Von Maria Perreiter (Missio München, Projektabteilung)
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| Lachende Kinder, Finetown Fotos: Andrew McGibbon |
Südafrika gilt zu Recht als eines der reichsten Länder auf dem schwarzen Kontinent – und das, obwohl 61% der schwarzen Bevölkerung mit weniger als 45 Euro im Monat ihren Lebensunterhalt bestreiten müssen. Am meisten betroffen – sind wie überall – die Kinder. 57% der südafrikanischen Kinder leben in absoluter Armut – vergleichbar mit der Armut in Ländern wie Indien oder Liberia.
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| Papiki und Luyanda |
Über zehn Jahre sind seit dem Ende der Apartheid vergangen; die Demokratie hat vieles zutage gefördert, was lange im Verborgenen lag: Armut und Arbeitslosigkeit, Gewalt und Missbrauch von Frauen und Kindern, beengte Wohnräume und Aids. Auch in der Post-Apartheid-Epoche Südafrikas lebt die Mehrheit der schwarzen Bevölkerung in den während der Apartheid geschaffenen Townships oder in illegalen Siedlungen rund um Großstädte wie Johannesburg oder Kapstadt. Hier leben aber auch engagierte Menschen, die sich für die Belange der Ärmsten der Armen einsetzen und ihnen bei der Verbesserung ihrer Lebensumstände helfen.
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| Rosie, Finetown |
Zwei dieser tatkräftigen Persönlichkeiten habe ich auf meiner Projektreise für Missio besucht. Pater Philippe, ein Ordensmann der Weißen Väter, und Schwester Margret von der Kongregation Don Boscos.
Missio, das Internationale Missionswerk der Katholischen Kirche mit Sitz in Aachen und München, unterstützt seit fast 200 Jahren Menschen wie Pater Philippe oder Schwester Margret bei ihrer Arbeit. In über 120 Ländern setzen sich kirchliche Mitarbeiter für die Bekämpfung von Armut und Krankheit, die Durchsetzung der Menschenrechte und die Friedensarbeit in von Kriegen zerrütteten Ländern ein.
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| Von rechts: Andrew McGibbon, Schwester Margret, Maria Perreiter |
Kurz nach meiner Ankunft in Johannesburg treffe ich auf Andrew McGibbon, einen 24-jährigen Südafrikaner, der mich als Fotograf in die Slums rund um die Metropole begleiten wird. Gemeinsam mit Andrew lasse ich am nächsten Morgen das moderne Johannesburg mit seinen Neonreklamen und Lichtern hinter mir. Unser Ziel ist Orange Farm, die wohl bekannteste illegale Siedlung in Südafrika. Nach einer guten Stunde Fahrt treffen wir im Konvent der Weißen Väter, wo wir bereits erwartet werden, ein.
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| Weilers Farm |
Pater Philippe hat es eilig, er will mit uns nach Weilers Farm, einer weiteren illegalen Siedlung. Dort hat er vor einigen Monaten mit Privatspenden aus Belgien ein Zentrum für neun bis zwanzigjährige Jungen errichtet.
Über staubige Pisten vorbei an armseligen Wellblechhütten jagt Pater Philippe seinen altersschwachen Toyota. Nach der rasanter 30-minütigen Fahrt stehen wir vor drei Holzhäusern und einer Wellblechhütte: Thambalabasha, Hoffnung der Jugend, heißt das neu gegründete Zentrum des Paters. Trist und hoffnungslos wirken die Buden am Rande des Slums auf uns. Doch dieser Eindruck ändert sich schlagartig, als wir vor der größten Hütte anhalten und aus dem Wagen steigen. Ca. 60 Jungen stürmen aus den Hütten und umringen die fremden Besucher. Sie lachen und schreien durcheinander, jeder will sich Gehör verschaffen. Philippe stellt uns schließlich vor und bittet alle, sich in der Wellblechhütte, die als Gemeinschafts- und Speisesaal dient, zu versammeln.
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| Sandele beim Essen |
Das Zentrum steht den Kindern nach der Schule offen. Fast alle kommen aus zerrütteten Familien. Zuhause sind sie nicht willkommen. Bevor der Pater das Zentrum eröffnete, lungerten die Kinder auf der Straße herum, sie bettelten, stahlen, nahmen Drogen. Jetzt kommen sie zu Philippe. Dort fühlen sie sich geborgen und erhalten wenigstens einmal am Tag eine kleine Mahlzeit, die ein nah gelegener Supermarkt kostenlos zur Verfügung stellt. Brot, Honig und Joghurt, mehr hat auch der Ordensmann den Kindern nicht anzubieten. Liebevoll schmiert er für die Kleinen Brote und öffnet die Joghurtbecher. Neben dem Essen erhalten die Kinder Nachhilfe und Betreuung bei der Erledigung der Hausaufgaben. Viele können auch mit zwölf oder dreizehn Jahren weder lesen noch schreiben.
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| Pater Philippe im Gespräch mit Luyanda und Papiki |
Pater Philippe versucht durch Gespräche die Kinder zu motivieren, hört ihnen zu und nimmt ihre Sorgen und Ängste ernst. Aber er verlangt auch Mitarbeit und Engagement. Ohne Disziplin und die klare Festlegung von Grenzen geht es nicht. Viele der Kinder und Jugendlichen erfahren oft zum ersten Mal, was Pünktlichkeit, Ehrlichkeit und Geborgenheit bedeuten. Nach dem Essen spielen die Kinder Fußball. Sie alle eifern den „Bafana Bafana“, den „Jungs“, wie die Südafrikaner liebevoll ihre Fußballnationalmannschaft nennen, nach. Lärmend laufen sie über das stoppelige Feld vor dem Zentrum und freuen sich über die neuen Fußbälle, die wir mitgebracht haben.
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| Papiki beim Fußball spielen |
Wir kommen ins Gespräch mit Papiki und Luyanda, zwei Buben, die uns ihre Geschichte erzählen. Beide stammen aus zerrütteten Familien, haben jahrelang auf der Straße gelebt, geklaut und Klebstoff geschnüffelt. Keine Einzelschicksale, wie uns der Ordensmann bestätigt, vielmehr typisch für das Leben fast aller Kinder hier.
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| Portrait Papiki |
Papiki ist 14 Jahre alt. Mit breitem Grinsen und gespieltem Selbstbewusstsein erzählt er uns von seinen Diebstählen, seinen Einbrüchen und Drogenexzessen. Nach Hause geht er nicht gerne. Seine Mutter ist immer betrunken und ihr neuer Freund schlägt ihn und seine achtjährige Schwester.
Er ist froh, dass er nach der Schule zu Philippe kommen kann. Erst seit einem Jahr geht er überhaupt wieder zur Schule. Das Lernen macht ihm Spaß. Stolz erzählt er uns, dass er in Mathematik besonders gut sei. Sein größter Traum: eines Tages viel Geld zu verdienen, um sich ein deutsches Auto zu kaufen; einen Mercedes für sich und seine kleine Schwester.
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| Portrait Luyanda |
Luyanda ist 17. Ein sensibler junger Mann. Ganz anders als der Draufgänger Papiki spricht er von dem Schmerz, der einen quält, wenn man vom eigenen Vater vor die Tür gesetzt wird; ihm ist es so ergangen. Und er träumt von Kunst. Künstler will er werden, um seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Er ist kein großer Redner. Vor fünf Jahren kam er mit seinem Vater und seinen drei Schwestern nach Weilers Farm, weil die Miete für das Haus in Soweto nicht mehr zu bezahlen war. Der soziale Abstieg, der Verlust seiner Freunde und der ständige Streit mit seinem Vater – der ihn schließlich verstoßen hat – haben tiefe Spuren in seiner Seele hinterlassen. Bevor Pater Philippe kam, lebte auch er auf der Straße, schnüffelte Klebstoff und nahm Drogen. Heute lebt Luyanda im Konvent der Weißen Väter, obwohl diese selbst nur beengten Wohnraum haben. Aber zu seinem Vater will und kann er nicht zurück. Pater Philippe versucht immer wieder zu vermitteln, aber der jähzornige Vater hat nur wenig Interesse an seinem einzigen Sohn. Luyanda möchte uns zeigen, wo die Hütte seines Vaters steht. Es ist Dienstag, das trifft sich gut, da arbeitet Luyandas Vater als Gärtner in einem der reichen Villenvororte von Johannesburg. Umgerechnet fünf Euro verdient er dafür pro Tag.
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| Hütte Luyandas |
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| Luyanda mit Schwester Maishe |
In der Hütte treffen wir auf Luyandas älteste Schwester. Maishe ist zwanzig Jahre alt. Die Schule hat sie erfolgreich abgeschlossen. Aber einen Beruf erlernen oder aufs College gehen kann sie nicht. Sie muss sich um ihre jüngeren Geschwister kümmern. Am nächsten Tag machen wir uns nach Finetown auf, in eine andere illegale Siedlung vor den Toren Johannesburgs.
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| Finetown |
Die Kriminalitätsrate ist hoch. Eine Sozialarbeiterin spricht von einer Missbrauchrate bei Kindern und Frauen von 90%. Auch hier werden wir erwartet, von Schwester Margaret, der 69-jährigen Leiterin eines Zentrums für Kinder und Erwachsene mitten im Slum von Finetown. „Unsere Aufgabe ist es, den Kindern ihr Selbstwertgefühl zurückzugeben. Wenn wir ihnen die Möglichkeit geben können, wieder Kind zu sein, Zeit zu haben, um zu lachen und zu spielen, dann haben wir schon viel erreicht, um den Kreislauf von Armut und Missbrauch zu durchbrechen.“
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| Schwester Margaret mit Kindern |
So erklärt Schwester Margret ihre Arbeit und spricht die zwei größten Probleme in den illegalen Siedlungen an: Armut und Missbrauch. Das Zentrum der Don Bosco Schwestern heißt „Arche Noah“. Ein Team rund um Schwester Margaret kümmert sich um Kinder und Erwachsene. Es gibt eine Kinderkrippe, Computerkurse, zwei warme Mahlzeiten für die Kinder. Schwester Margret und eine Sozialarbeiterin besuchen die Familien in ihren Hütten. Die Ordensfrau kennt die traurigen Schicksale der Menschen hier. Wir begleiten sie auf ihrem täglichen Rundgang und treffen Nneheng.
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| Nneheng |
Nneheng war sieben Jahre alt, als ihr Vater starb. Heute ist sie neun und HIV-positiv. Sie kümmert sich um ihre Mutter Ntmane, die von Aids, das sich hier pandemisch ausbreitet, bereits so stark gezeichnet ist, dass sie nicht mehr für sich selbst sorgen kann. Als wir in die knallrot gestrichene Hütte eintreten, versucht Ntmane aufzustehen, um uns zu begrüßen. Aber sie ist zu schwach, ihr Körper von der Krankheit ausgezehrt. Die Augen liegen tief in dem eingefallenen Gesicht.
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| Mädchen aus Finetown |
Nneheng spricht nicht viel und nur selten erscheint ein Lächeln auf ihrem zu früh erwachsenen Gesicht. Früher ging sie gerne zur Schule, ihr Lieblingsfach war Musik. Gemeinsam mit ihrem Vater hat sie in der Kirche gesungen, aber durch den Tod des Vaters hat sie auch die Freude an der Musik verloren.
Aber manchmal geht auch sie zur nächstgelegenen Tankstelle. Dort gehen viele Jugendliche hin, um zu betteln und um ihre Körper zu verkaufen. Sugar Daddy’s nennen die Mädchen die Männer, die ihnen gegen Sex Geld oder Waren geben – auch Lebensmittel. Nneheng ist neun Jahre alt.
Hinweis:
Missio, Spendenkonto 80 004 bei der
Liga Bank München, BLZ 750 90 300.
Maria Perreiter arbeitet in der Projektabteilung von
Missio, München.