auf der wir das ganze Jahr je nach Jahreszeit anbauen konnten. Landschaftlich hatte der Bundesstaat Punjab nicht allzu viel zu bieten, aber die Landwirtschaft veränderte das Landschaftsbild ständig: Im Sommer die bewässerten Reisfelder, im Winter die grünen Kartoffelfelder und dann im Frühjahr die goldenen Weizenfelder. So verbrachte ich natürlich auch viel Zeit in unserem Farmhäuschen, in dem die Knechte zur Bewirtschaftung unserer Felder Unterschlupf hatten. Oft fragte ich mich auch, ob dies denn auch menschenwürdig sei: diese Leute arbeiteten hart bei allen klimatischen Bedingungen und Witterungen, bekamen zwar immer genug warme Mahlzeiten und hatten ein Bett, aber sie schufteten jeden Tag und sehen ihre Familien kaum, die sie versuchten,  mit ihrem Knochenjob zu ernähren. Leider ist dies Realität in Indien. So schön auch die Kultur- und Menschenvielfalt sowie Exotik sein kann:  man erkennt diesen gewaltigen Klassenunterschied zwischen Arbeitern und einer Bauernfamilie, der es an nichts fehle und dann die Menschen, die gerade das Nötigste haben. Dieser Unterschied ist in Indien trotz der Abschaffung des Kastenwesens sehr präsent. Doch viele Menschen haben Hoffnung, Hoffnung auf Besserung und Hoffnung auf Bildung für ihre Kinder.

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In dieses Land habe ich mich sowieso schon verliebt, in das Essen, die Mentalität und die Art der Menschen, aber vor allem die Kleidung ist hier (für mich) einfach zum Schwärmen. Ich liebe es, indische Suits zu tragen, in der Regel sind es lange Oberteile mit Leggings oder Flatterhosen und noch viel schöner ist es, in entsprechende Geschäfte zu gehen.

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Zudem darf man sich die Straßen, die Verkehrsmittel und den Verkehr selbst nicht wie in Deutschland vorstellen. Die Straßen haben ein Schlagloch nach dem anderen und es herrscht wie in England Linksverkehr. Das fällt einem aber gar nicht auf, da jeder gerade da fährt, wo Platz ist. Auf einer zweispurigen Autobahn fahren oft drei Autos nebeneinander und es wimmelt nur so von Motorrädern und Rollern… Zusätzlich gibt es niemanden, der nicht ständig hupt, da es ein ungeschriebenes Gesetz gibt, keinen LKW ohne Hupen zu überholen.

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Die Menschen hier lassen sich nur als unglaublich freundlich und hilfsbereit beschreiben und sie sind wirklich unermüdlich in dem Versuch, sich jemandem, der kein Hindi spricht, verständlich zu machen.

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Die Inder sind ein sehr herzliches und angenehmes Volk. Wohin ich auch ging, sah ich in gleichsam neugierige und freundliche Gesichter, oft wurde ich spontan eingeladen.

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Oh, und die „indische Pünktlichkeit", die mich so oft schon zur innerlichen Weißglut getrieben hat!! Da heißt es „Wir gehen um 10:30 Uhr auf eine Hochzeit. Also mach dich fertig!" Gesagt, getan. Meine deutsche Pünktlichkeit lässt mich 10 Minuten früher fertig sein. Und was macht meine Gastfamilie? Zwanzig Minuten später, fangen alle ganz gemütlich an, ins Bad zu gehen... Und wenn dann alle erstmal im Auto sitzen, kommt meistens noch ein Gemüsewagen am Straßenrand vorbei und meine Gastoma muss natürlich erst noch um Blumenkohl feilschen! Aber so ist das nun mal. Man sollte es mit Gelassenheit nehmen...ist doch sympathisch!

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Es ist eben eine andere Kultur und das muss erst einmal verstanden und respektiert werden. Beispielsweise war ich auf einer Verlobungszeremonie, wo sich das Paar erstmalig begegnete, oder überwiegend gab es kein Toilettenpapier...

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Ich habe unglaubliche Hochzeiten gesehen. Ich habe wunderbare Menschen kennengelernt. Ich habe gemerkt, wie wichtig Familie und echte Freunde für mich sind. Ich habe erkannt, dass es viele Wege gibt, etwas zu tun, und meiner nicht unbedingt der richtige ist. Ich habe gelernt, wie wunderbar Gastfreundschaft ist und wie schön das Gefühl ist, wenn man wie Familie behandelt wird, obwohl man diese Leute vor einem Jahr nicht einmal kannte. Ich habe gesehen, wie großartig Indien ist und wie unglaublich gut Menschen sein können. Aber das ist bei weitem nicht alles, was ich gesehen habe. Ich habe die dreckigsten, schmutzigsten, hässlichsten Flecken Erde gesehen, die man sich vorstellen kann. Ich habe gesehen, wie tausende Menschen auf engstem Raum unter menschenverachtenden Umständen leben.

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Am Anfang habe ich mir richtig schwer getan, die Leute auseinanderzuhalten und zu erkennen. Jeder hat schwarze Haare, dunkelbraune Augen und braune Haut.
Da bin ich mit meinen hellbraunen Haaren und hellen Haut natürlich sehr aufgefallen. Immer wenn ich aus dem Autofenster schaute und wir gerade vor einer roten Ampel standen, sah ich bestimmt fünf Leute, die mich anstarrten. Einmal war ich im Zoo und habe mich gefühlt, als wäre ich eine größere Attraktion als die Tiere. Bestimmt zehn Inder haben mich gefragt, ob sie ein Bild mit mir machen können. Und als wir uns für das Bild aufgestellten, wurden wir bestimmt von zehn weiteren indischen Handys aufgenommen.

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Alle Gerüchte, die man über indische Straßen gehört hat, sind wahr! Aber ich muss sagen, ich liebe das Chaos aus Rikschas, Kühen, Straßenhunden, Lastwägen, Fahrrädern, kleinen Transportern, Fußgänger, Motorrädern, „Scooties“ ... Hier in Delhi findet sich alles mögliche auf den Straßen. Ich bin schon zwei Mal Elefanten begegnet, die bunt geschmückt durch die Straßen gelaufen sind. Straßenregeln sind hier auch nicht wirklich vorhanden. Hier fährt man in Schlangenlinien, drängelnd und so schnell wie möglich. Kühe und Fahrradrikscha halten den Verkehr auf, während Fahrräder, Fußgänger und Straßenhunde ausweichen müssen. Eine Straße sicher zu überqueren, dauert bestimmt eine halbe Stunde, deswegen rennt auch jeder einfach nur irgendwie auf die andere Seite.

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Vor allem Tanzen ist in Indien sehr beliebt und fast jeder tanzt: Jungen, Mädchen, egal ob jung oder alt, ohne Scham und sehr gut.

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„Loving is sharing.“ Diesen Spruch hört man in Indien wirklich oft und er ist auch sehr wichtig. Ein weitere wichtiger Spruch ist: „Was deins ist, ist meins“. Wenn man sich in der Schule in der Mittagpause hinsetzt, um Mittag zu essen, fragt man sich gegenseitig gar nicht, ob man probieren darf. Es ist selbstverständlich, dass man sich bedient. Für mich war das am Anfang ein bisschen ungewohnt, vor allem weil Inder nicht „Danke“, „Bitte“ und „Entschuldigung“ sagen. Inder sagen, dass es das in einer Freundschaft nicht gibt. „Danke“, „Bitte“ und „Entschuldigung“ sind nur für das Geschäft! Einmal ist es mir passiert, dass ich mich in der Mittagspause verspätet habe und eine Freundin mein Mittagessen aufgegessen hat. Als ich gefragt habe, wer das war, sagte sie nur: "Das war sehr lecker, kannst du das auch morgen bringen?"

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Das Familienleben ist ganz anders in Indien. Im Vergleich zu Deutschland wird viel mehr Wert auf Familie gelegt und dafür etwas weniger auf Freunde. Es wird viel mit der Familie unternommen, die der wichtigste Ort des Austausches ist. Oft lebt man mit den Großeltern zusammen und diese sowie allgemein alte Menschen werden sehr respektiert. Kinder bleiben bis zu ihrer Hochzeit bei ihren Eltern und selbst danach leben viele weiterhin bei ihren Eltern.

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Im August feierten wir den indischen „Independence Day" (Unabhängigkeitstag). Wir dekorierten das ganze Haus mit indischen Fähnchen und sahen uns am Vormittag die große Nationalparade im Fernsehen an, am Schluss sangen alle voller Stolz die indische Nationalhymne mit. An diesem Tag ist es auch Tradition, dass, wie es mein Gastbruder beschrieb, jeder Junge im ganzen Land einen Drachen steigen lässt. Aber nur einen Drachen steigen zu lassen wäre ziemlich langweilig. Es geht darum, die Schnüre von anderen Drachen mithilfe der eigenen durchzuschneiden. Dazu sind die Drachenschnüre mit winzigen Glassplittern überzogen. Die Kunst ist, die Schnüre möglichst vieler anderer Drachen zu durchtrennen. Ich habe es versucht und bin gescheitert, trotzdem hatten wir jede Menge Spaß.

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Eine kulturelle Besonderheit in Indien ist, dass es sprichwörtlich nur „mit dem Kopf durch die Wand geht". Warteschlangen sucht man hier vergebens, es wird geschubst und gedrängelt. Als erstes wird meistens der bedient, der am lautesten schreit. Beim Badminton spielen wird die meiste Zeit regelrecht um die Punkte gefeilscht, meistens bekommt der mit dem längsten Atem die meisten Punkte zugesprochen. Am Anfang hat mich das sehr erstaunt und zugleich geschockt, aber so komisch es auch klingen mag, es ist einfach Teil dieser Kultur.

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„Wie sieht man uns Deutsche eigentlich in Indien"? Diese Frage habe ich mir im Vorfeld meines Austauschjahres oft gestellt und mittlerweile habe ich eine Antwort darauf. Deutschland sieht man als das Technologie- und Autoland schlechthin. Eine deutsche Automarke wird als das Statussymbol gesehen. Auch wirbt z.B. ein deutscher Waschmaschinenhersteller mit dem Slogan „We're German, we're mad about machines." (Wir sind Deutsche, wir sind verrückt, wenn es um Maschinen geht.). Ein Mitschüler fragte mich erstaunt als er meinen Druckbleistift sah, ob ich ihm auch so einen „deutschen" Bleistift besorgen kann, was besonders lustig war, da es diese Bleistifte in fast jedem Laden in Indien gibt. Aber auch auf Adolf Hitler und das Dritte Reich wurde ich sehr oft angesprochen. Denn die meisten Inder sind der Meinung, dass Hitler mit dem Zweiten Weltkrieg das Britische Empire zu Fall gebracht und somit ihnen zu einem großen Teil zur Unabhängigkeit verholfen hat.

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Bei einem kurzen Ausflug nach Old-Delhi, haben wir die andere Seite von Indien
kennengelernt: das volle, etwas stinkende und verschmutzte Delhi. Das Überqueren
der Straße war richtig unheimlich, da sich irgendwie niemand an die Straßenregeln hält, und man einfach drauf losläuft. Ich hatte wirklich Angst, überfahren zu werden! Ein Bild, das ich sicher nicht mehr vergessen werde: eine ganze Familie (Vater, Mutter und zwei Kinder) auf nur einem Motorrad. Alles, was ich dazu sagen kann: INDIEN!

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Alles ist bunt und die Frauen tragen ihre Suits und Saris. Allerdings tragen die Teenager alle dieselben europäischen Klamotten wie wir.

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Indien wird oft als vielfältig beschrieben und man merkt sehr schnell, dass es auch wirklich so ist. Jeder der 28 Bundesstaaten hat seinen eigenen Tanzstil, seine eigenen Spezialitäten und sogar eigene Kleidung. Das gleiche trifft auf die Menschen zu, was auf eine Familie zutrifft, ist schon in der nächsten Familie anders. Die Regeln in jedem Haushalt zum Essen und Benehmen sind sehr unterschiedlich und man muss sich immer neu anpassen. Einige Sachen haben die meisten Familien gemeinsam. Fast in jeder Familie hat der Vater das letzte Wort und die Ältesten werden am meisten respektiert, ob es die eigene Oma ist oder eine alte Frau auf der Straße. In Indien ist man bis man heiratet ein Baby und wird auch so behandelt.

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Einer der schönsten Sachen an Indien sind die Straßen. Die indischen Straßen sind für mich die besten der Welt. Als die anderen Austauschschüler und ich am ersten Tag die Altstadt von Delhi betraten, war ich wie gelähmt. Es war die reinste Sinnesüberreizung und ich fragte mich, wie ich wohl dieses Jahr in diesem Land überleben werde. Man kann keine indische Straße auf einem noch so guten Foto festhalten. All diese Religionen, soziale Klassen und Tiere, die hier auf einander treffen und friedlich zusammenleben. Es wimmelt von Mopeds mit ganzen Familien drauf, Rikschas, protzigen BMWs und Gemüseverkäufer, die ihren Karren vor sich schieben. Allgemein wird die ganze Zeit gehupt. Mein Gastvater meinte immer „wer sich nicht laut macht könnte schließlich übersehen werden“. Natürlich gibt es auch die heiligen Kühe die zu dem Chaos beitragen. Zu dem ganzen Hupen gehört immer das Schreien der Verkäufer und die  Gebetsgesänge aus den Tempeln, die noch von weitem zu hören sind. Auf indischen Straßen stinkt es und duftet es immer: Die ganzen Abgase, der Gestank von Tieren, und der Duft von Blumenständen und Essensständen. Es war eine der schönsten Sachen für mich hinter meiner Schwester oder Mutter auf dem Moped zu sitzen und durch die Straßen zu sausen, denn auf indischen Straßen passiert immer etwas.

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Doch im Laufe der Zeit gewöhnt man sich an die offensichtlichen und vor allem auch kulturellen Unterschiede und lernt diese auch zu schätzen. So finde ich es immer wieder faszinierend wie hier vor allem der Respekt gegenüber den älteren Menschen großgeschrieben wird. Hier ein kleines Beispiel: unter Freunden wird eine kurze Form des "ja" benutzt; doch sobald eine ältere, respektbare Person einer Konversation beiwohnt, spricht man die normale Form des "ja"s, um den Respekt gegenüber dieser Person zu zeigen.

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Am Nachmittag fuhren wir zur Thunder Zone, eine Art kleiner Freizeitpark mit einem kleinen Schwimmbecken. Leider ist das Wellenbad nur für Männer und die Frauen müssen im Kinderplanschbecken schwimmen, auch wenn diese Regelung sinnvoll ist, da die meisten nicht schwimmen können. Aber trotzdem fand ich das etwas diskriminierend. Auch die Schwimmkleidung war etwas anders als wie wir in Deutschland gewöhnt sind, als Badeanzug hatten wir alle Caprihosen und T-Shirts an.

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Das Erwähnenswerteste in meinen Dorf ist das Zentrum, ein riesiger, großer Baum, um den jeden Tag, die Männer des Dorfes, alte Männer mit Turban und weißen Bart, aber auch viele junge, nach der Arbeit sitzen und Tee trinken und Kartenspielen und viel über das Leben diskutieren. Ich weiß, wenn man das so hört, ist daran nichts Besonderes, aber trotzdem: dieses Bild strahlt etwas ruhiges und weises aus, in der Zeit der Hektik und Globalisierung.

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Wir näherten uns langsam meinem Geburtstag, was eine lustige Erfahrung war. Erstens bekam ich um Mitternacht, schön nach indischer Tradition, von meiner Gastfamilie Kuchen ins Gesicht geschmiert und ein kleines Geschenk.

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Sitzt man im Auto und wartet auf die Grünphase der Ampel, kommen die Kinder an die Scheiben gelaufen und betteln um Geld. Hinzu kommt, dass ich als "Weißer" besonders häufig und intensiv nach Geld gefragt werde. Wenn man ihnen Geld gibt, bleibt das nicht bei zehn Rupien, meistens wollen sie dann noch mehr und man wird so für die eigene Spendenbereitschaft "bestraft". Des Weiteren lernen sie, in welchen Autos ich sitze und wie ich aussehe und so baut man in gewisser Weise eine „Beziehung“ auf. Man kennt irgendwann die, die immer wieder an den Scheiben stehen.

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Hochzeiten werden in Indien sehr prunkvoll gefeiert. So ist es nicht ungewöhnlich, dass man für die Vermählung von Braut und Bräutigam sowie den Festen, die dazu gehören, schnell mal Geld im Wert eines Kleinwagens ausgibt. Außerdem ist dies eine Art zu zeigen, was man hat, auch wenn das dann natürlich immer über dem normalen Standard ist.
Im Januar war es dann soweit: Ein Cousin meiner Gastmutter feierte seine Hochzeit und wir waren eingeladen. Das Ganze wurde in einem sehr großen Rahmen aufgezogen. So flogen wir als Teil der engeren Familie erst einmal in den Heimatort der Braut, in dem traditionsgemäß die Vermählung stattfindet. Hochzeiten laufen in Indien so ab, dass die Vermählung bei der Braut in dem Heimatort stattfindet und die Braut sich dann von ihrer Familie verabschiedet und von dem Bräutigam mit in seinen Heimatort und seine Familie genommen wird. Dort wird dann eine große Willkommensfeier veranstaltet und danach ist die Braut ein Teil der Familie und lebt meistens mit in dem Haus der Eltern des Bräutigams. So hat man meist auch eine Versicherung für das Alter, wenn man einen Sohn hat, der mit seiner Familie in dem eigenen Haus lebt. Deswegen haben in der traditionellen Sichtweise Jungen einen höheren Stellenwert, unter anderem auch deshalb, weil die Familie des Bräutigams keine Mitgift zahlen muss. Dies ist der traditionelle Ablauf, der aber heute teilweise nicht mehr so streng eingehalten wird, da immer mehr westliche Einflüsse in das Land kommen.

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Mehr als die Hälfte aller Einwohner Indiens sind in der Landwirtschaft tätig. So auch meine Familie – diese allerdings als privilegierte Landeigentümer. Für das Bewirtschaften der Felder sind meine „Onkel“ und „Cousins“ zusammen mit den Feldarbeitern zuständig. Da es mir aber so gut auf dem Land gefiel, war ich immer „mit von der Partie“, wenn es darum ging, wieder zur „village“ zu fahren, womit der Bauernhof gemeint war. Mein Cousin holte mich zu Hause ab – er wohnte auf der anderen Seite der Stadt – und wir fuhren raus aufs Land. Für mich war das immer eine Art Urlaub oder kleine Reise. Ich bin es nämlich nicht gewohnt, über das Wochenende weiter weg in eine komplett andere Gegend zu fahren, auch eine Umgebung, die neue Regeln und ein anderes Leben mitsichbringt. Man kann sich das schwer vorstellen, aber als Kind oder Jugendlicher bekommt man dort eine andere Wichtigkeit; ich wurde in die Rolle versetzt, Verantwortung zu übernehmen und den „Großen” bei ihrer Arbeit zu helfen, gleichzeitig zu lernen und wertzuschätzen, was Familie bedeutet. Es war wie eine neue Freiheit, die man dadurch erleben kann.

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Es war der Tag des Festes „Uttarayan“, was so viel bedeutet wie „Wettkampf der Drachen“. Mein Freund geht also zu seinem Kumpel in das Geschäft und sie besprechen die Strategie des heutigen Tages. Welche Drachen bleiben am längsten in der Luft, welche Schnüre sind besonders stark und gleichzeitig besonders scharfkantig? Man muss in seine Kalkulation miteinbeziehen, dass so ein Drache aus nicht viel mehr als dünnem Papier und Holzstreben so dick wie Schaschlik-Spieße besteht. Wir lassen also ein paar hundert Meter der besten Schnur auf eine Rolle spannen und kaufen dann noch 30, 40 Drachen in den unterschiedlichsten Größen. Dann Treffpunkt: Dach. Dass die Dächer flach sind, ist in Indien ganz normal. Dort hängen Leute ihre Wäsche auf und haben notfalls Schlafstätten, falls in einer Sommernacht die Klimaanlage ausfällt und das Haus zu einer Sauna wird.

Auf den Nachbardächern stehen schon viele Menschen und sind dabei, ihre Drachen in die Luft steigen zu lassen. Auch wir beginnen mit unseren Vorbereitungen und arbeiten sehr geschäftig. Bis zu dem Zeitpunkt wusste ich nicht so richtig, was ich machen sollte, aber meine Freunde erklärten mir alles und ich fing an den Papierdrachen mit einer bestimmten Technik mit der gespannten Schnur auszustatten. Ein paar Versuche brauchte es, bis der Drachen in der Luft war. Nun ging es darum, dem Nachbarn in die Flugbahn zu grätschen und ihm mit der eigenen Schnur die Verbindungsleine zu seinem Drachen durchzuschneiden. Entweder lässt man den eigenen Drachen mit hoher Geschwindigkeit in den Gegnerdrachen hineinrasen und hofft auf eine gutes Ende, oder man gibt seinem Drachen immer mehr Schnur nach, so dass er immer höher steigt. Dadurch ist die Spannung auf der Schnur so stark, dass die Schnur mir ins eigene Fleisch schnitt. Dadurch funktionierte die Schnur wie ein Messer, das man gegen feindliche Schnüre einsetzen konnte. Dies war dann auch unsere Taktik und ich fing an, die ersten Drachen durchzuschneiden. Das Ganze endete mit einem neuen Rekord „geköpfter Drachen“ und einigen Schnittwunden in meiner Hand. Dieses Ereignis wird mir in besonders guter Erinnerung bleiben, weil es – so weiß ich rückblickend – mehrere Dinge miteinander verband, die für mich Indien ausmachen: Das Zusammensein mit meiner Gastfamilie, die mir ans Herz gewachsen ist, das gemeinsame Erleben eines typischen Regionalbrauchs, das Freiheitsgefühl zu spüren, wenn man Ansehen genießt, auch wenn man noch gar nicht 18 Jahre alt ist (und meine Cousins deutlich jünger waren ...) und sich sprachlich so verständigen kann, das man Witze und Weisheiten miteinander teilt.

Schule

Zusammen mit meinem Gastbruder gehe ich auf eine sogenannte Co-Ed School. Das bedeutet, dass Mädchen und Jungen gemeinsam unterrichtet werden. Das ist in Indien nicht selbstverständlich.

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Bildung kostet in Indien: Die Gebühren der staatlichen Schulen sind im Vergleich zu den privaten Schulen nicht sehr hoch. Allerdings sind die privaten Schulen den staatlichen weitaus überlegen und alle, die es ihren Kindern finanziell ermöglichen können, schicken diese auf private Schulen. Die indische Arbeits- bzw. Schulwoche umfasst sechs Tage. Das heißt, ich habe auch am Samstag Schule. Doch auch dies ist nur Gewöhnungssache und schnell war es komplett normal für mich.

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Der erste Tag in meiner neuen Schule war furchtbar. So viele neue Gesichter, die mich angestarrt haben und mir alle dieselben Fragen gestellt haben. Und auch die nächsten Tage waren nicht besser. Obwohl in der Schule offiziell nur Englisch gesprochen werden darf, spricht doch fast jeder Hindi oder Punjabi und auch den Lehrern passiert es, dass sie die Sätze in Englisch beginnen und in Hindi/Punjabi beenden. Ich habe also nicht viel verstanden, vor allem während der ersten Tage in meiner neuen Schule, auch wenn sich jeder darum bemüht hat, Englisch mit mir zu sprechen. Aber mittlerweile verstehe ich genug, um auch die Witze zu verstehen und kann darüber lachen.

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Ich trage meine Schuluniform mit Stolz und bin eine der Wenigen, die Assembly (die tägliche Versammlung vor dem Unterricht) wirklich gerne mag, denn meiner Meinung nach ist das wie ein tägliches Familientreffen. Meine Schule  ist eine Ganztagesschule und jeder sieht die Schule als zweites Zuhause, wie eine zweite Familie.

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Wir fuhren zu einem Schneider und haben meine Schuluniform gekauft.. Dort war ich sehr überrascht  als ich herausfand, dass die Schuluniform keinen normalen Rock beinhaltet, sondern einen Rock mit einem Divider in der Mitte.

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Um noch kurz auf die Schule zu sprechen zu kommen, die ist hier in sehr vielen Punkten anders, als ich es von meiner deutschen Schule gewohnt bin. Um einige Punkte aufzulisten:
• Sie ist mit mehr als 6.000 Schülern sehr viel größer die Schule, die ich in Deutschland besuchte.
• Wir tragen eine Schuluniform.
• Es gibt kaum Gruppenarbeiten oder Dialog zwischen Schülern und Lehrern. Es wird aufgeschrieben, was der Lehrer diktiert oder vorliest.
• Jeden Morgen wird ein Gebetslied gesungen (für jeden Tag der Woche ein anderes).
• Es wird sehr viel mehr Wert auf Disziplin und Ordnung gelegt: In den Korridoren muss man hintereinander gehen und sollte nicht reden.
• Wir gehen samstags zur Schule. Es ist nicht jeden Samstag Schule, aber wenn, dann gibt es eine extra Schuluniform, die nur samstags getragen wird.

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Meine Mitschüler und Lehrer waren zwar sehr nett und die Schulleiterin eine wirklich hilfsbereite und entgegenkommende Frau, doch die Art des Unterrichtens fand ich recht unangenehm: Der Unterricht wird komplett frontal abgehalten, die Schüler sollen lediglich dem Lehrer beim Lesen zuhören und dann aufschreiben, was diktiert wird, praktische Unterrichtseinheiten gibt es kaum, nicht einmal beim Sportunterricht.
Was mir recht gut gefiel, war die morgendliche religiöse Einstimmung, bestehend aus einer kleinen Meditation, langen Gebetsliedern, weniger langen Mantras und anderen
Gebeten, dem Vorlesen einer zum Denken anregenden Kurzgeschichte, dem „Thought of the Day" und den offiziellen Bekanntmachungen, wie etwa ein Gewinn der Schule bei einem Wettbewerb oder Änderungen des gewohnten Schulablaufs.

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Auch die Schule an sich war interessant, weil ich eine so große Schule nicht gewohnt war: Ca. 6.000 Schülern vom Kindergarten bis zu den 12. Klassen, mit jeweils 30-40 Kindern pro Klasse.

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Schul- und Stegreifaufgaben werden nicht abgehalten, vielmehr lernen alle Schüler
für die viermal jährlich stattfindenden „Exams", bei denen alle Unterrichtsfächer innerhalb einer Woche schriftlich abgefragt werden.

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Auf Disziplin wird sehr viel Wert gelegt, die täglich perfekte Schuluniform ist ein muss, bei einem Regelverstoß gibt es Strafen.

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Schule bedeutet hier etwas ganz anderes. Es gibt wie in Deutschland zwölf Schuljahre und in der zehnten entscheidet man, auf welchen der drei Zweige man in der elften und zwölften gehen möchte. Die drei Zweige sind „Commerce" (Wirtschaft), „Arts" (Kunst) und „Science" (Wissenschaft).

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Man hat in der elften Klasse nur fünf Fächer: Englisch ist verpflichtend, den Rest kann man mehr oder weniger frei wählen. Es gibt „normale" Fächer wie in Deutschland, man kann aber auch ein Instrument oder einen klassischen indischen Tanz oder indische Lieder lernen. Ich lerne „Sitar", ein gitarrenartiges Musikinstrument und „Kathak" (eine Tanzart). Schule hat man sechs Tage die Woche von 8:00 bis 12:30 Uhr. In der Stunde vor Schulbeginn hat man die Möglichkeit, an verschiedenen Aktivitäten wie Yoga, Basketball, Cricket oder Töpfern teilzunehmen.

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Auch besitzt jede Schule eine eigene Schuluniform; sogar die Frisur (zusammen-gebundene Haare), der Haargummi und die Länge der Fingernägel sind vorgeschrieben. Diese Vorschriften werden in der „Assembly" kontrolliert. Die „Assembly" findet von 8:00 bis 8:30 Uhr statt und ist eine Versammlung aller Schüler mit gemeinsamen Gebet, Liedern, Reden und einer Schweigeminute, was mir sehr gut gefällt. Oft werden Schülern auch Medaillen oder Urkunden überreicht, da hier alles auf Wettkämpfe ausgerichtet ist und an Festen gibt es auch mal Rollenspiele. Wettkämppfe sind in Indien etwas sehr Wichtiges und es gibt unzählige davon.

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Ich besuchte täglich fünf Unterrichtsstunden, jeden Tag dieselben fünf Fächer, wie es in der elften Klasse üblich ist. Meine Fächer konnte ich aus einem großen Angebot auswählen und ich entschied mich für Geschichte, Englisch, Kathak (eine tradi-tioneller Tanz), Sitar (ein traditionelles Instrument) und Punjabi (die Sprache der Region).

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Mit Lehrern zu diskutieren oder ihnen gar offen zu widersprechen ist ein großes Tabu, da der Lehrer immer Recht hat.

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Eine weitere, sehr spannende Erfahrung war der letzte Schulmonat mit den „Halbjahresfeier-Vorbereitungen" (hier „annual function preparation"). Die gesamte Schule bereitet Theaterstücke, Tänze, Sketche und anderes vor, um es dann in einer gigantischen Show den Eltern zu präsentieren!

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Als ich die Schule betrat, rannten kleine Kinder auf mich zu, die mir die Hand schüttelten und sogar Autogramme wollten. Als ich in meine Klasse kam, fragten mich viele, wie lange ich denn bleibe und warum ich ausgerechnet ein Austauschjahr in Indien verbringe.

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Die Schule beginnt für gewöhnlich mit der Morning Assembly, bestehend aus einem „Morning Prayer" (Morgengebet), dem Verlesen des „Quote of the day" (Tageszitat) und den ,,Newsheadlines" (Nachrichten). Beendet wird die Assembly mit dem Singen der indischen Nationalhymne. Danach beginnt der normale Unterricht, der für mich aus den Fächern Englisch, „Social Studies" (lndische Geographie, Geschichte, Politik und Wirtschaft), Mathematik, „Science" (Chemie, Physik und Biologie), Kunst und Sport besteht. Es wird auch sehr viel mehr Wert auf Disziplin gelegt, so muss der Lehrer, z.B. bevor man das Klassenzimmer betritt oder verlässt, um Erlaubnis gefragt werden.

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Für Schüler in Indien ist Schule der Mittelpunkt des Lebens, da man sehr viel Zeit in ihr verbringt und dort seine Freunde trifft. Freundschaften zu schließen, war für mich kein Problem, da Inder sehr offen sind und jemanden neuen in der Klasse sehr schnell und liebevoll aufnehmen.

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Im Vergleich zu Deutschland wird hier viel mehr Druck auf den Schüler ausgeübt. Schüler besuchen meistens vor der Schule Nachhilfeunterricht, bleiben bis um drei Uhr in der Schule und gehen dann am Nachmittag wieder für zwei Stunden zum Nachhilfeunterricht. Natürlich bekommen sie auch Hausaufgaben und müssen für Tests lernen. Die Lehrer legen auch sehr viel Wert auf den Einzelnen, anstatt wie in Deutschland auf die Klassengemeinschaft. Das sieht man auch daran, dass Lehrer die Schüler auffordern, Fehler vor Klassenkameraden zu erläutern. Die Noten werden laut vor der Klasse vorgelesen und verglichen.

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Es wird auch sehr viel mehr Wert auf Disziplin gelegt, so muss der Lehrer z.B. bevor man das Klassenzimmer betritt oder verlässt um Erlaubnis gefragt werden.

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Die Schule ist für die meisten Schüler ein Teil der Familie. Man verbringt dort nicht nur die Schulzeit, sondern trifft sich auch oft noch abends zum gemeinsamen Fußball oder Basketball spielen.

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Ich wurde sehr schnell in die Klassengemeinschaft aufgenommen, jeder war darauf bedacht das ich am Anfang nie alleine da saß.

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Der indische Schulalltag, beginnt um 7:45 mit einem Gebet, dann wird meditiert und schließlich wird der „Thought of the day“  vorgelesen. Täglich hatten wir 9 Stunden, die 35 Minuten dauerten, außer am Samstag, da hatten wir 7 Stunden. Es gibt eine Pause die 35 Minuten dauert. Die Pause war eine der schönsten Sachen an der indischen Schule. Wir schoben alle Tisch zusammen, setzten uns in einen großen Kreis und jeder stellte sein Essen auf den Tisch. Beim Essen bediente sich jeder von allem was auf dem Tisch stand. Wenn ich mal Nudeln dabei hatte waren sie in Sekunden weg. In Indien hab ich das Sprichwort „sharing is caring“ am öftesten gehört, was damit gemeint ist konnte man in der Schule sofort sehen. Eine Tafel Schokolade gehört nicht dir, sie gehört immer der Gruppe und es ist ganz normal das sie einem ohne zu fragen aus der Hand genommen wird und weitergereicht wird.

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Am nächsten Tag sind wir dann zu meiner neuen Schule gefahren. Dort hat mich  meine Direktorin und meine zukünftige Englischlehrerin in Empfang genommen und haben mir alles erklärt. Als erstes gab es Uniformen, was an sich gar nicht schlecht ist, da man dadurch den Unterschied zwischen den reichen und den armen Schülern nicht erkennt. Die Mädchen tragen den traditionellen Salwar Kameez mit blauem Schal und die Jungs tragen Hose, Hemd, Krawatte und teilweise Turban.

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Die Schüler sind in Häuser unterteilt (wie bei Harry Potter). Es gibt Beas, Ravi, Chenab und Satluj. Und jeder Schüler hat eine Role Number. Morgens wird als erstes kontrolliert, ob jeder Schüler in der Schule ist, danach gibt es einen Morning Appell im Pausenhof; alle stellen sich in Reihen auf, Mädchen und Jungen getrennt. Dann wird gebetet (meine Schule ist eine Sikhismschule) und anschließend gibt es die News, Meinungen zu Themen (Art Argumentationen) und Gedichte. Als nächstes folgt eine Art Eid, dass man sein Vaterland liebt und ihm dient. Und zum Schluss die Nationalhymne und danach fängt der Unterricht an.

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Auch die Tests sind anders als in Deutschland, man bekommt ein Heft mit Fragen und Antworten und lernt diese einfach auswendig und gibt sie dann exakt in dem Test wieder.

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Im neuen Jahr und damit dem neuen Schuljahr kamen auf mich auch neue Aufgaben zu. Ich hatte die Ehre, zum neuen „Ranjit Haus Captain Girls“ ernannt zu werden und konnte somit diese Aufgabe von meiner Gastschwester Gursaya übernehmen. Der Titel blieb also in der Familie, genauso wie die damit verbundenen Aufgaben, z.B. Teams für jegliche Wettbewerbe aufzustellen und vorzubereiten, Uniform, Frisur und Fingernägel der Schüler auf Richtigkeit zu kontrollieren, für Ruhe während der Wettbewerbe zu sorgen oder bei der allmorgendlichen Assembly die Aufstellung zu organisieren.

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Die Google-Bilder meiner indischen Schule waren beeindruckend und beängstigend zugleich: Das war kein Sportplatz, das war eine Sportarena, das war keine Kegelbahn, sondern ein olympischer Schießstand! Tatsächlich sollte (so steht es jedenfalls in den Annalen der Schule) die „königliche Schule“ 1940 einer der Austragungsorte der Sommer-Olympiade werden – aber die Olympiade wurde abgesagt.

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Der Unterricht selbst ist ganz anders als in Bayern. Die Klasse besteht aus 50-60 Schülern, wobei die Schüler zwischen drei unterschiedlichen Zweigen wählen können. Ich hatte mir den Zweig „Humanities „ (Geisteswissenschaften) ausgesucht. Unterrichtet wurden Psychologie, Soziologie und Wirtschaft und zusätzlich noch Sport und Englisch; diese beiden Fächer musste jeder belegen.

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Stichwort Schule, eine Sache, die ich noch erwähnen möchte, ist die Schuluniform. Klingt vielleicht erstmal banal, ist es aber nicht. Wenn ich eine Sache gelernt habe, dann ist es, dass Schuluniform wirklich gut ist. Es war ein gutes Gefühl, als wir in einer Gruppe auf einen Ausflug gefahren sind und wir dabei unsere Schuluniform trugen. Jeder konnte sehen, wir gehören zusammen, wir sind eine Gruppe, eine Gemeinschaft. Keiner wurde aufgrund seines Aussehens oder seiner Kleidung ausgegrenzt. Wir hatten ja dasselbe an.  Haare mussten offiziell in zwei geflochtenen Zöpfen zusammen gebunden sein, in der Oberstufe konnte man sich aber auch einen Pferdeschwanz machen. Make-up, Nagellack, Schmuck (erlaubt waren nur Ohrsteckern) war verboten und gab so der Schule noch mal eine komplett andere Stellung als in Deutschland. Doch trotzdem habe ich in Indien nie eine/n einzige Schüler*in getroffen, der seine Schuluniform wirklich mochte und sich nicht, wie in Deutschland, eine frei Kleiderwahl gewünscht hat.

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Unterricht findet nicht in deutscher Regelmäßigkeit statt, gleichzeitig aber im indischen Verständnis sehr wohl. Vier von den fünf Fächern finden in zwei Schulstunden täglich statt, wobei nur eine der beiden Stunden wirklich genutzt wird, um zu unterrichten.

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Viermal im Jahr geht es darum, Prüfungen abzulegen, ähnlich wie in Deutschland, bloß dass alle Fächer innerhalb von einer Woche abgefragt werden. Das stresst jeden, mich auch irgendwie, obwohl für mich ja die Noten nicht das Wichtigste sind, steht für die Inder doch mehr auf dem Spiel. Die Eltern bezahlen für indische Verhältnisse viel Geld, um ihre Kinder auf die Schule oder gleich auf das Internat zu schicken und wollen im Gegenzug dafür gute Noten sehen. Später geht es um einen Studienplatz und die Arbeit, denn jeder steht im Wettbewerb um die guten Stellen. Was sozialer Abstieg heißt, weiß man in einem Land wie Indien ganz genau. Täglich sieht man auf den Straßen viel zu viele Menschen, die nach Geld betteln oder einfachste Arbeit verrichten, um wenigstens notdürftig eine mehrköpfige Familie zu versorgen.

Sprache

Die Landessprache ist Hindi, aber hier in Panjab wird sehr viel Panjabi gesprochen. Mit diesen beiden Sprachen kommt man überall klar. Aber alle gebildeten Personen sprechen auch fließend Englisch. Ich spreche hauptsächlich Englisch, die offizielle Schulsprache, aber lerne auch Hindi. Es läuft gut. Da ich nicht auf Hindi angewiesen bin und mit allen in Englisch sprechen kann, läuft der Lernprozess nicht so schnell. Aber ich bin motiviert und zuversichtlich, dass ich bis zum Ende meines Austauschjahres Basiskenntnisse im täglichen Alltag anwenden kann.

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In der Schule lerne ich seit Beginn (Anm: seit vier Monaten) meines Austauschjahres Hindi. Ich kann mittlerweile die Schrift gut lesen und verstehe auch manche Satzstrukturen.

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Meine Mutter sprach nur Punjabi, die dort in der Gegend verbreitete Sprache, und verstand kaum ein englisches Wort- so mussten Hände und Füße herhalten. Ich muss immer wieder daran denken, wie sie mir verzweifelt versucht hat zu erklären dass an dem zweiten Samstag im Monat keine Schule stattfindet, was anfangs völlig an mir vorbeiging. So verstand ich die Welt nicht mehr, als ich kein Frühstück bekam und sie mir mit wilden Gesten endlich klarmachen wollte, dass ich wieder in mein Bett kann.

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Darüber hinaus bemerke ich, wie ich mir manche indische Sprechweise angeeignet habe: Zum Beispiel der Ausdruck „ay hay" den man derzeit oft von mir hört. Es ist ein typisch indischer Gefühlsausdruck, den man verwendet, wann immer es zu passen scheint - als Bekundung von Unbehagen, Müdigkeit, Erleichterung, Glück und vielem mehr.

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Hier in Delhi sprechen sie nicht nur eine Sprache, ich habe viele verschiedene Sprachen gehört. Aber meistens wird Hindi gesprochen. Besonders lustig ist es, sich die Handygespräche von den Indern anzuhören. Sie benutzen größtenteils nämlich nur drei Worte: Hanji (ja), Theekhai (okay) und Acha (gut). Das waren auch die ersten Worte, die ich hier gelernt habe. Gleich gefolgt von dem Wort bas (genug), dem wichtigste Wort in indischen Gastfamilien. Es hat mich vor vielen 2. und 3. Portionen Essen, die mir meine Gastmutter aufhäufen wollte, bewahrt.

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Dennoch wurde mir auch klar, dass das auch eine Herausforderung wird, da man hier nur selten auf Menschen trifft, die fließend Englisch sprechen können. Glücklicherweise ist mein Gastvater einer von diesen. Zu Beginn hat es schon ein bisschen gedauert, bis ich realisiert habe, dass das mit Englisch hier nicht so überall klappt. Zugegeben, ich war schon etwas schockiert, da ich mit Indien indisches Englisch verbunden habe. So habe ich auch gleich am ersten Tag vergeblich versucht die Namen einiger Nachhilfeschüler meines Gastvaters auf Englisch zu erfragen- vergebens. So wurde mir schnell klar, dass ich die einheimische Sprache, Punjabi, erlernen sollte, um mich hier vernünftig verständigen zu können.

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Dennoch wurde mir auch klar, dass das auch eine Herausforderung wird, da man hier nur selten auf Menschen trifft, die fließend Englisch sprechen können. Glücklicherweise ist mein Gastvater einer von diesen. Zu Beginn hat es schon ein bisschen gedauert, bis ich realisiert habe, dass das mit Englisch hier nicht so überall klappt. Zugegeben, ich war schon etwas schockiert, da ich mit Indien indisches Englisch verbunden habe. So habe ich auch gleich am ersten Tag vergeblich versucht die Namen einiger Nachhilfeschüler meines Gastvaters auf Englisch zu erfragen- vergebens. So wurde mir schnell klar, dass ich die einheimische Sprache, Punjabi, erlernen sollte, um mich hier vernünftig verständigen zu können.

Zum Schluss: Betrachtungen und Erkenntnisse

Zum Schluss mӧchte ich noch sagen, dass mir klar geworden ist, dass viele verschiedene Faktoren wichtig sind, um ein gutes Austauschjahr erleben zu kӧnnen. Ein Punkt ist natϋrlich die eigene Einstellung und das eigene Verhalten, aber das ist nur der Anfang. Ich glaube nicht, dass ich meine Zeit hier so gut nutzen könnte, wenn meine Familie in Deutschland sich anders verhalten wϋrde. Ich bin dankbar, dass sie mich auch ϋber die Entfernung so gut wie mӧglich unterstϋtzen und es auch verstehen, wenn ich mich mal nicht bei ihnen melde, weil hier einfach zu viel los ist. Sogar wichtiger, zumindest fϋr dieses Jahr, ist meine Gastfamilie. Sie sind unglaublich herzlich und wollen mir mӧglichst viel zeigen und beibringen. Ich bin so froh, bei ihnen zu sein! 

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Und so finde ich mich schließlich im Flieger Richtung ursprünglicher Heimat wieder. Das lang ersehnte Wiedersehen mit meiner ursprünglichen Familie läuft wenig spektakulär ab. Es kommt mir geradezu so vor, als hätte ich mich vor nicht mehr als zwei Wochen verabschiedet. Man ist zwar zu Anfang noch etwas distanziert, aber das Verhältnis ist schon bald wieder das alte. Auch die Reintegration in meinen alten Alltag fällt mir überraschend leicht.

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Dieses Jahr in Indien zu verbringen, war die beste Entscheidung die ich je treffen konnte.

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Meine Gedanken drehen sich noch oft um mein Austauschjahr - die berühmte „Nachbereitungs-Phase" hat begonnen. Stück für Stück, Erinnerung um Erinnerung, Erfahrung um Erfahrung beginne ich nun zu ergründen, was mir mein Jahr in der Fremde alles mitgegeben hat. Selbstbewusstsein: Wie ich jetzt, mit weniger Scheu, vor anderen Leuten sprechen kann. Offenheit: Wie ich jetzt, ohne Hemmungen, auf Fremde zugehen kann. Toleranz: Wie ich jeden Menschen einfach so akzeptieren kann, wie er/sie ist - fast gänzlich ohne Vorurteile. Neugier: Wie mich jetzt jede Kultur reizt, etwas darüber zu erfahren, ganz offen sein für die ganze Welt.

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Im Nachhinein verstehe ich auch immer mehr von dem, was ich im letzten Jahr erlebt habe: Viele meiner Wertvorstellungen haben sich verändert. Die Vielfältigkeit des Begriffs „Freiheit" ist mir bewusst geworden, und „Familie" hat einen neuen Stellenwert bekommen. In Indien wurde ich von vielen fremden Menschen mit offenen Armen empfangen, mir sind nur sehr gastfreundliche Menschen begegnet, ich konnte ohne Zögern Leute auf der Straße anlächeln und ein freundliches Gesicht war die Antwort. Zurzeit vermisse ich dieses offene Miteinander - vielleicht kann ich hier in meiner Umgebung durch mein Verhalten etwas bewegen.

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Viel von Indien ist an mir hängen geblieben und wird mich weiter in meinem Leben begleiten; ich bin sicher, es wird mir noch lange etwas bleiben, was ich nach und nach erst „auspacke" - aus meinem „Rucksack" voller Erlebnisse und Eindrücke.

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Und wie oft ich hier schon nach der deutschen Nationalhymne gefragt wurde! Nationalstolz ist hier ein sehr wichtiger Bestandteil des Lebens. Und auch ich habe mich in dieser Hinsicht verändert: Ich bin stolz, eine Deutsche zu sein!

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Ich habe gesehen, wie eine ganze Jugend ohne Freiheiten aufwächst und eigentlich nur für die Schule lebt. Ich empfinde tiefen Dank für die gute Ausbildung in Deutschland und die Zukunftschancen, die ich dadurch habe. Dies ist nicht selbstverständlich, auch dies habe ich in meinem Austauschjahr gelernt. Den Menschen in Deutschland geht es gut, aber oft ist ihnen dies gar nicht bewusst.

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Deshalb möchte ich mich bedanken, dass ich die Chance hatte, diese großartige Erfahrung zu haben, die mich zu dem gemacht hat, der ich heute bin.

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Ich denke viel mehr nach: Warum mach ich das gerade, warum nicht so? Und muss das jetzt wirklich sein?

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Es war sicher nicht das schönste oder einfachste Jahr meines Lebens, aber ganz sicher das Jahr, in dem ich am meisten gesehen, erlebt, entdeckt und gelernt habe. Über mich, über andere, Geschichte, Kultur, meine Pläne für die Zukunft, Freundschaft, Familie, Toleranz, Werte und eine Millionen andere Dinge, die mir keine Schule der Welt weder in einem noch in hundert Jahren je hätte beibringen können.

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Heute weiß ich, dass ich es schaffe vor vielen Menschen zu sprechen, denn das Glücksgefühl, nachdem man es geschafft hat, ist unbeschreiblich.

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Während meines Austauschjahres habe ich viele wunderbare Erfahrungen gemacht, die meisten in meiner Schule, die mir sehr ans Herz gewachsen ist. All diese positiven Begebenheiten haben mir so viel Mut und Selbstbewusstsein gegeben. Daher bin ich froh und dankbar dieses Austauschjahr gemacht zu haben. Auch über die schwierigen Zeiten, die ich in Indien hatte, bin ich im Nachhinein froh, denn sie haben mich als Menschen wachsen lassen. Ich sehe die Welt jetzt mit anderen Augen.

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Es lohnt sich, sich an Indien anzupassen und mit all den Kleinigkeiten zurechtzukommen, weil man nur so eine zweite Familie und ein zweites Zuhause finden kann. Bevor ich nach Indien kam, hätte ich mir niemals vorstellen können das Menschen so anders leben können. Ich musste lernen, dass meine Art zu leben nicht die einzige Richtige ist und das man auch alle anderen Lebensweisen akzeptieren muss. Plötzlich war mein Austauschjahr nicht nur ein Jahr in einem anderen Land sondern wie ein neues Leben. Da ich mich ständig anpassen musste, entstand langsam eine neue Person mit neuen indischen  Ansichten. Aber vor allem habe ich gelernt das Leben, das ich in Deutschland habe, zu schätzen. Obwohl ich nach einiger Zeit die Freiheit nicht mehr so vermisste, vermisste ich die Selbstständigkeit, die ich in Deutschland hatte. Erst in Indien habe ich bemerkt, wie gut es Mädchen eigentlich in Deutschland haben.

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In Deutschland empfinden wir eine kostenlose Schulbildung als selbstverständlich, in Indien merkte ich erst, das wir unsere Chancen keinesfalls als so selbstverständlich hinnehmen sollten.

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Wenn ich heute hier sitze und auf mein Austauschjahr in Indien zurückblicke, dann war es sicher ein Jahr mit vielen Höhen und Tiefen. Ich bin froh dieses Jahr erlebt zu haben, die Erlebnisse und Erfahrungen sind einfach einmalig in jeder Hinsicht. Es war ein weiter Weg zu erkennen und zu akzeptieren das Indien nicht besser oder schlechter als Deutschland ist, sondern einfach nur anders und auf seine eigene Weise wunderschön.

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Mein Gastvater sagte zu mir kurz bevor ich nach Deutschland zurückflog: „Don´t be sad, the show must go on, we´ll stay in touch“(Sei nicht traurig, das Leben geht weiter, wir bleiben in Kontakt.) Ich denke, dass das gut beschreibt was nach einem Austauschjahr bleibt, eine zweite Familie und Freunde, die einem über das Austauschjahr hinaus erhalten bleiben.

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Oft ist es schwer für einen Europäer zu verstehen was einem ein Inder sagen möchte, da man in Indien Probleme oft nicht direkt anspricht. Oft habe ich erst im Nachhinein erst verstanden was jemand sagen wollte, manchmal konnte es auch Wochen oder einen Monate dauern bis ich verstand was ich falsch machte. Doch solange man sich bemüht sich anzupassen, sich zu bessern und die indische Kultur so wie ist akzeptiert, werden einem solche Sachen nicht übel genommen.

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Vor allem ging die Zeit wesentlich schneller voran, als man sich das zu Beginn hätte vorstellen können.

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Das Auslandsjahr hat mir extrem viel gebracht, es hat mir unvergessliche Begegnungen und Erlebnisse geschenkt, es hat mich viele Dinge in Sachen Selbstbewusstsein gelehrt, und ich konnte die Fähigkeit, mich allein zurecht zu finden erweitern. Auch in Punkto Sprache war es ein Gewinn: Ich habe ein wenig Punjabi gelernt und mein Englisch verbessert.

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Zehn Monate in einem so anderen Land zu verbringen, hat mich unglaublich geprägt und ein neues Licht auf die Welt geworfen. Ich habe neue Einflüsse und Ideen für meine Zukunft bekommen, auf die ich vermutlich sonst nie gekommen wäre. Es hat mich innerlich und äußerlich verändert. Es hat meine Ansichten und meine Meinung zu Indien und zur Menschheit und anderen Kulturen generell beeinflusst und ich trage daher mit Vorliebe und Überzeugung regelmäßig das Bindi, einen kleinen Punkt auf der Stirn. Es ist das sogenannte dritte Auge, hinter dem die Seele wohnt. In meinem Fall ist es meine indische Seele.

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Indien ist wirklich wie eine zweite Heimat für mich geworden, auch wenn mein Jahr nicht immer ganz einfach war. Ich habe in diesem Jahr viel dazugelernt und auch mehr über mich selbst herausgefunden.

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Natürlich haben die Erfahrungen im Ausland nie aufgehört, der Anpassungsprozess hat bis zum Ende angehalten und ich habe bis zum Schluss immer wieder neue Sachen gelernt.

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Meine Erfahrungen in Indien waren in jeder Hinsicht bereichernd. Ich habe ein sehr spannendes und vielfältiges Land und seine Kultur von innen sowie viele herzliche und interessante Menschen kennengelernt. Es werden sicherlich Freundschaften bestehen bleiben. Ich bin sicher, dass dieses Jahr mich nachhaltig prägen wird und mich in meinem Wunsch die Welt, nicht nur als Tourist, sondern auch beruflich, weiter zu entdecken, bestärkt hat.

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Ich werde nie aufhören dazuzulernen, über meine eigene Kultur in Deutschland und Indien oder die Kulturen der Länder, die ich im Zuge eines Urlaubs oder eines Besuchs kennenlerne. So wird mich das Erlebnis Austausch noch mein Leben lang begleiten.

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