„Zammgrauft“
Begriff und EntstehungDer Titel des Programms „zammgrauft“ ist ein bewusster Appell an den bayerischen Sprachraum, in dem dieses Programm entstanden ist. Auch die Titel der Nachfolgeprogramme „aufgschaut“ und „sauber bleim“ sind in der bayerischen Mundart gehalten.
Das Programm ist als
Polizeikurs für Jugendliche und Erwachsene in Zusammenarbeit mit dem Präventionskommissariat und den Jugendbeamten des Polizeipräsidiums München entstanden. Die Themen reichen von
Antigewalt bis Zivilcourage. Die Verfasser verweisen ausdrücklich darauf hin, dass sich die Projekte auf das Stadtgebiet und den Landkreis München beschränken. Inzwischen findet das Programm auch Anwendung durch den Lehrstuhl für Empirische Pädagogik und Pädagogische Psychologie der Ludwig-Maximilians-Universität München.
Als Basis diente ursprünglich das Material eines Anti-Gewalt-Projekts des Polizeipräsidiums Dortmund. Unersetzlich sind die vielen Erfahrungen aus der täglichen Arbeit von Polizeibeamten/innen an Schulen, auf der Straße, in Freizeittreffs sowie aus der polizeilichen Opferberatung, die in das Projekt eingeflossen sind.
Grundlegende ZielsetzungenDie Gestalter des Programms gehen davon aus, dass die meisten Menschen bereits als Kinder und Jugendliche Gewalterfahrungen in unterschiedlicher Form machen. Deshalb sind in entsprechend großen Gruppen wie Schulklassen und Freizeittreffs ihrer Ansicht nach sowohl Täter als auch Opfer vorhanden.
Zielgruppe sind Kinder und Jugendliche zwischen 12 und 16 Jahren. Das Programm wendet sich an
Multiplikatoren. Es sollen Lehrer, Erzieher, Sozialpädagogen sowie Leiter von Wohngruppen ausgebildet werden. Die Fortbildung wird in der Regel durch die Jugendbeamten des Polizeipräsidiums München übernommen.
In erster Linie soll die
Sensibilisierung für Gewalt und für die Opfer erreicht und die
Zivilcourage gestärkt werden. Im Einzelnen werden folgende Ziele formuliert:
Förderung von
Anti-Gewalt-Strategien durch:
- Sensibilisierung für verschiedene Formen von Gewalt
- Sensibilisierung für Opfer
- Sensibilisierung für die Verletzlichkeit des Körpers
- Erkennen von Faktoren der Eskalation in einer Auseinandersetzung
- Aufzeigen von Handlungsalternativen
Förderung der
Zivilcourage durch:
- Erlernen eines optimalen Opfer- und Helferverhaltens
- Vermittlung eines adäquaten Zeugenverhaltens
- Sensibilisierung für Notsituationen
- Vermittlung der Bedeutung zivilcouragierten Handelns
Förderung der
Gemeinschaft durch:
- Verbesserung der Kommunikationsfähigkeit
- Erarbeitung eines akzeptierten Regelkatalogs
- Integration und Toleranz
- Empathiefähigkeit
Förderung des
Vertrauens durch:
- Gemeinsame emotionale Erfahrungen
- Erfahrungen in körperlichen und psychischen Grenzsituationen
- Übernahme von Verantwortung
- Kurzzeitiger Verlust der Selbstkontrolle
Im spielerischen Rahmen werden die oben genannten Ziele eingeübt. Außerdem wird Gewalt im allgemeinen thematisiert sowie deren verschiedene Formen wie körperliche Gewalt, Ausgrenzung, Fremdenfeindlichkeit oder Mobbing veranschaulicht. Ergänzend dazu werden
Strategien entwickelt, die geeignet sind,
Gewalt zu verhindern oder deren Eskalation einzudämmen.
Grundsätzliche Charakteristika
Auf den ersten Blick erscheinen die Ziele ähnlich wie bei anderen Programmen dieser Art. Besonderheiten stellen jedoch die in das Programm eingehende Erfahrungspraxis der Polizeiarbeit (s.o.) und die enge Zusammenarbeit zwischen dem Polizeipräsidium München (Präventionskommissariat) und dem Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialpsychologie der Ludwig-Maximilians-Universität München dar, die eine stetige Weiterentwicklung ermöglichen.
Das „zammgrauft“-Training basiert ferner ausschließlich auf praktischen Verhaltensübungen und Rollenspielen, in denen die Schüler/innen sich selbst in ihren Verhaltensweisen und Reaktionen erfahren können. Die Lernziele werden durch sie selbst anschließend in einer Gruppendiskussion herausgearbeitet.
Das Projekt stellt weder speziell die Opfer von Gewalt in den Mittelpunkt noch im Unterricht störanfällige oder besonders gewaltbereite Schüler. Vielmehr steht die Mehrheit der Schülerinnen und Schüler im Blickpunkt des Interesses, die gestärkt werden soll, um bei Problem - oder Konfliktsituationen adäquat reagieren zu können. Im kleinen – und somit vertrauten - Rahmen soll gewaltfreies, sozial kompetentes Handeln eingeübt werden, um damit die Zahl der Bürgerinnen und Bürger zu erhöhen, die Mut zur Zivilcourage besitzen.
Konkrete Umsetzung des Programms
Die Durchführung des praktisch orientierten Teiles findet im Rahmen eines zweitägigen Kurses statt. Die konkrete Umsetzung des Projekts in den Schulklassen und Jugendgruppen leisten Multiplikatoren, die in einem dreitägigen Training durch das Präventionskommissariat des Polizeipräsidiums München ausgebildet werden. Es handelt sich dabei um Polizeibeamte, Lehrkräfte sowie Sozialpädagogen und Erzieher. Von Seiten des Polizeipräsidiums wird empfohlen, das Training mit zwei Moderatoren im Team durchzuführen. Da zwischenzeitlich sämtliche 46 Jugendbeamte sowie viele Sozialpädagogen der Jugendtreffs in München ausgebildet sind, bietet sich auch eine Teambildung mit anderen Einrichtungen im Rahmen der Vernetzung an.
Bei der Durchführung des Programms gibt es sowohl eine Vorbereitung sowie eine Nachbereitung.
Evaluation
Seit dem ersten Training für Multiplikatoren wurden bis zum gegenwärtigen Zeitpunkt etwa 1300 Personen ausgebildet und tausende Schülerinnen und Schüler erreicht.
Als ein nicht unerheblicher Nebeneffekt des Programms scheint sich bei den Teilnehmern das bestehende Bild von der Polizei stark verändert zu haben, indem es gelungen ist, existierende Klischees abzubauen.
Der Lehrstuhl für Wirtschafts- und Sozialpsychologie der Ludwig-Maximilians-Universität München hat die Evaluation des Programms durchgeführt. Die Ergebnisse der Evaluation zeigen, dass sich nicht nur das Wissen, was man in Notsituationen tun sollte, erhöht hat, sondern auch die wahrgenommene Verantwortlichkeit, in solchen Situationen einzuschreiten. Ebenso steigen die subjektive Sicherheit tatsächlich einzuschreiten sowie die Beurteilung der eigenen Kompetenzen im Umgang mit kritischen Situationen. Vgl. hierzu die folgenden beiden Abbildungen:
(Frey/Spies/Winkler 2004)
Bezugsquelle des Programms und AnsprechpartnerPolizeipräsidium München, Kommissariat 314,
Ettstraße 2, 80333 München
Ansprechpartner: Kriminalkommissar Ralph Kappelmeier
Telefon: 089/ 2910 - 0
Telefax: 089/ 2910 – 4400
Internet:
www.polizei.bayern.de/muenchen/schuetzenvorbeugen/beratung/index.html/694E-Mail:
pp-mue.muenchen.k314@polizei.bayern.deBeispiele aus dem Programm „zammgrauft“Themenbereich: Gewalt/Mobbing