Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit

Auf der Suche nach dem schlesischen Himmelreich

Textheft als pdf herunterladen (916 Kb)

Abschied (O Täler weit, o Höhen)

Einer der bekanntesten Schlesier ist der Dichter der Romantik Joseph Freiherr von Eichendorff (1788-1857). Ist Gerhart Hauptmann der Dichter Niederschlesiens, so gilt das bei Eichendorff für Oberschlesien. Der Autor der berühmten Novelle „Aus dem Leben eines Taugenichts“ wurde auf dem (im Zweiten Weltkrieg zerstörten) Schloss Lubowitz (Łubowice) nahe Ratibor (Racibórz) geboren und verbrachte große Teile seines Lebens in Schlesien. 2007 jährt sich sein 150. Todestag. Eichendorff spielt für die kulturelle Identität der heutigen deutschen Minderheit in Oberschlesien eine große Rolle. Zugleich sind seine Gedichte über Heimatliebe und Abschied nehmen für viele Vertriebene zum Symbol ihres eigenen Schicksals geworden.

Das folgende Gedicht beschrieb in einer früheren Fassung noch die reale Heimat Eichendorffs, Schloss Lubowitz. In dieser späteren Fassung von 1837, die von Felix Mendelssohn-Bartholdy vertont wurde, hat es sich gewandelt: von einer Heimatdichtung im engeren Sinne zur Darstellung der grundmenschlichen Situation von Abschied und von Sehnsucht nach der vergangenen wie auch der zukünftigen, ewigen Heimat des Menschen.

Abschied

O Täler weit, o Höhen,
O schöner grüner Wald,
Du meiner Lust und Wehen,
Andächt'ger Aufenthalt!
Da draußen, stets betrogen,
Saus't die geschäft'ge Welt,
Schlag' noch einmal die Bogen
Um mich, du grünes Zelt!

    

Da steht im Wald geschrieben,
ein stilles, ernstes Wort
von rechtem Tun und Lieben,
und was des Menschen Hort.
Ich habe treu gelesen
die Worte schlicht und wahr,
und durch mein ganzes Wesen
ward's unaussprechlich klar.

Wenn es beginnt zu tagen,
die Erde dampft und blinkt,
die Vögel lustig schlagen,
dass dir dein Herz erklingt:
Da mag vergehn, verwehen
das trübe Erdenleid,
da sollst du auferstehen,
in junger Herrlichkeit!

 

Bald werd' ich dich verlassen,
fremd in die Fremde geh'n,
auf buntbewegten Gassen
des Lebens Schauspiel sehn,
und mitten in dem Leben
wird deines Ernst's Gewalt
mich Einsamen erheben,
So wird mein Herz nicht alt.

Aus Joseph von Eichendorff: Gedichte. In chronologischer Folge herausgegeben von Hartwig Schultz. Frankfurt/Main 1988.

<-- Vorherige Seite | Impressum -->

Impressum    •     topnach oben
© Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit   •   letzte Änderung am: 30.10.2006 18:01