Digital in die Zukunft Bayerns Schulen befinden sich im Medienwandel

Online-Lernumgebungen, Bildungsnetze, Einbindung von neuen Medien in den Unterricht und noch mehr: Die Schulen stehen im Zuge der technischen Entwicklungen vor anspruchsvollen Herausforderungen. Inhalt und Technik – beides muss passen, und das für die Schüler und die Lehrkräfte.

Daher investiert der Freistaat in den Ausbau des Breitbandnetzes: das Internet wird schneller. Zugleich investiert das bayerische Kultusministerium in ein Landesmedienzentrum: es bietet mehr breitgefächerte, inhaltliche Angebote für die Schulen. Dabei können sich  die Schulen nun sinnvoll innerhalb der neuen Möglichkeiten engagieren. Aber wie kann ein sinnvoller Zugang aussehen? Geht es nur um die Bereitstellung von Technik? Und: Wie verändert sich das traditionelle Bild von Schule in der Zukunft?

Ein Blick in die ersten Minuten im Unterricht

7.59 Uhr, Lehrer Manfred Pöller ist auf dem Weg in den Mathematikunterricht der 8. Klasse – Thema: Gleichungen. Er betritt das Klassenzimmer und sein Weg führt ihn direkt zum „Käschtle“, einem in Eigenarbeit der Schule erstellten Medienwagen, der im Klassenzimmer fest installiert ist.

60 Sekunden nach Öffnen des Käschtles wirft der Beamer das in der vorherigen Mathestunde erzeugte Tafelbild an die Projektionsfläche. Das digitale Tafelbild kommt über den Schulserver vom PC am Schreibtisch des Lehrers. Nach der Begrüßung legt eine Schülerin ihre Hausaufgabe unter die Dokumentenkamera. Die Schülerin stellt ihre Lösungen der Klasse vor, zwei Minuten nach Unterrichtsbeginn. 

Referenzschule für Medienbildung

Das Gymnasium bei St. Anna in Augsburg, seit 2009 Referenzschule für Medienbildung, hat eine lange Tradition im Bereich Digitalisierung. Bereits seit dem Jahr 2000 ist die Schule voll vernetzt. Neben dem Käschtle, das ab diesem Schuljahr in allen Räumen fest installiert ist, sind alle Räume mit Aktivboxen und Beamer ausgestattet. Bei dem Entwicklungsprozess der Schule geht es um weit mehr als nur den Einsatz neuer Technik.

Schulleiter Peter Schwertschlager betont im Gespräch: „Es geht nicht um die Technik, sondern immer um die Schüler“. 

Herr Schwertschlager, hat Ihnen dieser Grundsatz nicht auch Probleme bereitet?

Natürlich! Wir haben uns in unglaublich viele technische Diskussionen verstrickt. Wir mussten immer wieder den Blick frei machen und die Lehrer übernehmen lassen. Das Ziel war, jedem Lehrer alles Notwendige zur Verfügung zu stellen, um den bestmöglichen Unterricht zu halten.

Wenn dabei ein Lehrer sagt, dass er am besten mit der traditionellen Tafel unterrichten kann, dann arbeitet er mit der Tafel. Wenn ein anderer Lehrer sagt, er möchte gerne mit seinen Schülern auf einer Lernplattform arbeiten, weil er sie gerne in Gruppenarbeit Unterricht-Wikis  erstellen lässt, dann soll er auch die technischen Voraussetzungen dafür haben. Wir wollten nicht Technik um der Technik willen.

Was soll aus Ihrer Sicht Technik an der Schule leisten?

Die Technik muss einfach und zuverlässig sein. Der Lehrer darf in seiner pädagogischen Flexibilität und Kreativität nicht eingeschränkt werden. Der Einsatz der Technik muss dem Lehrer Spaß machen. Er muss das Gefühl haben, dass er damit kreativen Unterricht planen und auch tatsächlich durchführen kann, und dass die Schüler dabei etwas lernen. 

Das stellte sicherlich Ihren Systembetreuer immer wieder vor große Herausforderungen?

Unser Ziel war es, sich als Schule mehr davon zu lösen, die technische Ausstattung selbst zu organisieren und zu warten. So weit es geht, muss dieser Bereich extern und zentral geregelt werden. Bei uns kümmert sich die Stadt Augsburg in Form eines Leasing-Vertrages um die Hardware-Ausstattung.

Die Software erhalten wir aus dem pädagogischen Netz der Stadt München, wodurch alle Installationen und Aktualisierungen automatisiert laufen. Die Schule bekommt davon nichts mehr mit. Bis zu diesem Zustand war unser Systembetreuer vor allem mit technischen Aufgaben beschäftigt. Inzwischen kann er sich endlich um die medienpädagogische Betreuung des Kollegiums kümmern.

Wie hat das Kollegium diese Entwicklungen angenommen?

Wir wollten weg von der Aussage, dass Lehrer keine Ahnung von Computern haben. Es kann auch nicht der Weg sein, dass der Lehrer den Schüler dafür braucht, einen Computer hochzufahren und sich das Recherchieren im Internet zeigen zu lassen. Gemeinsam mit dem Kollegium die technische Ausstattung und entsprechende Fortbildungen zu planen und ein Medienkonzept zu erstellen, war ein wichtiger Baustein, um neue Medien in der gesamten Schule zu verankern.  

Ebenso wichtig war es, allen Lehrern Unterstützung anzubieten, die den Rat suchenden Lehrer nicht beschädigt; es musste eine Atmosphäre erreicht werden, in der die Lehrer Hemmungen fallen lassen und unkompliziert nach Hilfe fragen können. Erwachsene fragen leider nicht so selbstverständlich nach wie unsere Schüler. Es gibt so Vieles, was wir Erwachsenen den Schülern beibringen müssen und können; damit meine ich nicht die Fingerfertigkeit am eigenen Smartphone – da haben Erwachsene keine Chance – nein, es geht um Strukturierung, Abläufe und methodische Vorgehensweise – da hat der Schüler Nachholbedarf!

In Unterrichtsbesuchen stelle ich inzwischen mit Freude fest, dass ich selbst profitiere und dazu lerne. Es etabliert sich immer mehr die Chance, Erfahrungen und Unterrichtsmaterialien auszutauschen, um sich gegenseitig zu entlasten. Man stelle sich nur mal vor, alle bayerischen Lehrkräfte arbeiten zusammen an Unterrichtsmaterialien. Es kann doch mit den aktuellen Möglichkeiten nicht mehr sein, dass die meisten Lehrkräfte das Rad immer wieder neu erfinden! Ein Netz ist sinnlos, wenn Lehrkräfte weiterhin für sich alleine arbeiten wo sie doch alle vergleichbare Aufgaben haben.

Werden die Schüler in diesen Prozess eigentlich auch eingebunden?

Natürlich. Eine Medienpädagogin der Stadt Augsburg bildet Medienscouts aus. Gelerntes geben diese an ihre eigenen Mitschüler und die Eltern weiter. Das ist eine bemerkenswerte Entwicklung, da wir das Thema Technik und den Umgang mit neuen Medien dadurch in großem Maße auch in die Verantwortung der Schüler geben.

Dazu gehört auch eine Mediencharta, die derzeit an der Schule erstellt wird und in der Leitsätze stehen werden, wie wir als Lehrer, Schüler und Eltern mit neuen Medien umgehen wollen – und zwar nicht nur in der Schule!

Die Verwendung von Mobilfunktelefonen kann zu Unterrichtszwecken erlaubt werden: Denken Sie auch darüber nach, den Umgang mit Smartphones in die Mediencharta aufzunehmen?

Das Problem mit der Technik ist im Augenblick, dass es sich schwer unterscheiden lässt, was der Schüler mit dem Gerät gerade macht. Denn das aufgerufene Programm ist dafür verantwortlich, was gerade geschieht, und nicht das Smartphone! Taschenrechner mit CAS-Funktion oder Facebook – größer können die Unterschiede kaum sein!

Nun müssen wir als Schule definieren, was für den Einzelnen erlaubt ist, und wo die Grenze des Erlaubten bzw. ethisch Richtigen verläuft – diese Probleme können wir als Kollegium und Schulleitung nicht alleine lösen, dabei müssen wir die Schüler in die Gespräche mit einbeziehen. Eine Lösung haben wir bisher noch nicht gefunden, dafür ist dieser Prozess viel zu schwierig. Aus meiner Sicht ein Ja zu Smartphones im Unterricht, aber nur, wenn die Programme unter der Kontrolle der Schule sind. So weit sind wir aber noch nicht.

Haben Sie keine Angst vor den zukünftigen Leistungserhebungen, wenn neue Technik zugelassen wird?

Ich denke, dass sich die Art und Weise, wie wir in der Schule bisher gewohnt waren, Leistungen zu überprüfen, Leistungen erstellen zu lassen, auf Dauer nicht halten lässt. Ich bin gespannt, wie sich bis zu meinem Ruhestand in sieben Jahren die Abiturprüfung entwickeln wird. Daten-Brillen und Datenuhren kommen auf den Markt.

Im Laufe der nächsten Jahre werden wir nicht mehr unterscheiden können, ob der Schüler eine Brille oder einen Bildschirm auf der Nase trägt, der scannen und eine Internetverbindung aufbauen kann und über den man mit jedem Menschen auf dieser Welt unbemerkt kommunizieren kann. Störsender sind sicher keine Lösung.

Wir müssen uns in naher Zukunft ganz neue Formen von Prüfungen einfallen lassen. Das wird vielleicht nicht einen Ausschluss von Geräten bedeuten, sondern die Verpflichtung, diese in Prüfungen zu verwenden. Dabei wird auch überprüft, ob die Schüler in der Lage sind, mit den vorhanden technischen Möglichkeiten zu arbeiten.

Wie sieht für Sie die Schule der Zukunft aus?

Bei meiner Abschiedsrede werde ich zwei Dinge in der Händen halten: die Schiefertafel, auf der ich schreiben gelernt habe, und ein aktuelles Tablet, um zu zeigen, welche Entwicklung ich in 60 Jahren miterlebt habe. Die Vision sieht ungefähr so aus:

Die Schüler werden irgendwann mit der Hand auf einer Folie schreiben. Das Schulheft, das Übungsheft und alle Schulbücher sind auf dieser Folie aufrufbar und bearbeitbar. Die Schüler werden beim Betreten des Klassenzimmers erkannt, automatisch in das Schulnetz eingeloggt, und bekommen alle notwendigen Programme und Materialien automatisch zur Verfügung gestellt. Bis dahin müssen noch viele Fragen geklärt werden. Dieser Entwicklung können wir aber dann nicht aus dem Weg gehen.

Können Sie eine Empfehlung an andere Schulen zum Umgang mit Technik und neuen Medien abgeben?

Wir arbeiten seit über fünf Jahren intensiv an unserem Konzept. Das beinhaltet auch die Anschaffung und Finanzierung der technischen Ausstattung. Wir sind noch nicht fertig, aber auf einem sehr guten Weg. Es macht aus meiner Sicht überhaupt keinen Sinn, sich als Schule um irgendeine technische Ausstattung zu bemühen, und zu dabei zu hoffen, dass diese irgendwann pädagogisch sinnvoll eingesetzt wird.

Lieber benötigen wir als Schule mehrere Jahre für ein an die Schüler, das Kollegium und den finanziellen Rahmen  angepasstes Medienkonzept. Dadurch sorgen wir aber dafür, dass es auch tatsächlich die Chance hat, umgesetzt zu werden. 

Alle Beteiligten sind dazu aufgefordert, sich bewusst und kritisch mit etwas auseinander zu setzen, was in unsere Welt gekommen ist, nicht mehr verschwinden wird und womit wir lernen müssen umzugehen.

Weitere Informationen

Stand: 14. April 2015 // Bilder: Gymnasium bei St. Anna Augsburg

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