Slowakei

Schülerinnen und Schüler berichten über ihr Auslandsjahr in der Slowakei:

Allgemeines und Motivation

Es wundert sich jeder, warum ich mir für mein Auslandsjahr gerade die Slowakei ausgesucht habe, ein Land, von dem man so wenig weiß, das so klein ist, wo die Sprache sehr schwer ist und noch dazu sprechen sie nur ca. 5 Millionen Menschen. Genau diese Fragen wurden mir hundertfach zu Hause gestellt. Viele meiner Freunde und Klassenkameraden konnten meine Entscheidung nicht so ganz verstehen, sie fragten immer, warum ich nicht in ein bekannteres und „cooles" Land ginge: Wenn ich in die USA gehen würde, könnte ich mein Englisch verbessern. Aber gerade das reizte mich so an einem osteuropäischen Land. Seien wir mal ehrlich, wie viel wissen wir schon von unseren Nachbarländern im Osten? Wo liegen ihre Hauptstädte und was sind ihre Anrainerstaaten? Als ich mir diese Fragen stellte, musste ich mit Entsetzen feststellen, dass ich vieles nicht so genau wusste. „Im Osten, diese ganzen kleinen Länder, das ist doch alles irgendwie das gleiche", wie ein Freund einmal sagte. Aber das stimmt nicht, sie unterscheiden sich sehr wohl und genau das wollte ich kennenlernen.

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,,Warum gerade die Slowakei?“ Diese Frage wurde mir tausendmal gestellt, als ich noch in Deutschland war. ,,Wie bist du da eigentlich drauf gekommen?“ Für mich stand der Entschluss fest, ich wollte ein Jahr in der Slowakei verbringen, einem Land, von dem ich noch so wenig wusste und dessen Kultur und Sprache ich kennenlernen wollte.

Ankunft im Gastland

Hier bekamen wir in den nächsten Tagen einige nützliche Tipps hinsichtlich der Gastfamilien und der slowakischen Traditionen, wir erfuhren worauf wir Acht geben müssen und was uns Austauschschülern verboten ist. In dem Orientierungscamp bekamen wir auch täglich 5 Stunden Sprachkurs.

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Meine ersten zehn Tage verbrachte ich in Bratislava (Hauptstadt). Dort hatte ich das Orientierungsseminar. Wir lernten viel über die Slowakei und ihre Kultur, machten Ausflüge und sahen uns die Stadt an. Außerdem hatten wir super Wetter und jede Menge Spaß. Die letzten fünf Tage hatten wir vormittags immer Sprachkurs, in dem wir die Grundlagen und einfache Phrasen der slowakischen Sprache lernten.

Essen

Zum Essen gibt es hier kaum Brot und Salate, sondern mehrmals am Tag warme Mahlzeiten.

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So erzählte ich schon oft von Deutschland und Bayern, was wir essen oder wie wir wohnen. Dabei stellten wir fest, dass die slowakische Küche der bayrischen auf der einen Seite sehr ähnlich ist, auf der anderen Seite gibt es aber dennoch Unterschiede. Man isst hier sehr viel Fleisch, eigentlich jeden Tag, mit Kartoffeln oder Reis und es gibt wenig gekochtes Gemüse als Beilage dazu. Auch lieben sie es, Gastgeber zu sein und jemanden zum Essen einzuladen. Wenn wir bei den Großeltern sind, muss ich immer alles probieren und sagen, wie es mir schmeckt, was manchmal echt schwer ist, denn es gibt immer Suppe und zwei verschiedene Hauptgerichte und dann noch eine Nachspeise oder Kuchen und ich bin es nicht gewohnt, so viel zu essen und bin daher immer schon früher satt. Aber es ist alles wirklich sehr lecker.

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Man isst hier zum Beispiel viel mehr Suppe, um ehrlich zu sein einmal pro Tag vor jedem Hauptgericht. Das war anfangs neu und ungewohnt für mich, denn wir essen zu Hause in Deutschland fast nie Suppe.

Gastfamilie

Meine Familie holte mich an der Bushaltestelle ab, Vater, Mutter, Bruder und Schwester. Sie waren mir auf Anhieb sehr sympathisch und nahmen mich gleich sehr herzlich in ihrer Mitte auf. Zuhause führten sie mich zuerst durchs Haus und bewirteten mich mit leckerem Gebäck. Auch die Großeltern, bei denen alle Cousinen, Cousins, Tanten und Onkels auf mich warteten, empfingen mich freundlich. Eine super Begrüßung!

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Ebenfalls besonders lehrreich waren die anderen Sitten und Gewohnheiten meiner Gastfamilie. Von zu Hause war ich gewohnt „umsorgt” zu werden und sehr viel mit der ganzen Familie zu unternehmen, doch meine Gasteltern legten mehr Wert auf Schulnoten und Selbstständigkeit.

Kultur

Der 1. November, Allerheiligen, wird hier in der Slowakei sehr groß gefeiert. Man fährt zu den Gräbern verstorbener Familienangehörigen und Freunde und schmückt diese mit Blumen und vielen Kerzen oder Laternen. So fuhren auch wir (meine Gastfamilie und ich) an diesem Tag zu den Friedhöfen. Dort versammelte sich die ganze Familie und wir zündeten gemeinsam die ganzen Kerzen an und danach beteten wir. Mittags aßen wir zusammen und nachmittags fuhren wir zu den Gräbern der Freunde. Die Friedhöfe sahen richtig schön aus, sehr bunt wegen der vielen Blumen. Als wir abends im Dunkeln wieder nach Hause fuhren, sah man schon von weitem die Friedhöfe, weil sie von den vielen Kerzen leuchteten. Das sah richtig schön aus.

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Weihnachten haben wir in der Familie traditionell slowakisch gefeiert, mit verschiedenen´m Essen und Kirchgang, denn meine Familie ist sehr gläubig.

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Zuerst einmal sind die meisten Slowaken sehr gläubig. Jeden Sonntag wird in die Kirche gegangen und gebetet und oft besuchen die Kinder auch Gruppen - dort trifft man sich einmal oder mehrmals in der Woche und redet über die Bibel, betet und singt zusammen.

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Natürlich sind auch Weihnachten und Ostern wichtige Feiertage in der Slowakei. An Weihnachten werden auch Tannenbäume geschmückt und verziert und dann Geschenke darunter gelegt. Es gibt dann ein ganz spezielles Essen. Zuerst muss man eine Knoblauchzehe mit ein wenig Brot essen, danach gibt es Oblaten mit Honig, dann eine Suppe mit Sauerkraut und typisch slowakische Würsten, dann Fisch mit Kartoffelsalat und als Nachspeise dann eine Art süßes Brot mit Mohn. Erst danach darf man die Geschenke öffnen. An Ostern sind die Traditionen dann doch ganz anders als bei uns: Man versteckt keine Ostereier, sondern die Jungs ziehen von Haus zu Haus und schütten den Mädchen Eimer und Flaschen mit Wasser über den Kopf. Das tut man, damit die Mädchen hübsch und gesund bleiben.

Land und Leute

Wir unternehmen viel, auch innerhalb der Verwandtschaft. Diese Beziehungen haben einen hohen Stellenwert.

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Mir ist aufgefallen, dass Slowaken sich um soziale Beziehungen sehr bemühen. Oft besucht man Freunde, Verwandte oder Nachbarn zum Kaffeetrinken, Plaudern usw. Gegenseitige Hilfe wird auch sehr groß geschrieben und ist selbstverständlich.

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Mir wird oft gesagt, dass meine Familie sehr typisch slowakisch sei und die Traditionen noch stark auslebe. Durch sie wurde meine Leidenschaft zur Volksmusik und dem Volkstanz geweckt.

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Interessant ist, dass für die Slowaken Deutschland eigentlich wie für uns Amerika ist, d.h. dass Deutschland ein großes Land mit einer guten Politik, guten Gesetzen, guter Wirtschaft ist. Ihr Land selbst sehen sie dagegen ziemlich negativ.

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Wenn man die Leute das erste Mal trifft, dann kommt meistens die Frage: „ Wieso kommst du vom großen Deutschland, in unsere kleine Slowakei?“ Jetzt hätte ich eine gute Antwort darauf: „ Weil die Slowakei ein Land voller netter, offener Menschen ist, die fast immer ein Lächeln auf den Lippen haben und die immer gerne etwas über ihre Geschichte erzählen.“

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Auch sehr wichtig ist, dass man in den Restaurants die Kellner nicht durch einen Wink mit der Hand zu sich rufen sollte, denn das ist unhöflich. Lieber blickt man ihm immer wieder in die Augen und zeigt dadurch, dass man etwas möchte.

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Als erstes ist es normal, dass man seinen Geschwistern, Freunden, Eltern sowohl zum Geburtstag, als auch zum Namenstag ein Geschenk macht. Dieses muss aber dann nicht groß sein, sondern kann ruhig einen Wert von um die 5 Euro haben. Das ist üblich.

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Auch ist es ein Unterschied, in ein ärmeres Land zu kommen. Man legt danach nicht mehr so viel Wert auf materiellen Besitz und schätzt das, was man hat.

Schule

Ich gehe wirklich gerne in die Schule, dort treffe ich meine Freunde und es ist immer lustig. Sie waren alle sehr geduldig und erklärten mir am Anfang alles auf Deutsch, was ich auf Slowakisch nicht verstand, so dass es mir aber jetzt immer einfacher fällt, auf Slowakisch mit ihnen zu reden und ich verstehe auch schon sehr viel. In der Schule bekomme ich auch Slowakischunterricht, in dem ich die Grammatik lerne. Insgesamt fiel es mir nicht schwer, mich hier wohl zu fühlen. Alle sind sehr freundlich, offen und interessieren sich für einen.

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Die slowakische Schule ist im Vergleich zu unserer um einiges strenger. Die Schüler müssen Hausschuhe tragen, sind ordentlich gekleidet (im Gegensatz zu ihrem Zuhause) und der Unterricht läuft völlig anders ab. Es darf nicht geredet werden, die Schüler sind konzentriert bei der Sache und jeder Hefteintrag muss auswendig gelernt werden. Gute Noten werden erstrebt und die Schule hat einen wesentlich höheren Stellenwert (v.a. bei den Schülern) als bei uns.

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Am 16. November hatten wir in der Schule Kabu. Kabu ist eine Art Aufnahmefeier der neuen Schüler in den ersten Klassen (in der Slowakei dauert das Gymnasium vier Jahre, man geht neun Jahre in die Grundschule). Es begann um 16 Uhr und zuerst trugen die ersten Klassen ihr Programm vor (jeweils circa zehn Minuten). Wir (meine Klasse) studierten zusammen einen Tanz ein, zwei Mädchen tanzten slowakischen Volkstanz, zwei Mädchen machten Mazoretky und die Jungen spielten auf ihren Gitarren. Danach übergaben uns unsere Paten (jeder Schüler aus den ersten Klassen hat einen Paten aus den zweiten Klassen) eine Art Aufnahmeurkunde und einen Schnuller (die Mädchen in rosa, die Jungen in blau).


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In der Schule hat man nach jeder Unterrichtsstunde zehn Minuten Pause und nach dem Gong wird immer ein kurzes Lied durch die Lautsprecher angespielt. Auch stehen die Schüler auf, sobald der Lehrer das Klassenzimmer betritt.

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Und dann hieß es für mich: erster Schultag. Ich war furchtbar aufgeregt, wusste nicht, wie es werden würde oder gar was ich sagen sollte. Diese Sorgen stellten sich dann aber als völlig unnötig heraus, weil ich in eine super Klasse kam, die mich von Anfang an, trotz des Sprachproblems, nett aufnahm und wir zu einer guten Klassengemeinschaft zusammenwuchsen. Die ersten Wochen in der Schule waren sehr lustig, weil wir immer über etwas lachen mussten aufgrund unseres „Sprachmixes“. Da deren Deutsch und Englisch und mein Slowakisch nicht sehr gut waren, hat jeder immer das gesagt, was er gerade wusste, wenn nicht, dann eben mit Händen und Füßen. Irgendwie verstand man sich schon. Dies werde ich sicher nicht mehr vergessen.

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Der erste Schultag war sehr schwer, denn in den starken Zusammenhalt eines privaten Sportgymnasiums mit gerade einmal 70 Schülerinnen und Schülern einzudringen, ist nicht einfach. Erschwerend waren natürlich auch meine fast nicht vorhandenen Sprachkenntnisse und das fehlende Sprachverstehen meiner Klassenkameraden. Aber genau dieser Kampf in der Schule gab mir Kraft und stärkte mein Selbstbewusstsein. Daran sieht man wieder: So ein Austauschjahr ist nicht nur gut für die Sprachkenntnisse.

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In der Schule werden die Lehrer mit „ Pan profesor … / pani profesorka … (Herr Professor… / Frau Professor...)“ angesprochen. Nur ganz selten werden sie „Herr Lehrer“ oder „Frau Lehrerin“ genannt.

Sprache

Inzwischen komme ich mit der Sprache einigermaßen zurecht. Anfangs waren die Sprachschwierigkeiten für mich das größte Problem.

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Nachdem ich die Sprache einigermaßen beherrschte und mich einfach besser verständigen konnte, fühlte ich mich von Tag zu Tag wohler und in die Gesellschaft integrierter. Anfangs etwas happig, aber immer besser berichtete ich über meine Erlebnisse, Gefühle und alles andere. Ich begann richtige Gespräche zu führen und mir wurde immer deutlicher, wie wichtig es ist, sich mit anderen Menschen sprachlich verständigen zu können.

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Die ersten Wochen in der Schule waren sehr lustig, weil wir immer über etwas lachen mussten aufgrund unseres „Sprachmixes“. Da deren Deutsch und Englisch und mein Slowakisch nicht sehr gut war, hat jeder immer das gesagt, was er gerade wusste, wenn nicht, dann eben mit Händen und Füßen. Irgendwie verstand man sich schon. Dies werde ich sicher nicht mehr vergessen.

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Ab Dezember/Januar konnte ich dank gewonnener Sprachkenntnisse und dadurch resultierender Kontaktversuche endlich auch ein paar Freunde in der Schule finden und mit meinen Klassenkameraden reden. Diese zwei Monate würde ich auch als Wendepunkt meines Austauschjahres bezeichnen. Endlich konnte ich mich verständigen. Der Satz „Die letzten Monate sind die Besten!” stimmt genau, denn die Zeit verging danach wie im Flug.

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Die letzten 3 Monate waren dann einfach nur noch super, die Sprache konnte ich ab Weihnachten schon fließend und ich hatte einfach das Gefühl, richtig angekommen zu sein. Ich kannte mich aus, wusste, wo was ist und wie das Leben und der Alltag hier so abläuft. Deshalb vergingen die letzten Monate viel zu schnell.

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Außerdem ist das Erlernen der slowakischen Sprache sehr hilfreich für andere slawischen Sprachen, wie z.B. Tschechisch, Moldawisch, Russisch, Polnisch.

Zum Schluss: Betrachtungen und Erkenntnisse

Die Slowakei ist noch lange nicht auf westeuropäischem Niveau, auch was Gebrauchsgegenstände, alltägliche Dinge angeht. Dadurch wird mir bewusst, wie gut wir es in Deutschland in vieler Hinsicht haben.

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ln diesem Jahr habe ich sehr viele positive und manche negative Erlebnisse gehabt.

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Die Slowakei und ihre Menschen sind mir sehr ans Herz gewachsen. Dadurch fiel mir trotz aller Vorfreude auf zu Hause der Abschied sehr, sehr schwer.

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Trotz des späten Familienwechsels und den anfänglichen Problemen in der Slowakei glaube ich, dass mich diese Konflikte sehr abgehärtet und in gewisser Art und Weise auch verändert haben. So weiß ich jetzt, wie man mit Problemsituationen umgehen muss, und fühle mich stärker und ich glaube, dass ich beim nächsten Mal, wenn es schwierig wird, besser weiß, wie ich mich verhalten soll. Mein Auslandsjahr hat mich deshalb sicher innerlich wachsen lassen und trotz der nicht immer schönen und glücklichen Momente bereue ich es in keiner Weise, ein Jahr in der Slowakei verbracht zu haben.

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Insgesamt war das Austauschjahr für mich eine sehr schöne und lehrreiche Erfahrung, für die ich sehr dankbar bin.

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Slowakei, mit diesem Namen werde ich in Zukunft wohl die größte und beste Erfahrung meines Lebens verbinden.

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Es war ein tolles und sehr lehrreiches Jahr in der Slowakei für mich.

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