Einsichten und Perspektiven. Bayerische Zeitschrift für Politik und Geschichte Landeszentrale für politische Bildungsarbeit

Neues aus Shqiperi:

zum zweiten Mal in Albanien

Von Elke Thiel

 

Blick vom Skytower auf Tirana. Fotos: Elke Thiel
Blick vom Skytower auf Tirana
Fotos: Elke Thiel

Von Mitte März bis Mitte Juli 2005 war ich zum zweiten Mal als Gastprofessorin an der Ökonomischen Fakultät der Universität Tirana.1 Auch in diesem Jahr wurde mein Aufenthalt durch die Stiftungsinitiative Johann-Gottfried-Herder, ein Gemeinschaftsprojekt von sechs deutschen Stiftungen, gefördert.2 Ich danke den Trägern der Stiftungsinitiative für diese Unterstützung.

 

Vertrautes und Neues

Beim zweiten Mal ist vieles schon vertraut. Man muss nicht mehr ganz von vorne anfangen. Gleich bei meiner Ankunft merke ich den Unterschied. Meine Vermieter holen mich am Flughafen ab. Ich bekomme die mir schon bekannte Wohnung und wir fahren den bekannten Weg dorthin. In den benachbarten kleinen Geschäften, an meinem Zeitungskiosk, vom Taxifahrer an der Ecke werde ich freundlich begrüßt. Auf meinem Albanien-Handy sind noch die Telefonnummern vom letzten Jahr gespeichert und ich verabrede mich rasch.

In Tirana wird weiterhin kräftig gebaut. Dort, wo ich wohne, am Rande der Stundentenstadt, sind neue Apartmenthäuser hochgezogen worden. Bald wird der schöne Blick auf den Dajti und die Berge von Elbasan ganz verstellt sein. Schade für das Viertel, das mit seinen kleinen Häusern und Gärten einmal sehr hübsch gewesen sein muss. Die Stadt wird immer bunter. Der Einfall von Bürgermeister Edi Rama, die Fassaden der Häuser farbig anzustreichen, setzt sich überall durch. Es gibt der Stadt ein fröhliches Aussehen, was durch die vielen Terrassencafés und Gartenlokale noch verstärkt wird.

Auf den Straßen flanieren die jungen Leute und in den wieder begrünten Parks spielen Eltern mit ihren Kindern. Albanien hat eine auffallend junge Bevölkerung und sieht darin einen positiven Beitrag, den es für die alternden westeuropäischen Gesellschaften im Rahmen der Integration leisten kann.

Im Dunkeln gehe ich den Hunden lieber aus dem Weg.
Im Dunkeln gehe ich den Hunden lieber aus dem Weg.

Mir fällt auf, wie sauber die Straßen gefegt sind. Bei der Müllbeseitigung gibt es Verbesserungen, auch wenn in meinem Viertel immer noch die überlaufenden Tonnen stehen, die mich im letzten Jahr so sehr gestört haben. Der Abfall wird nicht von Haus aus getrennt; die vollen Behälter werden dann von Menschen, die damit etwas zu verdienen hoffen, nach Wertstoffen durchsucht. An der Durchstöberung des Abfalls beteiligt sich auch eine große Schar herrenloser Hunde, die tagsüber friedlich in der Sonne liegen, denen ich im Dunkeln aber lieber aus dem Wege gehe.

Nirgendwo habe ich so viele Mercedeswagen gesehen, wie in Tirana. Sie sind so widerstandsfähig, dass sie sogar für unsere schlechten Straßen taugen, sagen die Besitzer. Die alten Diesel ohne Katalysator, die die Luft ungeheuer verpesten, sind noch da. Daneben fallen aber auch schicke neue Wagen auf. BMW hat im Sheraton Hotel ein Verkaufsbüro eingerichtet. In den Stoßzeiten stauen sich die Autos wie in unseren Städten. Ganze Straßenzüge wurden oder werden frisch geteert, Hauptverkehrsstraßen verbreitert. Es stehen Parlamentswahlen bevor und die Kandidaten wollen mit den „neuen Straßen“ Stimmen gewinnen, heißt es.

Die „albanischen Wahlen“ sind ein Thema, das mich in der ganzen Zeit meines Aufenthaltes begleiten wird. Nach langen Diskussionen zwischen den Parteien wurde der Wahltermin am 25. April endlich von Staatspräsident Alfred Moisiu für den 3. Juli festgelegt. Ich kann den Wahlkampf beobachten und spreche mit Anhängern aus den beiden großen Lagern, den von Fatos Nano angeführten Sozialisten und den Demokraten unter Sali Berisha. Wie im vergangenen Jahr halte ich auch Vorträge an anderen Universitäten, was mich nach Kosovo und Mazedonien bringt. Eine für mich neue Entdeckung ist Albanien als „Wanderland“.

Masterstudiengang „Europäische Wirtschaft“

Ökonomische Fakultät, Universität Tirana
Ökonomische Fakultät, Universität Tirana

In diesem Jahr gebe ich einen Kurs zur „Europäischen Integration“ in dem gerade eingeführten Masterstudiengang. Die Umstellung auf Bachelor- und Masterabschlüsse findet zurzeit auch in Deutschland statt und ist Bestandteil des so genannten Bologna-Prozesses, durch den ein „gemeinsamer Europäischer Hochschulraum“ entstehen soll. Das Masterprogramm „Europäische Wirtschaft“ an der ökonomischen Fakultät wird als Kooperationsprojekt mit Wirtschaftswissenschaftlern der Universität Bamberg durchgeführt. Das Studium dauert zwei Jahre. Die Teilnehmer werden nach ihren bisherigen Prüfungsabschlüssen ausgesucht; es zählt der Notendurchschnitt aus der gesamten Studienzeit. Hinzu kommt dann noch ein Test.

Alle Masterstudenten haben bereits einen Studienabschluss und üben eine Berufstätigkeit aus. Der Arbeitgeber gibt sein Einverständnis; eine vorübergehende Dienstfreistellung ist damit jedoch nicht verbunden. Die Kurse finden abends oder an den Wochenenden statt. Unterrichtet wird in Englisch. Die Studiengebühr liegt zwischen Euro 1100,- für Beschäftigte in der Privatwirtschaft und Euro 750,- für Beschäftigte im öffentlichen Dienst.

Masterstudiengänge sind sehr beliebt, ebenso wie die Teilnahme an Sommerschulen. Die meisten der 36 Teilnehmer sind Frauen, und – wie ich nach und nach aus Gesprächen erfahre – sie schultern nicht nur Beruf und Masterstudiengang, sondern haben oft auch noch kleine Kinder zu versorgen. Auch wenn vielfach Mütter und Schwiegermütter helfen, kann ich mir die Belastung gut vorstellen. Viele meiner Studenten berichten, dass sie in ihrem Beruf in der einen oder anderen Weise mit der Europäischen Union zu tun haben, meist in Fragen der Rechtsangleichung. Albanien muss im Rahmen des EU-Stabilisierungs- und Assoziierungsprozesses wie alle anderen SAP-Staaten das EU-Recht übernehmen. Meine Studenten möchten gerne mehr über die Zusammenhänge in der europäischen Integration und die Funktionsweise der Europäischen Union erfahren.

Anders als in den ökonomischen Fächern, wo die Master-Studenten bereits ein abgeschlossenes Studium vorzuweisen haben, kann ich in meinem Fach nicht von größeren Vorkenntnissen ausgehen. Meine Kursteilnehmer sagen, dass sie nie Lehrveranstaltung zur „Europäischen Integration“ belegt hätten. Dies mag nicht verwundern, liegt doch die Hinwendung Albaniens zur Europäischen Union erst wenige Jahre zurück. Auch bei den Professoren gibt es hierzu noch keine große Expertise. Andererseits lassen sich gute Ergebnisse in einem Masterstudiengang nur erzielen, wenn bereits Grundkenntnisse vorhanden sind.

In Verbindung mit dem Europa-Tag, der in Erinnerung an die Europa-Erklärung von Robert Schuman vom 9. Mai 1950 begangen wird, fand in Tirana ein Wettbewerb zwischen Studenten verschiedener Universitäten und Fakultäten statt. Gestestet wurde das Wissen über die Europäische Union. Den ersten Preis, den Besuch einer Sommerschule in Deutschland, gewann eine Studentin aus der ökonomischen Fakultät. Wir unterhielten uns: Nein, eine Lehrveranstaltung über die Europäische Union hätte es auch für sie an der Fakultät nicht gegeben. Sie habe aus dem Material gelernt, das das albanische Integrationsministerium für den Test zur Verfügung stellte. Diese Anekdote illustriert, wie groß das Interesse ist. Ich habe der Fakultät vorgeschlagen, das Fach „Europäische Integration“ bereits vom ersten Studiengang an einzuführen. Eine Schwierigkeit scheint zu sein, dass dafür ein anderes Fach abgeschafft werden müsste, da die bei uns übliche Möglichkeit, zwischen verschiedenen Fächern zu wählen, bisher nicht besteht.

Englisch ist die internationale Kommunikationssprache – und daher für die Studenten ein „Muss“. Angesichts der engen Zusammenarbeit mit Deutschland, insbesondere auch im akademischen Austausch, sind gute Deutschkenntnisse jedoch ebenfalls wünschenswert, wenn nicht dringend erforderlich.

Viele meiner Studenten streben ein Studienjahr in Deutschland an – und dafür müssen sie Deutsch können. Ich habe daher auch in diesem Jahr wieder ein deutschsprachiges Seminar zur Europäischen Integration angeboten, das bei den Germanisten großes Interesse fand. Es waren vorwiegend Studenten aus der „Dolmetscherklasse“, die ihre EU-Kenntnisse mit Blick auf ihre zukünftige Berufstätigkeit verbessern wollten. Auch in Elbasan habe ich ein halbtägiges Seminar in deutscher Sprache gehalten.

Durch die albanischen Berge nach Kosovo

Warten auf den Minibus
Warten auf den Minibus

Die ökonomische Fakultät in Prishtina lädt mich zu einem Vortrag ein. Ich freue mich darüber, doch wie komme ich am besten dorthin? Es gibt zwei Routen: über Mazedonien, was schon wegen der besseren Straßen zu empfehlen ist, oder durch die albanischen Berge über Kukes direkt zur Grenze nach Kosovo. Als Albaner fährt man über Kukes mit Bus oder Minibus. Die Strecke soll landschaftlich sehr schön sein; auf der Weiterfahrt komme ich über Prizren, wo ich auch gerne hin möchte. Also entscheide ich mich für die albanische Variante.

Nächste Frage: Wie finde ich mit meinen spärlichen Albanischkenntnissen einen „sicheren“ Minibus, weiß ich doch nicht einmal, wo und wann die genau abfahren. Ich ziehe einen Nachbarn und Freund meiner Vermieter zu Rate, der aus Kukes kommt und sich auskennt. Er hat, wie übrigens viele Albaner, eine hohe Meinung von Deutschland und hilft mir gern.

Wir verabreden uns morgens um halb sieben, er bringt mich zu den Bussen am Stadtrand von Tirana und sucht den nach seinen Worten besten Minibus mit dem zuverlässigsten Fahrer aus. Die Plätze neben dem Fahrer sind schon belegt, aber in der zweiten Reihe kann ich Platz nehmen. Später bin ich froh, nicht vorne zu sitzen, denn ich
sehe keine Sicherheitsgurte und bei den vielen Kurven und der holprigen Straße muss man sich schon gehörig festhalten.

Acht Leute passen in den Bus, und die müssen auch zusammenkommen, damit die Rechnung stimmt. Mit mir sind es vier. Wir warten noch einige Zeit. Zwischen acht und halb neun geht es dann los. Für die etwa sieben Stunden, die die Fahrt bis Kukes dauert, sind wir eine Schicksalsgemeinschaft. Ich gebe allen Mitfahrern freundlich die Hand und kläre die Frage, die zunächst am meisten interessiert, mit „une jam gjermane“ – ich komme aus Deutschland. Der kleine Junge, der mit seiner Mutter hinter mir sitzt, weint bitterlich. Die junge Frau tut mir leid, und es wird ihr dann auf der Fahrt auch noch in jeder Kurve schlecht. Für solche Fälle reicht der Fahrer Tüten nach hinten. Zwei „ältere Damen“ sind um mein Wohl besorgt, bieten mir Gebackenes an, das ich lieber nicht nehme, um meinen Magen nicht herauszufordern, und als wir an einer Raststätte halten, wollen sie mir unbedingt die Toilette zeigen. Eine kippt vorher noch ein paar Kübel Wasser hinein, damit es sauber ist. Als ich den Bus verlasse, verabschiede ich mich mit einem herzlichen „gjithe te mirat“ – alles Gute.

In steilen Kehren nach Kosovo
In steilen Kehren nach Kosovo

Die Straße zieht sich den steilen Hang hinauf, ganz unten wird der Fluss immer kleiner. Es kann einem schon schwindelig werden, wenn man nach unten schaut. Die Route lässt sich über eine lange Strecke hinweg verfolgen; Busse und Minibusse schleppen sich dahin, wie früher die Karawanen, denke ich. Wir überqueren mehrere Passhöhen, es geht rauf und runter, immer in engen Kurven; die Nachfrage nach Tüten steigt. Es regnet ein bisschen, aber die Sicht ist ganz gut, weit hinten die Schneeberge der albanischen Alpen. Dann erreichen wir Kukes, das an einem Stausee gelegen und von Bergen überragt ist. Im Kosovokrieg operierten von hier aus die Kosovo-Befreiungsarmee und später die NATO-Truppen. In einem Lager fanden 150 000 Flüchtlinge Unterkunft. Die OSZE und andere Hilfsorganisationen haben Außenstellen in Kukes. Heute wirkt die Stadt friedlich. Abends treiben Kinder Schafe und Ziegen über die Straßen nach Hause und dann beginnt der Korso.

Abend in Kukes
Abend in Kukes

Doch die Spuren des Kosovo-Krieges sind noch nicht beseitigt. Die Albanian Mine Action Executive versucht von Kukes aus mit internationaler Hilfe, darunter Deutschland, die im Krieg verminten nordalbanischen Gebiete zu säubern. Die Gegend gehört zu den ärmsten Regionen Albaniens. Die Bevölkerung lebt von einer kärglichen Landwirtschaft, der sie nun auch nicht mehr nachgehen kann, da die Felder vermint sind. In den verminten Abschnitten blüht der Schmuggel.

Die Schmuggelware wird auf Eseln transportiert, die ohne Begleitung durch das Minengebiet geschickt werden. Sie können sich die Lage der Minen erstaunlich gut merken und suchen sich einen sicheren Weg. Wenn man in Albanien sagt, „du bist ein guter Esel“, ist das ein Kompliment.

In Prishtina

Blick auf Prishtina; vorne links die UNMIK-Station
Blick auf Prishtina; vorne links die UNMIK-Station

Von Kukes nach Prishtina fährt mich ein Freund meiner Freunde in Tirana und ich genieße die „neue“ Bequemlichkeit. Mein erster Eindruck von Kosovo: Es sieht aufgeräumter aus als in Albanien. Auch die Straßen sind besser. Die Landschaft ist zunächst leicht hügelig und dann erreichen wir nach einer Anhöhe mit weitem Blick die Ebene, auf der das Amselfeld liegt, wo 1389 die entscheidende Schlacht gegen die Türken verloren wurde. Als ich in Prishtina im Hotel Grand ankomme, das mehr Sterne hat als es verdient, bin ich zehn Stunden unterwegs, voll neuer Eindrücke und auch stolz, es gewagt und geschafft zu haben. Vom Zimmer aus sehe ich auf die UNMIK-Station und den Einkaufsboulevard.

Es regnet es in Strömen und ist ziemlich kalt geworden. Wir haben Mitte Mai und als ich in Tirana abfuhr, war es bereits heiß. Doch albanische Freunde haben mich gewarnt: Nimm warme Sachen mit, in Prishtina ist es immer etwas kühler. Die Stadt liegt etwa 660 m hoch. Wie gut, dass ich auf den Ratschlag gehört habe. In der Hotelhalle wartet einer der Professoren auf mich und wir gehen in ein Café, um den morgigen Tag zu besprechen. Dann überlege ich, was ich aus diesem verregneten Abend noch machen könnte: Das Hotelrestaurant ist leer, kein einziger Gast. Ich frage, wo man in der Nähe gut essen kann. Gleich gegenüber ist das „Toskana“, wo ich hingehe. Nur zwei Tische sind besetzt, aber ich werde gut bedient und habe auch wirklich Hunger. Der Tag zieht noch mal an mir vorbei: die großartige Landschaft, die Strapazen der langen Fahrt und das Gefühl, ein neues Balkankapitel geöffnet zu haben. Am nächsten Morgen treffe ich mich mit meinen Gastgebern im Rektorat und dort treffe ich Teuta, die an der Universität für internationale Beziehungen und für die Betreuung ausländischer Gäste zuständig ist. Sie hat sechs Monate in Marburg gelebt, spricht ein einwandfreies Deutsch, studiert deutsche Sprache und Literatur und hat gerade erfahren, dass sie meinen Vortrag übersetzen soll. Wir verstehen uns auf Anhieb.

Der große Hörsaal ist voll, alle hören aufmerksam zu. Ich spreche deutsch und oft scheint man mich auch schon verstanden zu haben, bevor Teuta übersetzt. Viele Kosovaren waren einige Jahre in Deutschland und sind dann nach dem Krieg zurückgekehrt.

Nachdem ich den ersten Teil meines Vortrags gehalten habe, möchte ich das Ganze auflockern und gebe Gelegenheit, Fragen zu stellen. Es entsteht eine lebhafte Diskussion, die die ganze restliche Zeit ausfüllt. Glaube ich, dass es einmal die Vereinigten Staaten von Europa geben wird? Gibt es eine europäische Identität? Ist die europäische Integration eher wirtschaftlich oder politisch begründet? Und schließlich: Gehört Kosovo dazu? Einer fragt: Ist es für die EU so schlimm, dass Kosovo in Europa liegt? Die Fragen geben mir Gelegenheit, alles, was ich noch vortragen wollte, mit den Antworten zu erklären. Zum Schluss werden noch von allen Seiten Photos gemacht und Hände geschüttelt. Ich erkundige mich nach den Busverbindungen nach Prizren, wo ich übernachten will. Nein, sagt Teuta, mit dem Bus fahren Sie nicht. Viele unserer Leute wohnen in Prizren und wir sehen, dass Sie jemand mitnimmt. Wenn das nicht geht, fahre ich Sie hin. Wir trinken noch einen Kaffee und gehen ins Rektorat zurück. Dort wird eifrig nach einer Mitfahrgelegenheit für mich telefoniert. Um halb fünf soll ich im Hotel abgeholt werden. Vorher kann ich mir noch die Stadt ansehen.

Prishtina ist in der kommunistischen Zeit stark gewachsen; Neubauten bestimmen das Stadtbild. Doch man findet auch noch Bauten aus der osmanischen und
der königlich-jugoslawischen Zeit. Ich gehe die Hauptgeschäftsstraße mit den kleinen Straßencafés entlang; auffallend viele Läden stellen Braut- und Abendkleider aus. Die Menschen sehnen sich nach besseren Zeiten, denke ich. Die Arbeitslosigkeit ist groß und viele kommen nur dank der Überweisungen der „Gastarbeiter“ zurecht. Das Museum zeigt eine kleine Ausstellung mit Exponaten von Ausgrabungen, die in den letzten Jahren durchgeführt wurden, zum Teil aus der illyrischen und auch der römischen Zeit.

Im Hotel treffe ich meine Fahrgemeinschaft nach Prizren. Zwei Studentinnen, die über das Wochenende nach Hause fahren, eine junge Ärztin, die fährt, und deren Mutter. Wir unterhalten uns. Im Kosovokrieg war sie wie viele Kosovaren in Tirana. Meine Vermieter haben erzählt, dass bis zu 70 Flüchtlinge damals in ihrem Haus und dem Restaurant untergekommen sind. Am Straßenrand sieht man immer wieder Gedenksteine mit Blumen, die an die Opfer und Vermissten des Krieges erinnern. In Prishtina sah ich an der Straße eine ganze Wand mit Vermisstenphotos. In Prizren lade ich alle noch zu einem Drink ein, und mache vorher eindeutig klar, dass es meine Einladung ist. Im Balkan ist man Gast und es ist sehr schwierig, selbst jemanden einzuladen.

In Prizren ruft der Muezzin

 Morgens weckt mich der Muezzin
Morgens weckt mich der Muezzin.

Prizren liegt an den Hängen eines kleinen Flusstals und mutet orientalisch an. Für Albaner ist es die Stadt der Prizren League, die sich 1878 gebildet hat, um für die Befreiung Albaniens von der Türkenherrschaft zu kämpfen.

Im Museum finden sich Bilder und Trachten aus dieser Zeit; die großen geistigen Führer der Albaner in türkischen Gewändern und mit entschlossenem Blick. Eine Tafel erklärt, dass das Museum mit allen Erinnerungsstücken im März 1999 von den Serben dem Erdboden gleich gemacht wurde. Die Reste fand man auf dem Müll. Im Kosovokrieg war Prizren das Zentrum der Kosovo-Befreiungsarmee.

Ich gehe durch Prizren, vorbei an dem alten türkischen Bad und kleinen Moscheen, die Geschäftsstraße entlang mit ihren Braut- und Abendkleidermoden und über die Promenade am Fluss mit den vielen Restaurants und Cafés.

Deutsche KFOR-Soldaten in Prizren
Deutsche KFOR-Soldaten in Prizren

Überall UNMIK- und KFOR-Wagen. Ich spreche ein paar deutsche Soldaten an, die auf einer Brücke patrouillieren, zwei kommen aus Leipzig, einer aus Ulm. Wie es ihnen geht? Naja, sie sind noch nicht lange hier. Die Sonne scheint und am Fluss ist viel Betrieb. Wenn wir hier stehen, fühlen sich die Menschen sicherer, meinen sie. Wir haben ein Auge auf die vielen Kinder. Im März 2004 war es im Kosovo zu Ausschreitungen gekommen, nachdem Kinder auf nicht ganz geklärte Weise ertrunken waren.

Das zerstörte serbische Viertel
Das zerstörte serbische Viertel

Oberhalb der Stadt sind die Reste einer illyrischen Burg zu sehen, etwas unterhalb die große Sankt Peter Kathedrale. Ich versuche dorthin zu gelangen, komme aber nicht weit. Der Weg führt durch das früher von Serben bewohnte Viertel. Die Häuser sind ausgebrannt und zerstört, mit Stacheldraht abgesichert und ein Schild warnt, nicht weiterzugehen. Ich übernachte im Hotel Theranda, genannt nach der illyrischen Stadt, die hier in der Nähe lag. Es hat mehrere Sterne, die wohl aus besseren Zeiten stammen. Vom Fenster sehe ich auf die große Moschee auf der anderen Flussseite. Im Morgengrauen weckt mich der Muezzin; es hallt von allen Moscheen durch das ganze Tal. Falls hier noch Serben leben, muss das für sie doch als Provokation erscheinen, überlege ich. Im Zentrum der Stadt befindet sich ebenfalls eine Kathedrale mit großen Ausmaßen, die darauf schließen lässt, dass es hier einmal eine sehr aktive serbische Gemeinde gegeben haben muss. Sie ist zerstört und mit Stacheldraht umgeben, wie auch die kleine byzantinischen Kirche gleich gegenüber.

Für die Fahrt nach Kukes nehme ich ein Taxi. Der Fahrer gibt Gas. An der Grenze hält er an und läuft zum Grenzposten vor. Wie sich dann herausstellt, hat er nicht die notwendigen Wagenpapiere für die Einreise nach Albanien. Auch ich habe ein kleines Problem: Im April habe ich eine Aufenthaltsgenehmigung für Albanien beantragt. Das Visum soll ich irgendwann zugeschickt bekommen. Bis dahin soll ich die Quittung vorzeigen, die belegt, dass ich die Gebühr von 7200 Lek bezahlt habe, etwa 57 Euro. Das reicht, sagt man mir. Hoffentlich wissen die das auch an der Grenze, meine ich nur, denn mit dem Stempel, den ich bei meiner Einreise am Flughafen bekommen habe, darf ich nur einen Monat in Albanien bleiben. Allerdings wurde mein Pass bei der Ausreise nach Kosovo nicht kontrolliert, und so kann eigentlich auch keiner feststellen, ob ich länger als einen Monat in Albanien war. Die Logik der ganzen Angelegenheit sind wohl die 7200 Lek. Die Grenzposten interessiert mein „Problem“ nicht, dafür wird mit dem Fahrer heftig diskutiert. Schließlich wird jemand herbeigeholt, der etwas Englisch spricht und mir erklärt, mit dem Taxi könne ich nicht weiterfahren. Aber keine Sorge, das nächste Auto, das kommt, wird mich mit nach Kukes nehmen; dafür sorgen wir. Und so ist es dann auch. Es sind zwei junge Leute, die in Prizren und in Kukes ein Lebensmittelgeschäft betreiben. Man räumt etwas zusammen und ich darf mich nach vorne setzen. Ich suche nach dem wenigen Albanisch, das ich kann, und ziehe das Lexikon aus der Tasche. Wir verständigen uns einigermaßen und sitzen in Kukes noch bei einem Kaffee zusammen. Ich möchte gerne bezahlen, aber das wird entschieden abgelehnt.

Schwäbische Ordensschwestern

Schwester Gracia und Bernadette arbeiten seit 10 Jahren im nordalbanischen Fuzze Arrezi.
Schwester Gracia und Bernadette arbeiten seit 10 Jahren im nordalbanischen Fuzze Arrezi.

Eigentlich will ich wieder mit dem demselben Minibus von Kukes nach Tirana fahren, der mich hergebracht hat. Die Busse fahren allerdings erst ab, wenn alle Plätze besetzt sind. Es ist Sonntagmorgen, die Nachfrage scheint nicht besonders groß zu sein und die Reihe der Busse, die voll werden müssen, ist lang. Wenn ich mir ein Taxi nehme, kann ich zwischendurch mal anhalten; ich würde gerne bei den beiden schwäbischen Ordensschwestern vorbeischauen, die in Fuzze-Arrezi einen Kindergarten eingerichtet haben und in vielfältiger Weise helfen. Der freundliche Albaner, der mich vor ein paar Tagen nach Prishtina gefahren hat, hilft mir bei der Taxisuche. Der weiße Mercedes dort sieht ganz gut aus; ich schaue vor allem auf die Reifen. Der Fahrer möchte zunächst vier Leute in das Auto packen, entscheidet sich dann aber, mich für 4000 Lek nach Tirana zu bringen. Etwa 32 Euro für die ganze Strecke, das kommt mir wenig vor und zur Vorsicht ziehe ich die Scheine aus der Tasche; ja so viel, versichert er. Auf der Herfahrt habe ich 1000 Lek bezahlt, was der Preis pro Person zu sein scheint. In Tirana bringt er mich noch bis vor die Haustür und bekommt dafür 5000 Lek, die er wirklich verdient hat.
Die Strecke ist an diesem Tag wenig befahren und ich bin froh darüber, denn es reduziert die Überholmanöver. Albaner fahren zügig. Etwa auf der Hälfte liegt Fuzze Arrezi, ein verlassener Ort mit hässlichen Mietshäusern, die in kommunistischer Zeit für die Arbeiter der Kupfermine gebaut wurden. Mir fällt auf, dass es in dieser Gegend ein großes Waldsterben gibt, was mir Schwester Gracia bestätigt. Die Umweltbelastung ist hoch; die Kupfermine ist von einer türkischen Firma übernommen worden, die es mit dem Umweltschutz auch nicht so genau nimmt.

Sie und Schwester Bernadette sind vom Erzbischof von Shkodra hierher geschickt worden und schon zehn Jahre hier. Sie haben sich ein nettes Haus mit Garten etwas oberhalb des Ortes eingerichtet. Daneben wird gerade der Neubau für den Kindergarten mit 70 Kindern fertig gestellt. „Wir finden,“ sagen die Schwestern. „wir müssen bei den Kindern anfangen.“ Es ist die Gegend des Kanun, der Blutrache, und die Kinder leiden besonders darunter.

Bunker deutscher Soldaten aus dem 2. Weltkrieg
Bunker deutscher Soldaten aus dem 2. Weltkrieg

Weiter unten eine ziemlich große Kirche, schätzungsweise 90 % der Bevölkerung sind hier katholisch; genaue Daten gibt es allerdings nicht. Mit den verschiedenen Projekten kommt auch neue Beschäftigung in den Ort; etwa 20 Leute arbeiten für die Mission.

Ich hätte gerne noch mehr gefragt, aber die Zeit ist zu kurz. Die beiden möchten zu dem Volksfest, das im Ort stattfindet. Ich komme mit und wir sind sofort von Kindern und Erwachsenen umringt. Ein kleiner Junge führt mir die Deutschkenntnisse vor, die er in einem Fernsehkurs gelernt hat, und die Eltern stehen stolz daneben. Als ich meinen Fahrer suche, finde ich ihn an der verabredeten Stelle nicht. Wie konnte ich nur so unvorsichtig sein, mir nicht einmal seine Handynummer geben zu lassen. Hat er sich mit meiner Tasche davon gemacht? Aber da ist wirklich nichts Wertvolles drin und schließlich will er doch sicher seine Leks. Nach einigem Warten taucht er auf; er hat rasch etwas gegessen. Auf der Weiterfahrt wird es ziemlich heiß; ein Reifen geht kaputt und wird mit großer Routine gewechselt. In einer ungemütlichen Raststätte am Straßenrand gibt es noch etwas zu trinken und dann erreichen wir ohne weitere Zwischenfälle Tirana, das mir auf einmal richtig großstädtisch vorkommt.

Ein volles Programm in Skopje

Die steinerne Brücke von Skopje.
Die steinerne Brücke von Skopje.

In Prishtina lerne ich den deutschen DAAD-Lektor kennen. Er ist auch für Mazedonien  zuständig und schlägt vor, doch auch in Skopje und an der Süd-Ost-Universität in Tetovo Vorträge zu halten, die als Versöhnungsprojekt nach dem Krieg gegründet wurde. Leider war es für Tetovo schon zu spät, da das Semester Mitte Juni bereits beendet war. Für Skopje bekomme ich mit Unterstützung der Deutschen Botschaft ein volles Programm und bleibe drei Tage dort. Besonders lebhaft geht es in dem Workshop zu, den ich mit Mitgliedern der mazedonischen Sektion des European Youth Parliament veranstalte. Die Teilnehmer sind gut informiert und stellen interessierte Fragen.

Mazedonien hat 2004 einen Antrag auf Beitrittsverhandlungen gestellt und wartet nun darauf, den Kandidatenstatus zu erhalten.

Vor ein paar Tagen wurde der Vertrag über eine Verfassung für Europa in den Referenden in Frankreich und den Niederlanden abgelehnt. „Bringt dies den EU-Beitritt Mazedoniens in Gefahr?“, ist die Frage, die alle am meisten interessiert. Ich versuche abzuwägen, erkläre die Schwierigkeiten in der EU-25 und die Verunsicherung in der Bevölkerung über die Auswirkungen der Erweiterung auf ihre persönliche Situation. Die institutionellen Reformen des Verfassungsvertrags sollen die Handlungsfähigkeit der Europäischen Union stärken, vor allem in der Gemeinsamen Außen- und Sicherheitspolitik. Aber ohne den neuen Vertrag befindet sich die EU nicht in einem vertragslosen
Zustand. Wenn die Mitgliedstaaten das wollen, könnten einige Neuerungen auch auf der Basis des Nizza-Vertrages oder mit kleineren Vertragsanpassungen umgesetzt werden.
Der Stabilisierungs- und Assoziierungsprozess für den westlichen Balkan sieht bestimmte Abläufe und Verfahren vor, und die Europäische Kommission wird dafür sorgen, dass sie eingehalten werden.

Die Heranführungsstrategie an die EU ist im Gang. Die SAP-Staaten haben eine Beitrittsoption, wenn sie die Kopenhagener Kriterien erfüllen. Doch die Kommission wird darauf achten, dass Reformen nicht nur auf dem Papier stehen, sondern tatsächlich angewandt werden – und hier hapert es häufig noch sehr.

Die Kommission legt ihre Stellungnahmen dem Rat vor, der über jeden weiteren Schritt einstimmig entscheidet. Beitrittsverträge müssen von allen Mitgliedstaaten und von den Beitrittsländern ratifiziert werden, und in einigen Staaten könnten Referenden durchgeführt werden, deren Ausgang man nicht vorhersagen kann.
Die Presse ist bei allen Veranstaltungen dabei und ich gebe Interviews. Als mir die Deutsche Botschaft später freundlicherweise eine Übersetzung der Zeitungsberichte zuschickt, staune ich: „Der Beitritt Mazedoniens zur EU könnte sich um ein Jahr verzögern, sagt die deutsche Europaexpertin …“. So lautet in jeder Meldung der zweite Satz. Das habe ich nie gesagt; einer hat´s erfunden und alle anderen abgeschrieben. Es trifft das, was man hören wollte. Was im Weiteren berichtet wird, ist korrekt: Man kann das Datum für den mazedonischen Beitritt nicht voraussagen! Mazedonien, wie Albanien, bekommen im Rahmen des Stabilisierungs- und Assoziierungsprozesses ganz erhebliche Unterstützung für die Transformation und müssen das Beste daraus machen, nicht der Europäischen Union, sondern ihrem Land zuliebe. Eine albanische Freundin schickt mir aus Tirana eine SMS: ,Habe Dich gerade im Fernsehen gesehen, sah gut aus!‘ Zwischendurch habe ich etwas Zeit, Skopje anzuschauen. Die Stadt ist von Bergen umgeben. Wahrzeichen ist die steinerne Brücke, die Altstadt und Neustadt verbindet. Ich spaziere zunächst durch die vorwiegend von Albanern bewohnte Altstadt. In der Einkaufsstraße fallen die vielen Schmuckläden und Goldhändler auf. Ganze Familien, die Frauen meist verschleiert, begutachten die Auslagen. Offensichtlich wird über größere Anschaffungen oder Geldanlagen beraten. Vielleicht steht eine Hochzeit bevor, denke ich mir, und die Brautkleider – mit dezentem Schleier – kann man gleich nebenan kaufen. Dann erreiche ich den Bazar; das Angebot ist bunt und verlockend. Ich höre das albanische „shume mire“ (sehr gut). In der Neustadt lädt die moderne Fußgängerzone ein. Ich kaufe eine Zeitung und lese sie in einem der zahlreichen bequemen Cafés.

In Mazedonien unterwegs

Köstlichkeiten im Bazar
Köstlichkeiten im Bazar

Der Weg von Tirana nach Skopje führt über Ohrid, das ich mit einem Bus erreiche. Von dort bringt mich ein Taxi weiter. Die Fahrt geht steil durch die Berge und mitten durch ein überwiegend von Albanern bewohntes Gebiet. Sehen Sie sich mal diese schönen „Villen“ an, meint Vlatko, mein Fahrer. Das Geld kommt von den Emigranten. Einem Mazedonier würde hier niemand ein Grundstück verkaufen.

In Tetovo halten wir an und besuchen die reich ausgemalte Moschee aus dem 15. Jahrhundert und die von einem großen Garten umgebene Theke, ein Derwisch-Kloster des muslimischen Bektashi-Ordens. Die Männer, die in dem kleinen Café am Eingang herumsitzen, wirken zunächst abweisend. Wir trinken einen kafe turke, und als wir gerade wieder gehen wollen, fragt einer auf Englisch, ob er uns die Anlage zeigen soll. Heraus kommt: In kommunistischer Zeit gab es hier mehrere Lokale und ein Museum. Nun streiten sich Muslime und Bektashi um den Besitz. Im Krieg, der erst vier Jahre zurückliegt, hielten sich hier Albaner versteckt. Die Einschüsse an der Hauswand sieht man noch.

Als wir uns bei der Stadtausfahrt verfahren, fragen wir einen Passanten nach dem Weg. Da er in dieselbe Richtung muss, fährt er ein Stück mit. Er ist Albaner und mein mazedonischer Fahrer meint, als Menschen verstehen wir uns, es ist die Politik!

Abend am Ohrid-See
Abend am Ohrid-See

In Skopje verabrede ich mit meinem Fahrer, dass er mich in drei Tagen wieder dort abholt. Diesmal fahren wir „anders herum“, in südöstliche Richtung über Veles, Prilep und Bitola zurück nach Ohrid. Vlatko meint, damit hätte ich bereits 80 Prozent des kleinen Landes gesehen, über das die Geschichte häufig hinweggegangen ist: Rom, Byzanz,
Slaven, Bulgaren und wieder Byzanz, dazwischen mal ein eigenes, kurzlebiges Zarenreich. „Womit identifizieren Sie sich?“, fragte ich zwei junge Mazedonierinnen, die ich nach einer Veranstaltung in Skopje zum Essen einlud. „Mit Alexander dem Großen“, war die umgehende Antwort. Damit liegt der ganze Konflikt mit den Griechen auf dem Tisch! Die beiden erzählen dann noch von einer Sommerschule in Deutschland, wo sie mit jungen Albanern zusammengekommen sind. Auf einmal entdeckten wir Gemeinsamkeiten, vor allem in der Musik.

Auf der Fahrt erreichen wir eine Hochebene, auf der der beste Wein Mazedoniens wächst. Die Straße zieht sich am Varda-Fluß entlang und über mehrere Pässe. Wir halten in Bitola, dem früheren Monastir, das einmal Zentrum eines türkischen Paschaliks war.

Die orthodoxe Kirche erscheint von außen unauffällig und ist innen mit kunstvollen Holzschnitzereien und Ikonen ausgestattet. So tarnte man sich; die Türken tolerierten Kirchen, wenn sie nicht auffielen. Die Kirche soll in einer Rekordzeit errichtet worden sein, wohl um Fakten zu schaffen.

Mazedonien erscheint mir als ein sehr christliches Land. Probleme gibt es im Augenblick mit der serbischen Kirche, die die Eigenständigkeit der mazedonischen Kirche nicht anerkennen will. Die mächtige Moschee, gleich gegenüber der Kirche, ist heute ein Museum. In der Fußgängerzone flanieren viele Griechen; die Grenze ist nicht weit weg. Die kommen zum Einkaufen her, sagt Vlatko. Hier ist es billiger und, im Unterschied zu uns, brauchen die Griechen kein Visum.

Ich bleibe noch ein paar Tage in Ohrid, besuche die zahlreichen byzantinischen Kirchen, das römische Amphitheater sowie die alles überragende Burg, und genieße den Blick über den See mit den Bergen im Hintergrund. Vlatko bringt mich nach Sveti Naun, einer berühmten Kirchenanlage am anderen Ende des Sees, kurz vor der albanischen Grenze. Hier entspringt der schwarze Drim, der in Nordalbanien verschiedene Seen durchfließt und schließlich von Shkodra aus als Buna in die Adria mündet. Wir kommen an einem Bunker vorbei, der wie die albanischen Hoxha-Bunker aussieht, die dort das ganze Land durchziehen. Nein, den haben die Deutschen im Zweiten Weltkrieg gebaut, und Vlatkos Großvater kann noch erzählen, wie er als Junge den Partisanen Wasser und Essen gebracht hat.

Mit einem Boot fahren wir zu einer kleinen Kirche, die man nur so erreicht. Sie ist schon ziemlich beschädigt und wird nun von einem alten Mann bewacht. Er fragt, ob wir ihn auf der Rückfahrt zu seinem Dorf mitnehmen können; es ist Mittagszeit. Das Boot fährt dicht an den steilen Felsabhängen entlang. Ganz oben gab es einmal eine römische Siedlung und irgendwo in den Felsen ist ein Goldschatz vergraben. Viele haben schon danach gesucht, aber niemand hat ihn bisher gefunden. Der alte Mann erzählt so anschaulich, dass ich mir gut vorstellen kann, wie diese Geschichte über die Jahrhunderte überliefert wurde.

Für die Rückfahrt nach Tirana bringt mich Vlatko bis an den Grenzübergang. Das letzte Stück zur Grenzkontrolle muss ich zu Fuß gehen. Der Koffer, den ich mir in Tirana für diese Reise gekauft habe, ist bereits kaputt. Man kann ihn nur noch mühsam rollen und es ist heiß. Ich gehe weiter durch das Niemandsland zur albanischen Grenzkontrolle und zahle die üblichen zehn Euro „Einlassgebühr“. Von Ohrid aus hatte ich Romeo in Tirana angerufen. Er war einige Zeit mit der Familie in Deutschland, fährt einen Mercedes und freut sich, wenn er damit etwas verdienen kann. Ja, er ist da und kommt mir vom Parkplatz entgegen.

Albanische Parlamentswahlen

Den albanischen Parlamentswahlen am 3. Juli 2005 kommt große Bedeutung zu. Die internationale Gemeinschaft hat deutliche Warnungen gegeben:

Die Wahlen müssen nach demokratischen Standards durchgeführt werden. Für die Europäische Union ist dies eine Voraussetzung für die Unterzeichnung des Stabilisierungs- und Assoziierungsabkommens, das den nächsten Schritt in der europäischen Integration Albaniens einleiten soll.

Mit Unterstützung der OSZE wurde das Wahlgesetz überarbeitet und ergänzt, um Mängel zu beheben, die insbesondere bei den Kommunalwahlen von 2003 aufgetreten waren. Ein besonderes Problem ist die Registrierung der Wähler; es gibt keine verlässliche Einwohnermeldestatistik. Die vorläufigen Wählerlisten werden öffentlich ausgehängt, und wer sich dort nicht findet, kann sich nachträglich eintragen lassen. Die hierfür notwendigen Dokumente zu beschaffen, soll allerdings ziemlich umständlich sein, höre ich. Die Behörden sind nur stundenweise geöffnet; Papiere müssen vom Notar beglaubigt werden. Manche wollen sich auch nicht registrieren lassen, da sie in Unterkünften leben, die nicht genehmigt sind. Die OSZE erklärt das Verfahren und versucht, die Wähler für die Wahl zu gewinnen. Es gibt übrigens in Albanien keine Briefwahl; wer zum Beispiel in Tirana arbeitet, aber in irgendeinem Dorf im Norden oder Süden gemeldet ist, dürfte es bei den schlechten Verkehrsverbindungen schwer haben, zur Wahl zu gehen.

Das albanische Wahlgesetz begünstigt die beiden großen Parteien, die Sozialisten unter Fatos Nano und die Demokraten unter Sali Berisha. Von den 140 Parlamentssitzen werden 100 durch Direktwahl vergeben. Der neue Regierungschef dürfte daher entweder wieder Nano heißen, oder Berisha, der das Land bis 1997 sehr autoritär geführt hat. Seine Anhänger meinen, er habe sich seitdem grundlegend geändert und die ganze „Mannschaft“ sei besser als früher. Zu den Wahlversprechen Berishas gehören der Kampf gegen die Korruption, die Stärkung von Gesetz und Rechtstaatlichkeit und die Abschaffung der Privilegien der Regierungsvertreter. Inzwischen zum neuen Regierungschef gewählt, wird er dies unter Beweis stellen müssen. Das Wort des Jahres müsste in Albanien eigentlich „Mega Dushk“ heißen; es steht für die Methode, mit der um die Verteilung der 40 Listenplätze gekämpft wurde, die wie folgt funktioniert:

Eine Partei, die bereits über die Direktwahl eine bestimmte Anzahl von Sitzen erhalten hat, kann über die Listenwahl kaum mehr Sitze gewinnen. Sie empfiehlt daher ihren Wählern, auf der Liste eine der kleinen Parteien anzukreuzen, die sie zu ihrem Lager rechnet. Diese fordert dann umgekehrt ihre Anhänger auf, dem Direktkandidaten der großen Partei die Stimme zu geben.

Das Verfahren wurde zum ersten Mal bei den Wahlen 2001 in einer Nachwahl in Dushk (Mittelalbanien) von den Sozialisten mit Erfolg angewandt, die damit ihnen nahe stehenden kleinen Parteien halfen, die 2,5 Prozenthürde für den Eintritt ins Parlament zu nehmen, und so ihre „Hausmacht“ ausweiten konnten. Bei den Wahlen 2005 wurde das „System“ von beiden Parteien perfektioniert.

Nach welchem Schema die einzelnen kleinen Parteien dabei zum Zuge kommen, bleibt unklar. So soll es zum Beispiel vorgekommen sein, dass sich der Führer einer der großen Parteien ganz eindeutig dafür aussprach, in diesem Wahlkreis bei der Listenwahl allein für den Kandidaten oder die Kandidatin von Partei X zustimmen. Die Kandidaten anderer Parteien aus dem gleichen Lager, die ebenfalls für das Direktmandat der großen Partei kämpfen mussten, hatten dadurch einen schweren Stand. In einigen Fällen sollen auch Mitglieder der großen Partei plötzlich als Kandidaten einer kleinen Partei aufgetreten sein, so dass der Wähler gar nicht mehr erkennen konnte, wen er wählt. Schon in der Wahlnacht sickerte das Ergebnis durch: Berisha ist der mutmaßliche Sieger. Aber es dauerte mehr als eine Woche, bis die Stimmen ausgezählt waren. In vielen Wahlkreisen wurde das Ergebnis angefochten, und zwar von beiden Parteien. Am 11. September wurde dann die neue Regierung bestätigt. Im Urteil der Beobachter sind die Wahl und der Regierungswechsel friedlich verlaufen und auch korrekter als in früheren Jahren, auch wenn es noch manches zu verbessern gibt.

Regionalentwicklung in Albanien

Albanien hat eine große Landflucht. Die Lebens- und Arbeitsbedingungen in den Randgebieten sind so viel schlechter als in den Städten, dass jeder, der kann, wegzieht. In der kommunistischen Zeit wurden die Menschen zur Zwangsarbeit dorthin verbannt. Albanien hat wertvolle Bodenschätze, darunter Bauxit, Chrom, Kupfer und Nickel. Doch die Minen sind veraltet, die Transportverbindungen und die örtliche Infrastruktur meist unzureichend; es finden sich keine Investoren.

Regionalentwicklung ist eine Aufgabe, der sich die Regierung erst langsam anzunehmen beginnt. Anstöße kommen von außen:

Um EU-Mittel für die regionale Strukturförderung zu erhalten, muss sich Albanien regional besser organisieren. Dazu gehört insbesondere auch eine größere Unabhängigkeit der Regionen und Kommunen von der Zentralregierung im Sinne von Selbstverwaltung und einem eigenen Budget.

An einer Reform der regionalen Verwaltungsstrukturen wird gearbeitet. Bisher scheint Tirana aber noch kaum bereit zu sein, den Regionen mehr Eigenständigkeit und vor allem eigene Einnahmen zuzugestehen.

Tourismusförderung in Velipoja, ein Projekt der GTZ
Tourismusförderung in Velipoja, ein Projekt der GTZ

Die Deutsche Gesellschaft für Technische Zusammenarbeit (GTZ) unterstützt die wirtschaftliche Entwicklung in Nordalbanien mit einem groß angelegten Förderprojekt. Es wurde ein Konzept für die Einführung von Wirtschaftsregionen erarbeitet, an der sich die Förderung ausrichten kann. Mit gezielten Maßnahmen sollen vorhandene Ressourcen besser genutzt und traditionelle Fähigkeiten neu entwickelt werden. In Shodra gibt es zum Beispiel eine Handwerkstradition, die man wieder beleben will. Im Aufbau ist ein „Handwerkerhof“, eine Art Basar, der Hersteller und Abnehmer zusammenbringt. Nordalbanien ist wegen seiner Heilkräuter berühmt, was man kommerziell nutzen möchte. Es werden Märkte eingerichtet, um den Bauern zu helfen, ihre Produkte zu vertreiben. Ein besonderes Anliegen sind Tourismusförderung und Marketingschulung.

Blick über die Buna nach Montenegro
Blick über die Buna nach Montenegro

Ich habe Gelegenheit, mir einige Projekte anzusehen, darunter Velipoja. Der Ort liegt an einem breiten Sandstrand und ist für Albaner und Kosovaren ein beliebtes Wochenend- und Ferienziel. Es sind manchmal ganz einfache Dinge, mit denen das touristische Angebot verbessert und auch Beschäftigung geschaffen werden kann. So wurden zum Beispiel am Strand Mülltonnen aufgestellt, die auch regelmäßig entleert werden. Die Inhaber von Hotels und Pensionen werden im Management beraten. Wer sich selbst versorgen will, kann das auf dem kleinen Bauernmarkt tun, wo täglich frische Ware angeboten wird. Besonders reizvoll ist das Hinterland mit seiner Hügellandschaft und abgeschiedenen Lagunen. Auf einer sandigen Waldstraße erreichen wir die Buna, den Grenzfluss zwischen Albanien und Montenegro.

Fragen aus Deutschland

Auf meine „Shqiperi-Briefe“ habe ich aus Deutschland Fragen bekommen: Wie funktioniert das Gesundheits- und Sozialsystem, wie hoch sind Einkommen und Steuern, wie hoch sind die Studiengebühren etc. Diese an sich selbstverständlichen Fragen haben mir eigentlich erst richtig bewusst gemacht, wie anders Albanien ist.

Es gibt keine Transparenz über das, was jeder Einzelne beanspruchen kann und bekommt. Das System funktioniert durch die Informalität. Zwar besteht so etwas wie eine öffentliche Gesundheitsvorsorge, aber wenn man krank ist, bekommt man nur dann eine Behandlung, wenn man an den Arzt und das Krankenhauspersonal „zusätzliche“ Zahlungen in für mich unbekannter Höhe leistet.

Das Argument ist, dass die Ärzte so wenig verdienen, dass sie ohne solche Nebeneinnahmen nicht leben können. Gleiches gilt für das Bildungswesen und andere öffentlichen Leistungen. Wer ernsthaft krank ist und es sich leisten kann, geht ins Ausland. Es gibt viele „Frührentner“, die in dem „neuen“ System keine Arbeit mehr finden. Falls sie aus ihrer früheren Tätigkeit eine staatliche Rente bekommen, dann ist sie so niedrig, dass man nicht davon leben kann. Auf dem Land werden die „Alten“ in der Familie mitversorgt, die allerdings auch kaum überleben kann, da die Landwirtschaft brachliegt. Der Familienverbund scheint jedoch noch in Takt zu sein, und in jeder Familie gibt es Angehörige im Ausland, die für den Unterhalt Geld überweisen. Anders würde es wohl gar nicht gehen.

Die Gehälter sind niedrig: Wenn zwei Erwachsene in einer guten Position arbeiten, hat die Familie vielleicht ein Monatseinkommen von 300-350 Euro, rechnet mir eine Freundin vor. Ein Universitätsprofessor verdient etwa 200 Euro, im günstigen Fall 250 Euro im Monat, sagt man mir. Das hat zur Folge, dass jeder Professor so viele Nebenjobs annimmt, wie er bekommen kann. Nebenjobs kommen u. a. aus dem internationalen Beratungsgeschäft, d.h. aus der Beteiligung an Projekten und Studien zur Transformation des albanischen Systems. Hier hat sich für ausländische wie albanische Experten ein großes Betätigungsfeld aufgetan.

Die niedrige Bezahlung von Professoren und Lehrern verleitet auch zur Bestechung im Bildungswesen. Irritiert lese ich von einer Umfrage, bei der 60 Prozent der Studenten sagen, dass sie ihre Professoren für korrupt halten und dass gute Noten gegen Geld und andere Entgegenkommen vergeben werden.

Eine Mutter beklagt sich, dass ihre Tochter, wie alle anderen Schüler, bei der Lehrerin bezahlte Nachhilfestunden nehmen müsse, da diese den Lehrstoff im Unterricht nicht ausreichend vermittle. Ohne eine teuere Nachhilfe werde sie nicht die Abschlussnote erreichen, die für die Zulassung zu einer weiterführenden Schule notwendig sei. Einheitliche Bestimmungen für Studiengebühren gebe es nicht. Eine verbreitete Regelung scheint zu sein, die Zulassung zur Universität entweder von der Note abhängig zu machen, oder, wenn diese nicht ausreicht, von einer entsprechenden Bezahlung. In den Albanienberichten internationaler Organisationen wird darauf hingewiesen, dass das Steueraufkommen niedriger ist als in vergleichbaren Ländern. Dies ist eine indirekte Anspielung auf die mangelnde Steuermoral und vor allem die Unfähigkeit der Finanzämter, die Steuern richtig zu erheben.

Man treibt die Steuern dort ein, wo man am leichtesten zugreifen kann, wie etwa im Außenhandelsgeschäft. Wichtigste Einnahmequelle des Staates ist der Zoll, und Betroffene berichten, dass er oft sehr willkürlich festgelegt wird. Solche Unsicherheiten tragen mit dazu bei, dass sich zum Beispiel deutsche Firmen nur zögernd hier niederlassen.

Meine albanischen Freunde sprechen ganz offen über diese Missstände. Eine Jurastudentin sagt: Recht hat mich schon immer interessiert und bei uns gibt es da noch viel zu tun. Die Eltern nehmen die Ausbildung ihrer Kinder sehr ernst; die junge Generation ist die Hoffnung.

Verborgene Schönheiten

Albanien hat eine lang gestreckte Küstenregion: im Norden die flachen Sandstrände an der Adria und am südlichen ionische Meer die steil abfallende albanische Riviera. Die Verantwortlichen müssen aufpassen, nicht dieselben Bausünden zu begehen, die an anderen Mittelmeerküsten gemacht worden sind. Wo die Küste bereits erschlossen ist, in der Gegend von Durres und in Saranda, schießen Hotels und Apartmenthäuser in die Höhe. Es gibt keine Bebauungsplanung.

An der flacheren Adria wird die Wasserqualität bereits durch unzulängliche Kläranlagen beeinträchtigt. Um die noch unberührten Buchten und Lagunen zu erreichen, braucht man einem Geländewagen. Die schlechten Verkehrswege schützen derzeit noch die Natur. Sie ist ein „asset“ Albaniens und man kann nur hoffen, dass die touristische Erschließung und die Erhaltung der Natur in Zukunft besser Hand in Hand gehen.
Albanien wirbt mit seinen Stränden. Auch die großartigen Gebirgslandschaften hätten wirklich Einmaliges zu bieten. Das Land hat eine reiche Geschichte: Die Ausgrabungen von Apolonia, Butrint und Byllis, Berat mit seinen byzantinischen Kirchen, die Burgen von Shkodra und Kruja und vieles Andere sind eine Reise wert. Manches liegt noch im Verborgenen. Etwas abseits der Autostraße, in der Nähe von Librazhd, muss noch das Pflaster der römischen Via Egnatia zu sehen sein.

Auf dem Land in der Nähe von Tirana
Auf dem Land in der Nähe von Tirana

Ganz nahe bei Tirana, am Fuße des Dajti, kann man Überreste einer alten Siedlung mit einer frühchristlichen Kirche finden. Es ist der Weg, den der Apostel Paulus auf seiner Reise von Kleinasien nach Rom genommen hat; aber es gibt keine Hinweise. In anderen Ländern würde man so etwas groß herausstellen.

Im archäologischen Museum von Tirana hängt eine Karte, auf der die illyrischen Fundstätten verzeichnet sind, oft an völlig unzugänglichen Orten, und auch wenn man hinkommen möchte, findet man niemanden, der einen dorthin führt.

Vor der alten byzantinischen Kirche in den Bergen von Elbasan
Vor der alten byzantinischen Kirche in den Bergen von Elbasan

In Elbasan habe ich Glück: Etwa 15-20 Kilometer außerhalb der Stadt soll eine bemerkenswerte byzantinische Kirche sein. Der Fahrer, der mich zu meinem Vortrag gebracht hat, erkundigt sich nach dem Weg. Er ist also einverstanden, mit mir dorthin zu fahren, auch wenn die Straße sicher sehr schlecht ist. Wie sich später bestätigt, ist es ein Umweg von mindestens zwei Stunden. Wir fahren immer höher in die umliegenden Berge, zum Schluss wird der Weg zu einem steinigen Abhang. Die Kirche wurde von dem berühmten albanischen Ikonenmaler Onufri ausgemalt; sie ist dringend renovierungsbedürftig. Es werden dort noch Gottesdienste abgehalten, aber sonst darf sie eigentlich nur mit einer schriftlichen Genehmigung vom Amt für Denkmalschutz betreten werden. Ich bedanke mich mit einer kleinen Spende. Vor der Kirche wartet eine Schar neugieriger Kinder. Es sind diese kleinen Begegnungen, die mir das Land ans Herz wachsen lassen.

Auf dem Land in der Nähe von Tirana
Auf dem Land in der Nähe von Tirana

Noch wenig entdeckt und erschlossen ist Albanien als Wanderland. Jemand nimmt mich auf eine der Wanderungen mit, zu denen sich ein Kreis von Einheimischen und Ausländern regelmäßig trifft. Wir verteilen uns auf die verfügbaren Wagen und fahren auf einer steilen Piste in die Berge hinter dem Dajti nach Bovilla, einem Stausee, schätzungsweise 1200 Meter hoch, von dem Tirana sein Trinkwasser bekommt. Von dort wandern wir erst am See entlang und dann ziemlich steil am mit Büschen bewachsenen Berghang nach oben. Die Aussicht ist großartig. Ich mache noch weitere Touren mit und lerne so die ländliche Umge-bung Tiranas besser kennen: ein kleiner See, Berge, weidende Kühe – und auf dem Hügel eine kleine Moschee.

Zum Abschied feiere ich mit meinen Studenten die bestandenen Prüfungen und lade meine Freunde ein. Insgesamt war ich zehn Monate in Albanien, habe viel gesehen, erlebt und erfahren. Manchmal war es schwierig, aber es war eine Zeit, die ich nicht missen möchte.

 

Prof. Dr. Elke Thiel, Wirtschafts- und Europawissenschaftlerin, München, elke.thiel@gmx.com

 


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© Bayerische Landeszentrale für politische Bildungsarbeit   •   letzte Änderung am: 28.12.2005 11:24