Pressemitteilungen

Nr. 273 vom 13.08.2014

Literaturstipendien des Freistaats für Autorinnen und Autoren aus München, Eichstätt, Nürnberg und Augsburg

Kunstminister Dr. Ludwig Spaenle gibt Stipendiaten bekannt –   Je 6.000 Euro für Roman- und Dramenprojekte

MÜNCHEN. Kunstminister Dr. Ludwig Spaenle hat heute in München die Stipendiaten des Freistaats Bayern im Bereich Literatur bekanntgegeben. Die Arbeitsstipendien für Schriftstellerinnen und Schriftsteller erhalten in diesem Jahr die Münchner Katharina Adler, Sandra Hoffmann und Fridolin Schley sowie Akos Doma aus Eichstätt, Denis Leifeld aus Nürnberg und Thomas von Steinaecker aus Augsburg für ihre Roman- bzw. Dramenprojekte. Kunstminister Dr. Ludwig Spaenle begrüßte die Wahl der Jury: „Der Jury ist eine vielversprechende Auswahl starker literarischer Stimmen gelungen. Die jungen Autorinnen und Autoren stellen sich, zum Teil autobiografisch oder familiär motiviert, geschichtlichen und gesellschaftlich relevanten Themen. Für ihre Projekte wünsche ich ihnen viel Erfolg.“ Die große Resonanz auf die Stipendienausschreibung zeige, so der Minister, dass das Förderformat der Arbeitsstipendien eine  wichtige Unterstützung bei der Entwicklung konkreter literarischer Vorhaben darstelle. Die Stipendien sind mit 6.000 Euro dotiert. Sie werden zum dritten Mal vom Freistaat vergeben.

Die Stipendien werden für folgende Projekte verliehen:

Katharina Adler, 1980 in München geboren, erhält das Arbeitsstipendium für ihr Romanprojekt „Die berühmte Patientin, der ungebetene Biograph, der Außenminister, der Präsident und ich“. In ihrem rechercheaufwändigen Projekt erzählt sie vom abenteuerlichen Leben ihrer Urgroßmutter Ida Adler, über deren „Hysterie“ Sigmund Freud einen ausführlichen Bericht verfasste. Die Verbindung von Kulturgeschichte der Psychoanalyse, politischer Geschichte des 20. Jahrhunderts und  individueller Lebensgeschichte zwischen Europa und den USA bilde ein ambitioniertes Romanprojekt, so die Jury.
Adler studierte Amerikanische Literaturgeschichte in München und am Deutschen Literaturinstitut Leipzig. Sie war Suhrkamp- und ZEIT-Stipendiatin und begründete die Adler & Söhne Literaturproduktion. Sie schreibt Prosa, die unter anderem in den Literaturzeitschriften Plumbum, EDIT und Akzente veröffentlicht wurde, sowie Essays und Theaterstücke, die bisher am Staatsschauspiel Dresden, am Nationaltheater Mannheim und am Staatstheater Nürnberg gezeigt wurden. Mit „Sunny und Roswitha“ wurde ihr erstes Drehbuch verfilmt. Katharina Adler lebt in München.

Akos Doma, geboren 1963 in Budapest, erhält das Arbeitsstipendium für sein Romanprojekt „Plattensee einfach“, in dem er ungarische Geschichte – und damit europäische Geschichte – seit dem Zweiten Weltkrieg lebendig werden lässt. Der Roman erzählt zunächst aus Kindersicht vom Leben einer Budapester Familie, die über den Plattensee nach Deutschland flieht und dort ein neues Leben beginnt. Die vorgelegten Arbeitsproben lassen einen an der Moderne geschulten, polyperspektivischen, sprachlich außerordentlich genau gearbeiteten Familienroman erwarten, so die Jury. 
Doma wuchs in Ungarn, Italien und England auf und kam mit 14 Jahren nach Deutschland. Nach dem Abitur in Amberg studierte er Anglistik, Amerikanistik und Germanistik in München und Eichstätt, wo er 1994 über Knut Hamsun und D. H. Lawrence promovierte. 2001 erschien sein erster Roman „Der Müßiggänger“, 2011 sein zweiter Roman „Die allgemeine Tauglichkeit“. Neben seiner Tätigkeit als Schriftsteller übersetzt Doma Werke von László F. Földényi, Péter Nádas, Béla Hamvas oder Sándor Márai aus dem Ungarischen ins Deutsche. Er erhielt zahlreiche Stipendien und den Adelbert-Chamisso-Preis 2012. Akos Doma lebt in Eichstätt.

Sandra Hoffmann, geboren 1967 in Laupheim, erhält das Arbeitsstipendium für ihr Romanprojekt „Paula“, in dem ausgehend von einem Familientabu eine eigenwillige Form der Erinnerungsprosa entwickelt wird. In Arbeit sind verschiedene Stimmen und Sichtweisen, ein Verfahren, das die Autorin „Kaleidoskop-Roman“ nennt. Im Umkreisen der Leerstellen in der Geschichte ihrer Großmutter, die im zweiten Weltkrieg erst ihren Bräutigam verloren, dann ein Kind von einem polnischen Zwangsarbeiter geboren hat, modelliere die Autorin dichte Beschreibungen wie eine Ethnologin in eigener Sache, so die Jury.
Hoffmann war nach einer Ausbildung zur Jugend- und Heimerzieherin in der Kinder- und Jugendpsychiatrie tätig. Sie studierte Literaturwissenschaft, Mediävistik und Italianistik in Tübingen. Seit 2003 ist sie freie Schriftstellerin. 2004 nahm sie am Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb in Klagenfurt teil. 2009 erhielt sie für den Roman „Liebesgut“ den Mörike-Förderpreis. Für ihren Roman „Was ihm fehlen wird, wenn er tot ist“ (2012) erhielt sie noch im selben Jahr den Thaddäus-Troll-Preis. Sandra Hoffmann lebt in  München.

Denis Leifeld, geboren 1982 in Bad Mergentheim, erhält das Arbeitsstipendium für sein Dramenprojekt „Hirnblähung“. In einer provokant-irritierenden Bewusstseinsschau spüre der Text der inneren Selbstausbeutung eines in Arbeitswut und Arbeitsflucht verstrickten Menschen nach, so die Jury. In monologisch-polyphonen Szenen entstehe ein Extrempsychogramm von mitreißender Radikalität und überraschend emotionaler Aussagekraft. Leifelds radikal lyrische Sprache sei durch assoziative Sprunghaftigkeit, bildhafte Abstraktion und rhythmische Musikalität bestimmt, urteilt die Jury.
Leifeld studierte Psychologie, Neuere deutsche Literaturgeschichte und Theater- und Medienwissenschaft in Erlangen, wo er auch lehrte. Seit 2004 ist er als Autor, Dramaturg und Regisseur tätig, u. a. am Experimentiertheater Erlangen, beim Arena Festival der jungen Künste, am Staatstheater Nürnberg und bei der amerikanischen Off-Bühne Push Push Theater. Er ist Gründungsmitglied des Performance-Kollektivs UND ZWAR…, das theatrale Interventionen im öffentlichen Raum gestaltet. Er veröffentlichte und inszenierte mehrere Theatertexte, darunter „Paradies“ (2010), „Koffein“ (2012), „Spektronisch“ (2012) und erhielt dafür verschiedene Auszeichnungen, z. B. den „Literaturpreis der Stadt Nürnberg“. Denis Leifeld lebt in Nürnberg.

Fridolin Schley, geboren 1976 in Gauting, erhält das Arbeitsstipendium für sein Romanprojekt „Der polnische Reiter“, in dem er laut Jury ein faszinierendes Spiel mit Realität und Fiktion wage: Seine auf den ersten Blick kriminalistische Geschichte schildert den authentischen Fall des Krystian Bala, der 2003 den Roman „Amok“ veröffentlicht hat und der für den darin geschilderten fiktiven Mord zur Rechenschaft gezogen werden sollte. Schleys Ich-Erzähler macht sich auf die Reise nach Polen, um die Umstände der Inhaftierung Balas zu klären, und kommt dabei der moralischen Schuld seiner eigenen Familie auf die Spur.
Schley studierte an der Hochschule für Fernsehen und Film sowie Germanistik, Philosophie und Politik in München und Berlin. Er arbeitete als freier Lektor, hatte Lehraufträge für Kreatives Schreiben am Literaturhaus München und ist journalistisch tätig. 2012 promovierte er über die Inszenierung von Autorschaft bei W. G. Sebald. Für seine bisher erschienenen Bücher „Verloren, mein Vater“ (2001), „Schwimmbadsommer“ (2003) und „Wildes schönes Tier“ (2007) ist er vielfach ausgezeichnet worden, u. a. mit dem Bayerischen Kunstförderpreis (2001) sowie dem Tukan-Preis der Stadt München (2007). Fridolin Schley lebt in München.

Thomas von Steinaecker, geboren 1977 in Traunstein, erhält das Arbeitsstipendium für sein Romanprojekt „Heinz“. Laut Jury suche er in seinem dystopischen Projekt erneut Antworten auf die Frage, was den Menschen ausmache und unter welchen Umständen er aufhöre, Mensch zu sein. Diese Nachforschungen werden nur scheinbar in eine postapokalyptische Zukunft projiziert. Eine Katastrophe hat fast die gesamte Bevölkerung ausgelöscht. Als Jüngster einer kleinen in die Natur zurückgeworfenen Überlebensgemeinschaft muss sich der eigenbrötlerische Heinz die Sprache erst erschreiben und wird zum Chronisten der Gruppe. Virtuos imaginiert, so das Urteil der Jury, der Autor durch seine Figur Fähigkeit oder Unfähigkeit zu Menschlichkeit und Gemeinschaft.
Von Steinaecker studierte Literaturwissenschaft in München und promovierte 2006 mit einer Arbeit über literarische Fototexte bei Rolf Dieter Brinkmann, Alexander Kluge und W. G. Sebald. 2007 erreichte sein mit dem Bayerischen Kunstförderpreis ausgezeichneter Debütroman „Wallner beginnt zu fliegen“ Platz 3 der SWR-Bestenliste und kam auf die Shortlist für den Deutschen Buchpreis. Sein vierter Roman „Das Jahr, in dem ich aufhörte, mir Sorgen zu machen, und anfing zu träumen“ wurde 2012 für den Preis der Leipziger Buchmesse nominiert und fand sich ebenfalls auf der SWR-Bestenliste wieder. 2013/14 hat der Schriftsteller die Poetikdozentur der Hochschule RheinMain inne. Thomas von Steinaecker lebt in Augsburg.

Die feierliche Verleihung der Stipendien erfolgt am 30. Oktober 2014 im Max-Joseph-Saal der Münchner Residenz durch Staatssekretär Bernd Sibler in Vertretung von Minister Dr. Spaenle.

hg. Kathrin Gallitz, Tel. 089 2186 2108

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