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Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus w w w.km.bayERN.dE LEHRERINFO 2/2011 InklusIon Gipfelstürmer: Zwei Lehrerinnen berichten aus ihrem Leben behinderte kinder sollen an jeder Schule lernen können Essstörungen: Wie können wir unseren Schülern helfen? Interview: Die Qualität an Bayerns Schulen sichern Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus w w w.km.bayERN.dE LEHRERINFO 2/2011 InklusIon Gipfelstürmer: Zwei Lehrerinnen berichten aus ihrem Leben behinderte kinder sollen an jeder Schule lernen können Essstörungen: Wie können wir unseren Schülern helfen? Interview: Die Qualität an Bayerns Schulen sichern

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EDitoriaL Behinderte Kinder sollen an jeder Schule lernen können Die aktuelle Titelgeschichte der LEHRERINFO zeigt, wo derzeit ein wichtiger Schwerpunkt unserer Arbeit liegt: Auf der Inklusion von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung an unseren allgemeinen Schulen. Inklusion bedeutet, dass behinderte und nicht behinderte Schülerinnen und Schüler eine selbstverständliche Gemeinschaft in den allgemeinen Schulen bilden. Einige Lehrkräfte fragen mich bei Begegnungen, wie das vor Ort funktionieren kann. Darauf soll ihnen diese Titelgeschichte Antworten geben. Klar ist auch: Die Herausforderung von Inklusion kann nur in Form einer behutsamen Entwicklung gemeistert werden. Zugleich möchte ich verdeutlichen, dass wir in Bayern alle Kinder annehmen. Wir sehen die schrittweise Verwirklichung der Inklusion als Bereicherung. Behinderte und nicht behinderte Kinder profitieren gegenseitig von der Vielfalt ihrer Talente. Jedes Kind ist uns wertvoll, jedem gehört unsere Aufmerksamkeit, jedes verdient die bestmögliche Bildung - unabhängig von seiner spezifischen Beeinträchtigung. Wie vielfältig Schule ist, sehe ich auch immer wieder an den unterschiedlichen und spannenden Lehrerpersönlichkeiten, die ich bei meiner Arbeit treffen darf. Zwei von ihnen haben wir in dieser Ausgabe für Sie interviewt: Carmen Wakolbinger und Barbara Hirschbichler. Die eine zieht mit einem Zirkus und dem bayerischen Lehrplan in der Schultasche durch die Lande. Die andere erobert die Berggipfel dieser Welt und engagiert sich sozial im Himalaya und Karakorum. Sicher bilden beide Lehrerinnen nicht den Alltag in den Schulkollegien ab. Dennoch zeigen sie gut, was für großartige Lehrerpersönlichkeiten es gibt - und das sind in Bayern sehr viele! Diese Lehrerpersönlichkeiten leisten im Alltag hervorragende Arbeit. Sie bieten ihren Schülerinnen und Schülern einen qualitativ hochwertigen Unterricht. Das hat uns die Bildungsforschung zuletzt im Jahr 2010 gezeigt: Unsere Schüler erbringen - dank engagierter Lehrkräfte - im nationalen Ländervergleich hervorragende LeistunFOTO: Kultusministerium Neuer Amtschef im Kultusministerium Dr. Peter Müller kultusminister dr. Ludwig Spaenle amtsübergabe: Josef Erhard mit seinem Nachfolger dr. Peter müller (rechts) gen. Bayern lag in den untersuchten Bereichen Deutsch und Englisch signifikant über dem deutschen Mittelwert und belegt im innerdeutschen Vergleich jeweils den Spitzenplatz. In Englisch haben die bayerischen Schüler im Leseverstehen einen Leistungsvorsprung von fast eineinhalb Schuljahren gegenüber den Schülern in Bremen und einen Vorsprung im Hörverstehen von nahezu zwei Schuljahren gegenüber den Schülern in Brandenburg. Damit die Qualität an unseren Schulen gehalten und weiter verbessert werden kann, gibt es auch die Qualitätsagentur am Münchner Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (ISB). Die Agenturleiterin, Prof. Dr. Eva-Maria Lankes, haben wir in dieser Ausgabe über ihre Arbeit befragt. Das bayerische Bildungssystem soll es allen Schülern ermöglichen, ihr Potenzial voll auszuschöpfen. Es ist dabei eine Frage der Bildungsgerechtigkeit, dass das Bildungssystem in Bayern nicht statisch ist. Die Entscheidung für eine Schulart legt die Bildungskarriere eines Schülers nicht für alle Zeit fest - Schularten sind untereinander durchlässig. Mittlerweile werden in Bayern mehr als 42 Prozent der Studienberechtigungen außerhalb des Gymnasiums erworben. Um die Übergänge von einer Schulart zur anderen zu erleichtern, gibt es bereits eine Vielzahl von Kooperationen als Modellversuch. Die LEHRERINFO stellt Ihnen diese Kooperationen zwischen den verschiedenen Schularten vor. Viel Spaß beim Lesen! Herzliche Grüße Ihr Dr. Peter Müller ist seit dem 1. August 2011 neuer Amtschef des bayerischen Kultusministeriums. Müller war bereits 2009 von Kultusminister Dr. Ludwig Spaenle zu einem der beiden stellvertretenden Amtschefs des Hauses ernannt worden. Der Amtschef fungiert als Verwaltungsspitze der bayerischen Schulverwaltung und ist damit unter dem Ressortminister und dem Staatssekretär verantwortlich für mehr als 110.000 Lehrkräfte und rund 1,75 Millionen Schüler an über 5.500 Schulen in Bayern. Der 1953 in Regensburg gebürtige Peter Müller studierte Mathematik und Physik für das Lehramt Gymnasium und promovierte 1983 zum Dr. rer. nat. Nach verschiedenen Tätigkeiten im Schuldienst, u.a. am Gymnasium Eschenbach/Oberpfalz, in der Schulverwaltung sowie in einem Softwareunternehmen übernahm Müller im Jahr 2000 die Leitung der Gymnasial-Abteilung im Kultusministerium. 2006 übertrug ihm Kultusminister Siegfried Schneider die Leitung der Abteilung "Beruf liche Schulen". 2009 beauftragte ihn dann Kultusminister Spaenle mit der Leitung der Abteilung "Grund-, Haupt-, Mittel- und Förderschulen" sowie der Stabsstelle Schulorganisation und Verwaltungsreform. 03 11 Ex-Kultusminister Hans Maier hat seine Autobiografie Böse Jahre, gute Jahre - Ein Leben 1931 ff. vorgestellt Die Stuhlreihen waren restlos gefüllt, als der ehemalige Chef zu einer Lesung im Kultusministerium am Salvatorplatz in München geladen hatte. Von 1970 bis 1986 war er hier als Minister tätig - in einem Haus, das damals noch aus dem heutigen Kultusministerium und dem heutigen Wissenschaftsministerium bestand. Prof. Hans Maier schilderte seine Zweifel vor dem Amtsantritt - scherzhaft nannte er sich selbst "einen Politiker des zweiten Bildungsweges". Grundlegendes Wissen über die Arbeit eines Politikers hatte er sich angeblich bei Winston Churchill angelesen: Der Job des Politikers sei schlecht bezahlt und öffentlich nicht so gut angesehen, hatte der englische Premierminister geschrieben, aber "transportation excellent" - immerhin wird man überall hingefahren oder -gef logen. Auch wenn Hans Maier mit dieser Schilderung des Politiker-Berufsbildes viele Zuhörer zum Lachen brachte - er kokettiert nicht nur mit seinem Status als Seiteneinsteiger. In den ersten Jahren gehörte er als Kultusminister weder dem Landtag noch einer Partei an. Die Spielregeln im Kleinen waren ihm nicht immer geheuer, erklärte Hans Maier. "Aber ich hatte von Anfang an Ahnung vom großen Einmaleins." Das große Einmaleins der Bildungspolitik interessiert den 80-Jährigen immer noch. Maier hat es 16 Jahre im Amt ausgehalten - ein Amt, das er selbst als "Schleudersitz" bezeichnet. "Ich war acht Jahre Minister unter Alfons Goppel und acht Jahre unter Franz Josef Strauß. Rückblickend staune ich über meinen Sinn für Symmetrie." Dr. Ludwig Spaenle Bayerischer Staatsminister für Unterricht und Kultus iNHaLtSVErZEiCHNiS 2 Editorial 3 Meldungen 4 Inklusion: Behinderte Kinder sollen an jeder Schule lernen können 8 Interview: Ulrich Heimlich und Joachim Kahlert über die Herausforderungen und Chancen von Inklusion 10 Magersucht und Bulimie: Wie können wir unseren Schülern helfen? 12 Zirkusschule oder Berggipfel: Zwei Lehrerinnen erzählen 15 Qualität sichern: Interview mit Prof. Dr. Eva-Maria Lankes 16 Das Kind im Zentrum - Individuelle Förderung schulartübergreifend 18 Schule & Mehr 20 Kurz & Gut | Impressum Keine Nachricht verpassen: Newsletter bestellen unter www.km.bayern.de/newsletter FOTOS: Verlag C. H. Beck/Kultusministerium EDitoriaL Behinderte Kinder sollen an jeder Schule lernen können Die aktuelle Titelgeschichte der LEHRERINFO zeigt, wo derzeit ein wichtiger Schwerpunkt unserer Arbeit liegt: Auf der Inklusion von Kindern und Jugendlichen mit Behinderung an unseren allgemeinen Schulen. Inklusion bedeutet, dass behinderte und nicht behinderte Schülerinnen und Schüler eine selbstverständliche Gemeinschaft in den allgemeinen Schulen bilden. Einige Lehrkräfte fragen mich bei Begegnungen, wie das vor Ort funktionieren kann. Darauf soll ihnen diese Titelgeschichte Antworten geben. Klar ist auch: Die Herausforderung von Inklusion kann nur in Form einer behutsamen Entwicklung gemeistert werden. Zugleich möchte ich verdeutlichen, dass wir in Bayern alle Kinder annehmen. Wir sehen die schrittweise Verwirklichung der Inklusion als Bereicherung. Behinderte und nicht behinderte Kinder profitieren gegenseitig von der Vielfalt ihrer Talente. Jedes Kind ist uns wertvoll, jedem gehört unsere Aufmerksamkeit, jedes verdient die bestmögliche Bildung - unabhängig von seiner spezifischen Beeinträchtigung. Wie vielfältig Schule ist, sehe ich auch immer wieder an den unterschiedlichen und spannenden Lehrerpersönlichkeiten, die ich bei meiner Arbeit treffen darf. Zwei von ihnen haben wir in dieser Ausgabe für Sie interviewt: Carmen Wakolbinger und Barbara Hirschbichler. Die eine zieht mit einem Zirkus und dem bayerischen Lehrplan in der Schultasche durch die Lande. Die andere erobert die Berggipfel dieser Welt und engagiert sich sozial im Himalaya und Karakorum. Sicher bilden beide Lehrerinnen nicht den Alltag in den Schulkollegien ab. Dennoch zeigen sie gut, was für großartige Lehrerpersönlichkeiten es gibt - und das sind in Bayern sehr viele! Diese Lehrerpersönlichkeiten leisten im Alltag hervorragende Arbeit. Sie bieten ihren Schülerinnen und Schülern einen qualitativ hochwertigen Unterricht. Das hat uns die Bildungsforschung zuletzt im Jahr 2010 gezeigt: Unsere Schüler erbringen - dank engagierter Lehrkräfte - im nationalen Ländervergleich hervorragende LeistunFOTO: Kultusministerium kultusminister dr. Ludwig Spaenle gen. Bayern lag in den untersuchten Bereichen Deutsch und Englisch signifikant über dem deutschen Mittelwert und belegt im innerdeutschen Vergleich jeweils den Spitzenplatz. In Englisch haben die bayerischen Schüler im Leseverstehen einen Leistungsvorsprung von fast eineinhalb Schuljahren gegenüber den Schülern in Bremen und einen Vorsprung im Hörverstehen von nahezu zwei Schuljahren gegenüber den Schülern in Brandenburg. Damit die Qualität an unseren Schulen gehalten und weiter verbessert werden kann, gibt es auch die Qualitätsagentur am Münchner Staatsinstitut für Schulqualität und Bildungsforschung (ISB). Die Agenturleiterin, Prof. Dr. Eva-Maria Lankes, haben wir in dieser Ausgabe über ihre Arbeit befragt. Das bayerische Bildungssystem soll es allen Schülern ermöglichen, ihr Potenzial voll auszuschöpfen. Es ist dabei eine Frage der Bildungsgerechtigkeit, dass das Bildungssystem in Bayern nicht statisch ist. Die Entscheidung für eine Schulart legt die Bildungskarriere eines Schülers nicht für alle Zeit fest - Schularten sind untereinander durchlässig. Mittlerweile werden in Bayern mehr als 42 Prozent der Studienberechtigungen außerhalb des Gymnasiums erworben. Um die Übergänge von einer Schulart zur anderen zu erleichtern, gibt es bereits eine Vielzahl von Kooperationen als Modellversuch. Die LEHRERINFO stellt Ihnen diese Kooperationen zwischen den verschiedenen Schularten vor. Viel Spaß beim Lesen! Herzliche Grüße Ihr Dr. Ludwig Spaenle Bayerischer Staatsminister für Unterricht und Kultus iNHaLtSVErZEiCHNiS 2 Editorial 3 Meldungen 4 Inklusion: Behinderte Kinder sollen an jeder Schule lernen können 8 Interview: Ulrich Heimlich und Joachim Kahlert über die Herausforderungen und Chancen von Inklusion 10 Magersucht und Bulimie: Wie können wir unseren Schülern helfen? 12 Zirkusschule oder Berggipfel: Zwei Lehrerinnen erzählen 15 Qualität sichern: Interview mit Prof. Dr. Eva-Maria Lankes 16 Das Kind im Zentrum - Individuelle Förderung schulartübergreifend 18 Schule & Mehr 20 Kurz & Gut | Impressum Keine Nachricht verpassen: Newsletter bestellen unter www.km.bayern.de/newsletter

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engen Zusammenarbeit zwischen der allgemeinen Schule und der Förderschule als Kompetenzzentrum für Sonderpädagogik gemacht wurden. Beispielhaft stehen hierfür die 675 Kooperationsklassen. InklusIon PAdAgogIscher PIonIergeIst Bayerns Weg in eine inklusive Schullandschaft Um die UN-Behindertenrechtskonvention in Bayern umzusetzen, hat eine fraktionsübergreifende Arbeitsgruppe des Landtags einen Entwurf zur Änderung des Erziehungs- und Unterrichtsgesetzes (BayEUG) erarbeitet, der am 1. August 2011 in Kraft getreten ist. Spaenle sieht in der Zusammenarbeit von Parlamentariern aller Fraktionen eine "herausragende Signalwirkung für die Gesellschaft und für die Verantwortlichen für Schulentwicklung, um der gemeinsamen Aufgabe der Inklusion gerecht zu werden." eine Lehrkraft der allgemeinen Schule und eine Lehrkraft für Sonderpädagogik gemeinsam in einer Klasse. Positiv daran: Mit den Profilschulen erhält Inklusion einen völlig neuen Stellenwert in der Bildungslandschaft. Und: Inklusion ist damit auf dem Weg, gesellschaftliche Normalität zu werden. Darauf verweist auch Prof. Heimlich: "Die Erfahrung im Umgang mit Inklusion fördert deren Akzeptanz." Bewährtes wird weiterentwickelt Neben der Möglichkeit, eine Profilschule einzurichten, werden die bewährten Formen kooperativen Lernens fortgeführt und weiterentwickelt. Damit eröffnet das Gesetz neue Rahmenbedingungen zur f lexibleren Ausgestaltung inklusiver Schullandschaften. Neu ist dabei grundsätzlich der gleichberechtigte Zugang aller Kinder und Jugendlichen zu allen Schulen und Schularten vor Ort. Selbstverständlich müssen hierfür die Voraussetzungen der jeweiligen Schulart erfüllt sein, die bisherige Bedingung der aktiven Teilnahme entfällt jedoch. Entscheidend muss bei der Wahl des Förderangebots das Wohl des Kindes sein. Eltern sollen sich bei der Schulentscheidung von den Lehrkräften auf klären und beraten lassen. Insgesamt bieten sich damit für die bayerischen Schulen neben der Profilschule verschiedene Bausteine für die Entwicklung einer inklusiven Schule. Kooperationsklassen Diese Form des kooperativen Lernens, die sich in der Praxis bewährt hat, wird weiterhin einen hohen Stellenwert in der Bildungslandschaft Bayerns einnehmen. Kooperationsklassen gibt es in Grund-, Mittel- und Berufsschulen. Ihr Merkmal ist der durchgängige gemeinsame Unterricht von Schülern mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf. Die Lehrkräfte der allgemeinen Schulen werden beim Unterricht in einer Kooperationsklasse stundenweise durch den Mobilen Sonderpädagogischen Dienst (MSD) unterstützt. Positiv daran: Auch die Experten des wissenschaftlichen Beirats der Arbeitsgruppe des Landtags waren bei Schulbesuchen von der "gut entwickelten Kooperationskultur" beeindruckt. Die Erfahrung hat gezeigt: Kinder lernen viel leichter von Kindern. " s Ist so untere stutzend, Im tAndem zu ArbeIten." Schulen mit dem Schulprofil "Inklusion" Einen vollkommen neuen Ansatz bietet die Möglichkeit, eine Schule mit dem Schulprofil "Inklusion" einzurichten: Das bedeutet die systematische Entwicklung einer ganzen Schule mit dem Ziel Inklusion. Kultusminister Spaenle sieht in den Profilschulen einen "Motor der Entwicklung von Inklusion". Im Schuljahr 2011/12 gibt es bereits 41 solcher Profilschulen. Dabei entwickelt die Schule ein gemeinsames Bildungsund Erziehungskonzept, auf dessen Grundlage individuelle Förderung für alle Schülerinnen und Schüler umgesetzt wird. Das heißt, dass Unterricht und Schulleben, Lernen und Erziehung so gestaltet werden, dass sie auf die Vielfalt aller Schülerinnen und Schüler hin ausgerichtet sind - ob mit oder ohne sonderpädagogischen Förderbedarf. Das Schulprofil "Inklusion" wird vergeben, wenn Einvernehmen mit dem Schulforum bzw. dem Elternbeirat und den zuständigen Stellen besteht. Die Entscheidung beruht daher auf einem breiten Konsens und einem Dialog der gesamten Schulfamilie. Das Neue an dem Konzept der Profilschule ist, dass hier das Lehrpersonal der Förderschule in das Kollegium der allgemeinen Schule eingebunden wird. Zusammen gestalten diese in enger Abstimmung die Formen des gemeinsamen Lernens. Den Lehrkräften für Sonderpädagogik kommt dabei eine besondere Rolle zu. Prof. Ulrich Heimlich, Experte für Lernbehindertenpädagogik an der LMU, sieht die Sonderpädagogen in diesem Kontext sogar als "Botschafter der Individualisierung", da sie mit ihrer spezialisierten Ausbildung wertvolles Wissen über individuelle Förderung in alle Schularten einbringen können. Durch die Zusammenarbeit mit den Lehrkräften der allgemeinen Schulen leisten die Lehrkräfte für Sonderpädagogik einen wichtigen Beitrag zur Veränderung der Lehr- und Lernkultur: Sie beraten die Kollegen der allgemeinen Schule, die Schüler sowie die Erziehungsberechtigten und sie beurteilen in einem förderdiagnostischen Bericht den sonderpädagogischen Förderbedarf. Dieser ist die Grundlage des individuellen Förderplans und kann den Einsatz eines festen Lehrertandems empfehlen. Bei einem Lehrertandem unterrichten "Es ist frappierend, wie natürlich das miteinander Lernen abläuft!", meint Regina Rehklau spontan, als sie ihre Erfahrungen als Lehrerin in einem Inklusionsprojekt zusammenfasst. Die Lehrerin der Grundschule St. Korbinian in Freising arbeitet seit acht Jahren zusammen mit Susanne Schöneich, Lehrerin für Sonderpädagogik, als festes Lehrertandem in einer Kooperationsklasse. Dabei bilden in der Regel fünf bis sechs Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf eine gemeinsame Lerngruppe mit etwa 16 Regelschülern - und lernen so Dinge, die weit über den Fachlehrplan hinausgehen. Das Beispiel zeigt, dass es in Bayern eine Vielfalt von inklusiven Projekten, Konzepten und Lernformen gibt. Nach Inkrafttreten der UN-Konvention für Rechte von Menschen mit Behinderungen im März 2009 rücken diese in den Mittelpunkt der bayerischen Bildungspolitik. Denn in Artikel 24 des Übereinkommens verpf lichten sich alle Vertragsstaaten, ein inklusives Bildungssystem auf allen Ebenen und lebenslanges Lernen zu gewährleisten - mit dem übergeordneten Ziel, "Menschen mit Behinderungen zur wirklichen Teilhabe an einer freien Gesellschaft zu befähigen." Inklusion bedeutet daher eine zentrale Herausforderung für die Bildungspolitik: "Jeder ist wertvoll, jedem gehört unsere Aufmerksamkeit, jeder verdient die bestmögliche Bildung", erklärt Kultusminister Dr. Ludwig Spaenle. Schritt für Schritt zur inklusiven Schule Die Herausforderung Inklusion kann nur in Form einer behutsamen Entwicklung gemeistert werden: "Man kann nicht einfach in einer 'Hurra-Pädagogik' von den Lehrerinnen und Lehrern verlangen, dass sie sofort alles umstellen", betont Prof. Joachim Kahlert vom Lehrstuhl für Grundschulpädagogik und -didaktik der Ludwig-MaximiliansUniversität München (LMU). Bayern kann bei der schrittweisen Umgestaltung des Bildungssystems auf den guten Erfahrungen auf bauen, die in den letzten Jahren mit der " er InklusIve unterrIcht d Ist eIn gewInn fur Alle kInder." Partnerklassen Diese Lernform - bislang als Außenklassen bekannt - ist dadurch gekennzeichnet, dass eine Klasse der Förderschule eng mit der einer allgemeinen Schule kooperiert. Das bedeutet auch, dass beide Klassen im gleichen Schulhaus untergebracht sind und regelmäßig gemeinsamer Unterricht stattfindet. Maßgeblich ist hierfür der pädagogische Grundsatz: soviel gemeinsamer Unterricht wie möglich, soviel individuelle Förderung wie nötig - in lernzieldifferenziertem Unterricht. Positiv daran: Durch die Begegnungen entwickelt sich eine Atmosphäre der gegenseitigen Anerkennung und FOTO: brainwaves FOTO: brainwaves Behinderte Kinder sollen an jeder Schule lernen können Neuer Amtschef im Kultusministerium Dr. Peter Müller Dr. Peter Müller ist seit dem 1. August 2011 neuer Amtschef des bayerischen Kultusministeriums. Müller war bereits 2009 von Kultusminister Dr. Ludwig Spaenle zu einem der beiden stellvertretenden Amtschefs des Hauses ernannt worden. Der Amtschef fungiert als Verwaltungsspitze der bayerischen Schulverwaltung und ist damit unter dem Ressortminister und dem Staatssekretär verantwortlich für mehr als 110.000 Lehrkräfte und rund 1,75 Millionen Schüler an über 5.500 Schulen in Bayern. Der 1953 in Regensburg gebürtige Peter Müller studierte Mathematik und Physik für das Lehramt Gymnasium und amtsübergabe: Josef Erhard mit seinem Nachfolger dr. Peter müller (rechts) promovierte 1983 zum Dr. rer. nat. Nach verschiedenen Tätigkeiten im Schuldienst, u.a. am Gymnasium Eschenbach/Oberpfalz, in der Schulverwaltung sowie in einem Softwareunternehmen übernahm Müller im Jahr 2000 die Leitung der Gymnasial-Abteilung im Kultusministerium. 2006 übertrug ihm Kultusminister Siegfried Schneider die Leitung der Abteilung "Beruf liche Schulen". 2009 beauftragte ihn dann Kultusminister Spaenle mit der Leitung der Abteilung "Grund-, Haupt-, Mittel- und Förderschulen" sowie der Stabsstelle Schulorganisation und Verwaltungsreform. 03 11 Ex-Kultusminister Hans Maier hat seine Autobiografie Böse Jahre, gute Jahre - Ein Leben 1931 ff. vorgestellt Die Stuhlreihen waren restlos gefüllt, als der ehemalige Chef zu einer Lesung im Kultusministerium am Salvatorplatz in München geladen hatte. Von 1970 bis 1986 war er hier als Minister tätig - in einem Haus, das damals noch aus dem heutigen Kultusministerium und dem heutigen Wissenschaftsministerium bestand. Prof. Hans Maier schilderte seine Zweifel vor dem Amtsantritt - scherzhaft nannte er sich selbst "einen Politiker des zweiten Bildungsweges". Grundlegendes Wissen über die Arbeit eines Politikers hatte er sich angeblich bei Winston Churchill angelesen: Der Job des Politikers sei schlecht bezahlt und öffentlich nicht so gut angesehen, hatte der englische Premierminister geschrieben, aber "transportation excellent" - immerhin wird man überall hingefahren oder -gef logen. Auch wenn Hans Maier mit dieser Schilderung des Politiker-Berufsbildes viele Zuhörer zum Lachen brachte - er kokettiert nicht nur mit seinem Status als Seiteneinsteiger. In den ersten Jahren gehörte er als Kultusminister weder dem Landtag noch einer Partei an. Die Spielregeln im Kleinen waren ihm nicht immer geheuer, erklärte Hans Maier. "Aber ich hatte von Anfang an Ahnung vom großen Einmaleins." Das große Einmaleins der Bildungspolitik interessiert den 80-Jährigen immer noch. Maier hat es 16 Jahre im Amt ausgehalten - ein Amt, das er selbst als "Schleudersitz" bezeichnet. "Ich war acht Jahre Minister unter Alfons Goppel und acht Jahre unter Franz Josef Strauß. Rückblickend staune ich über meinen Sinn für Symmetrie." FOTOS: Verlag C. H. Beck/Kultusministerium

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Wertschätzung in der Schule. Dies erkennt auch Prof. Erhard Fischer, der als Experte für Sonderpädagogik an der Universität Würzburg ein Mitglied des wissenschaftlichen Beirats "Inklusion" ist. "Gerade für die weiterführenden Schulen wie Gymnasien, Real- und Berufsschulen ist diese Konzeption eine Chance, Erfahrungen im gemeinsamen Unterricht zu sammeln und sich der Herausforderung kooperativen Lernens in gemischten Lerngruppen zu stellen", so Prof. Fischer. Offene Klassen der Förderschulen Offene Klassen der Förderschulen, in denen auf der Grundlage der Lehrpläne der allgemeinen Schule unterrichtet wird, können auch Schüler ohne sonderpädagogischen Förderbedarf aufnehmen. Voraussetzung dafür ist, dass kein Mehrbedarf hinsichtlich des erforderlichen Personals und der benötigten Räume entsteht. Im Rahmen der zur Verfügung stehenden Haushaltsmittel können auch Schüler ohne sonderpädagogischen Förderbedarf an Förderzentren Hören, Sehen, Sprache oder körperliche und motorische Entwicklung bei der Klassenbildung berücksichtigt werden. Positiv daran: In diesen Klassen hat das pädagogische Prinzip der Individualisierung einen besonderen Stellenwert. Und: Inklusion findet einmal andersherum statt. Inklusion einzelner Schülerinnen und Schüler Einzelne Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf können die allgemeine Schule besuchen. Im Idealfall ist dies die Sprengelschule, die dabei durch den MSD unterstützt wird. Gerade im Bereich der Sinnesbehinderungen wird dies schon oft praktiziert. Das zeigt, dass Inklusion oft ganz unbemerkt geschieht und fester Bestandteil unserer Gesellschaft ist. Prof. Lelgemann, Lehrstuhlinhaber für Körperbehindertenpädagogik an der Universität Würzburg und ebenfalls Mitglied des wissenschaftlichen Beirats, empfiehlt einen rechtzeitigen Kontakt von betroffenen Eltern und Sprengelschule: "Damit hat das Kollegium die Möglichkeit, sich gemeinsam mit den beteiligten Fachkräften auf den Unterricht einzustel- len und die Erfahrungen bereits bestehender Integrationsoder Förderschulen einzubeziehen." Positiv daran: Das Modell der Einzelinklusion bedeutet für diese Schulfamilie, sich dem Thema "Inklusion" zu öffnen. Dadurch ergeben sich in einer Atmosphäre der Vielfalt ganz neue Möglichkeiten - auch für das soziale Lernen. Förderschwerpunkte 1,4% Sehen "dIe kInder erleben eInfAch: Jeder dArf so seIn, wIe er Ist." Erfahrungsschatz der Förderschulen Die aktuell 404 Förderschulen in Bayern mit insgesamt sieben Förderschwerpunkten (s. Kasten) gehören in ihrer gegenwärtigen Form aber auch künftig zum Gesamtkonzept für die Ausbildung junger Menschen mit Behinderung. Kultusminister Ludwig Spaenle ist der "Erfahrungsschatz an den Förderschulen besonders wertvoll". Und Prof. Kahlert erklärt: "Wir müssen auf einen längeren Zeitraum hin dafür sorgen, dass für die Zukunft des Kindes die Voraussetzungen für eine soziale und gerechte Teilhabe am Leben geschaffen werden." Und deshalb sind es auch die Eltern, die im Grundsatz entscheiden, auf welche Schule ihr Kind geht: Regelschule oder Förderschule. Diese Wahlfreiheit war eines der großen Ziele der Arbeit des Landtags an der Gesetzesänderung. Die Eltern werden in ihrer Entscheidung jedoch ausführlich, insbesondere von den Lehrkräften für Sonderpädagogik, über alle Formen des gemeinsamen Lernens aufgeklärt und beraten: Im Mittelpunkt steht dabei das Wohl des Kindes. Die vielfältigen Möglichkeiten inklusive Schule zu gestalten, die das Gesetz den Schulen eröffnet, sind für Kultusminister Spaenle entscheidend: "Der Weg, den Bayern einschlägt, wird den jungen Menschen mit Behinderung am besten gerecht. Denn er ermöglicht einen passgenauen Umgang mit den sehr unterschiedlichen Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen." Inklusion bietet viele Chancen Die schrittweise Gestaltung inklusiver Schule eröffnet vielfältige Chancen. Darauf weist Prof. Ulrich Heimlich vom Lehrstuhl für Lernbehindertenpädagogik an der LMU hin: "Wenn Schüler in der Schule schon lernen, mit Unterschieden umzugehen, dann kann das für unsere Gesellschaft nur bereichernd sein." Es ist empirisch stichhaltig erwiesen, dass die Schüler ohne sonderpädagogischen Förderbedarf in einer inklusiven Schule nicht weniger lernen: "Sie zeigen in der Regel vergleichbare, sogar bessere Leistungen. Und es kommt noch etwas hinzu: Sie lernen zusätzlich etwas in Bezug auf soziale und emotionale Kompetenz, möglicherweise sogar etwas in Bezug auf ganz anspruchsvolle Bildungsziele wie z.B. den Umgang mit Toleranz", betont Heimlich. Inklusion in der Schule ebnet damit Wege hin zur Verwirklichung einer Gesellschaft, in der es allen Kindern und Jugendlichen möglich ist, über die schulische Bildung hinaus gesellschaftliche und soziale Teilhabe zu erlangen. Herausforderung für die Schulentwicklung Bayerns Weg in inklusive Schullandschaften ist eng verzahnt mit einer qualitätvollen Schulentwicklung. Schüler mit unterschiedlichen Lernvoraussetzungen müssen in der Organisation und Gestaltung von Lernprozessen individuell unterstützt werden. Damit entspricht die inklusive Schule dem Leitprinzip des bayerischen Bildungswesens: Die be- 3,7% Hören 12,8% Körperliche u. motorische Entwicklung 5,1% Keinem Förderschwerpunkt zugeordnet 7,6% Emotionale u. soziale Entwicklung INFO artikel 24 der UN-konvention für die Rechte von menschen mit behinderungen vom 13. dezember 2006* bildung (1) Die Vertragsstaaten anerkennen das Recht von Menschen mit Behinderungen auf Bildung. Um dieses Recht ohne Diskriminierung und auf der Grundlage der Chancengleichheit zu verwirklichen, gewährleisten die Vertragsstaaten ein integratives bzw. inklusives Bildungssystem auf allen Ebenen und lebenslanges Lernen mit dem Ziel, a) die menschlichen Möglichkeiten sowie das Bewusstsein der Würde und das Selbstwertgefühl des Menschen voll zur Entfaltung zu bringen und die Achtung vor den Menschenrechten, den Grundfreiheiten und der menschlichen Vielfalt zu stärken; b) Menschen mit Behinderungen ihre Persönlichkeit, ihre Begabungen und ihre Kreativität sowie ihre geistigen und körperlichen Fähigkeiten voll zur Entfaltung bringen zu lassen; c) Menschen mit Behinderungen zur wirklichen Teilhabe an einer freien Gesellschaft zu befähigen. (2) Bei der Verwirklichung dieses Rechts stellen die Vertragsstaaten sicher, dass a) Menschen mit Behinderungen nicht aufgrund von Behinderung vom allgemeinen Bildungssystem ausgeschlossen werden und dass Kinder mit Behinderungen nicht aufgrund von Behinderung vom unentgeltlichen und obligatorischen Grundschulunterricht oder vom Besuch weiterführender Schulen ausgeschlossen werden; b) Menschen mit Behinderungen gleichberechtigt mit anderen in der Gemeinschaft, in der sie leben, Zugang zu einem integrativen, hochwertigen und unentgeltlichen Unterricht an Grundschulen und weiterführenden Schulen haben; c) angemessene Vorkehrungen für die Bedürfnisse des Einzelnen getroffen werden; d) Menschen mit Behinderungen innerhalb des allgemeinen Bildungssystems die notwendige Unterstützung geleistet wird, um ihre erfolgreiche Bildung zu erleichtern; e) in Übereinstimmung mit dem Ziel der vollständigen Integration wirksame individuell angepasste Unterstützungsmaßnahmen in einem Umfeld, das die bestmögliche schulische und soziale Entwicklung gestattet, angeboten werden. (3) Die Vertragsstaaten ermöglichen Menschen mit Behinderungen, lebenspraktische Fertigkeiten und soziale Kompetenzen zu erwerben, um ihre volle und gleichberechtigte Teilhabe an der Bildung und als Mitglieder der Gemeinschaft zu erleichtern. Schüler insgesamt* 84.184 Geistige Entwicklung 13,5% 49,1% Lernen 6,8% Sprache Der Schwerpunkt Lernen ist die häufigste Form des sonderpädagogischen Förderbedarfs. FOTOS: brainwaves gabungsgerechte, individuelle Förderung aller Schülerinnen und Schüler steht im Zentrum. Es ist daher ein besonderes Bestreben der Lehrkräfte, hier mit individuellen, differenzierten Lernangeboten anzusetzen. Dieser Weg wird konsequent weitergegangen, indem Kinder mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf gemeinsame Klassen bilden, in denen sie, jeder nach seinen Bedürfnissen, Förderung erfahren. Inklusion und Individualisierung bilden deshalb im Schuljahr 2011/12 auch Schwerpunktthemen der ALP Dillingen. Der Weg zur inklusiven Schule eröffnet für jede einzelne Bildungseinrichtung neue Möglichkeiten der Veränderung, Weiterentwicklung und Modernisierung. Bildungsexperte Heimlich geht sogar noch weiter: "Wenn Sie die Qualität ihres Unterrichts und ihrer Schule weiterentwickeln wollen, dann sollten Sie unbedingt Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf aufnehmen. Herausforderungen sind oft nötig, um Veränderungsprozesse in Gang zu setzen." Und welchen Rat hat Grundschullehrerin Regina Rehklau für Lehrkräfte, die Inklusion umsetzen wollen? "Man muss einfach anfangen." Mehr Informationen: www.km.bayern.de/inklusion * Text-auszug * Es gibt 84.184 Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischer Förderung in bayern. Insgesamt hat der Freistaat rund 1,75 mio. Schüler. die Zahlen beziehen sich auf die bestimmenden Förderschwerpunkte an den Schulen zur sonderpädagogischen Förderung. Einbezogen wurden zudem die mSd-Förderschwerpunkte an den anderen Schularten. InklusIon PAdAgogIscher PIonIergeIst Behinderte Kinder sollen an jeder Schule lernen können "Es ist frappierend, wie natürlich das miteinander Lernen abläuft!", meint Regina Rehklau spontan, als sie ihre Erfahrungen als Lehrerin in einem Inklusionsprojekt zusammenfasst. Die Lehrerin der Grundschule St. Korbinian in Freising arbeitet seit acht Jahren zusammen mit Susanne Schöneich, Lehrerin für Sonderpädagogik, als festes Lehrertandem in einer Kooperationsklasse. Dabei bilden in der Regel fünf bis sechs Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf eine gemeinsame Lerngruppe mit etwa 16 Regelschülern - und lernen so Dinge, die weit über den Fachlehrplan hinausgehen. Das Beispiel zeigt, dass es in Bayern eine Vielfalt von inklusiven Projekten, Konzepten und Lernformen gibt. Nach Inkrafttreten der UN-Konvention für Rechte von Menschen mit Behinderungen im März 2009 rücken diese in den Mittelpunkt der bayerischen Bildungspolitik. Denn in Artikel 24 des Übereinkommens verpf lichten sich alle Vertragsstaaten, ein inklusives Bildungssystem auf allen Ebenen und lebenslanges Lernen zu gewährleisten - mit dem übergeordneten Ziel, "Menschen mit Behinderungen zur wirklichen Teilhabe an einer freien Gesellschaft zu befähigen." Inklusion bedeutet daher eine zentrale Herausforderung für die Bildungspolitik: "Jeder ist wertvoll, jedem gehört unsere Aufmerksamkeit, jeder verdient die bestmögliche Bildung", erklärt Kultusminister Dr. Ludwig Spaenle. Schritt für Schritt zur inklusiven Schule Die Herausforderung Inklusion kann nur in Form einer behutsamen Entwicklung gemeistert werden: "Man kann nicht einfach in einer 'Hurra-Pädagogik' von den Lehrerinnen und Lehrern verlangen, dass sie sofort alles umstellen", betont Prof. Joachim Kahlert vom Lehrstuhl für Grundschulpädagogik und -didaktik der Ludwig-MaximiliansUniversität München (LMU). Bayern kann bei der schrittweisen Umgestaltung des Bildungssystems auf den guten Erfahrungen auf bauen, die in den letzten Jahren mit der FOTO: brainwaves

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bar, dass sich der einzelne zunächst erst einmal sehr intensiv fragt, ob er dem gewachsen ist. Man kann nicht einfach in einer "Hurra-Pädagogik" von den Lehrkräften verlangen, dass sie sofort alles umstellen. Andererseits brauchen wir so etwas wie einen inklusionspädagogischen Pioniergeist. Wie unterstützen wir diese Haltung bei den Lehrkräften? die allgemeinen Schulen Zumutungen. Wenn man aber bei Abwägungen aller fachlichen Argumente feststellt, dass das Kind davon profitiert, in einer allgemeinen Schule zu sein, dann muss es diese Möglichkeit auch geben. Welche Chance stellt Inklusion für unsere Schullandschaft dar? Prof. dr. Ulrich Heimlich, Experte für Lernbehindertenpädagogik, und Prof. dr. Joachim kahlert, Fachmann für Grundschulpädagogik, trafen sich im münchner kultusministerium. beide sind mitglieder des wissenschaftlichen beirats "Inklusion". dieser erarbeitete für die interfraktionelle arbeitsgruppe des bayerischen Landtags Empfehlungen und Richtlinien für das bayerische Inklusionskonzept. Kahlert: Ich kann nur sagen: Dieser Pioniergeist ist da, er wird von den Lehrkräften bereits gepflegt und weiterentwickelt. Das haben wir erfahren an den Schulen, die wir im Zuge unserer Beiratstätigkeit bereits besucht haben. Wir müssen den Beteiligten aber auch die Sicherheit bieten: Wenn ich ein fachlich-pädagogisches Problem im Sinne der besonderen Förderung habe, dann bekomme ich die Beratung und die Unterstützung, die ich brauche. Ich weiß, wo der sonderpädagogische Ansprechpartner ist, an den ich mich ständig und umstandslos wenden kann - und zwar nicht erst, indem ich zahlreiche Telefonate erledigen muss, ehe ich herausfinde, wen ich fragen könnte. Inwiefern wird es auch in der Sonderpädagogik noch zu Weiterentwicklungen kommen müssen? Heimlich: Wir werden miteinander ein erweitertes Bildungsverständnis entwickeln. Es geht nicht nur um kognitive oder sprachliche, sondern auch um emotionale und soziale Kompetenzen. Schüler aus allen Schularten können hier durch den Umgang mit Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf in vielerlei Hinsicht lernen. Wenn sich z.B. ein Gymnasiast, der Tutor für einen Schüler im sonderpädagogischen Schwerpunkt geistige Entwicklung ist, darüber freut, dass der andere Schüler die Aufgabe, an der er so lange schon gesessen hat, jetzt gelöst hat - dann ist das Ausdruck eines gemeinsamen Lernprozesses. Insofern wird die Inklusion in unseren Schulen in Bayern zu einem neuen Bildungsverständnis beitragen. Kahlert: Ich stimme da völlig mit Herrn Heimlich überein: Wenn wir Bildung definieren als Möglichkeit eines Menschen, seinen Lebensweg zu finden ohne dabei die Entwicklungsmöglichkeiten anderer zu sehr einzuschränken, dann dürfen wir uns nicht beschränken auf das, was man in Tests messen kann. Das ist eine fatale Reduktion des Bildungsbegriffes. Nein, es gehören auch elementare zwischenmenschliche Erfahrungen dazu. Diese zu machen, ermöglicht besonders der inklusive Schulalltag. Heimlich: Und das ist nur die eine Seite der Schüler ohne Förderbedarf. Umgekehrt habe ich bei Schulbesuchen auch gelernt, wie Schüler mit Förderbedarf in der Regelschule mit neuen Aufgaben konfrontiert sind. Z.B. lernen sie zu akzeptieren, dass sie im Vergleich zu anderen in bestimmten Bereichen weniger können. Das Interessante dabei ist, dass sie sich aber trotzdem in dieser Situation angenommen und wohlfühlen. Wir haben Schüler gesehen, die ihren Lernprozess ausgewertet haben. Dabei war es völlig selbstverständlich, dass ein Schüler kaum in der Lage war, seinen Text selbständig vorzulesen, der andere hingegen selbst einen Text entworfen und vorgetragen hat. Eine riesige Leistungsspanne ohne Kommentar unter diesen Schülern, ohne jegliche Abwertung. Dies ist bei heterogenen Klassen oder Lerngruppen, wenn es gut eingeführt ist, kein Thema. Brauchen nicht Lehrkräfte, vor allem aus den allgemeinen Schulen, Unterstützung beim Umsetzen von Inklusion? "Die Kinder mit ihren unterschiedlichen Bedürfnissen sind der Reichtum der Schule" Bildungsexperte Ulrich Heimlich diskutiert mit seinem Kollegen Joachim Kahlert über die Herausforderungen und Chancen von Inklusion Herr Prof. Kahlert, Herr Prof. Heimlich, welche Herausforderungen kommen durch die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention auf die Schulen zu? eingestellt. Alle Schularten in Bayern sind darauf angewiesen, sonderpädagogische Fachkompetenz einzubeziehen. Ich meine damit explizit auch die Realschulen und die Gymnasien. Was bedeutet das für die Praxis? Heimlich: Mit Artikel 30b des neuen BayEUG kommt auch für das Berufsprofil der Sonderpädagogen eine ganz neue Aufgabe hinzu: Sie können in Zukunft mit der gesamten Stundenzahl ihres Stundenkontingents in der allgemeinen Schule eingesetzt werden. Sie sind ein festes und ständiges Mitglied des Kollegiums der allgemeinen Schule. In der inklusiven Schule wird Priorität sein, dass die sonderpädagogischen Förderelemente in den gemeinsamen Unterricht einfließen. Bei unseren Unterrichtsbesuchen haben wir in zahlreichen Momenten erlebt, dass das gelingt. Wir haben dafür das Wort "inklusive Momente" geprägt. Ein besonderes Anliegen ist mir, deutlich zu machen: Sonderpädagogische Förderung in der inklusiven Schule ist nicht das, was stattfindet, wenn wir ein Kind aus der Klasse herausnehmen, in einem separaten Raum fördern und dann wieder zurück in den Klassenverband geben. Das kann im Einzelfall auch möglich sein und man sollte pragmatisch damit umgehen, wenn es im Sinne des Kindes notwendig ist. Aber der Schwerpunkt liegt beim gemeinsamen Lernen im inklusiven Unterricht. Ist der geschützte Raum der Förderschulen dann überhaupt noch nötig? Kahlert: Wir haben an den Schulen seit vielen Jahren erhebliche Erfahrung im Umgang mit Heterogenität und sind bereits auf eine sehr differenzierte Schülerschaft eingestellt. Durch den Auftrag, Kinder mit besonderem Förderbedarf in die Regelschule aufzunehmen und dort Unterrichtsangebote zu machen, die für alle Kinder förderlich sind und möglichst in einem gemeinsamen Erfahrungsraum stattfinden, wird der Anspruch an die Lehrkräfte nun noch einmal sehr viel größer. Das betrifft z.B. Differenzierung im Unterricht oder Eingehen auf ganz konkrete Konstellationen der Lernsituation. Wenn wir ernst nehmen, dass jedes Kind anders ist, dann gilt dies erst recht für Lerngruppen. Heimlich: Diese heterogene Situation können wir nur bewältigen im Zusammenspiel der verschiedenen pädagogischen Fachkompetenzen. Die größte Herausforderung der nächsten Zeit wird sein, gemeinsam die Qualität der sonderpädagogischen Förderung, die wir in den Förderschulen erreicht haben, in die allgemeine Schule mitzunehmen. Wir sind gerade jetzt auf eine hohe sonderpädagogische Fachkompetenz angewiesen - diese ist absolut unverzichtbar. Als Sonderpädagogen haben wir uns konsequent auf das einzelne Kind mit seinen Bedürfnissen und Fähigkeiten Heimlich: Um dies zu leisten, benötigen wir bei den Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen die Bereitschaft, ihre Kompetenz in die allgemeine Schule hineinzubringen. In allen Schulen ist der Blick auf das einzelne Kind wichtig. Sonderpädagogen können in dieser Hinsicht gewissermaßen als Botschafter der Individualisierung agieren. Es gibt zahlreiche Lehrkräfte, die im Mobilen Sonderpädagogischen Dienst erfahren sind, die seit Jahren außerhalb der Förderschule eingesetzt sind und dabei ihre fachlichen Kompetenzen noch weiterentwickelt haben. Wird Inklusion also eine völlig neue Haltung der Lehrkräfte fordern? Kahlert: Im Einzelfall und im Interesse der Fördermöglichkeiten des Kindes kann es durchaus besser sein, zunächst auf die soziale Teilhabe im Sinne eines Dabeiseins in einer allgemeinen Schule zu verzichten und dem Kind die Förderung in einem dafür hoch spezialisierten Rahmen anzubieten. Auch das ist ein bildungspolitisch verantwortungsvoller Umgang mit dem Inklusionsgedanken. Inklusion kann nicht heißen, dass man in einem gegebenen Zeitraum alle in eine Institution zusammenfasst und hofft, der gerechten Teilhabe damit automatisch nahe zu kommen. Was will der bayerische Weg der Inklusion dann? Kahlert: Ich möchte zunächst einmal die Lehrerschaft verteidigen und für Verständnis plädieren. Wenn es noch eine gewisse Zurückhaltung gibt, dann hat das in erster Linie mit dem großen pädagogischen Verantwortungsbewusstsein unserer Lehrkräfte zu tun. Diese nehmen ihren Auftrag für ihre Schüler sehr ernst. Wenn jetzt eine zusätzliche Herausforderung auf sie zukommt, dann ist es durchaus nachvollzieh- Kahlert: Das Ziel von Inklusion ist, auf einen längeren Zeitraum hin für das Kind die richtige Voraussetzung zu schaffen, damit es in Gegenwart und Zukunft seine Teilhabe am Zusammenleben so selbstbestimmt wie möglich mitgestalten kann. Die Ethik, die hinter den differenzierten Angeboten des bayerischen Inklusionskonzepts steht, zeugt von einer dem Schüler zugewandten Haltung. Wir wollen uns aber auch nicht auf einen für manche bequemeren Weg zurückziehen. Die Inklusion enthält zu Beginn gerade für Heimlich: Es ist richtig, einige Schulen vorangehen zu lassen und das Profil Inklusion zu entwickeln. Es ist eine Riesenaufgabe, die da vor uns liegt, das sollten wir uns ganz deutlich machen. Da sind sicherlich Fort- und Weiterbildungen, aber auch Beratungsangebote gefragt. Unterstützung fängt aber bereits da an, wo wir Zusammenarbeit ermöglichen und erleichtern. Das ist auch eine Aufgabe für die Wissenschaft und zwar in zwei Richtungen: Die eine ist, dass wir uns Gedanken machen über den Bereich der Lehrerbildung. Ziel ist dabei, bezogen auf die kommenden Generationen dafür zu sorgen, dass Lehrkräfte aller Lehrämter Grundkenntnisse in der Inklusion von Anfang an haben. Die andere Aufgabe ist die wissenschaftliche Begleitforschung in den beteiligten Schulen. Denn eines haben wir noch nicht: Fertige Konzepte, auf die wir zurückgreifen und die wir dann einsetzen können. Hier müssen wir noch mit den Lehrkräften in den inklusiven Schulen neue Konzepte entwickeln. Ich würde mich freuen, wenn auch viele Kolleginnen und Kollegen das als eine aufregende neue Aufgabe sehen. FOTO: Kultusministerium engen Zusammenarbeit zwischen der allgemeinen Schule und der Förderschule als Kompetenzzentrum für Sonderpädagogik gemacht wurden. Beispielhaft stehen hierfür die 675 Kooperationsklassen. Bayerns Weg in eine inklusive Schullandschaft Um die UN-Behindertenrechtskonvention in Bayern umzusetzen, hat eine fraktionsübergreifende Arbeitsgruppe des Landtags einen Entwurf zur Änderung des Erziehungs- und Unterrichtsgesetzes (BayEUG) erarbeitet, der am 1. August 2011 in Kraft getreten ist. Spaenle sieht in der Zusammenarbeit von Parlamentariern aller Fraktionen eine "herausragende Signalwirkung für die Gesellschaft und für die Verantwortlichen für Schulentwicklung, um der gemeinsamen Aufgabe der Inklusion gerecht zu werden." eine Lehrkraft der allgemeinen Schule und eine Lehrkraft für Sonderpädagogik gemeinsam in einer Klasse. Positiv daran: Mit den Profilschulen erhält Inklusion einen völlig neuen Stellenwert in der Bildungslandschaft. Und: Inklusion ist damit auf dem Weg, gesellschaftliche Normalität zu werden. Darauf verweist auch Prof. Heimlich: "Die Erfahrung im Umgang mit Inklusion fördert deren Akzeptanz." Bewährtes wird weiterentwickelt Neben der Möglichkeit, eine Profilschule einzurichten, werden die bewährten Formen kooperativen Lernens fortgeführt und weiterentwickelt. Damit eröffnet das Gesetz neue Rahmenbedingungen zur f lexibleren Ausgestaltung inklusiver Schullandschaften. Neu ist dabei grundsätzlich der gleichberechtigte Zugang aller Kinder und Jugendlichen zu allen Schulen und Schularten vor Ort. Selbstverständlich müssen hierfür die Voraussetzungen der jeweiligen Schulart erfüllt sein, die bisherige Bedingung der aktiven Teilnahme entfällt jedoch. Entscheidend muss bei der Wahl des Förderangebots das Wohl des Kindes sein. Eltern sollen sich bei der Schulentscheidung von den Lehrkräften auf klären und beraten lassen. Insgesamt bieten sich damit für die bayerischen Schulen neben der Profilschule verschiedene Bausteine für die Entwicklung einer inklusiven Schule. Kooperationsklassen Diese Form des kooperativen Lernens, die sich in der Praxis bewährt hat, wird weiterhin einen hohen Stellenwert in der Bildungslandschaft Bayerns einnehmen. Kooperationsklassen gibt es in Grund-, Mittel- und Berufsschulen. Ihr Merkmal ist der durchgängige gemeinsame Unterricht von Schülern mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf. Die Lehrkräfte der allgemeinen Schulen werden beim Unterricht in einer Kooperationsklasse stundenweise durch den Mobilen Sonderpädagogischen Dienst (MSD) unterstützt. Positiv daran: Auch die Experten des wissenschaftlichen Beirats der Arbeitsgruppe des Landtags waren bei Schulbesuchen von der "gut entwickelten Kooperationskultur" beeindruckt. Die Erfahrung hat gezeigt: Kinder lernen viel leichter von Kindern. " s Ist so untere stutzend, Im tAndem zu ArbeIten." Schulen mit dem Schulprofil "Inklusion" Einen vollkommen neuen Ansatz bietet die Möglichkeit, eine Schule mit dem Schulprofil "Inklusion" einzurichten: Das bedeutet die systematische Entwicklung einer ganzen Schule mit dem Ziel Inklusion. Kultusminister Spaenle sieht in den Profilschulen einen "Motor der Entwicklung von Inklusion". Im Schuljahr 2011/12 gibt es bereits 41 solcher Profilschulen. Dabei entwickelt die Schule ein gemeinsames Bildungsund Erziehungskonzept, auf dessen Grundlage individuelle Förderung für alle Schülerinnen und Schüler umgesetzt wird. Das heißt, dass Unterricht und Schulleben, Lernen und Erziehung so gestaltet werden, dass sie auf die Vielfalt aller Schülerinnen und Schüler hin ausgerichtet sind - ob mit oder ohne sonderpädagogischen Förderbedarf. Das Schulprofil "Inklusion" wird vergeben, wenn Einvernehmen mit dem Schulforum bzw. dem Elternbeirat und den zuständigen Stellen besteht. Die Entscheidung beruht daher auf einem breiten Konsens und einem Dialog der gesamten Schulfamilie. Das Neue an dem Konzept der Profilschule ist, dass hier das Lehrpersonal der Förderschule in das Kollegium der allgemeinen Schule eingebunden wird. Zusammen gestalten diese in enger Abstimmung die Formen des gemeinsamen Lernens. Den Lehrkräften für Sonderpädagogik kommt dabei eine besondere Rolle zu. Prof. Ulrich Heimlich, Experte für Lernbehindertenpädagogik an der LMU, sieht die Sonderpädagogen in diesem Kontext sogar als "Botschafter der Individualisierung", da sie mit ihrer spezialisierten Ausbildung wertvolles Wissen über individuelle Förderung in alle Schularten einbringen können. Durch die Zusammenarbeit mit den Lehrkräften der allgemeinen Schulen leisten die Lehrkräfte für Sonderpädagogik einen wichtigen Beitrag zur Veränderung der Lehr- und Lernkultur: Sie beraten die Kollegen der allgemeinen Schule, die Schüler sowie die Erziehungsberechtigten und sie beurteilen in einem förderdiagnostischen Bericht den sonderpädagogischen Förderbedarf. Dieser ist die Grundlage des individuellen Förderplans und kann den Einsatz eines festen Lehrertandems empfehlen. Bei einem Lehrertandem unterrichten " er InklusIve unterrIcht d Ist eIn gewInn fur Alle kInder." Partnerklassen Diese Lernform - bislang als Außenklassen bekannt - ist dadurch gekennzeichnet, dass eine Klasse der Förderschule eng mit der einer allgemeinen Schule kooperiert. Das bedeutet auch, dass beide Klassen im gleichen Schulhaus untergebracht sind und regelmäßig gemeinsamer Unterricht stattfindet. Maßgeblich ist hierfür der pädagogische Grundsatz: soviel gemeinsamer Unterricht wie möglich, soviel individuelle Förderung wie nötig - in lernzieldifferenziertem Unterricht. Positiv daran: Durch die Begegnungen entwickelt sich eine Atmosphäre der gegenseitigen Anerkennung und FOTO: brainwaves

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MAGERSUCHt und BULIMIE Wie können wir unseren Schülern helfen? Die Zahl der jungen Menschen mit Essstörungen nimmt zu - sie werden immer jünger und auch die Zahl der betroffenen Jungen wächst. Damit wird auch die Schulgemeinschaft häufiger mit der Frage konfrontiert, wie sie mit den Betroffenen umgehen soll. Die Schule hat für diese Jugendlichen in verschiedener Hinsicht große Bedeutung: Sie ist der Ort, an dem sie sich täglich auf halten - sie macht einen bedeutenden Teil ihres sozialen Umfeldes aus. Hier können sie sich und ihren Ehrgeiz beweisen. Zugleich ist die Schule der Ort, der große pädagogische Verantwortung trägt. Für Lehrkräfte und Schulleitung stellen sich beim Umgang mit den Betroffenen viele Fragen. Oft kommt es sogar zu Streit um den "richtigen" Umgang. Denn diese Schüler sind meist keine Problemschüler. Ihre schulischen Leistungen liegen vorwiegend im oberen Bereich, ihr Verhalten ist normalerweise äußerst angepasst: Sie sind leistungsbereit, stören nicht und suchen intensiv den Kontakt zum Lehrer. Sie heben sich so in dessen Augen positiv von ihren Mitschülern ab, ihre zunehmende Isolation weckt das Bedürfnis, den Schülern durch Zuwendung zu helfen. Wichtig wäre aber die rasche professionelle Hilfe durch Psychologen und Ärzte. Sie ist - wie bei jeder Sucht und psychischen Erkrankung - entscheidend für schnelle und vollständige Heilung. 2. Wird das Problem zugegeben, aber als nicht dringend angesehen, sollte kein Druck auf die Betroffenen ausgeübt, sondern behutsam weiter das Gespräch gesucht werden. 3. Wird das Problem abgestritten, sind die Mittel der Schule begrenzt: Es bleibt, deutlich die Besorgnis auszusprechen und auch spätere Gesprächsbereitschaft zu zeigen. Ändert sich die Haltung über längere Zeit nicht, muss bei Minderjährigen Kontakt mit den Eltern aufgenommen werden. Gespräch mit den Eltern Dem Elterngespräch muss unbedingt das Gespräch mit dem betroffenen Schüler vorausgegangen sein, um die Vertrauensbasis zu ihm nicht zu gefährden. Im Gespräch mit den Eltern kann nicht vorausgesetzt werden, dass sie die Essstörung oder ihre Tragweite wahrnehmen. Daher muss im Gespräch das beobachtete Verhalten im Vordergrund stehen, etwa die Isolation des Kindes, die Fehlzeiten, die fehlende Teilnahme am Sport- oder Schwimmunterricht oder auffälliges Verhalten in Bezug auf Essen. Dazu ist den Eltern der Besuch einer Beratungsstelle zu empfehlen. Es ist durchaus denkbar, dass die Eltern die Intervention ablehnen, vielleicht sogar erst nach Beginn einer stationären Therapie die Gefahr für ihr Kind erkennen. Gerade in diesen Fällen ist die pädagogische Verantwortung der Schule besonders gefordert. Die Sorge des Lehrers um sich selbst Für Lehrer besteht im Umgang mit von Essstörung betroffenen Schülern die große Gefahr der Selbstüberschätzung. Ihre Rolle kann aber nie die eines Therapeuten sein. Dies muss auch mit den betroffenen Schülern geklärt werden, die unter Umständen den Lehrer in diese Rolle drängen wollen. In den Gesprächen mit den Betroffenen muss daher deutlich werden, dass man als Lehrer professionelle Unterstützung für unabdingbar hält. Um persönlich Grenzen ziehen zu können, sollte der Umgang mit den Betroffenen von Selbstref lexion begleitet werden: o Bleiben die Gespräche über längere Zeit ohne sichtbare Wirkung, wird also z.B. das Aufsuchen professioneller Hilfe unter Vorwänden immer wieder aufgeschoben, während sich parallel die o.g. Symptome weiter verschlimmern? o Wird der Fall damit länger als vertretbar allein in der Schule behandelt und nicht an eine Beratungsstelle und an die Eltern übergeben? o Kommt es zur Sonderbehandlung des Betroffenen, die die anderen Mitschüler benachteiligt? Herrscht also z.B. Milde bei der Notengebung und Toleranz von Fehlzeiten? Wird die Aufmerksamkeit stark absorbiert, wird Kontakt auch außerhalb der Schule etwa durch E-Mails oder "Stalking" gesucht? Wenn dies der Fall sein sollte, muss der Umgang mit den Betroffenen verändert werden, denn dann werden die Erkrankten als Person ganz auf die Essstörung reduziert und bekommen eine für die Heilung nicht förderliche Form der Aufmerksamkeit. Handlungsmöglichkeiten der Schule Umgang mit den Betroffenen Entscheidend ist: Lehrer dürfen nicht wegschauen! Es geht für sie darum, Hilfe und Gesprächsbereitschaft anzubieten - als Zeichen der Unterstützung mit dem Ziel, die Betroffenen dazu zu bewegen, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen und professionelle Hilfe zu suchen. Diese Gespräche mit den Betroffenen sollten offen geführt werden: Ich-Botschaften, wertfreie Beschreibungen und aktives Zuhören tragen dazu bei. Ein guter Gesprächseinstieg könnte z.B. lauten: "Ich habe den Eindruck, dass...". Kontraproduktiv ist es, Diagnosen zu stellen: Sie können leicht geleugnet werden, zudem gehören sie in die Hand von Fachleuten. Abhängig von der Reaktion der Betroffenen auf das Gespräch eröffnen sich drei Wege: 1. Wird das Problem zugegeben, geht es um die Unterstützung bei der Suche nach Hilfe. bleibt: Aus dem Wunsch zu helfen lässt sich der Co-Abhängige dabei so weit manipulieren, dass er dem Erkrankten seine Aufmerksamkeit über die Maßen zuwendet und dessen selbstzerstörendes Verhalten zu decken und seine Folgen auszugleichen versucht. Das "Handbuch der Suchtberatung" von Jörg Fengler stellt fest: Co-Abhängigkeit ist "Irrtum, Versäumnis und Verstrickung". Oft ist in der Schule zu beobachten: Betroffenen gelingt es, mehrere Kolleginnen und Kollegen, das Sekretariat und die Schulleitung mit ihrem Problem zu beschäftigen. Sie alle stehen dann vor der großen Gefahr, in Co-Abhängigkeit zu geraten. Dies hängt auch mit der professionellen Lehrerrolle zusammen, die normalerweise ein breites Maß an pädagogischem Verständnis und Hilfe einfordert. Eine für die Betroffenen erkennbare Sonderbehandlung ist im Fall von Essstörungen aber grundlegend falsch. Die Schulleitung hat in der Regel lange Zeit nicht direkt mit den Betroffenen zu tun - dennoch erfüllt sie dabei wichtige übergeordnete Aufgaben: Sie muss Co-Abhängigkeitsmuster unterbinden: Aus Fürsorge für den Erkrankten, aber auch für die Lehrkräfte, um Selbstüberforderung und Kompetenzstreitigkeiten im Kollegium zu verhindern. Wenn die Betroffenen professionelle Hilfe aufgesucht haben, sollte die Schulleitung sich zudem um den Kontakt mit den Therapeuten bemühen. Typische Zeichen für Co-abhängigkeit der Schule o Akzeptanz von hohen Fehlzeiten und selektivem Unterrichtsbesuch. Die sonst üblichen Maßnahmen wie z.B. Nach- und Ersatzprüfungen, Befreiungsregularien oder Attestpflicht werden aber nicht eingefordert. Dabei kann es aber bei Magersüchtigen, wenn die Krankheit schon weit fortgeschritten ist, vielmehr sogar notwendig sein, die Schulfähigkeit anzuzweifeln und diese durch ein ärztliches Attest bestätigen zu lassen; eventuell kann sogar bis zu dessen Vorlage der Schulbesuch nicht weiter gestattet werden. Zudem ist dies ein Mittel, Hilfe von außen miteinzubeziehen o Es kommt zur Sonderbehandlung wie Nachhol- und Einzelunterricht o Noten werden ohne feste Grundlage erteilt, da die Fehlzeiten dies eigentlich nicht erlauben o Betroffene werden trotz schwacher Leistungen unter Hinweis auf die Belastung durch die Erkrankung und (attribuierte) Intelligenz versetzt anzeichen von Essstörungen Sozialverhalten gegenüber Mitschülern und Lehrern o Abkehr von der Klasse in Unterricht und in den Pausen, zunehmende Isolation o Suche nach Nähe zum Lehrer: Platz in der ersten Reihe; leise Unterrichtsbeiträge, wie in einem persönlichen Gespräch. Kontinuierliche Kontaktsuche auch außerhalb des Unterrichts o Briefe an Lehrer mit Hilferufen o Sehr höfliches Verhalten, aber auch emotionale Ausbrüche o Taktische und strategische Abwehr gegen die Vermittlung an eine Beratungsstelle oder einen Arzt FOTOS: brainwaves Emotionale Reaktionen und körperlicher Zustand o Zunehmende Infektanfälligkeit o Sichtbarer körperlicher Abbau: Z.B. stumpfe Haare, spröde Haut, eingefallene Wangen im Mundbereich, unverhältnismäßig groß scheinende Augen. Bei Bulimie Verätzungen im Mundbereich und an den Händen sowie "Hamsterbacken" durch Schwellung der Speicheldrüsen o Erschöpfung bis hin zu Schwindel und Kollaps o Hysterische Ausbrüche o Suizidgedanken o Steigende Fehlzeiten, selektiver Unterrichtsbesuch bei Lieblingsfächern und -lehrern Essverhalten o Kalorienobsession o Keine Teilnahme am gemeinsamen Essen bei Schulfesten oder -fahrten o Auffällig hoher Wasserkonsum Mehr Informationen: www.cinderella-rat-bei-essstoerungen.de Leistungsbereich o Ausgeprägter Fleiß, Perfektionismus und Ehrgeiz o Mit Verlauf der Erkrankung (deutlich) nachlassende Leistungen o Vermeiden von Schulsport, denn Sportlehrer könnten den Gewichtsverlust feststellen; eventuell aber privat intensives Sportprogramm zur Gewichtskontrolle die Gefahr der Co-abhängigkeit der Schule "Ein großes Problem ist die Co-Abhängigkeit der Bezugspersonen", wie Diplom-Psychologin Stefanie Hildebrandt von der Beratungsstelle Cinderella in München berichtet. Co-Abhängigkeit bezeichnet allgemein Haltungen und Verhaltensweisen gegenüber einem Suchtkranken, die dazu beitragen, dass dieser in seiner Sucht verhaftet FOTO: brainwaves Wertschätzung in der Schule. Dies erkennt auch Prof. Erhard Fischer, der als Experte für Sonderpädagogik an der Universität Würzburg ein Mitglied des wissenschaftlichen Beirats "Inklusion" ist. "Gerade für die weiterführenden Schulen wie Gymnasien, Real- und Berufsschulen ist diese Konzeption eine Chance, Erfahrungen im gemeinsamen Unterricht zu sammeln und sich der Herausforderung kooperativen Lernens in gemischten Lerngruppen zu stellen", so Prof. Fischer. Offene Klassen der Förderschulen Offene Klassen der Förderschulen, in denen auf der Grundlage der Lehrpläne der allgemeinen Schule unterrichtet wird, können auch Schüler ohne sonderpädagogischen Förderbedarf aufnehmen. Voraussetzung dafür ist, dass kein Mehrbedarf hinsichtlich des erforderlichen Personals und der benötigten Räume entsteht. Im Rahmen der zur Verfügung stehenden Haushaltsmittel können auch Schüler ohne sonderpädagogischen Förderbedarf an Förderzentren Hören, Sehen, Sprache oder körperliche und motorische Entwicklung bei der Klassenbildung berücksichtigt werden. Positiv daran: In diesen Klassen hat das pädagogische Prinzip der Individualisierung einen besonderen Stellenwert. Und: Inklusion findet einmal andersherum statt. Inklusion einzelner Schülerinnen und Schüler Einzelne Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischem Förderbedarf können die allgemeine Schule besuchen. Im Idealfall ist dies die Sprengelschule, die dabei durch den MSD unterstützt wird. Gerade im Bereich der Sinnesbehinderungen wird dies schon oft praktiziert. Das zeigt, dass Inklusion oft ganz unbemerkt geschieht und fester Bestandteil unserer Gesellschaft ist. Prof. Lelgemann, Lehrstuhlinhaber für Körperbehindertenpädagogik an der Universität Würzburg und ebenfalls Mitglied des wissenschaftlichen Beirats, empfiehlt einen rechtzeitigen Kontakt von betroffenen Eltern und Sprengelschule: "Damit hat das Kollegium die Möglichkeit, sich gemeinsam mit den beteiligten Fachkräften auf den Unterricht einzustel- INFO artikel 24 der UN-konvention für die Rechte von menschen mit behinderungen vom 13. dezember 2006* bildung (1) Die Vertragsstaaten anerkennen das Recht von Menschen mit Behinderungen auf Bildung. Um dieses Recht ohne Diskriminierung und auf der Grundlage der Chancengleichheit zu verwirklichen, gewährleisten die Vertragsstaaten ein integratives bzw. inklusives Bildungssystem auf allen Ebenen und lebenslanges Lernen mit dem Ziel, a) die menschlichen Möglichkeiten sowie das Bewusstsein der Würde und das Selbstwertgefühl des Menschen voll zur Entfaltung zu bringen und die Achtung vor den Menschenrechten, den Grundfreiheiten und der menschlichen Vielfalt zu stärken; b) Menschen mit Behinderungen ihre Persönlichkeit, ihre Begabungen und ihre Kreativität sowie ihre geistigen und körperlichen Fähigkeiten voll zur Entfaltung bringen zu lassen; c) Menschen mit Behinderungen zur wirklichen Teilhabe an einer freien Gesellschaft zu befähigen. (2) Bei der Verwirklichung dieses Rechts stellen die Vertragsstaaten sicher, dass a) Menschen mit Behinderungen nicht aufgrund von Behinderung vom allgemeinen Bildungssystem ausgeschlossen werden und dass Kinder mit Behinderungen nicht aufgrund von Behinderung vom unentgeltlichen und obligatorischen Grundschulunterricht oder vom Besuch weiterführender Schulen ausgeschlossen werden; b) Menschen mit Behinderungen gleichberechtigt mit anderen in der Gemeinschaft, in der sie leben, Zugang zu einem integrativen, hochwertigen und unentgeltlichen Unterricht an Grundschulen und weiterführenden Schulen haben; c) angemessene Vorkehrungen für die Bedürfnisse des Einzelnen getroffen werden; d) Menschen mit Behinderungen innerhalb des allgemeinen Bildungssystems die notwendige Unterstützung geleistet wird, um ihre erfolgreiche Bildung zu erleichtern; e) in Übereinstimmung mit dem Ziel der vollständigen Integration wirksame individuell angepasste Unterstützungsmaßnahmen in einem Umfeld, das die bestmögliche schulische und soziale Entwicklung gestattet, angeboten werden. (3) Die Vertragsstaaten ermöglichen Menschen mit Behinderungen, lebenspraktische Fertigkeiten und soziale Kompetenzen zu erwerben, um ihre volle und gleichberechtigte Teilhabe an der Bildung und als Mitglieder der Gemeinschaft zu erleichtern. FOTOS: brainwaves * Text-auszug

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ZIRKUSSCHULE ODER BERGGIPFEL? Carmen Wakolbinger und Barbara Hirschbichler haben ihre Interessen mit ihrer Lehrtätigkeit kombiniert. Damit schaffen sie Motivation - für sich und für ihre Schüler. Die beiden Lehrerinnen erzählen aus ihrem untypischen Leben. Es kommt vor, dass der Schriftzug "Circusschule" auf dem Wagon neugierige Besucher anlockt. Wer jedoch seinen Kopf durch das Fenster steckt, landet in Carmen Wakolbingers Wohnung - nur ein Teil des Wagens ist Klassenzimmer, der andere der Privatbereich von Carmen Wakolbinger. Sie ist die Lehrerin der Circus-Krone-Schule und zugleich Schulleiterin und Hausmeisterin in einer Person. Wenn der Zirkus in einer neuen Stadt ankommt, ist ihre Aufgabe, den Schulwagon für den Unterricht herzurichten. Sie schließt dann den Wagen auch an Wasser und Strom an, damit die Schule am nächsten Morgen pünktlich beginnen kann. Gerade einmal fünf Kinder besuchen die Schule. Die Schülerinnen und Schüler sind im Alter von 5 bis 14 Jahren und jedes Kind kommt aus einem anderen Land. Frau Wakolbinger, wie kam es dazu, dass Sie im Zirkus angeheuert haben? Ich bin schon einmal eine Saison mit einem Zirkus in England umhergereist und habe dort die Grundausbildung für mein Studium der Theater- und Zirkuspädagogik gemacht. Ich war allerdings nicht Lehrerin, sondern habe überall mitgearbeitet, im Zeltauf bau, an der Kasse, bei den Abrechnungen - und in der Show. Mein Programmpunkt war der Schlappdraht - das ist wie Seiltanz, nur auf einem nicht fest gespannten Draht. Zirkuslehrerin zu sein, war das ein langgehegter Wunsch von Ihnen? Nein - die Entscheidung kam ganz spontan. Ich habe den Schritt bisher nicht bereut: Es ist wirklich spannend, mit den Kindern in ihren unterschiedlichen Altersstufen zu arbeiten und gleichzeitig mit ihnen hier zu wohnen. Ich habe einen viel intensiveren Kontakt als in einer regulären Schule. Hier laufen wir uns ständig über den Weg: In der Manege, in der Küche - manchmal jonglieren wir auch nachmittags ein bisschen miteinander. Gibt es auch eine Kehrseite der Medaille? Sicher ist nicht immer alles leicht: Man ist von daheim weg - und hat auch nicht wirklich Ferien. Abgesehen von den freien Sonntagen unterrichte ich durchgehend während der ganzen Saison. Wir haben zwar jede Woche einen Reisetag, aber es ist eben ein Reisetag. Da kommt die Regeneration immer wieder zu kurz. Mir fehlt auch manchmal das Lehrerzimmer. Ich halte konsequent Kontakt mit meinen Vorgängern und treffe mich mit den Bereichslehrern der einzelnen Städte. Der beratende Austausch würde sonst fehlen. Unterscheiden sich Zirkuskinder im Unterricht denn von anderen Kindern? Nicht wirklich. Jeder glaubt, die Kinder wären speziell, aber nein: Sie sind ganz normal. Es ist wie in jeder Schulklasse: Einer, der kommt gerne ein bisschen zu spät, einer ist sehr motiviert. Das einzige Besondere ist die absolute Heterogenität im Unterricht. Für die Kinder ist das sehr motivierend. Welche Ziele haben ihre Schüler sich für die Zukunft gesetzt? Das ist ganz unterschiedlich. Eines der Kinder ist bereits Artist und tritt im Programm mit auf. Es wird sicherlich eine Artistenkarriere anstreben. Wir haben aber auch viele Kinder, deren Eltern Arbeiter, Köche usw. sind. Diese Eltern streben für die Kinder meist einen Weg außerhalb an. Zirkusleben ist nicht zwangsläufig ein Traum für jedermann, vor allem, wenn er die Realität des harten Zirkuslebens kennt. Die Zirkusszene ist nicht groß und schrumpft immer mehr. Die Leute hier wissen sehr wohl: Für eine gute Zukunft ihrer Kinder braucht es eine gute Schulbildung. Wie findet diese Schulbildung an ihrer Zirkusschule konkret statt? Meine fünf Schüler kommen um 8:30 Uhr. Jeder bekommt dann kurz erklärt, was ich für ihn vorbereitet habe und was er zu tun hat. Danach ist selbstständiges Lernen angesagt. Nach der viertelstündigen Pause haben wir noch einmal eine Lernphase - und am Ende machen wir alle etwas gemeinsam: Wir spielen, zeichnen oder basteln etwas. In den Ferien haben die Schüler zwar weniger Stunden, diese dafür in zwei Altersgruppen getrennt und damit intensiver. Extrembergsteigerin Barbara Hirschbichler aus Schönau am Königssee zählt seit vielen Jahren im Frauen-Alpinismus weltweit zur Spitze. Sie war die erste Deutsche, die den X. Schwierigkeitsgrad kletterte. Sie stand auf den Gipfeln des Cho Oyu (8.201m) und Gasherbrum II (8.035m). Vor elf Jahren hat die 52-jährige Pädagogin die Himalaya-Karakorum-Hilfe gegründet. Am Karlsgymnasium in Bad Reichenhall hat sie selbst ihr Abitur abgelegt. Jetzt unterrichtet sie dort Englisch und Geografie, von der 5. bis zur 12. Jahrgangsstufe. Frau Hirschbichler, wissen Ihre Schüler, dass Sie Bergsteigerin sind, sprechen sie darüber? Meine Schüler wissen viel über meinen Verein und meine Entwicklungshilfe-Tätigkeit im Rahmen der HimalayaKarakorum-Hilfe. Über meinen Sport und meine Freizeit rede ich relativ selten. Sie wissen natürlich, dass ich Bergsteigerin bin, aber was ich genau mache, das wissen die Wenigsten. In der Woche, in der Sie geboren wurden, verunglückte ihr Vater am Batura 1, einem 7.880 Meter hohen Berg im Karakorum. Als sie 33 Jahre alt waren, starb ihr Lebenspartner bei einer Watzmann-Winterdurchquerung. Drei Jahre darauf stürzte ihr Bruder in den Bergen ab und ist seitdem auf den Rollstuhl angewiesen. Haben Sie jemals daran gedacht, mit dem Bergsteigen aufzuhören? Seit ich gehen kann, bin ich in den Bergen unterwegs. Meine Mutter war eine begeisterte Bergsteigerin, mein Vater, den ich übrigens gar nicht kennengelernt habe, war ein außerordentlich guter Alpinist. Ich würde diese Erfahrungen nicht als Rückschläge bezeichnen. Todesfälle muss doch jeder irgendwann durchmachen. Es war natürlich schon sehr hart, als mein Lebenspartner und kurz darauf meine Mutter starben. Ich brauchte einige Zeit, um das zu überwinden, aber wahrscheinlich wird man ein bisschen stärker, wenn man so etwas durchgemacht hat. Vielleicht verschiebt sich auch die Relevanz der Dinge. Diese Frage - wie kann man da noch auf den Berg gehen - hat sich mir überhaupt nicht gestellt. Die Berge haben mir in dieser schwierigen Zeit geholfen - einfach durch das Erlebnis und die Freundschaften, die ich am Berg geschlossen habe. Es würde nicht das geringste ändern, wenn ich nicht mehr auf den Berg gehen würde, außer dass ich wahrscheinlich depressiv würde. Berge sind ein wichtiger Teil meines Lebens. Ich bin nicht nur Felskletterin, sondern Allround-Bergsteigerin. Das heißt, ich mache auch Eistouren und war eine Zeitlang beim Höhenbergsteigen, außerdem mache ich Ausdauersport wie Berglauf, Skitouren und Rennradfahren, wobei vor allem Letzteres zunehmend meine Leidenschaft ist. Ich habe jedenfalls alle diese Spielarten des Alpinismus immer parallel betrieben. Was war dabei Ihr größter Erfolg? Der höchste Berg oder ganz etwas anderes? Erfolge am Berg, die sind mir wirklich nicht besonders wichtig. Das ist alles so relativ. Der größte Erfolg für mich ist, dass ich über 30 Jahre Extrem-Bergsteigen unbeschadet überstanden habe. Und zwar physisch und psychisch unbeschadet, was nicht ganz selbstverständlich ist. Was ich auch als großen Erfolg betrachte: Ich habe immer neben meiner doch sehr intensiven sportlichen Tätigkeit einen Vollzeitjob gehabt. Ich habe meine Ausbildung durchgezogen und an der Schule gearbeitet. 12 04 Lehrerin und Extrembergsteigerin - barbara Hirschbichler am berg. Sie unterrichtet am karlsgymnasium in bad Reichenhall Englisch und Geografie. FOTOS: Kultusministerium/brainwaves Neben dem philosophischen Aspekt gibt es ganz praktische Fähigkeiten, die ein bergsteigender Lehrer vermitteln kann. Viele Schulen in Bayern kooperieren bereits mit dem Alpenverein. Der Alpenverein nutzt an unserer Schule die Kletterhalle. Die Klettergruppe des Karlsgymnasiums wird von einem jungen Kollegen geleitet. Ich finde prinzipiell jede Art von Sport für Jugendliche sinnvoll und wichtig. Man lernt Selbstdisziplin und Motivation, Kraft und Ausdauer werden trainiert. Das Selbstvertrauen wächst. Das alles sind positive Effekte von Klettern als Schulsport. Klettern ist auch keinesfalls ein gefährlicher Sport. Immer noch glauben die meisten, Freiklettern sei gleich solo klettern, irgendwie lässt sich dieser Irrtum nicht aus der Welt räumen. Solo klettern heißt ohne Seilsicherung klettern, das machen nur ganz wenige Leute. Frei klettern heißt, dass man zur Fortbewegung nur den Fels, nicht aber Haken und Karabiner verwendet, dabei aber natürlich gesichert Carmen wakolbinger (links) mit kultusminister dr. Ludwig Spaenle in ihrer Schule. Sie hat in Österreich Lehramt für Hauptschulen studiert und unterrichtet in ihrer Zirkusschule nach dem bayerischen Lehrplan. FOTOS: Kultusministerium/brainwaves Können Sie die Erfahrung als Bergsteigerin an ihre Schüler weitergeben? Ich glaube ja, einfach durch meine Vorbildwirkung. Die Schüler sehen, es gibt vieles im Leben, was einen Menschen erfüllen kann. Die Arbeit ist nicht alles, aber Sport eben auch nicht. Idealerweise findet man ein Gleichgewicht zwischen beiden. Ich hoffe, dass ich dies vermitteln kann, wie auch die Tatsache, dass materielle Werte, die bei uns für so wichtig gehalten werden, für die Zufriedenheit im Leben nicht ausschlaggebend sind. len und die Erfahrungen bereits bestehender Integrationsoder Förderschulen einzubeziehen." Positiv daran: Das Modell der Einzelinklusion bedeutet für diese Schulfamilie, sich dem Thema "Inklusion" zu öffnen. Dadurch ergeben sich in einer Atmosphäre der Vielfalt ganz neue Möglichkeiten - auch für das soziale Lernen. Förderschwerpunkte 1,4% Sehen "dIe kInder erleben eInfAch: Jeder dArf so seIn, wIe er Ist." Erfahrungsschatz der Förderschulen Die aktuell 404 Förderschulen in Bayern mit insgesamt sieben Förderschwerpunkten (s. Kasten) gehören in ihrer gegenwärtigen Form aber auch künftig zum Gesamtkonzept für die Ausbildung junger Menschen mit Behinderung. Kultusminister Ludwig Spaenle ist der "Erfahrungsschatz an den Förderschulen besonders wertvoll". Und Prof. Kahlert erklärt: "Wir müssen auf einen längeren Zeitraum hin dafür sorgen, dass für die Zukunft des Kindes die Voraussetzungen für eine soziale und gerechte Teilhabe am Leben geschaffen werden." Und deshalb sind es auch die Eltern, die im Grundsatz entscheiden, auf welche Schule ihr Kind geht: Regelschule oder Förderschule. Diese Wahlfreiheit war eines der großen Ziele der Arbeit des Landtags an der Gesetzesänderung. Die Eltern werden in ihrer Entscheidung jedoch ausführlich, insbesondere von den Lehrkräften für Sonderpädagogik, über alle Formen des gemeinsamen Lernens aufgeklärt und beraten: Im Mittelpunkt steht dabei das Wohl des Kindes. Die vielfältigen Möglichkeiten inklusive Schule zu gestalten, die das Gesetz den Schulen eröffnet, sind für Kultusminister Spaenle entscheidend: "Der Weg, den Bayern einschlägt, wird den jungen Menschen mit Behinderung am besten gerecht. Denn er ermöglicht einen passgenauen Umgang mit den sehr unterschiedlichen Bedürfnissen der Kinder und Jugendlichen." Inklusion bietet viele Chancen Die schrittweise Gestaltung inklusiver Schule eröffnet vielfältige Chancen. Darauf weist Prof. Ulrich Heimlich vom Lehrstuhl für Lernbehindertenpädagogik an der LMU hin: "Wenn Schüler in der Schule schon lernen, mit Unterschieden umzugehen, dann kann das für unsere Gesellschaft nur bereichernd sein." Es ist empirisch stichhaltig erwiesen, dass die Schüler ohne sonderpädagogischen Förderbedarf in einer inklusiven Schule nicht weniger lernen: "Sie zeigen in der Regel vergleichbare, sogar bessere Leistungen. Und es kommt noch etwas hinzu: Sie lernen zusätzlich etwas in Bezug auf soziale und emotionale Kompetenz, möglicherweise sogar etwas in Bezug auf ganz anspruchsvolle Bildungsziele wie z.B. den Umgang mit Toleranz", betont Heimlich. Inklusion in der Schule ebnet damit Wege hin zur Verwirklichung einer Gesellschaft, in der es allen Kindern und Jugendlichen möglich ist, über die schulische Bildung hinaus gesellschaftliche und soziale Teilhabe zu erlangen. Herausforderung für die Schulentwicklung Bayerns Weg in inklusive Schullandschaften ist eng verzahnt mit einer qualitätvollen Schulentwicklung. Schüler mit unterschiedlichen Lernvoraussetzungen müssen in der Organisation und Gestaltung von Lernprozessen individuell unterstützt werden. Damit entspricht die inklusive Schule dem Leitprinzip des bayerischen Bildungswesens: Die be- 3,7% Hören 12,8% Körperliche u. motorische Entwicklung 5,1% Keinem Förderschwerpunkt zugeordnet 7,6% Emotionale u. soziale Entwicklung Schüler insgesamt* 84.184 Geistige Entwicklung 13,5% 49,1% Lernen 6,8% Sprache Der Schwerpunkt Lernen ist die häufigste Form des sonderpädagogischen Förderbedarfs. gabungsgerechte, individuelle Förderung aller Schülerinnen und Schüler steht im Zentrum. Es ist daher ein besonderes Bestreben der Lehrkräfte, hier mit individuellen, differenzierten Lernangeboten anzusetzen. Dieser Weg wird konsequent weitergegangen, indem Kinder mit und ohne sonderpädagogischen Förderbedarf gemeinsame Klassen bilden, in denen sie, jeder nach seinen Bedürfnissen, Förderung erfahren. Inklusion und Individualisierung bilden deshalb im Schuljahr 2011/12 auch Schwerpunktthemen der ALP Dillingen. Der Weg zur inklusiven Schule eröffnet für jede einzelne Bildungseinrichtung neue Möglichkeiten der Veränderung, Weiterentwicklung und Modernisierung. Bildungsexperte Heimlich geht sogar noch weiter: "Wenn Sie die Qualität ihres Unterrichts und ihrer Schule weiterentwickeln wollen, dann sollten Sie unbedingt Kinder mit sonderpädagogischem Förderbedarf aufnehmen. Herausforderungen sind oft nötig, um Veränderungsprozesse in Gang zu setzen." Und welchen Rat hat Grundschullehrerin Regina Rehklau für Lehrkräfte, die Inklusion umsetzen wollen? "Man muss einfach anfangen." Mehr Informationen: www.km.bayern.de/inklusion * Es gibt 84.184 Schülerinnen und Schüler mit sonderpädagogischer Förderung in bayern. Insgesamt hat der Freistaat rund 1,75 mio. Schüler. die Zahlen beziehen sich auf die bestimmenden Förderschwerpunkte an den Schulen zur sonderpädagogischen Förderung. Einbezogen wurden zudem die mSd-Förderschwerpunkte an den anderen Schularten.

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Die Qualität an Bayerns Schulen sichern Interview mit Eva-Maria Lankes, Leiterin der Qualitätsagentur am ISB ist. Die meisten unserer Jugendlichen klettern mittlerwei le in Kletterhallen. Und da wird die Sicherungstechnik von Anfang an vermittelt - gerade bei den Kooperationen der Schulen mit dem Alpenverein. Sie haben vor elf Jahren selbst einen Verein gegründet, die Himalaya-Karakorum-Hilfe. Warum hat Sie die Armut nicht kalt gelassen wie manch anderen Bergsteiger? Schon das erste Mal im Himalaya, das war 1998, war ich sehr beeindruckt von diesen Bergbewohnern. Sie haben mich demütig gemacht durch ihre Zufriedenheit und ihre Anspruchslosigkeit. Sie sind zufrieden - und unermesslich arm. Das ist für uns unvorstellbar. Ich war einmal ohne Bezüge vom Dienst freigestellt und habe eine lange Zeit im Himalaya und Karakorum verbracht und die Lebensbedingungen dort tatsächlich erlebt. Zum Teil ist es fast schon menschenunwürdig, diese hygienischen Bedingungen, diese Kälte und Nässe, keinerlei medizinische Versorgung. Wirklich so hart, dass ich es irgendwann fast nicht mehr aushalten konnte, und ich bin hart im Nehmen. Sie haben in Baltistan schon viele Projekte realisiert, am Anfang viele Wasserleitungen gebaut. Jetzt haben Sie ein Schulheim für Buben errichtet und sind gerade dabei, eines für Mädchen fertig zu stellen. In Nordost-Pakistan, in Baltistan, dürfen Buben und Mädchen aus kulturellen Gründen nicht in einem Haus zusammen leben. Die Mädchen haben keine Chance auf eine Ausbildung. Es gibt zwar inzwischen in den meisten Bergdörfern kleine Schulen, aber die Ausbildung dort ist entsetzlich schlecht. Die Lehrer, die in diese Dörfer geschickt werden, können fast nicht mehr als die Kinder. Wenn ein Kind eine bessere Ausbildung will, muss es in die größere Stadt Skardu. Der Schulweg ist zu weit, eine ganze Tagesreise. Die einzige Möglichkeit besteht in einem Wohnheim, in dem die Kinder wohnen können und verpf legt werden. Dann können sie in Skardu zur Schule gehen. Sie arbeiten mit den Huber-Brüdern Alexander und thomas zusammen, die in der Kletterszene als Huber-Buam sehr bekannt sind. Die Huber-Buam, Thomas und Alexander, unterstützen mich beide seit langem. Alexander ist sogar der zweite Vorsitzende meines Vereins. Mit den beiden Brüdern verbindet mich eine langjährige Freundschaft. Wir sind schon zusammen geklettert, als sie noch in der Schule waren und ich gerade zu studieren begann - also vor über 30 Jahren. Sie sammeln bei ihren Vorträgen Spenden oder halten Benefizvorträge. Gehören zu den Gründungsmitgliedern Ihres Vereins viele Lehrerkollegen? Ja, das waren alles meine Kollegen. Zum Teil sind sie gar nicht mehr an der Schule. Aber viele meiner jetzigen Kollegen unterstützen mich durch Schulpatenschaften oder durch Mitgliedschaften. Die Karakorum-Hilfe hat sich inzwischen etabliert. Über 40 Kinder an unserer Schule helfen regelmäßig mit, sammeln Spenden und planen Aktionen im Rahmen unseres Arbeitskreises Karakorum-Hilfe. Die organisieren etwa eine Sommertombola oder verkaufen Faschingskrapfen. Das ist eine wunderbare Sache, wie diese Kinder eine Freude daran haben, anderen zu helfen. Wenn Sie sich jetzt etwas wünschen könnten - möchten Sie noch einen höheren Berg besteigen, welches Ziel haben Sie noch nicht erreicht? Den einen hohen Berg als Traumziel gibt es für mich nicht. Ich möchte unbekannte Täler im Karakorum erforschen, auf unbenannte und unbestiegene Berge steigen, und zwar allein oder mit meinem Mann. Vor allem möchte ich dort bergsteigen, wo sonst niemand ist. Ansonsten wäre mein größter Wunsch, dass mein Bruder wieder gehen kann. Einen größeren Wunsch habe ich nicht. Prof. dr. Eva-maria Lankes leitet seit Juni 2010 die Qualitätsagentur am ISb und hat einen Lehrstuhl für Schulpädagogik an der TUm School of Education. "Ich war zu Beginn meiner Berufstätigkeit eine begeisterte Grundschullehrerin und ich wurde später eine leidenschaftliche Wissenschaftlerin" Frau Prof. Lankes, was genau ist eigentlich die Aufgabe der Qualitätsagentur am ISB? Die Qualitätsagentur hat drei zentrale Aufgabenbereiche: die Bildungsberichterstattung, die Vergleichsarbeiten, also die Orientierungsarbeiten in der 2. Klasse, VERA 3 und Vera 8, sowie die interne und externe Evaluation. Die Qualitätsagentur sammelt Daten und wertet sie aus. Sie gibt damit Rückmeldung über die Qualität der bayerischen Schulen. Was hat Sie dazu bewegt, die Leitung der Qualitätsagentur zu übernehmen? Die Arbeit in der Qualitätsagentur gibt mir die Chance, Wissenschaft und Forschung in den Dienst des Handlungsfeldes Schule zu stellen. Das ist eine spannende Aufgabe. Ich war zu Beginn meiner Berufstätigkeit eine begeisterte Grundschullehrerin und ich wurde später eine leidenschaftliche Wissenschaftlerin. In der Qualitätsagentur erarbeiten wir mit wissenschaftlichen Methoden Materialien und Verfahren, die den Schulen bei ihrer Arbeit vor Ort nutzen sollen. Stört es Lehrkräfte und Schulleitungen nicht, wenn eine Qualitätsagentur mitredet, wie sie ihren Unterricht gestalten sollen? Die Qualitätsagentur schreibt nicht vor, wie Lehrkräfte ihren Unterricht gestalten sollen, sondern gibt lediglich Rückmeldung über Prozesse und Ergebnisse von Schule und Unterricht. Wir erleben vor Ort bei der Externen Evaluation, dass die Schulen diese Rückmeldungen begrüßen. Wie unterstützt die Qualitätsagentur die Lehrkräfte ganz konkret? Auf den Internetseiten der Qualitätsagentur finden Lehrkräfte eine Vielzahl an Informationen zu den Themen Bildungsberichterstattung, Vergleichsarbeiten sowie interne und externe Evaluation. Mit der Teilnahme an Vergleichsarbeiten erhalten Lehrkräfte beispielsweise die Möglichkeit, die Leistungen der eigenen Klasse objektiv mit den Leistungen aller bayerischen Schülerinnen und Schüler einer bestimmten Schulart zu vergleichen. Welche Qualifikationen müssen Evaluatoren Ihrer Meinung nach mitbringen? Schließlich urteilen sie über Kollegen, die teilweise über eine jahrzehntelange Unterrichtserfahrung verfügen. Evaluatoren urteilen nicht über Kollegen, sondern evaluieren die Einzelschule in ihrer Gesamtheit. Die Anforderungen an die Kompetenz der Evaluatorinnen und Evaluatoren sind hoch. Sie brauchen einen durch eigene Unterrichtserfahrung geschärften Blick, fundiertes Wissen über Merkmale einer guten Schule und eines guten Unterrichts und die Fähigkeit, vollkommen neutral und unvoreingenommen zu beobachten. Sie werden daher sorgfältig ausgewählt und von der Qualitätsagentur in einer gründlichen Schulung auf ihre Aufgabe vorbereitet. Wie stellen Sie anhand empirischer Daten fest, was Schüler können und was nicht? Die empirischen Daten beruhen auf sorgfältig vorbereiteten Tests. Man investiert eine Menge, um sicherzustellen, dass die Tests eine bestimmte Fähigkeit präzise und objektiv erfassen. Vergleichsarbeiten enthalten außerdem immer auch offene Aufgaben, die von den Schülern individuell beantwortet werden. Ein entscheidender Unterschied zu Schulaufgaben ist jedoch, dass Vergleichsarbeiten nicht benotet werden. Ganz provokativ gefragt: Lohnt sich der Aufwand einer Qualitätsagentur? Die deutlichen Fortschritte, die Deutschland in den letzten zehn Jahren bei internationalen Leistungsvergleichsstudien erzielt hat, beruhen zu einem erheblichen Teil auf Maßnahmen zur Qualitätssicherung, wie wir sie umsetzen. Diese Maßnahmen haben z. B. dazu beigetragen, dass der Anteil an leistungsschwachen Schülerinnen und Schülern entscheidend reduziert werden konnte. Müssen wir unser bayerisches Schulwesen verändern oder nicht vielmehr auf Kontinuität setzen? Schließlich bewährt es sich schon lange - Bildungsvergleichsstudien zeigen dies immer wieder. Kontinuität und Veränderung sind für mich kein Widerspruch. Auch wenn, im Vergleich zu anderen Ländern, das bayerische System an vielen Stellen gute Erfolge vorweisen kann, so muss es sich weiterentwickeln. Stillstand bedeutet Abstieg, kontinuierliche und systematische Weiterentwicklung sichert Qualität. Sie sind jetzt seit einem Jahr Leiterin der Qualitätsagentur. Was ist in Ihren Augen die größte Herausforderung? Ich sehe es als meine größte Herausforderung, in Bayern ein vorbildliches - das beste - Qualitätssicherungssystem einzurichten. FOTO: Kultusministerium FOTOS: Kultusministerium/brainwaves klettern als Schulsport: kultusstaatssekretär Thomas kreuzer informierte sich im kletterzentrum Coburg des alpenvereins. In Zusammenarbeit mit dem deutschen alpenverein wurden hier 13 Lehrkräfte als Fachübungsleiter Sportklettern ausgebildet. 14 Schulen aus dem Raum Coburg - vertreten sind alle Schularten - bieten nun jede woche anderthalb Stunden klettern im Unterricht an. Mehr Informationen: www.isb.bayern.de Prof. dr. Ulrich Heimlich, Experte für Lernbehindertenpädagogik, und Prof. dr. Joachim kahlert, Fachmann für Grundschulpädagogik, trafen sich im münchner kultusministerium. beide sind mitglieder des wissenschaftlichen beirats "Inklusion". dieser erarbeitete für die interfraktionelle arbeitsgruppe des bayerischen Landtags Empfehlungen und Richtlinien für das bayerische Inklusionskonzept. "Die Kinder mit ihren unterschiedlichen Bedürfnissen sind der Reichtum der Schule" Bildungsexperte Ulrich Heimlich diskutiert mit seinem Kollegen Joachim Kahlert über die Herausforderungen und Chancen von Inklusion Herr Prof. Kahlert, Herr Prof. Heimlich, welche Herausforderungen kommen durch die Umsetzung der UN-Behindertenrechtskonvention auf die Schulen zu? eingestellt. Alle Schularten in Bayern sind darauf angewiesen, sonderpädagogische Fachkompetenz einzubeziehen. Ich meine damit explizit auch die Realschulen und die Gymnasien. Was bedeutet das für die Praxis? Kahlert: Wir haben an den Schulen seit vielen Jahren erhebliche Erfahrung im Umgang mit Heterogenität und sind bereits auf eine sehr differenzierte Schülerschaft eingestellt. Durch den Auftrag, Kinder mit besonderem Förderbedarf in die Regelschule aufzunehmen und dort Unterrichtsangebote zu machen, die für alle Kinder förderlich sind und möglichst in einem gemeinsamen Erfahrungsraum stattfinden, wird der Anspruch an die Lehrkräfte nun noch einmal sehr viel größer. Das betrifft z.B. Differenzierung im Unterricht oder Eingehen auf ganz konkrete Konstellationen der Lernsituation. Wenn wir ernst nehmen, dass jedes Kind anders ist, dann gilt dies erst recht für Lerngruppen. Heimlich: Diese heterogene Situation können wir nur bewältigen im Zusammenspiel der verschiedenen pädagogischen Fachkompetenzen. Die größte Herausforderung der nächsten Zeit wird sein, gemeinsam die Qualität der sonderpädagogischen Förderung, die wir in den Förderschulen erreicht haben, in die allgemeine Schule mitzunehmen. Wir sind gerade jetzt auf eine hohe sonderpädagogische Fachkompetenz angewiesen - diese ist absolut unverzichtbar. Als Sonderpädagogen haben wir uns konsequent auf das einzelne Kind mit seinen Bedürfnissen und Fähigkeiten Heimlich: Um dies zu leisten, benötigen wir bei den Sonderpädagoginnen und Sonderpädagogen die Bereitschaft, ihre Kompetenz in die allgemeine Schule hineinzubringen. In allen Schulen ist der Blick auf das einzelne Kind wichtig. Sonderpädagogen können in dieser Hinsicht gewissermaßen als Botschafter der Individualisierung agieren. Es gibt zahlreiche Lehrkräfte, die im Mobilen Sonderpädagogischen Dienst erfahren sind, die seit Jahren außerhalb der Förderschule eingesetzt sind und dabei ihre fachlichen Kompetenzen noch weiterentwickelt haben. Wird Inklusion also eine völlig neue Haltung der Lehrkräfte fordern? Kahlert: Ich möchte zunächst einmal die Lehrerschaft verteidigen und für Verständnis plädieren. Wenn es noch eine gewisse Zurückhaltung gibt, dann hat das in erster Linie mit dem großen pädagogischen Verantwortungsbewusstsein unserer Lehrkräfte zu tun. Diese nehmen ihren Auftrag für ihre Schüler sehr ernst. Wenn jetzt eine zusätzliche Herausforderung auf sie zukommt, dann ist es durchaus nachvollzieh- FOTO: Kultusministerium

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bezeichnet man Grundschullehrkräfte, die mit einem Teil ihres Stundenkontingents an ein Gymnasium oder eine Realschule abgeordnet sind. Insbesondere in der Jahrgangsstufe 5 unterrichten sie einzelne Fächer oder sie halten Förderunterricht und Intensivierungsstunden, um Schülerinnen und Schülern den Übergang auf das Gymnasium oder die Realschule zu erleichtern. Die Lotsen sollen auch den Erfahrungsaustausch zwischen den Lehrkräften von Grundschule und Gymnasium oder Realschule verbessern. Jede Lotsin oder jeder Lotse bietet jede Woche eine Sprechstunde für Schüler, Eltern oder Lehrer an. Die Lotsen können auch bei den Übertrittsveranstaltungen in Jahrgangsstufe 3 mitwirken. Mittelschule mit Realschule Bereits seit Anfang 2009 eröffnen Kooperationsmodelle zwischen Mittelschulen und Realschulen neue Chancen. Das Kooperationskonzept des Kultusministeriums soll helfen, die Durchlässigkeit zwischen den Schularten zu erhöhen. Alle Angebote werden von beiden Partnerschulen gemeinsam und eigenverantwortlich gestaltet. Das Modell lässt den Schulen dabei viele Gestaltungsspielräume, je nach konkreter Situation vor Ort. Dazu können gemeinsame Förderangebote und Übungen in den Kernfächern Deutsch, Mathematik und Englisch dienen. Realschüler, die als Externe den qualifizierenden Hauptschulabschluss ablegen wollen, werden durch die Lehrkräfte der Mittelschule systematisch darauf vorbereitet. Hochwertige Schulangebote sollen wohnortnah ausgebaut werden - der mittlere Schulabschluss soll für mehr Schüler erreichbar sein. Die FOS 13 bietet dann eine gut genutzte AnschlussMöglichkeit, sogar die Hochschulreife zu erlangen. Die Mittelschulen und die Realschulen bleiben auch bei Kooperationen eigenständige Schularten. Die Partnerschulen haben ein breites Spektrum von Angeboten organisiert, besonders im Bereich der offenen Ganztagsschule sowie in gemeinsamen Arbeitsgemeinschaften zu Theater, Sport und Musik. Bei den 20 Kooperationen dieser Art in Bayern variieren Art und Anzahl der gemeinsamen Angebote. Sowohl die Breite, als auch die Tiefe der Zusammenarbeit zwischen Mittelschule und Realschule unterscheidet sich. Dadurch können Erfahrungen über die Auswirkungen auf die Schulen und die Schüler gesammelt werden. Mittelschule mit Wirtschaftsschule Das Kultusministerium erprobt seit dem Schuljahr 2010/11 die Kooperation der Mittelschule mit der dreijährigen Form der Wirtschaftsschule. Beide Schularten bleiben bei den insgesamt zwölf Kooperationen in Bayern eigenständig. Die Kooperation Mittelschule-Wirtschaftsschule soll die Durchlässigkeit zwischen beiden Schularten stärken und die Zahl der mittleren Schulabschlüsse erhöhen. Vorrangiges Ziel ist, die individuellen Chancen der Jugendlichen auf dem Ausbildungsstellenmarkt zu verbessern. Dies kann durch die berufliche Kompetenz der Lehrkräfte an Wirtschaftsschulen besonders effizient gelingen. Besonders Mittelschüler, die im Mittlere-Reife-Zug unterrichtet werden und einen Ausbildungsberuf im Bereich Wirtschaft und Verwaltung anstreben, können durch die Kooperation gezielt, begabungsgerecht und profilorientiert gefördert werden. Der Schulversuch bietet Schülern im Gebäude der Mittelschule ab Jahrgangsstufe 8 ein dreijähriges geschlossenes Angebot. Er vermittelt einen mittleren Schulabschluss (Wirtschaftsschulabschluss). Ferner können interessierte Mittelschüler an profilbildenden Unterrichtsangeboten der Wirtschaftsschule teilnehmen und ein Zertifikat erwerben. Der allgemein bildende Unterricht an der Wirtschaftsschule wird grundsätzlich von Lehrkräften der Mittelschule abgedeckt, während Lehrkräfte der beruf lichen Schule die wirtschaftskundlichen Fächer unterrichten. Zum Ende des Schuljahres 2012/13 wird der Schulversuch ausgewertet und über das weitere Vorgehen entschieden. Mittelschule mit Berufsschule Für die Schüler der Mittelschule wird der Übergang an eine Berufsschule erleichtert, indem sie bereits frühzeitig Einblick in den Schulalltag der Berufsschule erhalten. Sie profitieren von der Zusammenarbeit mit der Berufsschule, so beispielsweise bei der Arbeit in gemeinsamen Projekten oder bei Berufsinformationsveranstaltungen, an denen Berufsschüler, Berufsschullehrer und Lehrkräfte der Mittelschule Informationen über verschiedene Berufe an die Schüler weitergeben. Die Zusammenarbeit mit der Berufsschule wird bayernweit in einem Schulversuch erprobt: Die Berufsorientierungsklasse (B-Klasse) - eine Mittelschulklasse, die von freiwilligen Wiederholern der 9. Jahrgangsstufe besucht wird - und eine Klasse zur Berufsvorbereitung der Berufsschule arbeiten eng zusammen. Beide Klassen sind räumlich an der Berufsschule angesiedelt und werden von Lehrkräften der Mittelschule und der Berufsschule unterrichtet. Die Schüler erhalten so eine zweite Chance, einen Schulabschluss zu erwerben, und gewinnen gleichzeitig Eindrücke aus der Berufs- und Arbeitswelt. Auch die Berufsschüler profitieren im Rahmen der Kooperation von der Kompetenz der Lehrkräfte der Mittelschule insbesondere im allgemeinbildenden Bereich und haben eine weitere Chance, einen Schulabschluss zu erwerben. Realschule mit Fachoberschule Das Kultusministerium erprobt seit dem Schuljahr 2010/11 auch eine Kooperation zwischen der Realschule und der Fachoberschule. Die engere Zusammenarbeit soll dazu führen, dass mehr besonders gut qualifizierte und voraussichtlich für ein Hochschulstudium geeignete Realschulabsolventen für den Übertritt an die Fachoberschule motiviert werden. Eine Reihe von Maßnahmen soll den schulartübergreifenden Austausch der Lehrkräfte über Fragen der Methodik und Didaktik des Unterrichtens fördern. Dazu dienen zum Beispiel gemeinsame Fachschaftssitzungen, Fortbildungen und gegenseitige Unterrichtshospitationen der Lehrkräfte. Außerdem werden in den Jahrgangsstufen 9 und 10 zusätzliche Brückenangebote eingerichtet, die sogenannten "Kombikurse". Sowohl Lehrkräfte der Realschule als auch Lehrkräfte der Fachoberschule unterrichten diese Kurse. Sie dienen in erster Linie der Orientierung gut qualifizierter Schüler hinsichtlich der Fortsetzung ihres Bildungsweges an der Fachoberschule. Zudem werden sowohl an der Realschule als auch an der Fachoberschule Maßnahmen der Begabtenförderung erprobt, die insbesondere eine Stärkung des naturwissenschaftlich-technischen und sprachlichen Bereichs vorsehen. Einführungsklasse am Gymnasium Schon seit längerem gibt es die Einführungsklasse in Jahrgangsstufe 10 des Gymnasiums. Sie bereitet geeignete Schülerinnen und Schüler nach erfolgreichem Abschluss der Real-, Wirtschafts- und Mittelschule (Mittlerer Schulabschluss) auf die Qualifikationsphase der gymnasialen Oberstufe in den Jahrgangsstufen 11 und 12 vor. 16 04 DAS KIND IM ZENTRUM Wie individuelle Förderung in Bayern schulartübergreifend weiter erprobt wird Das bayerische Bildungssystem soll es allen Schülern erlauben, ihr Potenzial voll auszuschöpfen. Durch individuelle Förderung kann jeder die beste Leistung nach seinen Fähigkeiten und nach seinen Neigungen bringen. Es ist dabei eine Frage der Bildungsgerechtigkeit, dass das Bildungssystem in Bayern nicht statisch ist. Die Entscheidung für eine Schulart legt die Bildungskarriere eines Schülers nicht für alle Zeit fest - Schularten sind untereinander durchlässig. Über 42 Prozent der Studienberechtigungen werden in Bayern mittlerweile außerhalb des Gymnasiums erworben. Um die Übergänge von einer Schulart zur anderen zu erleichtern, gibt es bereits eine Vielzahl von Kooperationen als Modellversuch. Die LEHRERINFO stellt diese Kooperationen zwischen den verschiedenen Schularten vor. Grundschule mit Realschule, Mittelschule und Gymnasium Für ehemalige Grundschüler bedeutet der Besuch der Jahrgangsstufe 5 einen neuen fachlichen Anspruch. Der schulische Alltag und der Unterricht selbst haben neue Strukturen. Eine wichtige Rolle spielt dabei das Fach Englisch. Die spielerische erste Begegnung mit der neuen Sprache in der Grundschule wird abgelöst durch einen eher fachorientierten Unterricht. Für den Übergang von der Grundschule wurden die sogenannten "Kleeblätter" gegründet. Dabei arbeiten je eine Lehrkraft von Grundschule, Mittelschule, Realschule und Gymnasium zusammen. Die Lehrer tauschen sich über Methodik und Didaktik des Fremdsprachenunterrichts an ihrer Schulart aus. Dafür finden gegenseitige Unterrichtshospitationen statt, die fachdidaktisch nachbesprochen werden. Lehrkräfte sollen angeregt werden, ebenfalls am Fremdsprachenunterricht der anderen Schularten teilzunehmen, um sich als Lehrkräfte zu vernetzen. Durch gemeinsame Fortbildungen und Informationsveranstaltungen sollen die Erfahrungen an Lehrkräfte anderer Schulen weitergegeben werden. Grundschule mit Gymnasium und Realschule Sowohl beim Wechsel von der Grundschule zur Realschule als auch bei dem Wechsel zum Gymnasium werden in Bayern sogenannte "Lotsen" eingesetzt. Als Lotsen FOTO: brainwaves FOTO: brainwaves bar, dass sich der einzelne zunächst erst einmal sehr intensiv fragt, ob er dem gewachsen ist. Man kann nicht einfach in einer "Hurra-Pädagogik" von den Lehrkräften verlangen, dass sie sofort alles umstellen. Andererseits brauchen wir so etwas wie einen inklusionspädagogischen Pioniergeist. Wie unterstützen wir diese Haltung bei den Lehrkräften? die allgemeinen Schulen Zumutungen. Wenn man aber bei Abwägungen aller fachlichen Argumente feststellt, dass das Kind davon profitiert, in einer allgemeinen Schule zu sein, dann muss es diese Möglichkeit auch geben. Welche Chance stellt Inklusion für unsere Schullandschaft dar? Kahlert: Ich kann nur sagen: Dieser Pioniergeist ist da, er wird von den Lehrkräften bereits gepflegt und weiterentwickelt. Das haben wir erfahren an den Schulen, die wir im Zuge unserer Beiratstätigkeit bereits besucht haben. Wir müssen den Beteiligten aber auch die Sicherheit bieten: Wenn ich ein fachlich-pädagogisches Problem im Sinne der besonderen Förderung habe, dann bekomme ich die Beratung und die Unterstützung, die ich brauche. Ich weiß, wo der sonderpädagogische Ansprechpartner ist, an den ich mich ständig und umstandslos wenden kann - und zwar nicht erst, indem ich zahlreiche Telefonate erledigen muss, ehe ich herausfinde, wen ich fragen könnte. Inwiefern wird es auch in der Sonderpädagogik noch zu Weiterentwicklungen kommen müssen? Heimlich: Wir werden miteinander ein erweitertes Bildungsverständnis entwickeln. Es geht nicht nur um kognitive oder sprachliche, sondern auch um emotionale und soziale Kompetenzen. Schüler aus allen Schularten können hier durch den Umgang mit Kindern mit sonderpädagogischem Förderbedarf in vielerlei Hinsicht lernen. Wenn sich z.B. ein Gymnasiast, der Tutor für einen Schüler im sonderpädagogischen Schwerpunkt geistige Entwicklung ist, darüber freut, dass der andere Schüler die Aufgabe, an der er so lange schon gesessen hat, jetzt gelöst hat - dann ist das Ausdruck eines gemeinsamen Lernprozesses. Insofern wird die Inklusion in unseren Schulen in Bayern zu einem neuen Bildungsverständnis beitragen. Kahlert: Ich stimme da völlig mit Herrn Heimlich überein: Wenn wir Bildung definieren als Möglichkeit eines Menschen, seinen Lebensweg zu finden ohne dabei die Entwicklungsmöglichkeiten anderer zu sehr einzuschränken, dann dürfen wir uns nicht beschränken auf das, was man in Tests messen kann. Das ist eine fatale Reduktion des Bildungsbegriffes. Nein, es gehören auch elementare zwischenmenschliche Erfahrungen dazu. Diese zu machen, ermöglicht besonders der inklusive Schulalltag. Heimlich: Und das ist nur die eine Seite der Schüler ohne Förderbedarf. Umgekehrt habe ich bei Schulbesuchen auch gelernt, wie Schüler mit Förderbedarf in der Regelschule mit neuen Aufgaben konfrontiert sind. Z.B. lernen sie zu akzeptieren, dass sie im Vergleich zu anderen in bestimmten Bereichen weniger können. Das Interessante dabei ist, dass sie sich aber trotzdem in dieser Situation angenommen und wohlfühlen. Wir haben Schüler gesehen, die ihren Lernprozess ausgewertet haben. Dabei war es völlig selbstverständlich, dass ein Schüler kaum in der Lage war, seinen Text selbständig vorzulesen, der andere hingegen selbst einen Text entworfen und vorgetragen hat. Eine riesige Leistungsspanne ohne Kommentar unter diesen Schülern, ohne jegliche Abwertung. Dies ist bei heterogenen Klassen oder Lerngruppen, wenn es gut eingeführt ist, kein Thema. Brauchen nicht Lehrkräfte, vor allem aus den allgemeinen Schulen, Unterstützung beim Umsetzen von Inklusion? Heimlich: Mit Artikel 30b des neuen BayEUG kommt auch für das Berufsprofil der Sonderpädagogen eine ganz neue Aufgabe hinzu: Sie können in Zukunft mit der gesamten Stundenzahl ihres Stundenkontingents in der allgemeinen Schule eingesetzt werden. Sie sind ein festes und ständiges Mitglied des Kollegiums der allgemeinen Schule. In der inklusiven Schule wird Priorität sein, dass die sonderpädagogischen Förderelemente in den gemeinsamen Unterricht einfließen. Bei unseren Unterrichtsbesuchen haben wir in zahlreichen Momenten erlebt, dass das gelingt. Wir haben dafür das Wort "inklusive Momente" geprägt. Ein besonderes Anliegen ist mir, deutlich zu machen: Sonderpädagogische Förderung in der inklusiven Schule ist nicht das, was stattfindet, wenn wir ein Kind aus der Klasse herausnehmen, in einem separaten Raum fördern und dann wieder zurück in den Klassenverband geben. Das kann im Einzelfall auch möglich sein und man sollte pragmatisch damit umgehen, wenn es im Sinne des Kindes notwendig ist. Aber der Schwerpunkt liegt beim gemeinsamen Lernen im inklusiven Unterricht. Ist der geschützte Raum der Förderschulen dann überhaupt noch nötig? Kahlert: Im Einzelfall und im Interesse der Fördermöglichkeiten des Kindes kann es durchaus besser sein, zunächst auf die soziale Teilhabe im Sinne eines Dabeiseins in einer allgemeinen Schule zu verzichten und dem Kind die Förderung in einem dafür hoch spezialisierten Rahmen anzubieten. Auch das ist ein bildungspolitisch verantwortungsvoller Umgang mit dem Inklusionsgedanken. Inklusion kann nicht heißen, dass man in einem gegebenen Zeitraum alle in eine Institution zusammenfasst und hofft, der gerechten Teilhabe damit automatisch nahe zu kommen. Was will der bayerische Weg der Inklusion dann? Kahlert: Das Ziel von Inklusion ist, auf einen längeren Zeitraum hin für das Kind die richtige Voraussetzung zu schaffen, damit es in Gegenwart und Zukunft seine Teilhabe am Zusammenleben so selbstbestimmt wie möglich mitgestalten kann. Die Ethik, die hinter den differenzierten Angeboten des bayerischen Inklusionskonzepts steht, zeugt von einer dem Schüler zugewandten Haltung. Wir wollen uns aber auch nicht auf einen für manche bequemeren Weg zurückziehen. Die Inklusion enthält zu Beginn gerade für Heimlich: Es ist richtig, einige Schulen vorangehen zu lassen und das Profil Inklusion zu entwickeln. Es ist eine Riesenaufgabe, die da vor uns liegt, das sollten wir uns ganz deutlich machen. Da sind sicherlich Fort- und Weiterbildungen, aber auch Beratungsangebote gefragt. Unterstützung fängt aber bereits da an, wo wir Zusammenarbeit ermöglichen und erleichtern. Das ist auch eine Aufgabe für die Wissenschaft und zwar in zwei Richtungen: Die eine ist, dass wir uns Gedanken machen über den Bereich der Lehrerbildung. Ziel ist dabei, bezogen auf die kommenden Generationen dafür zu sorgen, dass Lehrkräfte aller Lehrämter Grundkenntnisse in der Inklusion von Anfang an haben. Die andere Aufgabe ist die wissenschaftliche Begleitforschung in den beteiligten Schulen. Denn eines haben wir noch nicht: Fertige Konzepte, auf die wir zurückgreifen und die wir dann einsetzen können. Hier müssen wir noch mit den Lehrkräften in den inklusiven Schulen neue Konzepte entwickeln. Ich würde mich freuen, wenn auch viele Kolleginnen und Kollegen das als eine aufregende neue Aufgabe sehen.

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SCHULE & MEHR Aus dem vielfältigen Angebot an Veranstaltungen hat die LEHRERINFO eine Auswahl zusammengestellt. Messen für Schüler jeder Jahrgangsstufe, für Abiturienten und für Lehrkräfte "Entdecke die Zukunft!" Kultusministerium präsentiert MINT auf FORSCHA 2011 Wettbewerb "Fürs Leben lehren" Ideenwettbewerb für Referendare aller Schularten Handyverträge, Internet, Werbung in jeglicher Form - in ihrem direkten Lebensumfeld werden Jugendliche verstärkt als Konsumenten angesprochen. Der Verbraucherkompetenz kommt daher eine zunehmend große Bedeutung zu. Im Rahmen der Initiative "Verbraucherbildung - Konsumkompetenz stärken" schreibt das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz den Ideenwettbewerb "Fürs Leben lehren" aus, der sich unter anderem auch an Referendare aller Fächer und Schularten richtet. Ausgezeichnet werden praxisnahe Unterrichtskonzepte zur Vermittlung von Verbraucherkompetenz in verschiedenen Themenbereichen: Geld und Versicherung, Medienkompetenz, Verbraucherrechte und Kaufentscheidungen. Einsendeschluss ist der 15. Januar 2012. Die Mitmach- und Bildungsmesse FORSCHA 2011 nimmt Kinder und Jugendliche mit auf eine interaktive Entdeckungsreise in die Welt der Naturwissenschaften und der Technik. Vom 4. bis 6. November 2011 lädt sie alle neugierigen Kinder und Jugendlichen ins M,O,C, München ein. Das bayerische Kultusministerium präsentiert im Rahmen der Zukunftsinitiative "Aufbruch Bayern" seine MINT-Aktivitäten auf einem Messestand (Stand Nr. 2.26.). Kultusminister Dr. Ludwig Spaenle ist Schirmherr der Messe. Die FORSCHA ist als Mitmach-Messe gestaltet: Labore mit Experimenten, Werkstätten mit Workshops und fesselnde Vorträge vermitteln in anschaulicher Art komplexe Zusammenhänge. Wettbewerbe, Ratespiele und ein Quiz vertiefen das Wissen. Lehrkräfte aller Schularten können in Fortbildungsveranstaltungen ihr fachliches und didaktisches Wissen vertiefen und sich Anregungen für handlungsorientierten Unterricht holen. "Gipfel für Bildungsfragen in Hannover " DIDACTA - Die Bildungsmesse 2012 www.verbraucherkompetenz.de www.forscha.de Die "didacta" ist eine der größten Fachmessen der Bildungssparte in Europa. Jährlich präsentiert sie aktuelle Entwicklungen und gibt Aussichten in die Zukunft des Bildungsmarktes. Vom 14. bis 18. Februar 2012 wird sie in Hannover Treffpunkt für Fachleute aus dem Bildungsbereich sein. Für bayerische Lehrkräfte ist der Weg zugegebenermaßen weit - doch er lohnt sich: Eine enorme Dichte an Ausstellern präsentiert sich hier dem Fachpublikum - angefangen bei Lehr- und Lernmitteln, Verlagserzeugnissen, Multimediaprodukten bis hin zu den Verbänden aus dem Bildungsbereich. Daneben lädt ein Rahmenprogramm mit Vorträgen, Workshops und Diskussionsrunden zu aktuellen Fragen der Bildungspolitik, Didaktik oder Pädagogik Lehrkräfte zum Wissensaustausch ein. Medien Informieren - Einarbeiten - Umsetzen "Die Schule präsentieren" Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für Lehrkräfte im Funkhaus München www.didacta-hannover.de Material "Alte Drucke ganz neu" Bedeutende Handschriften für den Unterricht digital veröffentlicht Die Website der Schule interessant gestalten, die Lokalpresse auf eine Schulveranstaltung aufmerksam machen: Schulleiter und Lehrkräfte, die ein paar journalistische Grundregeln und die Bedürfnisse der Medien kennen, tun sich hierbei leichter. Am 1. Februar 2012 findet zu diesem Thema eine Fortbildung des Bayerischen Rundfunks im Funkhaus München statt. Teilnehmer bekommen Tipps für das Verfassen von Pressemitteilungen, für gelungene Gespräche mit Journalisten und für einen zeitgemäßen Internetauftritt - Informationen, die auch für die Medienerziehung interessant sein können. "Blattmacher gesucht!" Schülerzeitungswettbewerb der Länder FOTOS: Bayerische Staatsbibliothek/brainwaves www.br.de/brmachtschule.de > Fortbildungen "Die Printmedien FAZ, SZ, Times & Co" Eine Einführung in die Zeitungsrecherche an der Bayerischen Staatsbibliothek Fast 1.000 Schülerzeitungen gibt es in Bayern - dabei sind alle Schularten vertreten. Ihre Macher sind eingeladen, am großen Schülerzeitungswettbewerb teilzunehmen und die beste Ausgabe des Schuljahres zu präsentieren. Der Bewerbungsschluss für "Blattmacher" ist auf Landesebene am 31. Mai 2011. Aus den Ausgaben der Landesebene wählt die Landesbeauftragte diejenigen aus, die zur Bewertung an die Bundesjury geschickt werden und sich im anschließenden "Schülerzeitungswettbewerb der Länder" mit den Schülerzeitungsredaktionen aus der ganzen Bundesrepublik messen. Die Projektleitung liegt dieses Jahr beim bayerischen Kultusministerium. Die digitale Erschließung der historischen Bestände der Bayerischen Staatsbibliothek ist eine Chance für Lehrende und Lernende: Die Bayerische Staatsbibliothek bietet auf ihrer Homepage als Angebot eine Auswahl von bedeutenden Handschriften und alten Drucken, die für die Unterrichtspraxis relevant sind und im dokumentarischen Unterricht der verschiedenen Schularten und Schulfächer eingesetzt werden können. Die digitalisierten Texte sind mit kurzen, bebilderten Beschreibungen versehen und über eine übersichtliche Internetseite praktisch zu benutzen. Eine sowohl alphabetische als auch nach Schulfächern geordnete Darstellung erleichtert die Arbeit. In einer thematischen Übersicht sind die Einzeltexte mit Info-Material verknüpft. Es erläutert die entsprechende Thematik wie z.B. die Literatur des Mittelalters genauer. Nicht nur wichtig für W-Seminare: In Zeitungen recherchieren ist eine wichtige Kompetenz - die jedoch oft an den Rahmenbedingungen scheitert: Wohin sich wenden? Welche Archive nutzen? Die Bayerische Staatsbibliothek in München versucht mit einer Veranstaltung eine Hilfestellung zu geben: Am 3. November 2012 von 15.00 - 16.00 Uhr findet hier eine Schulung zur Zeitungsrecherche statt. www.km.bayern.de/wettbewerbe www.bsb-muenchen.de > Benutzung und Service > Lehrmaterialien "Faszination für ferne Länder wecken" Die etwas anderen Reiseführer auch für Klassenfahrten und den Unterricht www.bsb-muenchen.de > Schulungen und Führungen > Schulungskalenders Keine Reiseführer im klassischen Sinn: Die SympathieReiseführer sind kleine handliche Hefte, erschienen für 56 Länder. Die Hefte stellen vor allem die Menschen und ihre Kultur in den Mittelpunkt. Sie versuchen Verständnis und Sympathie für die jeweiligen Reiseländer und deren Bevölkerung zu wecken - ohne problematische oder kritische Aspekte zu verschweigen. Neben den verschiedenen Ländermagazinen umfasst die Reihe Hefte zu den Weltreligionen und zu gesellschaftspolitischen Themen. Die Magazine kann man bestellen. www.sympathiemagazin.de FOTOS: Kultusministerium/brainwaves MAGERSUCHt und BULIMIE Wie können wir unseren Schülern helfen? Die Zahl der jungen Menschen mit Essstörungen nimmt zu - sie werden immer jünger und auch die Zahl der betroffenen Jungen wächst. Damit wird auch die Schulgemeinschaft häufiger mit der Frage konfrontiert, wie sie mit den Betroffenen umgehen soll. Die Schule hat für diese Jugendlichen in verschiedener Hinsicht große Bedeutung: Sie ist der Ort, an dem sie sich täglich auf halten - sie macht einen bedeutenden Teil ihres sozialen Umfeldes aus. Hier können sie sich und ihren Ehrgeiz beweisen. Zugleich ist die Schule der Ort, der große pädagogische Verantwortung trägt. Für Lehrkräfte und Schulleitung stellen sich beim Umgang mit den Betroffenen viele Fragen. Oft kommt es sogar zu Streit um den "richtigen" Umgang. Denn diese Schüler sind meist keine Problemschüler. Ihre schulischen Leistungen liegen vorwiegend im oberen Bereich, ihr Verhalten ist normalerweise äußerst angepasst: Sie sind leistungsbereit, stören nicht und suchen intensiv den Kontakt zum Lehrer. Sie heben sich so in dessen Augen positiv von ihren Mitschülern ab, ihre zunehmende Isolation weckt das Bedürfnis, den Schülern durch Zuwendung zu helfen. Wichtig wäre aber die rasche professionelle Hilfe durch Psychologen und Ärzte. Sie ist - wie bei jeder Sucht und psychischen Erkrankung - entscheidend für schnelle und vollständige Heilung. Handlungsmöglichkeiten der Schule Umgang mit den Betroffenen Entscheidend ist: Lehrer dürfen nicht wegschauen! Es geht für sie darum, Hilfe und Gesprächsbereitschaft anzubieten - als Zeichen der Unterstützung mit dem Ziel, die Betroffenen dazu zu bewegen, für sich selbst Verantwortung zu übernehmen und professionelle Hilfe zu suchen. Diese Gespräche mit den Betroffenen sollten offen geführt werden: Ich-Botschaften, wertfreie Beschreibungen und aktives Zuhören tragen dazu bei. Ein guter Gesprächseinstieg könnte z.B. lauten: "Ich habe den Eindruck, dass...". Kontraproduktiv ist es, Diagnosen zu stellen: Sie können leicht geleugnet werden, zudem gehören sie in die Hand von Fachleuten. Abhängig von der Reaktion der Betroffenen auf das Gespräch eröffnen sich drei Wege: 1. Wird das Problem zugegeben, geht es um die Unterstützung bei der Suche nach Hilfe. anzeichen von Essstörungen Sozialverhalten gegenüber Mitschülern und Lehrern o Abkehr von der Klasse in Unterricht und in den Pausen, zunehmende Isolation o Suche nach Nähe zum Lehrer: Platz in der ersten Reihe; leise Unterrichtsbeiträge, wie in einem persönlichen Gespräch. Kontinuierliche Kontaktsuche auch außerhalb des Unterrichts o Briefe an Lehrer mit Hilferufen o Sehr höfliches Verhalten, aber auch emotionale Ausbrüche o Taktische und strategische Abwehr gegen die Vermittlung an eine Beratungsstelle oder einen Arzt FOTOS: brainwaves Emotionale Reaktionen und körperlicher Zustand o Zunehmende Infektanfälligkeit o Sichtbarer körperlicher Abbau: Z.B. stumpfe Haare, spröde Haut, eingefallene Wangen im Mundbereich, unverhältnismäßig groß scheinende Augen. Bei Bulimie Verätzungen im Mundbereich und an den Händen sowie "Hamsterbacken" durch Schwellung der Speicheldrüsen o Erschöpfung bis hin zu Schwindel und Kollaps o Hysterische Ausbrüche o Suizidgedanken o Steigende Fehlzeiten, selektiver Unterrichtsbesuch bei Lieblingsfächern und -lehrern Essverhalten o Kalorienobsession o Keine Teilnahme am gemeinsamen Essen bei Schulfesten oder -fahrten o Auffällig hoher Wasserkonsum Leistungsbereich o Ausgeprägter Fleiß, Perfektionismus und Ehrgeiz o Mit Verlauf der Erkrankung (deutlich) nachlassende Leistungen o Vermeiden von Schulsport, denn Sportlehrer könnten den Gewichtsverlust feststellen; eventuell aber privat intensives Sportprogramm zur Gewichtskontrolle

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KURZ & GUT imprESSum LEHRERINFO Ausgabe 02.2011 Kultusministerium baut bundesweite Stellenbörse im Internet auf Das bayerische Kultusministerium baut eine Stellenbörse im Internet bundesweit auf. Erstmals können externe Arbeitgeber aus ganz Deutschland, also z.B. Schulträger in anderen Bundesländern, Firmen aus dem Bildungssektor oder Hochschulen, ihre Stellenangebote für Lehrerinnen und Lehrer auf der Homepage des Staatsministeriums für Unterricht und Kultus präsentieren. Das Kultusministerium bietet zudem eine Stellenbörse, in der Lehrkräfte ihre Stellengesuche (beispielsweise für staatliche Beruf liche Schulen oder als Vertretungskräfte an verschiedene Schularten) selbst eintragen können. Diese können dann von den Schulträgern und -leitungen in ganz Bayern abgerufen werden. Herausgeber Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus Salvatorstr. 2 80333 München Tel: 089/2186-2075 Fax: 089/2186-2802 Redaktion Uwe Barfknecht (verantw.) Erich Biebl Henning Gießen Dr. Eva Huller Julia Lindner Birger Nemitz Nicole Sacher Autorinnen & Autoren/Mitarbeit Dr. Ludwig Spaenle Tanja Götz Erich Weigl Konzeption & Gestaltung brainwaves GmbH & Co. KG www.brainwaves.de FOTOS: brainwaves Mehr Informationen: www.km.bayern.de/externe-stellen Als "Botschafter Bayerns" in die Welt Ob Brasilien, Bulgarien, China, Indien, Polen, Rumänien, Russland, Serbien, Slowakei, Südafrika, Tschechien oder Ungarn: Mit dem neuen Stipendienprogramm "Botschafter Bayerns" des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus wird ein Auslandsaufenthalt in diesen Partnerländern Bayerns möglich. Denn das Kultusministerium vergibt 15 Teilstipendien für das Schuljahr 2012/13 an bayerische Schülerinnen und Schüler im Alter zwischen 15 und 18 Jahren. Die Stipendiaten leben bei einer Gastfamilie und gehen im Gastland zur Schule. Für musikalisch begabte Schüler wird im Rahmen dieses Stipendienprogramms auch ein Musikprogramm in Ungarn angeboten und in gleicher Weise gefördert. Die Programm-Teilnehmer erlernen nicht nur die Sprache des Gastlandes, sondern erwerben auch interkulturelle und soziale Kompetenzen, die in einer zunehmend vernetzten Welt eine wesentliche Rolle spielen und die beruf lichen Möglichkeiten deutlich verbessern können. Interessierte Schülerinnen und Schüler können sich ab sofort bewerben. TITELFOTO brainwaves GmbH & Co. KG Druck & Versand Kastner & Callwey Medien GmbH Mehr Informationen: www.km.bayern.de/schueler-international LI Lehrerinfo ist auf PEFC zertifiziertem Papier gedruckt und entspricht damit den Vorgaben der PEFC Initiative Deutschland e.V. Die Zeitschrift beziehen Lehrerinnen und Lehrer im Freistaat Bayern kostenlos. Wegen der leichteren Lesbarkeit umfassen Bezeichnungen von Personengruppen in der Regel weibliche und männliche Personen. Kontakt LI@stmuk.bayern.de LEHRERINFO Keine Nachricht verpassen: Newsletter bestellen unter www.km.bayern.de/newsletter 2. Wird das Problem zugegeben, aber als nicht dringend angesehen, sollte kein Druck auf die Betroffenen ausgeübt, sondern behutsam weiter das Gespräch gesucht werden. 3. Wird das Problem abgestritten, sind die Mittel der Schule begrenzt: Es bleibt, deutlich die Besorgnis auszusprechen und auch spätere Gesprächsbereitschaft zu zeigen. Ändert sich die Haltung über längere Zeit nicht, muss bei Minderjährigen Kontakt mit den Eltern aufgenommen werden. Gespräch mit den Eltern Dem Elterngespräch muss unbedingt das Gespräch mit dem betroffenen Schüler vorausgegangen sein, um die Vertrauensbasis zu ihm nicht zu gefährden. Im Gespräch mit den Eltern kann nicht vorausgesetzt werden, dass sie die Essstörung oder ihre Tragweite wahrnehmen. Daher muss im Gespräch das beobachtete Verhalten im Vordergrund stehen, etwa die Isolation des Kindes, die Fehlzeiten, die fehlende Teilnahme am Sport- oder Schwimmunterricht oder auffälliges Verhalten in Bezug auf Essen. Dazu ist den Eltern der Besuch einer Beratungsstelle zu empfehlen. Es ist durchaus denkbar, dass die Eltern die Intervention ablehnen, vielleicht sogar erst nach Beginn einer stationären Therapie die Gefahr für ihr Kind erkennen. Gerade in diesen Fällen ist die pädagogische Verantwortung der Schule besonders gefordert. Die Sorge des Lehrers um sich selbst Für Lehrer besteht im Umgang mit von Essstörung betroffenen Schülern die große Gefahr der Selbstüberschätzung. Ihre Rolle kann aber nie die eines Therapeuten sein. Dies muss auch mit den betroffenen Schülern geklärt werden, die unter Umständen den Lehrer in diese Rolle drängen wollen. In den Gesprächen mit den Betroffenen muss daher deutlich werden, dass man als Lehrer professionelle Unterstützung für unabdingbar hält. Um persönlich Grenzen ziehen zu können, sollte der Umgang mit den Betroffenen von Selbstref lexion begleitet werden: o Bleiben die Gespräche über längere Zeit ohne sichtbare Wirkung, wird also z.B. das Aufsuchen professioneller Hilfe unter Vorwänden immer wieder aufgeschoben, während sich parallel die o.g. Symptome weiter verschlimmern? o Wird der Fall damit länger als vertretbar allein in der Schule behandelt und nicht an eine Beratungsstelle und an die Eltern übergeben? o Kommt es zur Sonderbehandlung des Betroffenen, die die anderen Mitschüler benachteiligt? Herrscht also z.B. Milde bei der Notengebung und Toleranz von Fehlzeiten? Wird die Aufmerksamkeit stark absorbiert, wird Kontakt auch außerhalb der Schule etwa durch E-Mails oder "Stalking" gesucht? Wenn dies der Fall sein sollte, muss der Umgang mit den Betroffenen verändert werden, denn dann werden die Erkrankten als Person ganz auf die Essstörung reduziert und bekommen eine für die Heilung nicht förderliche Form der Aufmerksamkeit. bleibt: Aus dem Wunsch zu helfen lässt sich der Co-Abhängige dabei so weit manipulieren, dass er dem Erkrankten seine Aufmerksamkeit über die Maßen zuwendet und dessen selbstzerstörendes Verhalten zu decken und seine Folgen auszugleichen versucht. Das "Handbuch der Suchtberatung" von Jörg Fengler stellt fest: Co-Abhängigkeit ist "Irrtum, Versäumnis und Verstrickung". Oft ist in der Schule zu beobachten: Betroffenen gelingt es, mehrere Kolleginnen und Kollegen, das Sekretariat und die Schulleitung mit ihrem Problem zu beschäftigen. Sie alle stehen dann vor der großen Gefahr, in Co-Abhängigkeit zu geraten. Dies hängt auch mit der professionellen Lehrerrolle zusammen, die normalerweise ein breites Maß an pädagogischem Verständnis und Hilfe einfordert. Eine für die Betroffenen erkennbare Sonderbehandlung ist im Fall von Essstörungen aber grundlegend falsch. Die Schulleitung hat in der Regel lange Zeit nicht direkt mit den Betroffenen zu tun - dennoch erfüllt sie dabei wichtige übergeordnete Aufgaben: Sie muss Co-Abhängigkeitsmuster unterbinden: Aus Fürsorge für den Erkrankten, aber auch für die Lehrkräfte, um Selbstüberforderung und Kompetenzstreitigkeiten im Kollegium zu verhindern. Wenn die Betroffenen professionelle Hilfe aufgesucht haben, sollte die Schulleitung sich zudem um den Kontakt mit den Therapeuten bemühen. Typische Zeichen für Co-abhängigkeit der Schule o Akzeptanz von hohen Fehlzeiten und selektivem Unterrichtsbesuch. Die sonst üblichen Maßnahmen wie z.B. Nach- und Ersatzprüfungen, Befreiungsregularien oder Attestpflicht werden aber nicht eingefordert. Dabei kann es aber bei Magersüchtigen, wenn die Krankheit schon weit fortgeschritten ist, vielmehr sogar notwendig sein, die Schulfähigkeit anzuzweifeln und diese durch ein ärztliches Attest bestätigen zu lassen; eventuell kann sogar bis zu dessen Vorlage der Schulbesuch nicht weiter gestattet werden. Zudem ist dies ein Mittel, Hilfe von außen miteinzubeziehen o Es kommt zur Sonderbehandlung wie Nachhol- und Einzelunterricht o Noten werden ohne feste Grundlage erteilt, da die Fehlzeiten dies eigentlich nicht erlauben o Betroffene werden trotz schwacher Leistungen unter Hinweis auf die Belastung durch die Erkrankung und (attribuierte) Intelligenz versetzt Mehr Informationen: www.cinderella-rat-bei-essstoerungen.de die Gefahr der Co-abhängigkeit der Schule "Ein großes Problem ist die Co-Abhängigkeit der Bezugspersonen", wie Diplom-Psychologin Stefanie Hildebrandt von der Beratungsstelle Cinderella in München berichtet. Co-Abhängigkeit bezeichnet allgemein Haltungen und Verhaltensweisen gegenüber einem Suchtkranken, die dazu beitragen, dass dieser in seiner Sucht verhaftet FOTO: brainwaves

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ZIRKUSSCHULE ODER BERGGIPFEL? Carmen Wakolbinger und Barbara Hirschbichler haben ihre Interessen mit ihrer Lehrtätigkeit kombiniert. Damit schaffen sie Motivation - für sich und für ihre Schüler. Die beiden Lehrerinnen erzählen aus ihrem untypischen Leben. Es kommt vor, dass der Schriftzug "Circusschule" auf dem Wagon neugierige Besucher anlockt. Wer jedoch seinen Kopf durch das Fenster steckt, landet in Carmen Wakolbingers Wohnung - nur ein Teil des Wagens ist Klassenzimmer, der andere der Privatbereich von Carmen Wakolbinger. Sie ist die Lehrerin der Circus-Krone-Schule und zugleich Schulleiterin und Hausmeisterin in einer Person. Wenn der Zirkus in einer neuen Stadt ankommt, ist ihre Aufgabe, den Schulwagon für den Unterricht herzurichten. Sie schließt dann den Wagen auch an Wasser und Strom an, damit die Schule am nächsten Morgen pünktlich beginnen kann. Gerade einmal fünf Kinder besuchen die Schule. Die Schülerinnen und Schüler sind im Alter von 5 bis 14 Jahren und jedes Kind kommt aus einem anderen Land. Frau Wakolbinger, wie kam es dazu, dass Sie im Zirkus angeheuert haben? Ich bin schon einmal eine Saison mit einem Zirkus in England umhergereist und habe dort die Grundausbildung für mein Studium der Theater- und Zirkuspädagogik gemacht. Ich war allerdings nicht Lehrerin, sondern habe überall mitgearbeitet, im Zeltauf bau, an der Kasse, bei den Abrechnungen - und in der Show. Mein Programmpunkt war der Schlappdraht - das ist wie Seiltanz, nur auf einem nicht fest gespannten Draht. Zirkuslehrerin zu sein, war das ein langgehegter Wunsch von Ihnen? Nein - die Entscheidung kam ganz spontan. Ich habe den Schritt bisher nicht bereut: Es ist wirklich spannend, mit den Kindern in ihren unterschiedlichen Altersstufen zu arbeiten und gleichzeitig mit ihnen hier zu wohnen. Ich habe einen viel intensiveren Kontakt als in einer regulären Schule. Hier laufen wir uns ständig über den Weg: In der Manege, in der Küche - manchmal jonglieren wir auch nachmittags ein bisschen miteinander. Gibt es auch eine Kehrseite der Medaille? Sicher ist nicht immer alles leicht: Man ist von daheim weg - und hat auch nicht wirklich Ferien. Abgesehen von den freien Sonntagen unterrichte ich durchgehend während der ganzen Saison. Wir haben zwar jede Woche einen Reisetag, aber es ist eben ein Reisetag. Da kommt die Regeneration immer wieder zu kurz. Mir fehlt auch manchmal das Lehrerzimmer. Ich halte konsequent Kontakt mit meinen Vorgängern und treffe mich mit den Bereichslehrern der einzelnen Städte. Der beratende Austausch würde sonst fehlen. Unterscheiden sich Zirkuskinder im Unterricht denn von anderen Kindern? Nicht wirklich. Jeder glaubt, die Kinder wären speziell, aber nein: Sie sind ganz normal. Es ist wie in jeder Schulklasse: Einer, der kommt gerne ein bisschen zu spät, einer ist sehr motiviert. Das einzige Besondere ist die absolute Heterogenität im Unterricht. Für die Kinder ist das sehr motivierend. Welche Ziele haben ihre Schüler sich für die Zukunft gesetzt? Das ist ganz unterschiedlich. Eines der Kinder ist bereits Artist und tritt im Programm mit auf. Es wird sicherlich eine Artistenkarriere anstreben. Wir haben aber auch viele Kinder, deren Eltern Arbeiter, Köche usw. sind. Diese Eltern streben für die Kinder meist einen Weg außerhalb an. Zirkusleben ist nicht zwangsläufig ein Traum für jedermann, vor allem, wenn er die Realität des harten Zirkuslebens kennt. Die Zirkusszene ist nicht groß und schrumpft immer mehr. Die Leute hier wissen sehr wohl: Für eine gute Zukunft ihrer Kinder braucht es eine gute Schulbildung. Wie findet diese Schulbildung an ihrer Zirkusschule konkret statt? Meine fünf Schüler kommen um 8:30 Uhr. Jeder bekommt dann kurz erklärt, was ich für ihn vorbereitet habe und was er zu tun hat. Danach ist selbstständiges Lernen angesagt. Nach der viertelstündigen Pause haben wir noch einmal eine Lernphase - und am Ende machen wir alle etwas gemeinsam: Wir spielen, zeichnen oder basteln etwas. In den Ferien haben die Schüler zwar weniger Stunden, diese dafür in zwei Altersgruppen getrennt und damit intensiver. 12 04 FOTOS: Kultusministerium/brainwaves Carmen wakolbinger (links) mit kultusminister dr. Ludwig Spaenle in ihrer Schule. Sie hat in Österreich Lehramt für Hauptschulen studiert und unterrichtet in ihrer Zirkusschule nach dem bayerischen Lehrplan.

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Extrembergsteigerin Barbara Hirschbichler aus Schönau am Königssee zählt seit vielen Jahren im Frauen-Alpinismus weltweit zur Spitze. Sie war die erste Deutsche, die den X. Schwierigkeitsgrad kletterte. Sie stand auf den Gipfeln des Cho Oyu (8.201m) und Gasherbrum II (8.035m). Vor elf Jahren hat die 52-jährige Pädagogin die Himalaya-Karakorum-Hilfe gegründet. Am Karlsgymnasium in Bad Reichenhall hat sie selbst ihr Abitur abgelegt. Jetzt unterrichtet sie dort Englisch und Geografie, von der 5. bis zur 12. Jahrgangsstufe. Frau Hirschbichler, wissen Ihre Schüler, dass Sie Bergsteigerin sind, sprechen sie darüber? Meine Schüler wissen viel über meinen Verein und meine Entwicklungshilfe-Tätigkeit im Rahmen der HimalayaKarakorum-Hilfe. Über meinen Sport und meine Freizeit rede ich relativ selten. Sie wissen natürlich, dass ich Bergsteigerin bin, aber was ich genau mache, das wissen die Wenigsten. In der Woche, in der Sie geboren wurden, verunglückte ihr Vater am Batura 1, einem 7.880 Meter hohen Berg im Karakorum. Als sie 33 Jahre alt waren, starb ihr Lebenspartner bei einer Watzmann-Winterdurchquerung. Drei Jahre darauf stürzte ihr Bruder in den Bergen ab und ist seitdem auf den Rollstuhl angewiesen. Haben Sie jemals daran gedacht, mit dem Bergsteigen aufzuhören? Seit ich gehen kann, bin ich in den Bergen unterwegs. Meine Mutter war eine begeisterte Bergsteigerin, mein Vater, den ich übrigens gar nicht kennengelernt habe, war ein außerordentlich guter Alpinist. Ich würde diese Erfahrungen nicht als Rückschläge bezeichnen. Todesfälle muss doch jeder irgendwann durchmachen. Es war natürlich schon sehr hart, als mein Lebenspartner und kurz darauf meine Mutter starben. Ich brauchte einige Zeit, um das zu überwinden, aber wahrscheinlich wird man ein bisschen stärker, wenn man so etwas durchgemacht hat. Vielleicht verschiebt sich auch die Relevanz der Dinge. Diese Frage - wie kann man da noch auf den Berg gehen - hat sich mir überhaupt nicht gestellt. Die Berge haben mir in dieser schwierigen Zeit geholfen - einfach durch das Erlebnis und die Freundschaften, die ich am Berg geschlossen habe. Es würde nicht das geringste ändern, wenn ich nicht mehr auf den Berg gehen würde, außer dass ich wahrscheinlich depressiv würde. Berge sind ein wichtiger Teil meines Lebens. Ich bin nicht nur Felskletterin, sondern Allround-Bergsteigerin. Das heißt, ich mache auch Eistouren und war eine Zeitlang beim Höhenbergsteigen, außerdem mache ich Ausdauersport wie Berglauf, Skitouren und Rennradfahren, wobei vor allem Letzteres zunehmend meine Leidenschaft ist. Ich habe jedenfalls alle diese Spielarten des Alpinismus immer parallel betrieben. Was war dabei Ihr größter Erfolg? Der höchste Berg oder ganz etwas anderes? Erfolge am Berg, die sind mir wirklich nicht besonders wichtig. Das ist alles so relativ. Der größte Erfolg für mich ist, dass ich über 30 Jahre Extrem-Bergsteigen unbeschadet überstanden habe. Und zwar physisch und psychisch unbeschadet, was nicht ganz selbstverständlich ist. Was ich auch als großen Erfolg betrachte: Ich habe immer neben meiner doch sehr intensiven sportlichen Tätigkeit einen Vollzeitjob gehabt. Ich habe meine Ausbildung durchgezogen und an der Schule gearbeitet. Lehrerin und Extrembergsteigerin - barbara Hirschbichler am berg. Sie unterrichtet am karlsgymnasium in bad Reichenhall Englisch und Geografie. Neben dem philosophischen Aspekt gibt es ganz praktische Fähigkeiten, die ein bergsteigender Lehrer vermitteln kann. Viele Schulen in Bayern kooperieren bereits mit dem Alpenverein. Der Alpenverein nutzt an unserer Schule die Kletterhalle. Die Klettergruppe des Karlsgymnasiums wird von einem jungen Kollegen geleitet. Ich finde prinzipiell jede Art von Sport für Jugendliche sinnvoll und wichtig. Man lernt Selbstdisziplin und Motivation, Kraft und Ausdauer werden trainiert. Das Selbstvertrauen wächst. Das alles sind positive Effekte von Klettern als Schulsport. Klettern ist auch keinesfalls ein gefährlicher Sport. Immer noch glauben die meisten, Freiklettern sei gleich solo klettern, irgendwie lässt sich dieser Irrtum nicht aus der Welt räumen. Solo klettern heißt ohne Seilsicherung klettern, das machen nur ganz wenige Leute. Frei klettern heißt, dass man zur Fortbewegung nur den Fels, nicht aber Haken und Karabiner verwendet, dabei aber natürlich gesichert FOTOS: Kultusministerium/brainwaves Können Sie die Erfahrung als Bergsteigerin an ihre Schüler weitergeben? Ich glaube ja, einfach durch meine Vorbildwirkung. Die Schüler sehen, es gibt vieles im Leben, was einen Menschen erfüllen kann. Die Arbeit ist nicht alles, aber Sport eben auch nicht. Idealerweise findet man ein Gleichgewicht zwischen beiden. Ich hoffe, dass ich dies vermitteln kann, wie auch die Tatsache, dass materielle Werte, die bei uns für so wichtig gehalten werden, für die Zufriedenheit im Leben nicht ausschlaggebend sind.

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ist. Die meisten unserer Jugendlichen klettern mittlerwei le in Kletterhallen. Und da wird die Sicherungstechnik von Anfang an vermittelt - gerade bei den Kooperationen der Schulen mit dem Alpenverein. Sie haben vor elf Jahren selbst einen Verein gegründet, die Himalaya-Karakorum-Hilfe. Warum hat Sie die Armut nicht kalt gelassen wie manch anderen Bergsteiger? Schon das erste Mal im Himalaya, das war 1998, war ich sehr beeindruckt von diesen Bergbewohnern. Sie haben mich demütig gemacht durch ihre Zufriedenheit und ihre Anspruchslosigkeit. Sie sind zufrieden - und unermesslich arm. Das ist für uns unvorstellbar. Ich war einmal ohne Bezüge vom Dienst freigestellt und habe eine lange Zeit im Himalaya und Karakorum verbracht und die Lebensbedingungen dort tatsächlich erlebt. Zum Teil ist es fast schon menschenunwürdig, diese hygienischen Bedingungen, diese Kälte und Nässe, keinerlei medizinische Versorgung. Wirklich so hart, dass ich es irgendwann fast nicht mehr aushalten konnte, und ich bin hart im Nehmen. Sie haben in Baltistan schon viele Projekte realisiert, am Anfang viele Wasserleitungen gebaut. Jetzt haben Sie ein Schulheim für Buben errichtet und sind gerade dabei, eines für Mädchen fertig zu stellen. In Nordost-Pakistan, in Baltistan, dürfen Buben und Mädchen aus kulturellen Gründen nicht in einem Haus zusammen leben. Die Mädchen haben keine Chance auf eine Ausbildung. Es gibt zwar inzwischen in den meisten Bergdörfern kleine Schulen, aber die Ausbildung dort ist entsetzlich schlecht. Die Lehrer, die in diese Dörfer geschickt werden, können fast nicht mehr als die Kinder. Wenn ein Kind eine bessere Ausbildung will, muss es in die größere Stadt Skardu. Der Schulweg ist zu weit, eine ganze Tagesreise. Die einzige Möglichkeit besteht in einem Wohnheim, in dem die Kinder wohnen können und verpf legt werden. Dann können sie in Skardu zur Schule gehen. Sie arbeiten mit den Huber-Brüdern Alexander und thomas zusammen, die in der Kletterszene als Huber-Buam sehr bekannt sind. Die Huber-Buam, Thomas und Alexander, unterstützen mich beide seit langem. Alexander ist sogar der zweite Vorsitzende meines Vereins. Mit den beiden Brüdern verbindet mich eine langjährige Freundschaft. Wir sind schon zusammen geklettert, als sie noch in der Schule waren und ich gerade zu studieren begann - also vor über 30 Jahren. Sie sammeln bei ihren Vorträgen Spenden oder halten Benefizvorträge. Gehören zu den Gründungsmitgliedern Ihres Vereins viele Lehrerkollegen? Ja, das waren alles meine Kollegen. Zum Teil sind sie gar nicht mehr an der Schule. Aber viele meiner jetzigen Kollegen unterstützen mich durch Schulpatenschaften oder durch Mitgliedschaften. Die Karakorum-Hilfe hat sich inzwischen etabliert. Über 40 Kinder an unserer Schule helfen regelmäßig mit, sammeln Spenden und planen Aktionen im Rahmen unseres Arbeitskreises Karakorum-Hilfe. Die organisieren etwa eine Sommertombola oder verkaufen Faschingskrapfen. Das ist eine wunderbare Sache, wie diese Kinder eine Freude daran haben, anderen zu helfen. Wenn Sie sich jetzt etwas wünschen könnten - möchten Sie noch einen höheren Berg besteigen, welches Ziel haben Sie noch nicht erreicht? Den einen hohen Berg als Traumziel gibt es für mich nicht. Ich möchte unbekannte Täler im Karakorum erforschen, auf unbenannte und unbestiegene Berge steigen, und zwar allein oder mit meinem Mann. Vor allem möchte ich dort bergsteigen, wo sonst niemand ist. Ansonsten wäre mein größter Wunsch, dass mein Bruder wieder gehen kann. Einen größeren Wunsch habe ich nicht. FOTOS: Kultusministerium/brainwaves klettern als Schulsport: kultusstaatssekretär Thomas kreuzer informierte sich im kletterzentrum Coburg des alpenvereins. In Zusammenarbeit mit dem deutschen alpenverein wurden hier 13 Lehrkräfte als Fachübungsleiter Sportklettern ausgebildet. 14 Schulen aus dem Raum Coburg - vertreten sind alle Schularten - bieten nun jede woche anderthalb Stunden klettern im Unterricht an.

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Die Qualität an Bayerns Schulen sichern Interview mit Eva-Maria Lankes, Leiterin der Qualitätsagentur am ISB Prof. dr. Eva-maria Lankes leitet seit Juni 2010 die Qualitätsagentur am ISb und hat einen Lehrstuhl für Schulpädagogik an der TUm School of Education. "Ich war zu Beginn meiner Berufstätigkeit eine begeisterte Grundschullehrerin und ich wurde später eine leidenschaftliche Wissenschaftlerin" Frau Prof. Lankes, was genau ist eigentlich die Aufgabe der Qualitätsagentur am ISB? Die Qualitätsagentur hat drei zentrale Aufgabenbereiche: die Bildungsberichterstattung, die Vergleichsarbeiten, also die Orientierungsarbeiten in der 2. Klasse, VERA 3 und Vera 8, sowie die interne und externe Evaluation. Die Qualitätsagentur sammelt Daten und wertet sie aus. Sie gibt damit Rückmeldung über die Qualität der bayerischen Schulen. Was hat Sie dazu bewegt, die Leitung der Qualitätsagentur zu übernehmen? Die Arbeit in der Qualitätsagentur gibt mir die Chance, Wissenschaft und Forschung in den Dienst des Handlungsfeldes Schule zu stellen. Das ist eine spannende Aufgabe. Ich war zu Beginn meiner Berufstätigkeit eine begeisterte Grundschullehrerin und ich wurde später eine leidenschaftliche Wissenschaftlerin. In der Qualitätsagentur erarbeiten wir mit wissenschaftlichen Methoden Materialien und Verfahren, die den Schulen bei ihrer Arbeit vor Ort nutzen sollen. Stört es Lehrkräfte und Schulleitungen nicht, wenn eine Qualitätsagentur mitredet, wie sie ihren Unterricht gestalten sollen? Die Qualitätsagentur schreibt nicht vor, wie Lehrkräfte ihren Unterricht gestalten sollen, sondern gibt lediglich Rückmeldung über Prozesse und Ergebnisse von Schule und Unterricht. Wir erleben vor Ort bei der Externen Evaluation, dass die Schulen diese Rückmeldungen begrüßen. Wie unterstützt die Qualitätsagentur die Lehrkräfte ganz konkret? Auf den Internetseiten der Qualitätsagentur finden Lehrkräfte eine Vielzahl an Informationen zu den Themen Bildungsberichterstattung, Vergleichsarbeiten sowie interne und externe Evaluation. Mit der Teilnahme an Vergleichsarbeiten erhalten Lehrkräfte beispielsweise die Möglichkeit, die Leistungen der eigenen Klasse objektiv mit den Leistungen aller bayerischen Schülerinnen und Schüler einer bestimmten Schulart zu vergleichen. Welche Qualifikationen müssen Evaluatoren Ihrer Meinung nach mitbringen? Schließlich urteilen sie über Kollegen, die teilweise über eine jahrzehntelange Unterrichtserfahrung verfügen. Evaluatoren urteilen nicht über Kollegen, sondern evaluieren die Einzelschule in ihrer Gesamtheit. Die Anforderungen an die Kompetenz der Evaluatorinnen und Evaluatoren sind hoch. Sie brauchen einen durch eigene Unterrichtserfahrung geschärften Blick, fundiertes Wissen über Merkmale einer guten Schule und eines guten Unterrichts und die Fähigkeit, vollkommen neutral und unvoreingenommen zu beobachten. Sie werden daher sorgfältig ausgewählt und von der Qualitätsagentur in einer gründlichen Schulung auf ihre Aufgabe vorbereitet. Wie stellen Sie anhand empirischer Daten fest, was Schüler können und was nicht? Die empirischen Daten beruhen auf sorgfältig vorbereiteten Tests. Man investiert eine Menge, um sicherzustellen, dass die Tests eine bestimmte Fähigkeit präzise und objektiv erfassen. Vergleichsarbeiten enthalten außerdem immer auch offene Aufgaben, die von den Schülern individuell beantwortet werden. Ein entscheidender Unterschied zu Schulaufgaben ist jedoch, dass Vergleichsarbeiten nicht benotet werden. Ganz provokativ gefragt: Lohnt sich der Aufwand einer Qualitätsagentur? Die deutlichen Fortschritte, die Deutschland in den letzten zehn Jahren bei internationalen Leistungsvergleichsstudien erzielt hat, beruhen zu einem erheblichen Teil auf Maßnahmen zur Qualitätssicherung, wie wir sie umsetzen. Diese Maßnahmen haben z. B. dazu beigetragen, dass der Anteil an leistungsschwachen Schülerinnen und Schülern entscheidend reduziert werden konnte. Müssen wir unser bayerisches Schulwesen verändern oder nicht vielmehr auf Kontinuität setzen? Schließlich bewährt es sich schon lange - Bildungsvergleichsstudien zeigen dies immer wieder. Kontinuität und Veränderung sind für mich kein Widerspruch. Auch wenn, im Vergleich zu anderen Ländern, das bayerische System an vielen Stellen gute Erfolge vorweisen kann, so muss es sich weiterentwickeln. Stillstand bedeutet Abstieg, kontinuierliche und systematische Weiterentwicklung sichert Qualität. Sie sind jetzt seit einem Jahr Leiterin der Qualitätsagentur. Was ist in Ihren Augen die größte Herausforderung? Ich sehe es als meine größte Herausforderung, in Bayern ein vorbildliches - das beste - Qualitätssicherungssystem einzurichten. FOTO: Kultusministerium Mehr Informationen: www.isb.bayern.de

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16 04 DAS KIND IM ZENTRUM Wie individuelle Förderung in Bayern schulartübergreifend weiter erprobt wird Das bayerische Bildungssystem soll es allen Schülern erlauben, ihr Potenzial voll auszuschöpfen. Durch individuelle Förderung kann jeder die beste Leistung nach seinen Fähigkeiten und nach seinen Neigungen bringen. Es ist dabei eine Frage der Bildungsgerechtigkeit, dass das Bildungssystem in Bayern nicht statisch ist. Die Entscheidung für eine Schulart legt die Bildungskarriere eines Schülers nicht für alle Zeit fest - Schularten sind untereinander durchlässig. Über 42 Prozent der Studienberechtigungen werden in Bayern mittlerweile außerhalb des Gymnasiums erworben. Um die Übergänge von einer Schulart zur anderen zu erleichtern, gibt es bereits eine Vielzahl von Kooperationen als Modellversuch. Die LEHRERINFO stellt diese Kooperationen zwischen den verschiedenen Schularten vor. Grundschule mit Realschule, Mittelschule und Gymnasium Für ehemalige Grundschüler bedeutet der Besuch der Jahrgangsstufe 5 einen neuen fachlichen Anspruch. Der schulische Alltag und der Unterricht selbst haben neue Strukturen. Eine wichtige Rolle spielt dabei das Fach Englisch. Die spielerische erste Begegnung mit der neuen Sprache in der Grundschule wird abgelöst durch einen eher fachorientierten Unterricht. Für den Übergang von der Grundschule wurden die sogenannten "Kleeblätter" gegründet. Dabei arbeiten je eine Lehrkraft von Grundschule, Mittelschule, Realschule und Gymnasium zusammen. Die Lehrer tauschen sich über Methodik und Didaktik des Fremdsprachenunterrichts an ihrer Schulart aus. Dafür finden gegenseitige Unterrichtshospitationen statt, die fachdidaktisch nachbesprochen werden. Lehrkräfte sollen angeregt werden, ebenfalls am Fremdsprachenunterricht der anderen Schularten teilzunehmen, um sich als Lehrkräfte zu vernetzen. Durch gemeinsame Fortbildungen und Informationsveranstaltungen sollen die Erfahrungen an Lehrkräfte anderer Schulen weitergegeben werden. Grundschule mit Gymnasium und Realschule Sowohl beim Wechsel von der Grundschule zur Realschule als auch bei dem Wechsel zum Gymnasium werden in Bayern sogenannte "Lotsen" eingesetzt. Als Lotsen FOTO: brainwaves

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bezeichnet man Grundschullehrkräfte, die mit einem Teil ihres Stundenkontingents an ein Gymnasium oder eine Realschule abgeordnet sind. Insbesondere in der Jahrgangsstufe 5 unterrichten sie einzelne Fächer oder sie halten Förderunterricht und Intensivierungsstunden, um Schülerinnen und Schülern den Übergang auf das Gymnasium oder die Realschule zu erleichtern. Die Lotsen sollen auch den Erfahrungsaustausch zwischen den Lehrkräften von Grundschule und Gymnasium oder Realschule verbessern. Jede Lotsin oder jeder Lotse bietet jede Woche eine Sprechstunde für Schüler, Eltern oder Lehrer an. Die Lotsen können auch bei den Übertrittsveranstaltungen in Jahrgangsstufe 3 mitwirken. Mittelschule mit Realschule Bereits seit Anfang 2009 eröffnen Kooperationsmodelle zwischen Mittelschulen und Realschulen neue Chancen. Das Kooperationskonzept des Kultusministeriums soll helfen, die Durchlässigkeit zwischen den Schularten zu erhöhen. Alle Angebote werden von beiden Partnerschulen gemeinsam und eigenverantwortlich gestaltet. Das Modell lässt den Schulen dabei viele Gestaltungsspielräume, je nach konkreter Situation vor Ort. Dazu können gemeinsame Förderangebote und Übungen in den Kernfächern Deutsch, Mathematik und Englisch dienen. Realschüler, die als Externe den qualifizierenden Hauptschulabschluss ablegen wollen, werden durch die Lehrkräfte der Mittelschule systematisch darauf vorbereitet. Hochwertige Schulangebote sollen wohnortnah ausgebaut werden - der mittlere Schulabschluss soll für mehr Schüler erreichbar sein. Die FOS 13 bietet dann eine gut genutzte AnschlussMöglichkeit, sogar die Hochschulreife zu erlangen. Die Mittelschulen und die Realschulen bleiben auch bei Kooperationen eigenständige Schularten. Die Partnerschulen haben ein breites Spektrum von Angeboten organisiert, besonders im Bereich der offenen Ganztagsschule sowie in gemeinsamen Arbeitsgemeinschaften zu Theater, Sport und Musik. Bei den 20 Kooperationen dieser Art in Bayern variieren Art und Anzahl der gemeinsamen Angebote. Sowohl die Breite, als auch die Tiefe der Zusammenarbeit zwischen Mittelschule und Realschule unterscheidet sich. Dadurch können Erfahrungen über die Auswirkungen auf die Schulen und die Schüler gesammelt werden. Mittelschule mit Wirtschaftsschule Das Kultusministerium erprobt seit dem Schuljahr 2010/11 die Kooperation der Mittelschule mit der dreijährigen Form der Wirtschaftsschule. Beide Schularten bleiben bei den insgesamt zwölf Kooperationen in Bayern eigenständig. Die Kooperation Mittelschule-Wirtschaftsschule soll die Durchlässigkeit zwischen beiden Schularten stärken und die Zahl der mittleren Schulabschlüsse erhöhen. Vorrangiges Ziel ist, die individuellen Chancen der Jugendlichen auf dem Ausbildungsstellenmarkt zu verbessern. Dies kann durch die berufliche Kompetenz der Lehrkräfte an Wirtschaftsschulen besonders effizient gelingen. Besonders Mittelschüler, die im Mittlere-Reife-Zug unterrichtet werden und einen Ausbildungsberuf im Bereich Wirtschaft und Verwaltung anstreben, können durch die Kooperation gezielt, begabungsgerecht und profilorientiert gefördert werden. Der Schulversuch bietet Schülern im Gebäude der Mittelschule ab Jahrgangsstufe 8 ein dreijähriges geschlossenes Angebot. Er vermittelt einen mittleren Schulabschluss (Wirtschaftsschulabschluss). Ferner können interessierte Mittelschüler an profilbildenden Unterrichtsangeboten der Wirtschaftsschule teilnehmen und ein Zertifikat erwerben. Der allgemein bildende Unterricht an der Wirtschaftsschule wird grundsätzlich von Lehrkräften der Mittelschule abgedeckt, während Lehrkräfte der beruf lichen Schule die wirtschaftskundlichen Fächer unterrichten. Zum Ende des Schuljahres 2012/13 wird der Schulversuch ausgewertet und über das weitere Vorgehen entschieden. Mittelschule mit Berufsschule Für die Schüler der Mittelschule wird der Übergang an eine Berufsschule erleichtert, indem sie bereits frühzeitig Einblick in den Schulalltag der Berufsschule erhalten. Sie profitieren von der Zusammenarbeit mit der Berufsschule, so beispielsweise bei der Arbeit in gemeinsamen Projekten oder bei Berufsinformationsveranstaltungen, an denen Berufsschüler, Berufsschullehrer und Lehrkräfte der Mittelschule Informationen über verschiedene Berufe an die Schüler weitergeben. Die Zusammenarbeit mit der Berufsschule wird bayernweit in einem Schulversuch erprobt: Die Berufsorientierungsklasse (B-Klasse) - eine Mittelschulklasse, die von freiwilligen Wiederholern der 9. Jahrgangsstufe besucht wird - und eine Klasse zur Berufsvorbereitung der Berufsschule arbeiten eng zusammen. Beide Klassen sind räumlich an der Berufsschule angesiedelt und werden von Lehrkräften der Mittelschule und der Berufsschule unterrichtet. Die Schüler erhalten so eine zweite Chance, einen Schulabschluss zu erwerben, und gewinnen gleichzeitig Eindrücke aus der Berufs- und Arbeitswelt. Auch die Berufsschüler profitieren im Rahmen der Kooperation von der Kompetenz der Lehrkräfte der Mittelschule insbesondere im allgemeinbildenden Bereich und haben eine weitere Chance, einen Schulabschluss zu erwerben. Realschule mit Fachoberschule Das Kultusministerium erprobt seit dem Schuljahr 2010/11 auch eine Kooperation zwischen der Realschule und der Fachoberschule. Die engere Zusammenarbeit soll dazu führen, dass mehr besonders gut qualifizierte und voraussichtlich für ein Hochschulstudium geeignete Realschulabsolventen für den Übertritt an die Fachoberschule motiviert werden. Eine Reihe von Maßnahmen soll den schulartübergreifenden Austausch der Lehrkräfte über Fragen der Methodik und Didaktik des Unterrichtens fördern. Dazu dienen zum Beispiel gemeinsame Fachschaftssitzungen, Fortbildungen und gegenseitige Unterrichtshospitationen der Lehrkräfte. Außerdem werden in den Jahrgangsstufen 9 und 10 zusätzliche Brückenangebote eingerichtet, die sogenannten "Kombikurse". Sowohl Lehrkräfte der Realschule als auch Lehrkräfte der Fachoberschule unterrichten diese Kurse. Sie dienen in erster Linie der Orientierung gut qualifizierter Schüler hinsichtlich der Fortsetzung ihres Bildungsweges an der Fachoberschule. Zudem werden sowohl an der Realschule als auch an der Fachoberschule Maßnahmen der Begabtenförderung erprobt, die insbesondere eine Stärkung des naturwissenschaftlich-technischen und sprachlichen Bereichs vorsehen. Einführungsklasse am Gymnasium Schon seit längerem gibt es die Einführungsklasse in Jahrgangsstufe 10 des Gymnasiums. Sie bereitet geeignete Schülerinnen und Schüler nach erfolgreichem Abschluss der Real-, Wirtschafts- und Mittelschule (Mittlerer Schulabschluss) auf die Qualifikationsphase der gymnasialen Oberstufe in den Jahrgangsstufen 11 und 12 vor. FOTO: brainwaves

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SCHULE & MEHR Wettbewerb "Fürs Leben lehren" Ideenwettbewerb für Referendare aller Schularten Handyverträge, Internet, Werbung in jeglicher Form - in ihrem direkten Lebensumfeld werden Jugendliche verstärkt als Konsumenten angesprochen. Der Verbraucherkompetenz kommt daher eine zunehmend große Bedeutung zu. Im Rahmen der Initiative "Verbraucherbildung - Konsumkompetenz stärken" schreibt das Bundesministerium für Ernährung, Landwirtschaft und Verbraucherschutz den Ideenwettbewerb "Fürs Leben lehren" aus, der sich unter anderem auch an Referendare aller Fächer und Schularten richtet. Ausgezeichnet werden praxisnahe Unterrichtskonzepte zur Vermittlung von Verbraucherkompetenz in verschiedenen Themenbereichen: Geld und Versicherung, Medienkompetenz, Verbraucherrechte und Kaufentscheidungen. Einsendeschluss ist der 15. Januar 2012. Aus dem vielfältigen Angebot an Veranstaltungen hat die LEHRERINFO eine Auswahl zusammengestellt. Messen für Schüler jeder Jahrgangsstufe, für Abiturienten und für Lehrkräfte "Entdecke die Zukunft!" Kultusministerium präsentiert MINT auf FORSCHA 2011 Die Mitmach- und Bildungsmesse FORSCHA 2011 nimmt Kinder und Jugendliche mit auf eine interaktive Entdeckungsreise in die Welt der Naturwissenschaften und der Technik. Vom 4. bis 6. November 2011 lädt sie alle neugierigen Kinder und Jugendlichen ins M,O,C, München ein. Das bayerische Kultusministerium präsentiert im Rahmen der Zukunftsinitiative "Aufbruch Bayern" seine MINT-Aktivitäten auf einem Messestand (Stand Nr. 2.26.). Kultusminister Dr. Ludwig Spaenle ist Schirmherr der Messe. Die FORSCHA ist als Mitmach-Messe gestaltet: Labore mit Experimenten, Werkstätten mit Workshops und fesselnde Vorträge vermitteln in anschaulicher Art komplexe Zusammenhänge. Wettbewerbe, Ratespiele und ein Quiz vertiefen das Wissen. Lehrkräfte aller Schularten können in Fortbildungsveranstaltungen ihr fachliches und didaktisches Wissen vertiefen und sich Anregungen für handlungsorientierten Unterricht holen. "Gipfel für Bildungsfragen in Hannover " DIDACTA - Die Bildungsmesse 2012 www.verbraucherkompetenz.de www.forscha.de Die "didacta" ist eine der größten Fachmessen der Bildungssparte in Europa. Jährlich präsentiert sie aktuelle Entwicklungen und gibt Aussichten in die Zukunft des Bildungsmarktes. Vom 14. bis 18. Februar 2012 wird sie in Hannover Treffpunkt für Fachleute aus dem Bildungsbereich sein. Für bayerische Lehrkräfte ist der Weg zugegebenermaßen weit - doch er lohnt sich: Eine enorme Dichte an Ausstellern präsentiert sich hier dem Fachpublikum - angefangen bei Lehr- und Lernmitteln, Verlagserzeugnissen, Multimediaprodukten bis hin zu den Verbänden aus dem Bildungsbereich. Daneben lädt ein Rahmenprogramm mit Vorträgen, Workshops und Diskussionsrunden zu aktuellen Fragen der Bildungspolitik, Didaktik oder Pädagogik Lehrkräfte zum Wissensaustausch ein. www.didacta-hannover.de FOTOS: Kultusministerium/brainwaves

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Medien Informieren - Einarbeiten - Umsetzen "Alte Drucke ganz neu" Bedeutende Handschriften für den Unterricht digital veröffentlicht Material "Die Schule präsentieren" Presse- und Öffentlichkeitsarbeit für Lehrkräfte im Funkhaus München Die Website der Schule interessant gestalten, die Lokalpresse auf eine Schulveranstaltung aufmerksam machen: Schulleiter und Lehrkräfte, die ein paar journalistische Grundregeln und die Bedürfnisse der Medien kennen, tun sich hierbei leichter. Am 1. Februar 2012 findet zu diesem Thema eine Fortbildung des Bayerischen Rundfunks im Funkhaus München statt. Teilnehmer bekommen Tipps für das Verfassen von Pressemitteilungen, für gelungene Gespräche mit Journalisten und für einen zeitgemäßen Internetauftritt - Informationen, die auch für die Medienerziehung interessant sein können. "Blattmacher gesucht!" Schülerzeitungswettbewerb der Länder Fast 1.000 Schülerzeitungen gibt es in Bayern - dabei sind alle Schularten vertreten. Ihre Macher sind eingeladen, am großen Schülerzeitungswettbewerb teilzunehmen und die beste Ausgabe des Schuljahres zu präsentieren. Der Bewerbungsschluss für "Blattmacher" ist auf Landesebene am 31. Mai 2011. Aus den Ausgaben der Landesebene wählt die Landesbeauftragte diejenigen aus, die zur Bewertung an die Bundesjury geschickt werden und sich im anschließenden "Schülerzeitungswettbewerb der Länder" mit den Schülerzeitungsredaktionen aus der ganzen Bundesrepublik messen. Die Projektleitung liegt dieses Jahr beim bayerischen Kultusministerium. www.km.bayern.de/wettbewerbe www.br.de/brmachtschule.de > Fortbildungen "Die Printmedien FAZ, SZ, Times & Co" Eine Einführung in die Zeitungsrecherche an der Bayerischen Staatsbibliothek Die digitale Erschließung der historischen Bestände der Bayerischen Staatsbibliothek ist eine Chance für Lehrende und Lernende: Die Bayerische Staatsbibliothek bietet auf ihrer Homepage als Angebot eine Auswahl von bedeutenden Handschriften und alten Drucken, die für die Unterrichtspraxis relevant sind und im dokumentarischen Unterricht der verschiedenen Schularten und Schulfächer eingesetzt werden können. Die digitalisierten Texte sind mit kurzen, bebilderten Beschreibungen versehen und über eine übersichtliche Internetseite praktisch zu benutzen. Eine sowohl alphabetische als auch nach Schulfächern geordnete Darstellung erleichtert die Arbeit. In einer thematischen Übersicht sind die Einzeltexte mit Info-Material verknüpft. Es erläutert die entsprechende Thematik wie z.B. die Literatur des Mittelalters genauer. www.bsb-muenchen.de > Benutzung und Service > Lehrmaterialien "Faszination für ferne Länder wecken" Die etwas anderen Reiseführer auch für Klassenfahrten und den Unterricht FOTOS: Bayerische Staatsbibliothek/brainwaves Nicht nur wichtig für W-Seminare: In Zeitungen recherchieren ist eine wichtige Kompetenz - die jedoch oft an den Rahmenbedingungen scheitert: Wohin sich wenden? Welche Archive nutzen? Die Bayerische Staatsbibliothek in München versucht mit einer Veranstaltung eine Hilfestellung zu geben: Am 3. November 2012 von 15.00 - 16.00 Uhr findet hier eine Schulung zur Zeitungsrecherche statt. www.bsb-muenchen.de > Schulungen und Führungen > Schulungskalenders Keine Reiseführer im klassischen Sinn: Die SympathieReiseführer sind kleine handliche Hefte, erschienen für 56 Länder. Die Hefte stellen vor allem die Menschen und ihre Kultur in den Mittelpunkt. Sie versuchen Verständnis und Sympathie für die jeweiligen Reiseländer und deren Bevölkerung zu wecken - ohne problematische oder kritische Aspekte zu verschweigen. Neben den verschiedenen Ländermagazinen umfasst die Reihe Hefte zu den Weltreligionen und zu gesellschaftspolitischen Themen. Die Magazine kann man bestellen. www.sympathiemagazin.de

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KURZ & GUT imprESSum LEHRERINFO Ausgabe 02.2011 Kultusministerium baut bundesweite Stellenbörse im Internet auf Das bayerische Kultusministerium baut eine Stellenbörse im Internet bundesweit auf. Erstmals können externe Arbeitgeber aus ganz Deutschland, also z.B. Schulträger in anderen Bundesländern, Firmen aus dem Bildungssektor oder Hochschulen, ihre Stellenangebote für Lehrerinnen und Lehrer auf der Homepage des Staatsministeriums für Unterricht und Kultus präsentieren. Das Kultusministerium bietet zudem eine Stellenbörse, in der Lehrkräfte ihre Stellengesuche (beispielsweise für staatliche Beruf liche Schulen oder als Vertretungskräfte an verschiedene Schularten) selbst eintragen können. Diese können dann von den Schulträgern und -leitungen in ganz Bayern abgerufen werden. Herausgeber Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus Salvatorstr. 2 80333 München Tel: 089/2186-2075 Fax: 089/2186-2802 Redaktion Uwe Barfknecht (verantw.) Erich Biebl Henning Gießen Dr. Eva Huller Julia Lindner Birger Nemitz Nicole Sacher Autorinnen & Autoren/Mitarbeit Dr. Ludwig Spaenle Tanja Götz Erich Weigl Konzeption & Gestaltung brainwaves GmbH & Co. KG www.brainwaves.de FOTOS: brainwaves Mehr Informationen: www.km.bayern.de/externe-stellen Als "Botschafter Bayerns" in die Welt Ob Brasilien, Bulgarien, China, Indien, Polen, Rumänien, Russland, Serbien, Slowakei, Südafrika, Tschechien oder Ungarn: Mit dem neuen Stipendienprogramm "Botschafter Bayerns" des Bayerischen Staatsministeriums für Unterricht und Kultus wird ein Auslandsaufenthalt in diesen Partnerländern Bayerns möglich. Denn das Kultusministerium vergibt 15 Teilstipendien für das Schuljahr 2012/13 an bayerische Schülerinnen und Schüler im Alter zwischen 15 und 18 Jahren. Die Stipendiaten leben bei einer Gastfamilie und gehen im Gastland zur Schule. Für musikalisch begabte Schüler wird im Rahmen dieses Stipendienprogramms auch ein Musikprogramm in Ungarn angeboten und in gleicher Weise gefördert. Die Programm-Teilnehmer erlernen nicht nur die Sprache des Gastlandes, sondern erwerben auch interkulturelle und soziale Kompetenzen, die in einer zunehmend vernetzten Welt eine wesentliche Rolle spielen und die beruf lichen Möglichkeiten deutlich verbessern können. Interessierte Schülerinnen und Schüler können sich ab sofort bewerben. TITELFOTO brainwaves GmbH & Co. KG Druck & Versand Kastner & Callwey Medien GmbH Mehr Informationen: www.km.bayern.de/schueler-international LI Lehrerinfo ist auf PEFC zertifiziertem Papier gedruckt und entspricht damit den Vorgaben der PEFC Initiative Deutschland e.V. Die Zeitschrift beziehen Lehrerinnen und Lehrer im Freistaat Bayern kostenlos. Wegen der leichteren Lesbarkeit umfassen Bezeichnungen von Personengruppen in der Regel weibliche und männliche Personen. Kontakt LI@stmuk.bayern.de LEHRERINFO Keine Nachricht verpassen: Newsletter bestellen unter www.km.bayern.de/newsletter