Einsichten und Perspektiven. Bayerische Zeitschrift für Politik und Geschichte Landeszentrale für politische Bildungsarbeit

Zwischen Gestern und Heute

Ein Reisebericht aus Vietnam

Von Jörg Zedler

 

Alle nicht anderweitig gekennzeichneten Abbildungen: Jörg Zedler

„Warum denn ausgerechnet Vietnam?“, war die übliche Reaktion auf die Verkündung meines Reiseziels. Und aus der Dehnung der letzten Silbe ließ sich nie so recht entnehmen, ob darin Unkenntnis über geschichtsträchtige Länder oder die Skepsis bezüglich des Erholungswerts überwog. Vermutlich aber gefiel sich mein Gegenüber einfach in seiner privaten Adrian-Cronauer-Attitüde.

Zugegeben, ich freute mich auf vier Wochen Südostasien, die Menschen, die Küste, die fremde Landschaft und die neue Kultur; aber dass ich meine Augen vor der jüngeren vietnamesischen Geschichte nicht verschließen wollte, ging wohl schon aus dem Umstand hervor, dass ich im Vorfeld Interviews mit den Museumsdirektoren in Dien Bien Phu und Saigon – pardon: Ho Chi Minh Stadt – vereinbart hatte.

Der Leser soll auf diese zweigeteilte Reise mitgenommen werden. In einem ersten Teil wird das Land porträtiert, wie es sich dem interessierten Besucher darstellt: mit den Problemen, die sich ihm erschließen, wenn er die Augen offen hält; aber auch mit dem Bewusstsein, dass ihm vieles entgeht – mangels Wissen, Sprachkenntnis oder weil die Regierung es nicht zeigen möchte.

Vietnam ist trotz ökonomischer Öffnung noch immer eine politische Diktatur. Schon auf dieser Reise werden die Wunden der jüngsten Vergangenheit offenkundig. Die beiden Kriege Frankreichs (1945–1954) und der Vereinigten Staaten von Amerika (1963/65–1973) haben das Land in vielerlei Hinsicht geprägt.

Vor allem der zweite Krieg darf heute als intensiv erforscht gelten und die Literatur hierzu1) zeigt, dass es dabei längst nicht mehr um ein amerikanisches Phänomen alleine geht, sondern dass der Krieg zu einem „global event2) wurde, dessen weltweite Implikationen nach und nach erforscht werden. Bob Dylans „The Times They Are A-Changing“ hat auch die europäische Jugend nachhaltig in ihrem Protest beeinflusst. Martin Luther King hat die Bürgerrechts-, Betty Friedan oder Joan Baez haben die Frauenbewegung in das allgemeine Bewusstsein gehoben und Herbert Marcuses Imperialismuskritik hat im Zuge des Vietnamkrieges weltweit gesteigerte Aufmerksamkeit erfahren.

Auch die Rückwirkungen auf die amerikanische Gesellschaft – angeblich haben mehr US-Veteranen Selbstmord begangen als in Vietnam fielen3) –, dürfen als gut erforscht gelten. Hingegen tappt man hinsichtlich der gesellschaftlichen Folgen für die ehemalige französische Kolonie weitgehend im Dunkeln. Wie aber geht ein Land mit dem Erbe eines dreißigjährigen Krieges um?

Waren es im französischen Krieg 800.000 Tote, die das Land verkraften musste, so im zweiten eine Million tote Soldaten, je zwei Millionen tote Zivilisten und Verstümmelte, 300.000 Vermisste, 900.000 Waisen, eine Million Witwen. 200.000 Frauen waren im Verlauf der Kriegsjahre zur Prostitution gezwungen worden. Noch nicht mitgerechnet sind dabei die entsprechenden Zahlen für den Norden, weil diese noch immer unter Verschluss sind. Vermutlich liegen sie weit höher. Die Bombenlast, die der Staat, der geographisch nicht ganz so groß ist wie die Bundesrepublik Deutschland, im zweiten Vietnamkrieg von Seiten der USA traf, war viermal so hoch wie diejenige auf Deutschland während des ge-samten Zweiten Weltkrieges. Erstmals wurden sogenannte smart bombs, die mit Kameras und Lastertechnologie ausgestattet waren, eingesetzt. Es entstanden 20 Millionen Bombenkrater, und 50 Millionen Liter des hochgiftigen Agent Orange wurden versprüht, in dessen Gefolge es zu massiven Umweltproblemen, einer hohen Zahl an Krebsfällen und Missgeburten kam.4) Die Wirtschaft lag 1975 brach und wurde in Folge einer Massenflucht vor allem gut ausgebildeter Vietnamesen („boat people“) weiter geschwächt.

Die Folgen dieses Krieges treten dem Besucher mitunter ganz offenkundig vor Augen; aber es würde intime Kenntnis des Landes und seiner Einwohner voraussetzen, um daraus fundierte Aussagen über deren Rezeption zu treffen. Wenn der zweite Teil der Ausführungen dennoch versucht, sich dem Thema Geschichtsbewusstsein anzunähern, wird er es über das staatlich verordnete Geschichtsbild tun, wie es Einheimischen und Besuchern in den Museen entgegentritt und wie es deren Direktoren verstehen.

Der „aufsteigende Drache“: Hanoi

Blick in eine Gasse der Altstadt von Hanoi

Vietnam empfing uns, wie man es von Südostasien im September erwartet oder besser: Es empfing uns nicht. Der Flug über Hong Kong nach Hanoi war kurzerhand wegen eines Taifuns gestrichen worden. Als wir einen Tag später über Bangkok in Hanoi eintrafen, konnte der Gegensatz kaum größer sein.

Nach dem mondänen Airport in Thailands Hauptstadt fallen die Militärs und der verblichene sozialistische Charme in Hanoi bereits beim ersten Blick ins Auge. Das politische Misstrauen gegenüber den wirtschaftlich so ersehnten Touristen ist mit Händen zu greifen.

Das anschließende Frühstück begann mit einer kulinarischen Pleite: Lipton-Tee aus Beuteln statt dem erwarteten frischen grünen Tee; und das bei einem gar nicht übermäßig touristisch anmutendem Laden. Einiges schien hier nicht zusammenzupassen. Ein erster Spaziergang durch die Stadt entschädigte für die anfängliche Enttäuschung. Ihre Größe sieht man der Sechs-Millionen-Kapitale im Zentrum nicht an. Die meisten Menschen leben in den Vor- und Schlafstädten, deren Probleme kaum andere sein dürften als in vergleichbaren Metropolen.5) Nur wenige Wochen vor unserer Ankunft, am 1. August 2008, war eine Verwaltungsreform durchgeführt worden, die unter anderem die ganze Provinz Hà Tây in der Hauptstadt aufgehen ließ.

Das eigentliche Juwel der Stadt sind nicht die üblichen Touristenattraktionen – die Ein-Pfahl-Pagode, das Wasserpuppentheater, der Literaturtempel – sondern ist die Altstadt. Doch ihr heutiges Erscheinungsbild ist massiv bedroht. Sie besteht aus 36 Gassen, deren Muster sich bereits im 15. Jahrhundert ausgebildet hat und in denen sich – ähnlich den europäischen Zunftstraßen – Handwerker auf je spezifische Produkte bzw. Tätigkeiten spezialisiert haben.

Normaler Verkehrsfluss in Hanoi

Diese Tradition lebte mit der Vereinigung Vietnams 1976 zunächst als Schatten-, in den achtziger Jahren als reguläre Privatwirtschaft wieder auf. Die Straßennamen weisen auf diese Tradition hin: „Hang“ bedeutet auf Deutsch „Waren“ und steht den meisten der Gassen voran. Tatsächlich findet man heute in der einen Passage die Seidenfärber, in der nächsten die Schmiede, die Kräuterverkäufer, Silberschmiede usf. Die traditionellen Häuser aus harten tropischen Hölzern, die sogar dem Holzwurm trotzten, wichen zwar zwischenzeitlich moderneren Bauten, aber die Handwerker betreiben ihr Geschäft noch immer im Untergeschoss und vor allem vor ihrem sogenannten „Rohrhaus“, das eine nur schmale Front zur Straße hin aufweist, nach hinten jedoch bis zu 100 (!) Metern Tiefe haben kann; es ist dies die typisch chinesische Architektur, die man auch in den Chinatowns von Kuala Lumpur oder Singapur findet.6) Die Kombination von Wohn- und Arbeitshaus, von Einzel-, Zwischen- und Großhändler ist in der Altstadt erhalten geblieben – anders als die für Europäer übliche Gehfläche für Spaziergänger, von der keine Rede mehr sein kann. Dieser Raum wird vielmehr zur Produktion und zum Handel genutzt: Pavement Economy.7)

Die Notwendigkeit, deshalb mit allen anderen Verkehrsteilnehmern um die Straße zu konkurrieren, betrifft keineswegs nur die wandernden Touristen, denn mit 1.900 Menschen pro Hektar ist die Altstadt eines der dichtesten besiedelten Areale Asiens.8)

Der Besucher lässt sich in dem unübersehbaren Fluss an Menschen treiben, taucht ein in die lokale Geschäftigkeit, wundert sich über die offenen Metzgereien bei 36 Grad Celsius und 90 Prozent Luftfeuchtigkeit und genießt an den Verkaufsständen alles, was durchgebraten ist. Dazwischen weicht man den Legionen von Mopeds aus oder gliedert sich in deren Strom ein, wenn man vorwärts kommen will. Das alles hat mit den mitunter klischeebeladenen Vorstellungen Südostasiens wenig zu tun.

Die Globalisierung und der Fortschritt verdrängen die lieb gewordenen Bilder Vietnams, wie wir sie aus Marguerite Duras’ „Der Liebhaber“ im Kopf haben. Fahrradfahrer sind längst zu einer Minderheit geworden.

An die Stelle des alten Drahtesels ist schon vor Jahren der bequeme Roller getreten (das in Hong Kong übliche Auto ist freilich noch eine Rarität). Je nach Produktionsland gibt er als Statussymbol zugleich Auskunft über das Einkommen seines Fahrers. Nahezu jeder Vietnamese scheint einen zu besitzen, was die Regierung jüngst dazu veranlasste, die traditionellen Rikschas aus dem Verkehr zu ziehen. Zu gefährlich wäre es, mit ihnen durch die Straßen der Hauptstadt zu manövrieren. Lediglich die Cyclos („Vornesitzer“) kommen noch zum Einsatz und auch diese im Wesentlichen für Touristen. Die Kehrseite der Medaille ist eine zunehmende Luftverschmutzung, die inzwischen auch für die Bausub-stanz ein erhebliches Problem darstellt.

Die Ursprünge einer urbanen Siedlung lassen sich bis 330 v. Chr. zurückverfolgen, und bereits im Jahr 1010 wurde Hanoi zum ersten Mal Hauptstadt des Reichs. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts kamen französische Missionare in nennenswerter Zahl in das südostasiatische Land, rasch gefolgt von französischem Militär.

1859 nahm Frankreich Saigon ein, 1883 auch Hanoi und im gleichen Jahre gründete es die „Union Indochinoise“, der neben dem heutigen Vietnam auch Kambodscha und Laos einverleibt wurden. Um diese Zeit wurde Hanoi mit seinem Nebeneinander von ursprünglicher Anlage und französischem Kolonialstil gern als „Venedig des Ostens“ bezeichnet. Heute findet man hiervon nur noch wenig vor. Die französische Stadtanlage mit ihren breiten, rechtwinklig zueinander liegenden Alleen ist noch immer erkennbar, wirkt aber mitunter fremd, wenn Zweckbauten an die Stelle der alten Villen treten: Sozialismus meets Kolonialstil. Der Ba-Dinh-Platz, auf dem Ho Chi Minh – gesäumt übrigens von amerikanischen Offizieren auf der Ehrentribüne – am 2. September 1945 die vietnamesische Unabhängigkeit ausrief, ist so ein Beispiel: überdimensioniert, als Aufmarschplatz missbraucht, mit Onkel Hos Mausoleum als Blickfang und fremd in einer architektonischen Umgebung, die noch den kolonialen Charme erahnen lässt. Bauliche Veränderungen in der Stadt betrafen unter den Kommunisten zunächst die Vororte, in denen Plattenbauten dem Mangel an Wohnraum begegnen sollten. Seit Beginn der wirtschaftlichen Öffnungspolitik („doi moi“) 1986 veränderte sich vor allem das französische Quartier. Dort lassen sich bevorzugt ausländische Investoren nieder, so dass im ehemaligen Kolonialviertel am deutlichsten „Ansätze einer nachholenden Citybildung“9) festzustellen sind: Moderne Büro- und Hotelkomplexe drängen zunehmend in das Stadtbild. Vor allem die Hotels wirken dabei häufig ein bisschen wie IKEA für Neureiche.

Die Altstadt blieb infolge sozialistischer Mangelwirtschaft hingegen lange Zeit unangetastet. Allerdings ist die Bausubstanz aufgrund der Bevölkerungsdichte – in einigen Gebieten war die Fläche pro Einwohner auf 1,5m2 gesunken10) – und der Umweltbelastung massiv bedroht; die Menschen verfügen meist über kein fließendes Wasser und leiden unter Ratten- und Ungezieferplagen.11)

Rettungsszenarien wurden zwar entworfen und z.T. mit Hilfe der Europäischen Union auch realisiert, scheinen dem Übermaß an Problemen – Verarmung von Bevölkerungsteilen, Aufkauf und Zusammenfassung ehemaliger Privathäuser, Smog, Einfluss ausländischer Kapitalgeber, Überbürokratisierung, die Reformmaßnahmen im Keim erstickt – jedoch (noch) nicht Herr werden zu können. Die Tatsache, dass dieses Viertel im Hinblick auf seine Überbevölkerung und die hygienischen Missstände zweifelsfrei als „Slum“ zu bezeichnen ist, wird Touristen jedoch kaum bewusst. Überdies verleihen die ursprüngliche Stadtanlage und das pulsierende Leben dem Viertel ein unverwechselbares Flair und der Stadt ein Stück Identität. Diesen Widerspruch vermochten Städteplaner noch immer nicht aufzulösen. Dennoch darf man es aus kulturhistorischer Sicht als katastrophal bezeichnen, wenn Rettungspläne nicht greifen oder gar die zwischenzeitlichen Pläne verwirklicht würden, wonach das gesamte Areal abgerissen und mit Freiflächen und Hochhäusern ersetzt werden soll.12)

Ein ethnischer Fleckenteppich: der Nordwesten Vietnams

Hanoi – Sa Pa ist eine beliebte Touristenstrecke. Genau deshalb ließen wir Sa Pa zunächst links liegen. Da in Vietnam Ausländer kein motorisiertes Gefährt bewegen dürfen, nahmen wir einen Guide samt Auto. Ziel ist der samstägliche Markt der Minderheiten des nordwestlichen Berglands.

Anders als in den meisten asiatischen Ländern ist die Bevölkerung Vietnams an sich außergewöhnlich homogen: Fast 90 Prozent der Einwohner sind ethnisch gesehen Vietnamesen. In dieser nordwestlichen Region dominieren jedoch (wie auch auf dem Hochplateau Zentralvietnams, wo die malaiisch-polynesischen und die Mon Khmer-Gruppen beheimatet sind) ethnische Minoritäten: Hier sind es mongolische und sino-tibetische.

„Straße“ nach Can Cau, vietnamesisch-chinesisches Grenzgebiet

Für die knapp 60 Kilometer nach Can Cau benötige ich etwas mehr als drei Stunden, weil die Lehmpisten während der vorangegangenen Regenzeit völlig aufgeweicht wurden. Bis letzte Woche, erzählt unser Fahrer in radebrechendem Englisch, sei an eine Autofahrt überhaupt nicht zu denken gewesen.

Abseits der üblichen Touristenroute wird Vietnams Status als Entwicklungsland deutlicher: Bretterverschläge als Wohnungen.

Die Unterkünfte rechts und links des Weges könnten nicht unterschiedlicher sein: Vereinzelt stoßen wir auf Betonbauten, deren Fassaden einen farbenfrohen Kolonialstil nachahmen; zumeist jedoch handelt es sich um Holzhütten oder primitive Bretterverschläge.

Unwillkürlich drängt sich bei der Fahrt durch das dünn besiedelte Gebiet die Frage auf, ob sich wohl je ein GI gefragt hat, was er in diesem Land macht (obwohl mir bewusst ist, dass hierhin, von vereinzelten Spezialtruppen abgesehen, gar keine GIs vordrangen). Von der Vegetation bis zu den Friedhöfen (die Toten werden im Norden zunächst für drei Jahre im Reisfeld beerdigt, dann exhumiert und nahe der eigenen Wohnung erneut bestattet) ist dem Abendländer hier vieles fremd. Der Minderheitenmarkt weist zwar Spuren touristischer Kontamination auf, scheint aber im Wesentlichen seine eigentliche Funktion erhalten zu haben: wöchentlicher Treffpunkt der verschiedenen Dörfer, Heiratsmarkt, Handel und Konsum von Lebensmitteln und Reisschnaps.

Minderheitenmarkt in Can Cau, hier: H’Mong-Frauen

Das Bild wird von den H’Mong dominiert, einer halbnomadischen Gruppe mit etwa 700.000-800.000 Angehörigen in Vietnam, die im 18. und 19. Jahrhundert über Laos und Südchina in dessen Nordwesten kamen. Während des US-Krieges wurden sie wegen ihrer Konflikte mit der Staatsmacht von der CIA z.T. unter Waffen, vor allem aber für die Versorgung der US-Truppen mit Rauschgift in Dienst genommen.13)

Der traditionelle Opiumanbau wurde von der vietnamesischen Regierung später massiv bekämpft; auf dem Markt erkennt man, dass Reisschnaps zur neuen Standarddroge avanciert ist. Völlig offen und in großen Mengen wird er von Mann wie Frau, Alt wie Jung in großen Mengen konsumiert.

H’Mong Frau

Die – offiziell nicht mehr existierenden – roten Opiumfelder findet man heute nur noch, wenn man zu Fuß tiefer in die Bergwelt Nordwestvietnams vordringt. Man möge hier bitte nicht mehr photographieren, wird man dann gebeten. Ihre Tracht, die regional ziemlich unterschiedlich ist, haben sie zwar als Touristenattraktion entdeckt; im Gegensatz zu vielen anderen Völkern tragen die H’Mong sie aber auch, wenn sie nicht im Fokus der Fremden stehen. Typisch für die „Flower Hmong“ ist der lange, weite Faltenrock, der in den Farben des Regenbogens zu explodieren scheint, eine bunte Tunika, ein leuchtender Turban und eine kariertes Wollkopftuch.

Dao-Frauen bei der Handarbeit

Eng verwandt mit den H’Mong sind die Dao, von deren Dörfern eines Ziel des darauffolgenden Tages ist. Schon bei unserer Ankunft werden wir von mehreren Frauen umringt, die uns bis zum Aufbruch nicht mehr alleine lassen sollten. Sie radebrechen mehr Englisch, als dass sie es sprechen, aber immerhin erfahren wir, dass sie eine neunjährige Schulpflicht haben und dieser auch nachkommen. Das Schulgebäude ist – neben der Parteizentrale – ohnehin der zentrale Prunkbau auf dem Weg zu dem Dorf gewesen. Dort lernen sie unter anderem vietnamesisch. Ansonsten lasse der Staat, erzählen sie uns, sie aber ihre Sprache sprechen und ihre Götter anbeten. Das ist in diesem Vielvölkereck des sozialistischen Gefüges eine gleichermaßen überraschende wie zukunftsorientierte Minderheitenpolitik. Bei offiziell 54 Völkern wären zentrifugale Kräfte kaum zu vermeiden.

Die nur wenige Kilometer entfernte südchinesische Grenze erinnert daran, welch hohes Sprengpotential ein rigider Zentralismus in ethnisch so durchwachsenen Staaten bzw. Regionen birgt. Ähnlich starke separatis-tische Ideen wie in China waren in Vietnam für den Außenstehenden aber weder zu erkennen noch zu erfragen.

Reisterrassen im Nordwesten Vietnams, nahe der chinesischen Grenze

Die Möglichkeit zu einer eigenständigen Kultur und die Chance auf Bildung tun hierzu sicherlich das Ihre. Die Aufnahmeprüfung für die Oberschule (10.-12. Klasse) habe aus ihrem Dorf allerdings noch niemand bestanden. Die Bedeutung der Bildung zeigte jüngst ein UNO-Bericht, der den Mädchenhandel in eben diesem Landstrich anprangerte und vor allem in jungen Mädchen mit geringer Schulzeit die Opfer sah.14) Neben solchen Auswüchsen bedeutet die in allen Bereichen nur rudimentär ausgebildete Infrastruktur, dass die Region von der traditionellen Landwirtschaft – d.h. der mit dem Wasserbüffel betriebenen Reiswirtschaft – und neuerdings dem Tourismus abhängig bleibt. Nur auf den ersten Blick ist dabei das Nebeneinander von bitterer Armut und dem klingelnden Mobiltelefon oder der Satellitenanlage auf dem eigenen Bretterverschlag verstörend.

Nassreis-Anbau

Die für europäische Maßstäbe verschobenen Prioritäten sind zwar befremdlich, die Sehnsucht nach Anschluss an die modernen Errungenschaften aber nachvollziehbar. – Der vielgepriesene Ort Sa Pa erscheint dagegen eher langweilig. Die Franzosen hatten ihn Anfang des 20. Jahrhunderts als Kurort entdeckt, weil er mit seinen 1600 Metern Höhe etwas kühlere Temperaturen versprach als das Delta des Roten Flusses. Der Markt ist eine feste Institution und weist deutlich touristischeren Charakter auf als der in Can Cau.

Moped und Satellitenanlage als Anschluss an die Moderne

Die Fremdenverkehrsströme nehmen abrupt ab, als wir Sa Pa verlassen. Über Lehmpisten geht es am höchsten Berg Vietnams, dem Phan Si Pan (3.143 Meter) vorbei und weiter über strategisch wichtige Gebirgspässe mit herrlichen Ausblicken auf die Gebirgslandschaft und Reisfelder, die in verschiedenen Grün- und Gelbtönen leuchten. Noch vor einer Woche war an eine Autofahrt hier nicht zu denken, weil die Strecke abgespült worden war. Viel scheint sich in den letzten 50 Jahren nicht geändert zu haben; schon damals war die Strecke nur in der Trockenzeit benutzbar.15) Oder hat das mit normalen Monsunregenfällen nichts mehr zu tun, ist doch Vietnam eines der am meisten von der Klimaerwärmung betroffenen Länder weltweit?16)

Die neue Provinzhauptstadt Lai Chau ist allein dem sozialistischen Selbstwertgefühl geschuldet: eine Retortenstadt mit parvenühaftem Protz in wundervoller Landschaft. Dafür entschädigt zumindest die mit Neugier gepaarte Herzlichkeit der Menschen, die immer wieder zum grünen Tee einladen, auch wenn dieser kaum genießbar ist, da für abendländische Begriffe viel zu stark. Auf dem weiteren Weg Richtung Dien Bien Phu geht es durch die am dünnsten besiedelte Region Vietnams, meist entlang am „Schwarzen Fluss“, dem Haupt-Nebenfluss des Mekong. Die Täler sind tief und steil eingeschnitten, die Blicke spektakulär, die Brücken wegen Einsturzgefahr nicht alle befahrbar und die Häuser die hier typischen Pfahlbauten. Ihre Konstruktion ist Ausweis der noch immer üblichen Überschwemmungen, die der Südwestmonsun zwischen April/ Mai und Oktober mit sich bringt.

Zwischen Kitsch, Kultur und Weltkultur: Ha Long-Bucht und Hué

Blick in die Ha Long-Bucht

Die Ha Long-Bucht im Golf von Tonkin, eine Ansammlung von nahezu 2.000 Kalksteinfelsen, die z.T. mehrere hundert Meter aus dem Wasser ragen, hat ihren Status als Weltkulturerbe zweifellos zu Recht. Die Grotten sind voller Tropfsteine, die Strände fantastisch, die aus dem Wasser ragenden Formationen bizarr, dass sie zum Träumen einladen. Die Menschenmassen bleiben an solch einen Anziehungspunkt eben nicht aus.

Die alten Segeldschunken sind von Motorbooten verdrängt und an Land wachsen statt der Kalksteinfelsen die Betonblöcke für steigende Touristenzahlen aus dem Boden. Aber Reste der Idylle sind bei Mehrtagestouren auf dem Wasser noch immer zu erfahren.

Ist die Vorstellung einer vietnamesischen Stadt von Hanoi geprägt, erscheint Hué wie ein kleines Paradies: sauberer, ruhiger, gelassener und weitläufiger. Fast meint man, ein gewisses Laisser-faire zu spüren. Da stört es auch nicht weiter, dass der „perfume river“ nicht mehr duftet, weil die Jasminbäume, die dem Huong – so sein eigentlicher Name – seinen Beinamen gaben, längst abgeholzt sind. Über ihn erreicht man die nahe Thien-Mu-Pagode, die als wichtigste buddhistische Pagode in Vietnam gilt.

Klare religiöse Grenzlinien scheinen in diesem Land indes zu fehlen, man ist heute Buddhist, morgen Daoist, übermorgen Kommunist, integriert konfuzianische Elemente und pflegt in jedem Fall seine Ahnenverehrung am heimischen Altar. Für den Besucher ist kaum zu unterscheiden, welche der Riten Routine, welche Show sind und welche einem tief empfundenen religiösen Gefühl entspringen.

Räucherstäbchen, denen eine reinigende Funktion zugeschrieben wird, in einer buddhistischen Pagode

In jeder Pagode finden sich auch Kennzeichen anderer Religionen. Die kriegerische Sekte der Cao Dai verehrt nebeneinander den Gründer der Kuomintang und ersten Präsidenten der chinesischen Republik, Sun Yat Sen (1866–1925; der Inbegriff des asiatischen Nationalismus), den vietnamesischen Dichter Nguyen Binh Khiem (1492–1587) und – Victor Hugo (1802–1885). Jedenfalls hat eine einzige Religion Vietnam nie so geprägt wie z.B. der Buddhismus das benachbarte Kambodscha oder der Islam den heutigen Iran.

Der alte Austin, der den Thich Quang Duc nach Saigon brachte, wo er sich am 11.6.1963 öffentlich verbrannte

In der Pagode interessieren sich viele Besucher am meisten für den verstaubten Austin, der den Mönch Thich Quang Duc nach Saigon brachte, wo er sich am 11. Juni 1963 aus Protest gegen das Diem-Regime selbst verbrannte. Hintergrund war der Versuch des Katholiken Ngo Dinh Diem, von 1954 bis 1963 Saigoner Regierungschef von amerikanischen Gnaden, mit einer Minderheit von etwa zwei Millionen Katholiken Südvietnam zu einer Art südostasiatischer Dollfuß-Republik zu machen.

Durften die Buddhisten bis dato als politisch neutral gelten, vollzogen sie – bedroht von Diem und seinen Unterdrückungsmaßnahmen – rasch den Schritt zur militanten Opposition. Nach der Ermordung Diems verlor der politische Buddhismus in Vietnam dann auch rasch wieder an Bedeutung. Das Bild der Selbstverbrennung Thich Quang Ducs aber wurde zum Pressephoto des Jahres 196317 und für anwesende Journalisten wie David Halberstam von der New York Times zum Fanal der kritischen Berichterstattung.18) Peter Scholl-Latour merkte hierzu lakonisch an, dass seine US-Kollegen etwas voreilige Schlüsse zogen, wenn sie in den gelben Mönchen die wahren Repräsentanten des vietnamesischen Volkes sahen. „Daß die Buddhisten überhaupt nicht repräsentativ für dieses zutiefst konfuzianische Volk waren, daß die Lehre Gautamas als Zufluchtsreligion der kleinen Leute nur am Rande existierte und in Cochinchina vor allem dank der kambodschanischen Nachbarschaft […] über eine größere Präsenz verfügte, war allenfalls ein paar Außenseitern der CIA bekannt, auf die niemand hörte.“19) Am wenigsten John F. Kennedy, von dem es mitunter heißt, er habe sich blind auf die Berichterstattung Halberstams verlassen.20) Diem wurde jedenfalls mit Billigung Washingtons gestürzt und in diesem Zusammenhang auch ermordet.21) Natürlich erfährt der Besucher der Pagode in Hué nichts von all dem; das Bild des buddhistischen Mönches hängt ohne weitere Erklärung neben seinem Austin.

Blick vom Eingangstor auf die Kaiserstadt in Hué

Hué, das bis Anfang des 14. Jahrhunderts zum Reich der Cham-Könige gehört hatte und dann zwei Jahrhunderte zwischen diesen und den Vietnamesen umkämpft war, gilt heute als „alte Kaiserstadt“. Tatsächlich war es von 1672 bis 1786 die Hauptstadt – allerdings nur die eines Südfürstentums, da Vietnam zwischen den rivalisierenden Clans der Trinh (im Norden) und der Nguyen (im Süden) in zwei Fürstentümer aufgeteilt war, von denen sich das südliche hauptsächlich Dank portugiesischer Waffenhilfe halten konnte.

Nach einer Revolte Ende des 18. Jahrhunderts,22) die Prinz Nguyen Anh mit französischer Hilfe in zwölf Jahren Bürgerkrieg blutig beenden konnte, gründete er als Kaiser Gia Long 1802 die letzte Kaiser-Dynastie, bestimmte Hué zur Hauptstadt des ganzen Reichs, das nun erstmals Viet Nam hieß und baute die neue Kaiserstadt. – Wenn also die Reiseführer-Bezeichnung „alte Kaiserstadt“ und die am chinesischen Vorbild orientierte Architektur des Kaiserpalastes auch anderes suggerieren: Was der Besucher zu sehen bekommt, ist bestenfalls 19. Jahrhundert.

Die Kaiser ahmten in der Architektur von Zitadelle, Kaiser- und Purpurner Stadt genauso wie in den zeremoniellen Regeln und dem Verwaltungsaufbau das Pekinger Vorbild nach. Außen die von Sébastien Vauban inspirierte fast quadratische Zitadelle, die Wohnstätte des niederen Hofstaats war, gefolgt von dem administrativem Zentrum des Hofes – der Kaiserstadt – und der Purpurnen (oder Verbotenen) Stadt, in der die kaiserliche Familie, die Eunuchen und die Konkubinen wohnten.

Die „Verbotene Stadt“: Während der Tet-Offensive nahezu zerstört, wird sie heute rekonstruiert und vollständig neu aufgebaut.

Was sich dem Betrachter bietet, ist jedoch mitnichten alles Überrest aus dem vorvergangenen Jahrhundert, weil Hué während der Tet-Offensive 1968 die meistumkämpfte Stadt war. Der Einnahme durch nordvietnamesische Truppen und Kräfte der südvietnamesischen Befreiungsfront (Viet Kong) folgte ein erbitterter dreiwöchiger – für den Vietnamkrieg bis dato völlig unty-pischer23) – Häuserkampf, der zu einer der blutigsten Schlachten des Vietnamkrieges wurde und nahezu die gesamte Anlage zerstörte.24)

Was man heute von ihr sieht, ist Rekonstruktion – ohne, dass man es zunächst weiß. Die Restaurierungsethik ist von dem Wunsch, Eingriffe kenntlich zu machen, völlig unbelastet. Erst als der Besucher die „Verbotene Stadt“ betreten soll, eröffnet sich ihm lediglich – eine Baustelle. Eine solche wird sie wegen des fehlenden Geldes auch noch auf absehbare Zeit bleiben.

Die Situation wirkt befremdlich: Das Remake einer Miniaturausgabe Pekings aus dem 19. Jahrhundert, das mehrheitlich im 21. Jahrhundert rekonstruiert wird. Das Festhalten an überkommenen Riten und Institutionen muss schon vor 200 Jahren anachronistisch gewirkt haben.

Die Pracht, die dem zeitgenössischen Touristen suggeriert wird, war bereits damals nichts anderes als Eskapismus in eine als glorreich verstandene Vergangenheit, während das Volk hungerte und soziale Reformen notwendig gewesen wären.25) Kein Wunder scheint es, dass das Volk dem Kaiser nicht mehr folgte, als er es Mitte des 19. Jahrhunderts zu den Waffen gegen die französischen Invasoren rief.26) Kaiser Lang Tu Duc zog sich daraufhin widerstandslos auf das nur 14 Kilometer südlich gelegene Areal der Kaisergräber zurück. Auch diese sind vom nördlichen Nachbarn inspiriert, bilden die chinesischen Ming-Gräber nach und sind zudem ein Spiegelbild des Kaiserpalastes in der Stadt: Es gibt die Harmoniehalle, Theater, Konkubinenräume, Sommerresidenz, Pagoden usf. Der Monarch „spielte“ im wahrsten Sinne des Wortes nur noch Kaiser auf seinem eigenen Friedhof.

Geschichtsbilder von Nord und Süd betrachtet

Das Klima beginnt sich hier in Hué zu ändern. Auch die Menschen sind offener, weniger geprägt von gesellschaftlichen Normen und gehen anders mit ihrer Vergangenheit um. Wir kommen mit dem (Süd-)Vietnamesen Vo ins Gespräch. Er erzählt von seiner Mutter, die drei Jahre als Krankenschwester auf der „Helgoland“ gearbeitet habe, dem deutschen Hospitalschiff des Roten Kreuzes, das zwischen 1966 und 1972 vor Da Nang lag. Nach dem Sieg des Nordens habe seine Mutter nie wieder eine Arbeit bekommen, von Rente natürlich ganz zu schweigen. So, wie Kriegsverletzte auch nur dann staatliche Unterstützung erhalten, wenn sie aus dem Norden kommen oder dem Viet Kong angehörten. Er erzählt uns, dass nordvietnamesische Truppen seinen Vater – in ihren Augen den Feind, weil er für Saigon im Rathaus von Hoi An arbeitete – während der Tet-Offensive 1968 über drei Tage hinweg einfach hätten verbluten lassen. Er selbst habe bis vor ein paar Jahren allerdings die Version bevorzugt, dass es sich um einen Bauern handelte, der den alliierten Luftangriffen zum Opfer fiel. Ansonsten, so Vo, hätte er sich sein Studium abschminken können. Auf die Rückfrage, ob das nicht politischen Unfrieden stifte, kommt eine Antwort, die man öfter zu hören bekommt: „Vietnamesen schauen in die Zukunft, nicht in die Vergangenheit.“ Doch immer deutlicher wurden hier im Süden die Nebenbemerkungen vernehmbar, die die politische Brisanz des Umgangs mit Geschichte andeuten: Der Norden habe halt immer Vorfahrt; natürlich könne man den Krieg nicht einfach vergessen; ja, selbstverständlich gebe es Opfer in der Familie; nein, über Kollaboration werde nicht gesprochen.

Herrscht im Nordteil des Landes die Meinung vor, dass „wir“ – gemeint ist die kommunistische Partei – im Grunde alles richtig machten, Verfehlungen eher auf falsche Umsetzung nachgeordneter Beamter zurückzuführen seien denn auf schlechte Richtlinien, werden die Fragen an das System im Süden kritischer.

Das hat wirtschaftliche wie geschichtliche und geschichtspolitische Gründe: Einerseits ist das ökonomische Niveau im Süden erheblich höher und legt Zeugnis ab von der größeren Prosperität des Mekongdeltas mit seiner Metropole Ho Chi Minh Stadt. Dass die Geschäftsleute, die im Zuge der doi-moi-Politik seit über 20 Jahren Wohlstand ansammelten, sich auch politisch artikulieren wollen, scheint nur noch eine Frage der Zeit. Das zuzugestehen, ist die politische Führung im Norden aber derzeit noch nicht bereit. Darüber hinaus verhindert Hanoi aus Angst vor einem gesellschaftlichen Dissens eine Debatte über die eigene jüngste Vergangenheit, in der der Süden mit den USA kooperierte, ein anderes Wirtschafts- und Gesellschaftssystem errichten wollte und sich das vietnamesische Volk faktisch in einem Bürgerkrieg befand. Damit wird auch evident, dass der häufige und oben zitierte Verweis auf die Zukunft sich zwar einerseits aus konfuzianischem Loyalitätsdenken und Zukunftsoptimismus speist und insofern auch nicht gelogen ist; dass es sich andererseits aber nur um die halbe Wahrheit handelt, weil eine Debatte über die Vergangenheit erhebliche Sprengkraft beinhaltet.

Wenn auf den überall präsenten Kriegsfriedhöfen kein südvietnamesischer Soldat begraben werden durfte und die Kollaborateure noch immer Feinde sind, über die nur deswegen nicht mehr gesprochen zu werden braucht, weil sie die Überlegenheit des neuen Systems (an-)erkannt haben, ihr vorheriges Leben im Grunde aber ein einziger Fehler war, dann muss das in einem Volk tiefe Narben hinterlassen, die durch das derzeitige Schweigen nur überdeckt, aber nicht geheilt werden.

Hinzu kommt, dass der Ahnenverehrung in Vietnam eine überragende Bedeutung zukommt.27) Bedenkt man das Konfliktpotential, das sich aus dem Umgang mit der Geschichte im Allgemeinen, der Verdrängung der Kollaboration im Besonderen sowie dem immensen Stellenwert der Erinnerung an die Ahnen ergibt, lässt sich die Sprengkraft erahnen, die unter der Schicht autoritärer Politik bereit liegt.

Die Diskussion über die eigene Vergangenheit wird in dem Moment losbrechen, in dem die politischen Zügel gelockert werden. Welche Wirkung sie entfalten wird, ist heute kaum abzusehen.

Die geschichtspolitische Komponente begleitete uns die gesamte Fahrt durch den Norden. Wenn man sie sehen will, erkennt man unzählige Bombentrichter in der Landschaft. Wenn es regnet, wirken sie wie kleine Bassins. Im Süden sind sie seltener anzutreffen, denn das Bombardement der Amerikaner betraf im Wesentlichen den Norden und das laotische und kambodschanische Grenzgebiet. Überhaupt kommt man mit Überquerung des Wolkenpasses in einen in vielerlei Hinsicht anderen Teil Vietnams. Der Pass ist in erster Linie die Wetterscheide zwischen dem subtropischen Norden und dem tropischen Süden.

Aber die beiden Landesteile trennt sehr viel mehr als nur das Klima. Von der unterschiedlichen Geschichte und der verschiedenen Mentalitäten der Menschen war bereits die Rede; auch die Landschaft vermittelt einen anderen Eindruck: lieblicher, sauberer, nahe Da Nang sogar idyllisch. Doch wie so oft trügt auch hier der Schein.

Die Lagune Lang Co, kurz vor dem Wolkenpass

Das Noch-Paradies ist im Begriff zerstört zu werden, bevor der eigentliche Massentourismus überhaupt einsetzt. 1858 landeten die Truppen Napoléons III. in Da Nang, um von hier aus das Land zu durchdringen, und gut 100 Jahre später verlegten auch die Amerikaner ihre Marinebasis dorthin. Dass weitere fünfzig Jahre später – im Oktober 2008 – ein US-Kriegsschiff mit Blumenschmuck empfangen wird, ist ein deutliches Zeichen für die wieder eingetretene Entspannung.28) Seit die USA 1994 ihr Handelsembargo aufhoben, profitierte nicht zuletzt die Hafenstadt in der Mitte Vietnams und baute ihre Stellung als bedeutender Um-schlagplatz aus. Zahlreiche ausländische Firmen siedelten sich an und gaben ihr neben einem beachtlichen Reichtum auch ein mondänes Flair. Mit inzwischen etwa 800.000 Einwohnern ist sie die viertgrößte Metropole Vietnams. Mit der alten US-Airbase verfügt sie außerdem über einen Flughafen. Infrastruktur, Traumstrände und leichte Erreichbarkeit dürften sie in den nächsten Jahren noch sehr viel stärker zu einem Magneten für Touristen vor allem aus Ozeanien und dem Reich der Mitte machen, als sie es bereits heute ist. Ungezählte Hotelkomplexe vom Hyatt bis zu chinesischen Investoren an dem kilometerlangen Sandstrand befinden sich im Bau, zeugen von dem erwarteten Ansturm – und verändern das Gesicht der Landschaft nachhaltig.

Öffentliche Transportmittel, Hoi An

Die Meeresfauna ist bereits zurückgegangen, öffentliche Strände werden rarer und Trinkwasserprobleme sind angesichts zahlreicher im Bau befindlicher Golfplätze in dem tropischen Gebiet nur eine Frage der Zeit. Wer hier Urlaub macht, bekommt keinerlei Eindruck davon, dass Vietnam noch immer ein Entwicklungsland ist.

Blick in den Hafen von Phan Thiet

Abseits der üblichen Touristenrouten ist hingegen vieles anders. Man erreicht Orte wie Phan Thiet lediglich mit öffentlichen Verkehrsmitteln, die regelmäßig fahren, aber meist völlig überfüllt sind. Nicht jeder der Busse hält an, aber wenn, dann atmet der Tourist darin den Duft der Arbeit. Phan Thiet ist nicht besonders schön, besitzt kein Zentrum, weist aber mit seinen an der Haupt-/Handelsstraße orientierten Geschäften die für Vietnam typische Struktur kleinerer und mittlerer Städte auf. Ho Chi Minh arbeitete 1910/11 als Lehrer in der Provinzhauptstadt, die heute etwa 200.000 Einwohner ausweist und hauptsächlich vom Fischfang und der Herstellung der berühmten nuoc-mam-Fischsoße lebt. Vietnamesen schwören mindestens so sehr auf das Produkt wie Amerikaner auf Ketchup. Europäische Zungen brauchen etwas Zeit, um die Feinheiten der Soße zu erkennen, die entsteht, indem man Fisch und Salz über Monate in Fässern fermentiert. Der Geruch dieses Prozesses ist der Geruch Phan Thiets. Boote und Fischer, deren gegerbte Haut von körperlicher Arbeit zeugt, dominieren das Stadtbild. Ich frage mich, ob die nahen Luxusressorts der Touristen nicht Wut aufkommen lassen? Mindestens aber Neid? Doch die Stadt wirkt erfreulich gelassen. Die fliegenden Händler fallen mitsamt den Strandurlaubern aus, die Geschäfte verkaufen das Lebensnotwendige, Kinder schauen noch neugierig auf die Fremden und kichern, wenn man ihren Gruß erwidert. Dass mir beim Abendessen ein Gecko auf den Kopf fällt und von dort in die Hose schlüpft, hätte allerdings überall in Vietnam passieren können. – Mit erheblich geringerer Wahrscheinlichkeit freilich in Ho Chi Minh Stadt, denn die Metropole im Süden ist erheblich schicker, sauberer, mondäner – und erheblich westlicher als ihr Pendant Hanoi im Norden.

Das Sein bestimmt das Bewusstsein: Ho Chi Minh Stadt

Gustav Eiffel in Südostasien: die Kirche Notre Dame im Zentrum Saigons

Erst 1674 setzten Vietnamesen das erste Mal ihren Fuß auf den Boden der heutigen Metropole und vertrieben dabei die bis dato ansässigen Khmer. Mit Billigung der in Hué herrschenden Nguyen siedelten sich reiche Flüchtlinge aus China am Nordrand des Mekong-Deltas, nur 50 Kilometer vom südchinesischen Meer entfernt, an und gründeten die Siedlung Cho Lon, deren Funktion sich bereits aus dem Namen ergibt: Cho bedeutet Markt, Lon groß.

Während der bereits erwähnten Revolte Ende des 18. Jahrhunderts ist es französische Waffenhilfe, die es dem Clan der Nguyen ermöglicht, den gesamten Süden samt dem heutigen Saigon zurückzuerobern. 1859 besetzte Frankreich Saigon und legt in den folgenden Jahren jenes Netz an Boulevards und Avenuen an,29) das dem Kern der Stadt bis heute ein französisches Aussehen verleiht und ihn sehr viel stärker prägt als sein Gegenstück im Norden.

1945 schloss sich Saigon zunächst der von Ho Chi Minh ausgerufenen Demokratischen Republik Vietnam an, wurde aber – unter britischer Waffenhilfe – umgehend wieder von Frankreich in Besitz genommen.

Nach der Teilung des Landes in einen kommunistischen Nord- und einen kolonialen Südteil 1954 wurde Saigon zur Hauptstadt des Südens erhoben und erhielt massive amerikanische Finanzspritzen, die die Landflucht begünstigten und die Saigoner Bevölkerung auf zunächst zwei, bis Ende des dreißigjährigen Vietnamkrieges auf über vier Millionen Einwohner ansteigen ließ. Während sich bis 1960 folgerichtig und geordnet die baulichen Lücken zwischen Saigon und Cho Lon füllten, dehnt sich die Stadt seither vorwiegend nach Norden aus,30) was zur Folge hat, dass im Norden lauter kleine Zentren entstehen, die mit dem ursprünglichen Stadtkern wenig zu tun haben und auch nicht auf ihn ausgerichtet sind.

Das Gesicht Saigons veränderte sich aber schon in den „amerikanischen“ Jahren 1954 bis 1973 nachhaltig: Die Stadt wuchs genauso rasant wie ungeordnet, mit der Folge einer massiven Slumbildung;31) im Kern entstanden Militärkomplexe neben eleganten Hotels wie dem Caravelle, dem Continental, dem Rex oder dem Majestic, von deren Dachterrassen aus mancher Kriegsberichterstatter die gesamten Kämpfe verfolgte; die Flaniermeile Rue Catinat verfiel westlicher Konsumorientierung, wurde als „Straße der Freiheit“ (Tu Do) zur Amüsiermeile und brachte die Freiheit nur für den, der sich die Prostituierten leisten konnte.

Mit dem amerikanischen Geld und dem Krieg hielten auch neue Probleme Einzug in die Stadt: Prostitution, Drogen, Kriminalität, Mischlingskinder. Am 20. April 1975 durchbrachen nordvietnamesische Panzer in einem berühmt gewordenen Bild das Tor des Saigoner Präsidentenpalastes.

Obwohl die Niederlage Südvietnams mit dem Pariser Friedensvertrag vom 27. Januar 1973 und dem daraufhin begonnenen sukzessiven Abzug amerikanischer Truppen längst festgestanden hatte, wird das Bild zum Symbol des kommunistischen Sieges und der Wiedervereinigung Vietnams. Wenn Reiseführer heute gelegentlich behaupten, dass nur Ausländer und Betonköpfe von Ho Chi Minh Stadt sprechen, so muss man das als westliche Sicht bezeichnen.

„Boomtown“ Ho Chi Minh Stadt: Die Vororte und die Slums wachsen rasant.

Zum einen ist Saigon keinesfalls identisch mit Ho Chi Minh Stadt, sondern lediglich der erste – wenn auch der bekannteste – von 17 Bezirken. Zum anderen führen zwar auch viele Vietnamesen noch den Namen Sài Gòn als pars pro toto im Mund; in der Generation, die nach der Vereinigung aufwuchs, hat sich indes bereits der offizielle Name durchgesetzt.

Mit dem Abzug der Amerikaner brach auch die Wirtschaft Saigons zusammen; einzig der (Schwarz-)Markt in Cho Lon funktionierte noch. Als dieser 1978 verstaatlicht wurde, kam es zu einer Flüchtlingswelle vorwiegend chinesischstämmiger Vietnamesen, der sogenannten boat people. Mit Beginn der wirtschaftlichen Öffnung seit 1986 erlebt Ho Chi Minh Stadt einen neuerlichen Aufschwung. Zahlreiche ausländische Firmen siedeln sich an diesem Einfallstor zum gesamten indochinesischen Raum an. Mit 20 Prozent des Bruttoinlandsprodukts, 30 Prozent der hergestellten Industriegüter und 40 Prozent der Exportgüter32) ist die Metropole im Süden unbestritten die ökonomische Kapitale.

Auch wenn die Wirtschaft sich noch immer in einem Transformationsprozess von Plan- zu Marktwirtschaft befindet,  so bestimmt doch eindeutig das Sein Saigons, nicht das Bewusstsein Hanois die Entwicklung Vietnams.

Ein Teil der vietnamesischen Umweltprobleme: die zunehmende Motorisierung

Die Menschen hier im Süden wissen das, wirken ungezwungener, selbstbewusster, auch lasziver und eine Spur arroganter als ihre Landsleute im Norden. Die Stadt selbst ist sauberer, großstädtischer, weniger hektisch. Hanoi und Ho Chi Minh Stadt jedenfalls sind zwei gegensätzliche Welten, und wer über den Norden einreist, wird einen wesentlich härteren Schnitt erleben als derjenige, der das fast westlich zu nennende Eingangstor Saigon nutzt.

Wie Hanoi, so lockt auch Ho Chi Minh Stadt weniger mit seinen architektonischen und sonstigen Touristenattraktionen. Vielmehr sind es die Gegensätze, die sich mitunter zu Widersprüchen steigern, die die Stadt zwar nicht schön, aber interessant machen: Armut und Reichtum; Kolonialismus und Moderne; europäisches Saigon und asiatisches Cho Lon; Prunksucht und Überlebensstrategien; Sieben-Millionen-Metropole in einer Anlage, die auf 500.000 Menschen ausgelegt war.

Der Spaziergang durch die Stadt gestaltet sich einfach: Ihr Kern ist klein, überschaubar und deutlich europäisch, französisch geprägt. Die Straßen entsprechen der kolonialen Anlage und mit der Post und der Kirche Notre Dame sind zwei Bauten Gustave Eiffels erhalten, die den Altstadtbereich prägen. Auf letztere geht man zu, wenn man die einstige Flaniermeile Rue Catinat, den heutigen Dong Khoi, vom Saigon-Fluss kommend entlang läuft. In unmittelbarer Umgebung liegen alle Hotels und Cafés, die die Kriegsberichterstatter zum Austausch der Nachrichten nutzten, das Rathaus (1901–08), die 1899 fertig gestellte Oper und der realsozialistische Präsidentenpalast (1963–68), der heute Palast der Wiedervereinigung heißt. Es zeugt vom Selbstverständnis des damaligen Präsidenten der sich nur demokratisch nennenden34) Republik Südvietnam, sich selbst als Nachfahre des Kaisers zu sehen: Er ordnete dem Präsidentenzimmer die Farbe des Kaisers, dem der Minister die der Mandarine zu. Glücklicherweise prägt die realsozialistische Architektur die Stadt keineswegs im gleichen Maße wie Hanoi. Unglücklicherweise ist die allenthalben vordringende moderne Architektur auch nicht immer gelungen. Vom Sheraton bis zum Rex, von Gucci bis Versace, von Tag Heuer bis KFC haben sich ungezählte westliche Namen etabliert. Dieses Saigon ist kaum preiswerter als andere Metropolen und manch moderner Bau lässt kurzzeitig vergessen, dass das Land als Entwicklungsland eingestuft wird. Doch die verfallenen Häuser, die große Zahl an z.T. verkrüppelten Bettlern, die auch etwas vom Touristenkuchen wollen, das Heer der Schuhputzer, sie alle erinnern den Besucher daran, dass nur ein Teil der Stadt im 21. Jahrhundert angekommen ist.

Ein asiatischer Typus ist im Zentrum nicht mehr zu erkennen; Saigon oszilliert zwischen Kolonialzeit und Moderne, und manchmal ertappt sich der Besucher bei dem Gedanken, sie gesichtslos zu nennen.

Wenn Somerset Maugham Saigon 1923 mit einer südfranzösischen Provinzstadt verglich, dann könnte man sich heute in nahezu jeder beliebigen Stadt des Westens befinden. Der Unterschied zwischen „europäisch“ und „globalisiert“ verschwimmt hierbei zusehends.

Selbst Cho Lon, die „Chinatown“ der Stadt, versprüht wenig chinesisches Flair. Die ethnischstämmigen Chinesen genossen im vereinigten Vietnam nicht den besten Ruf, so dass der Distrikt, in dem Duras’ „Der Liebhaber“ spielt, von der Politik auch nicht gefördert wurde. Diese ökonomische Rückständigkeit spiegelt sich heute auch in seinem Stadtbild, wenngleich die Tempel und Pagoden sehenswert sind und der Cho Binh Tay Markt als authentisch chinesisch gelten darf; anders sein Saigoner Pendant, der Ben-Thanh-Markt, der nie chinesisch war und heute nicht mehr authentisch ist, weil sich mehrheitlich Touristen in dem kaufhausähnlichen Komplex tummeln.

Den Innenstadtbereich zu verlassen lohnt lediglich, wenn man städtebauliches oder umweltpolitisches Interesse hat.35) Mit über sieben Millionen Einwohnern36) auf 2.000 km2) hat Ho Chi Minh Stadt die gleichen Probleme wie andere Großstädte: Gewalt, Kriminalität, Drogen, soziale Spannungen, Migrationsdruck, vor allem aber: Slums37) und massive Umweltprobleme. Wenig überraschend ist, dass die Weltbank Ho Chi Minh Stadt als meistverseuchte Stadt Vietnams bezeichnete. Für Ho Chi Minh Stadt gilt hinsichtlich der Mofas das schon bei Hanoi gesagte. Hingegen erstaunt es, dass eine internationale Studie Hanoi und Ho Chi Minh Stadt als „worst-ranked cities for dust pollution in the whole of Asia“ ausweist.38) Die Luftverschmutzung führt, zusammen mit der Klimaveränderung, zu etwas, was in der Wissenschaft als „Urban Heat Island Effect“ beschrieben wird:39) einem Temperaturanstieg in den Stadtkernen; derjenige von Ho Chi Minh Stadt beträgt etwa 10°C im Vergleich zu seinem Umland. Dass neben einer höheren Belastung für alle Einwohner auch mehr Energie für Kühlung benötigt wird, die aufgrund des Produktionsaufwands ihrerseits zu einer stärkeren Umweltbelastung führt, liegt auf der Hand.

Zugleich könnte die globale Erwärmung zu drastischen Folgen in und um die Stadt führen. Der frühere Ge-neraldirektor des vietnamesischen meteorologischen Zentrums geht von einem Anstieg des Meeresspiegels von 35 cm bis 2050, von 50 cm bis 2070 und von einem Meter bis 2100 aus.40) Dies würde bedeuten, dass etwa 20.000 km2 Bodenfläche des dicht besiedelten Mekong-Deltas überschwemmt werden41) und zusätzlichen Migrationsdruck auf die Zentren ausüben.

Die Fahrt aus Saigon hinaus macht eines überdeutlich: Diese Stadt boomt. Bereits 50 Kilometer vor der Stadt beginnt ihr Industriegürtel. Die Joint-Venture-Fabriken hinterlassen einen sehr modernen Eindruck und Hochhäuser prägen die Skyline, Neubauviertel sprießen überall aus dem Boden. Die Kehrseite ist aber kaum zu verkennen: Grünflächen werden abgeholzt und begünstigen neben dem steigenden Verkehr den oben beschriebenen Anstieg der Innenstadttemperatur; Abwässer werden ungeklärt in den Mekong geleitet, Wasserreservoirs sind eutrophiert, Fische hochgradig toxinbelastet.42) Bereits im Jahr 2001 wurden 360.000 Kubikmeter Brauchwasser aus Privathaushalten und 110.000 Kubikmeter aus Industriebetrieben in die Flüsse geleitet; letztere meist hochgradig verseucht.43) Das geringe Gefälle der beiden Hauptflüsse bedingt, dass die Giftstoffe nur langsam abtransportiert werden und die Schadstoffbelastung für die Lebensmittelkette stetig ansteigt. Angesichts nur eines Was-serhahns auf 20–30 Familien in den beiden meistbevölkerten Distrikten44) werden die Giftstoffe aber oft genug unmittelbar eingenommen. Tröstlich ist in diesem Zusammenhang nur, dass bereits Lösungsansätze zur Räumung der Slums bestehen, deren Realisierung sich jedoch aufgrund von Finanzproblemen noch länger verzögern wird.45)

Zurück in die Zukunft

Will man Vietnam nicht von Nord nach Süd oder umgekehrt bereisen, so ist es auch möglich, eine Reise durch seine jüngste Vergangenheit anzutreten. Der Vorteil dieser Route durch die dominante öffentliche Erinnerung46) ist, dass man an jedem beliebigen Punkt des Landes ansetzen kann.

Praktisch überall trifft man auf Narben des französischen Indochina- und des US-amerikanischen Vietnamkrieges: in der Landschaft, im Bewusstsein der Menschen, in der Erinnerungskultur.

Rekonstruktion der französischen Verteidigungsanlage und des Kraters, der in Folge eines vietnamesischen Angriffs auf die Stellung A1 entstand und Frankreich 1954 in Dien Bien Phu zur Kapitulation zwang

Dien Bien Phu war der Ort der finalen Niederlage der französischen Kolonialmacht 1954.47) Eingekesselt von 2.000 Meter hohen Bergen öffnet sich die Landschaft lediglich zur laotischen Tiefebene hin. Der französische Befehlshaber Henri Navarre war überzeugt, dass durch letztere der Feind kommen und sich einer offenen Feldschlacht stellen müsse, in der französische Waffentechnik und Lufthoheit zweifelsfrei den Sieg davongetragen hätten. Stattdessen aber ließ die vietnamesische Führung unter General Giap und unvorstellbaren Strapazen schwere Artillerie auf die umliegenden Berge transportieren, um von dort den Besatzer sturmreif zu schießen. Ohne diese historische Dimension würde sich kaum ein Tourist in das verschlafene Örtchen an der Grenze zu Laos verirren. Und auch so fallen die sonst omnipräsenten Ozeanier, Amerikaner und Chinesen aus; außer uns haben sich nur ein paar nostalgische Franzosen hierhin verirrt.

Der 1994 eingeweihte viet-namesische Heldenfriedhof in Dien Bien Phu

Ein gigantischer Heldenfriedhof, die Rekonstruktionen des französischen Führungsbunkers und der letzten Stellung sowie ein ziemlich marodes Museum sollen die geschichtliche Erinnerung bewahren.

Am Eingang des Friedhofs wird in einfacher Bildsprache auf überlebensgroßen und ca. 100 Meter breiten Reliefs die Geschichte des Kampfes als Heldengeschichte erzählt. Die Schützengräben und der Explosionstrichter auf dem Hügel A1, auf dem die letzte französische Einheit kapitulierte, sind Rekonstruktionen von 1994. Der letzte Funkspruch soll übrigens einen starken deutschen Akzent gehabt haben. – Nicht wenige deutsche SS-Soldaten waren in die Fremdenlegion übergetreten,48) um der Gefangenschaft zu entgehen, was die Formulierung Peter Scholl-Latours erklärt, die Fremdenlegionäre „seien zum Sterben angetreten wie in einer mythischen Gotenschlacht.“49)

Neben dem Ehrenfriedhof und der letzten französischen Stellung ist vor allem das staatlich getragene Museum von Dien Bien Phu der zentrale Erinnerungsort. Es wurde 1984, anlässlich des 30. Jahrestages des Sieges, eröffnet.50)

Im Inneren wird der Besucher von zwei Pappfiguren empfangen: neben dem unvermeidlichen Onkel Ho der vietnamesische General Giap, dessen strategischer Leistung der Sieg seiner Truppen zweifelsfrei zuzuschreiben ist. Inhaltlich dominiert die Geschichte des Kampfes von Dien Bien Phu. Die Ausstellung endet mit Bildern des Genfer Abkommens von 1954, das die Teilung Vietnams am 17. Breitengrad festlegte. Fortan wurde der Norden des Landes von den Kommunisten unter Ho Chi Minh und der Süden unter dem (Marionetten-) Kaiser Bao Dai regiert, der jedoch alsbald ins Pariser Exil ging und von Präsident Diem abgelöst wurde. Zwischen den Bildern von Genf finden sich bereits vereinzelt solche vom zweiten, dem US-Krieg in Vietnam und dem Pariser Abkommen von 1973, das den sukzessiven Abzug der Amerikaner festlegte.

Die Ausstellungsgegenstände sind ganz überwiegend Photos. Originalexponate sind rar und ziemlich willkürlich zusammengestellt. Sie reichen von vietnamesischen Pistolen über den Fuß des Feldbettes von General Giap bis zu erbeuteten Trophäen des Gegners, deren kurioseste die Badewanne des französischen Kommandeurs Christian de Castries ist. Daneben finden sich im Museum Pappfiguren zur Rekonstruktion von Kriegszenen genauso wie einzelne moderne Plastiken.

Ohne Unterschied ihres dokumentarischen Gehalts dienen alle Ausstellungsstücke dem Zweck der Nacherzählung, an deren Anfang Ho Chi Minh steht und die in gerader Linie über Dien Bien Phu, das Genfer und das Pariser Abkommen zur Wiedervereinigung Vietnams 1975 führt.

In dem abschließenden Film tritt der Gegenwartsbezug der Geschichte noch deutlicher hervor: Nachkriegsfortschritte hinsichtlich Bildung, Infrastruktur und Lebensstandard erscheinen hier als unmittelbare Folge des nordvietnamesischen Sieges.

Die Ausstellungsobjekte sind nur mit einer Bildunterschrift, nicht aber mit einem Text versehen, so dass deren Re-Kontextualisierung nicht gelingen kann. Stattdessen ist bereits beim ersten Eindruck eine starke Personalisierung des Krieges auffällig. Einzelne Kriegshelden nehmen eine herausragende Stellung ein und selbst Anschauliches wie ein Spaten oder eine Sandale werden in der Bildunterschrift immer einem bestimmten Soldaten oder zumindest dessen Einheit zugeschrieben.

Dass hier der Sieger die Geschichte schreibt, kann kaum überraschen. Verblüffender hingegen ist, dass es in dieser Ausstellung kaum einen Gegner gibt. Mit Ausnahme der erwähnten Trophäen kommt die französische Kolonialmacht nur selten vor, überhaupt findet der Krieg praktisch nicht statt.

Es werden die Vorbereitungen und die Niederlage Frankreichs gezeigt, nicht aber der eigentliche Krieg oder dessen Verlauf. Da fügt es sich ins Bild, dass der lachende Blick der Partisanen deren Vorfreude widerspiegelt und ihr Kampf als Kampf des gesamten Volkes dargestellt wird: Die Beteiligung und Unterstützung des Volkes für die Partisanen nimmt breiten Raum ein. Dass in dieser Wahrnehmung der Kollaborateur keinen Platz hat, verwundert nicht weiter.

Es kann an dieser Stelle nicht um eine Kritik der Ausstellung gehen51) und schon gar nicht um eine Wertung des Indochinakrieges und seiner jeweiligen Kriegsführung. Natürlich werden zahlreiche Aspekte nicht thematisiert: die Geschichte der Kolonialzeit, die Brutalität des Krieges auf beiden Seiten, die internationale Dimension der Auseinandersetzung im Kalten Krieg, die französische Bitten an die USA nach einem Atombombenabwurf, der Inhalt des Genfer Abkommens, das Schicksal der Kriegsgefangenen, geschweige denn die Sicht Frankreichs oder der Kollaborateure. Es wird nicht zwischen Quellen und Darstellung unterschieden, Strukturen, Prozesse und Motivationen werden auf dem Altar von Anschaulichkeit und Unmittelbarkeit geopfert. Der Besucher hat keinerlei Möglichkeit, anhand der Informationen eine eigenständige Sicht auf die Geschichte zu entwickeln. – Es geht vielmehr um die Frage, welche Funktion der Erinnerung an die Schlacht von Dien Bien Phu heute zugeschrieben wird, kurzum: Es geht um die geschichtspolitische Dimension.

Die Abgelegenheit des Ortes und die Art der Ausstellung legen die Vermutung nahe, dass sie vorwiegend auf Einheimische zielt. Offen räumt Museumsdirektor Sy auf meine Frage ein, dass der Besucher in seinem Haus natürlich für die Gegenwart lernen solle, weil der Geschichte eine Vorbildfunktion zukomme.

Der Besucher, fährt Herr Sy fort, lernt in dem Museum, dass Vietnam schon immer seine Feinde wieder aus dem Land geworfen habe. Vor allem aber solle die Jugend zu Frieden, wie er nun herrsche, und Vaterlandsliebe erzogen werden. Tatsächlich genießen Schüler und Rekruten freien Eintritt. Für letztere ist der Besuch sogar obligatorisch.52)

Die Geschichte reduziert sich in dieser Perspektive auf ihre integrative Funktion – und der Zukunft zugewandt. Hieraus erklärt sich, dass der Beteiligung des ganzen Volkes am Kampf eine so starke Stellung in der Ausstellung zukommt, einem Kampf, dessen Brutalität und dessen Entbehrungen hinter den lächelnden Partisanengesichtern verschwinden. Ich frage den Direktor nach den beiden „Ikonen“ vietnamesischer Geschichte, das Bild von der nackten und vor Napalmfeuer flüchtenden Kim Phuc53) und die Hinrichtung eines Viet Kong seitens des südvietnamesischen Polizeichefs.54)

Natürlich seien sie bekannt, räumt er ein, er besitze sie auch, aber in seinem Haus würden sie nicht ausgestellt. – Können sie wohl auch nicht, wenn es darum geht, den Blick des Besuchers auf das Verbindende und in die Zu-kunft zu lenken. Die Darstellung der Napalmzerstörungen oder eines Südvietnamesen, der einen Landsmann hinrichtet (nachdem dieser übrigens die Familie eines Vertrauten ermordet hatte) aber würden die Brutalität des Krieges und die innere Zerrissenheit dieses Volkes darstellen.

Wenn der Geschichte unmittelbar integrative Funktion für die Gegenwart, gar für die Zukunft zukommt, so ist auch evident, warum die Kolonialzeit einerseits, die Kriegshandlungen Frankreichs andererseits und die Sicht des Kollaborateurs zum Dritten zurücktreten müssen. Die Darstellung der 100 Jahre zwischen 1850 und 1950 sei politisch nicht opportun gewesen, räumt Herr Sy ganz offen ein.

Frankreichs Kriegführung dient lediglich der Überhöhung des eigenen Sieges und auf die Frage nach Überlegungen, die Sicht derer darzustellen, die mit der Kolonialmacht ehedem zusammenarbeiteten, antwortet er kurz und knapp, dass darüber nicht zu reden sei.

Dieser Krieg darf offenkundig nicht historisiert werden. Zu wichtig ist seine Funktion für eine Gesellschaft, die ökonomischen, politischen und – in diesem Teil des Landes – auch ethnischen Herausforderungen ausgesetzt ist.

Jedenfalls ist schon auffällig, dass seit der einsetzenden wirtschaftlichen Liberalisierung im Zuge der doi-moi-Politik auf geschichtspolitischem Gebiet verstärkt Anstrengungen unternommen werden: Das Museum soll einen Neubau erhalten und erstmals sollen Informationsblätter erarbeitet werden; der monumentale Heldenfriedhof wurde Anfang der neunziger Jahre angelegt; das Bronzedenkmal erst 1994 in Hanoi gegossen. Die letzten Tage seines Transports wurden sogar live im Fernsehen übertragen.

Eine Publizität dieser Art hat das War Remnants Museum in Ho Chi Minh Stadt nicht nötig. In jedem Stadtführer als ein „Muss“ beschrieben, ist der Andrang in das Museum, das den zweiten Vietnamkrieg vergegenständlichen soll, schon in den Vormittagsstunden enorm.

Englisch ist die vorherrschende Sprache, Einheimische finden sich kaum unter den Besuchern. Tatsächlich sollte die Vizedirektorin Frau Van später diesen oberflächlichen Ein-druck bestätigen:55) 70 Prozent der jährlich 500.000 Besucher sind Ausländer. Am stärksten sind Japaner und Amerikaner vertreten, gefolgt von Franzosen und Chinesen. Wie in Dien Bien Phu werden dem Ankommenden im Außenbereich Waffen des Gegners vorgeführt, doch im Inneren ändert sich das Bild. War Dien Bien Phu ein baufälliges Haus, das seine Ziele mit einfachsten museumspädagogischen Mitteln verfolgte, besticht das 1975 eröffnete und 2002 vollständig umgebaute War Remnants Museum mit einer modernen Aufmachung.56) Im Inneren werden nacheinander behandelt: „Historical truth“, „Requiem“, „Vestiges of war crimes and aftermaths“, „Imprisonment system“, „Vietnam – War and Peace“, „International support for the Vietnamese people“ und „Childrens paintings“. Wiederum werden überwiegend Photographien als Ausstellungsgegenstände genutzt, ergänzt durch Originalexponate, die die Sektionen über die US-Waffen und die Folterinstrumente dominieren. Die etwas antiquiert wirkenden Pappmachédarstellungen von Dien Bien Phu finden sich hier nicht mehr. Einführungstexte leiten die jeweiligen Sektionen ein, eine Re-Kontextualisierung der Objekte ermöglichen sie freilich nicht. Die Bildunterschriften geben meist die Quelle, d.h. den Photografen, Zeitpunkt und Ort der Aufnahme an.

Bereits beim ersten Blick ist auffällig, dass nahezu alle Aufnahmen und Texte von westlichen (inkl. Japan) Journalisten stammen. Der (westliche) Besucher soll den Krieg mit eigenen Augen sehen; die Stellungnahmen westlicher Intellektueller gegen den Feldzug dürften für den transatlantisch geprägten Touristen eine erheblich höhere Glaubwürdigkeit haben als die von Nordvietnamesen.

Es verwundert vor diesem Hintergrund nicht, dass die oben erwähnten Ikonen von Kim Phuc und dem Polizeichef nicht nur ausgestellt sind, sondern Frau Van in dem Interview später ausdrücklich darauf hinweisen sollte, dass es sich um Pulitzer-preisgekrönte Bilder handelt, derer sie noch weitere ausstellten.

Auch der Raum über die „International support for the Vietnamese people“ fokussiert auf westlichen Protest gegen die USA bzw. Unterstützung für Vietnam. Schmunzeln lässt den aufmerksamen Besucher dann aber doch, dass unter letzterem sogar Spezialeinheiten des Office of Stratetic Services (OSS) – Vorläufer der CIA – gezeigt werden, die 1945 kommunistische Viet Minh-Einheiten ausbilden.57) Der Protest des Westens ist in dieser Sicht kein Ausdruck der Meinungsfreiheit, sondern Indiz der Richtigkeit vietnamesischer Politik und des verbrecherischen Charakters der US-Kriegführung. Dieser Darstellung ist die Auswahl der Dokumente nicht nur in diesem Raum untergeordnet; ein nachvollziehbarer Kriegsverlauf wird dabei nicht vermittelt, ebenso wenig wie dessen Einbettung in die zeitgeschichtlichen Ereignisse und Zusammenhänge vom Kalten Krieg bis zur Theorie der „credibility58). Die Echtheit der Dokumente und der gegebenen Informationen ist – von wenigen Ausnahmen abgesehen – unzweifelhaft.

Ganz im Gegenteil ist das Bemühen auffällig, bis auf die Bataillonsebene hinunter den Feind zu identifizieren, um so die Glaubwürdigkeit der Ausstellungsaussage zu erhöhen. Entscheidend ist die Art der Zusammenstellung von Exponaten: Die Argumente werden der These untergeordnet. Auffällig ist dabei vor allem die Amerikanisierung des Krieges.

Bereits für die Jahre nach 1945 werden die US-Waffen- und Finanzhilfe in den Vordergrund gerückt. Selbst in der Zeit des französischen Indochinakrieges sind es amerikanische Waffen, die gezeigt werden. Man mag über die Bedeutung der – historisch korrekten – US-Waffenlieferung streiten; unzweifelhaft wird hier aber der koloniale Charakter des Indochinakrieges unzulässig in den Hintergrund gedrängt. Für die Zeit nach 1963 werden dann, in Umkehrung der Strategie von Dien Bien Phu, praktisch ausschließlich Darstellungen des Gegners, der US-Truppen, gegeben.

Zielte das Museum in Dien Bien Phu auf die Einheimischen und die Integration einer Nation mittels der Geschichte, so wird hier dem vorwiegend ausländischen Besucher das Bild des Aggressors vor Augen geführt, dessen Ziel die Eroberung Vietnams und dessen Mittel verbrecherisch waren.

Dass die USA hierzu mit Südvietnamesen kooperierten, muss – anders als in Dien Bien Phu – unter diesen Umständen nicht mehr tabuisiert werden. Auch Südvietnamesen seien Opfer des Krieges, führt Vizedirektorin Van aus; sie seien gezwungen und gedungen worden, gegen das eigene Volk zu kämpfen, müssten also gleichermaßen als Opfer des Krieges gezeigt werden. Die Frage, ob es Überlegungen gab, die zeitgeschichtliche Sicht der Kollaborateure darzustellen, ignoriert sie.

Der propagandistische Zug der Ausstellung zeigt sich nicht darin, dass die Kriegführung der USA angeprangert wird; deren völkerrechtswidrige Aspekte werden heute nicht mehr ernsthaft bestritten. Der propagandistische Zug zeigt sich in der einseitigen Auswahl und Unterordnung der Ausstellungsgegenstände auf bzw. unter dieses Ziel: Dass die USA 1973 in Paris einen Vertrag abschlossen, der sie zum sukzessiven Abzug aus Vietnam verpflichtete, wird verschwiegen; dass die Guillotine, die im Raum über die Folterinstrumente gezeigt wird, das letzte Mal 1960 eingesetzt wurde, ebenso; und Verbrechen auf Seiten Nordvietnams kommen natürlich nicht vor. Überhaupt treten die nordvietnamesische Armee und der Viet Kong nur dann ins Blickfeld, wenn sie entweder Opfer der westlichen Kriegführung sind oder – nach dem Krieg – die Folgen dieses Krieges zu erleiden und zu beseitigen haben. Dies deutet bereits an, dass auch hier die Gegenwartsrelevanz des Krieges stark akzentuiert wird. Von dem Raum mit Kinderbildern des 21. Jahrhunderts gegen den Krieg abgesehen, werden aktuelle Bilder von Kampfmittelbeseitigung und Wiederaufbaumaßnahmen gezeigt. Auch die Ausstellung enorm missgebildeter und in Formalin eingelegter Embryonen – aufgrund kontaminierter Lebensmittelketten in der Folge von Agent-Orange-Einsätzen – zielt in diese Richtung, wenngleich dem kritischen Besucher bewusst ist, dass die Wirkung des Entlaubungsmittels auf die Nahrungsmittelkette und die Fortpflanzung 1970 nicht in dem Maß bekannt war, wie es die museale Kausalkette nahe legt, und dass die Umweltprobleme Vietnams nachhaltigen Einfluss auf die Krebsrate haben.

 

Ausstellung des War Remnants Museum in Ho Chi Minh Stadt

Beide Häuser bedienen sich mitunter der gleichen Mittel wie z.B. der starken Personalisierung von Geschichte. Hier sind es die US-Truppen, die klar zugeordnet werden können und deren Rang- und Truppenabzeichen nicht nur Trophäen sind, sondern auch die Aussagekraft erhöhen sollen. Die vorwiegend genutzten Ausstellungsobjekte (Photographien, gegnerische Waffen) decken sich hier wie dort. Der fundamentale Unterschied ist der Ausstellungsgegenstand und die vorrangig angesprochene Zielgruppe: Einem Volk, das zweifelsohne massiv unter einem dreißigjährigen Krieg gelitten hat, muss dessen Grausamkeit nicht mehr vorgeführt werden, wenngleich die Integration ex negativo – durch Darstellung des Feindes – nicht unterschätzt werden soll. In erster Linie gilt es aber doch dem Fremden die Völkerrechtswidrigkeit der amerikanischen Ziele und Mittel vor Augen zu führen. Hierzu rückt natürlich die US-Kriegführung in den Fokus, die Darstellung der eigenen Befreiung – das Kernstück von Dien Bien Phu – rückt in den Hintergrund. Als Kronzeugen der Ausstellung dienen westliche Bild- und Schriftzeugnisse von den Erinnerungen David Halberstams bis Robert McNamaras. Dabei soll weniger Mitleid als vielmehr Respekt erzielt werden: Respekt für das, was Vietnam ertragen musste, vor allem aber für seine Leistungen im Wiederaufbau. Auch hier wird die Geschichte in die Gegenwart verlängert: durch aktuelle Bilder der Kriegsfolgen, einer Konferenz über Agent-Orange-Opfer von 2004 oder Damals-heute-Aufnahmen verschiedener Orte wie My Lai.

Differenzierter als ihr Kollege beantwortet Frau Van die Frage nach der Gegenwartsrelevanz von Geschichte dann auch dahingehend, dass das Lernen aus der Geschichte zwar das Ziel sei, es aber nicht immer gelingen könne. Sie sei schon zufrieden, wenn ihr Haus zeige, was Krieg anrichten, wie er Menschenleben und Umwelt zerstören könne.

Diese bescheidener wirkende Zielsetzung setzt offenkundig auf ein Publikum, das von der Anti-Kriegs-Bewegung geprägt ist und dessen Meinung in seinem jeweiligen Heimatland artikuliert werden kann. Ob nicht auch die vietnamesische Öffentlichkeit mit steigendem Wohlstand ihre politischen Wünsche artikulieren und Fragen an die Geschichte stellen wird, die weder das Museum in Dien Bien Phu noch das in Ho Chi Minh Stadt beantworten, wird die Zukunft zeigen. Allerdings scheint die Regierung in Hanoi mit dieser Möglichkeit zu rechnen, denn die geschichtspolitischen Anstrengungen sind nicht zu verkennen: Auch das War Remnants Museum sollte 2009 einen Neubau und 2010 weitere Ausstellungen über den französischen und den japanischen Krieg in Vietnam bekommen. Beide, so Frau Van, werden die Friedenserziehung in Vietnam weiter vorantreiben. Und zur Identitätsstiftung eines Volkes beitragen, das zwischen gestern und morgen oszilliert und noch viele Fragen an die gemeinsame Geschichte stellen wird, bevor es zu einer Nation wird.

 

Jörg Zedler M.A. ist Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Historischen Seminar der Ludwig-Maximilians-Universität München.

 

Fußnoten

1 Vgl. hierzu die regelmäßig aktualisierte Bibliographie von Edwin E. Moïse, http://www.clemson.edu/caah/history/FacultyPages/EdMoise/bibliography.html (Stand: 16.8.2009).

2 Detlef Junker, Preface, in: ders./Lloyd Gardner / Wilfried Mausbach (Hg.), America, the Vietnam War, and the World. Comparative and international Perspectives; Cambridge 2003, S. 1–26, hier S. 1.

3 Rolf Steininger, Der Vietnamkrieg; 2Frankfurt/Main 2006, S. 3.

4 Zu den Zahlen vgl. Marc Frey, Geschichte des Vietnamkrieges. Die Tragödie in Asien und das Ende des amerikanischen Traumes; 8München 2006, S. 222–226, sowie Steininger (wie Anm. 3) S. 2ff.

5 Vgl. hierzu Rudolf Marr, Hanoi und Ho Chi Minh Stadt: Der Leidensweg zweier Städte, in: Rita Schneider-Sliva (Hg.), Städte im Umbruch. Die Neustrukturierung von Berlin, Brüssel, Hanoi, Ho Chi Minh Stadt, Hongkong, Jerusalem, Johannesburg, Moskau, St. Petersburg, Sarajewo und Wien, Berlin 2002, S. 287–335, hier S. 314–317.

6 Ebd., S. 310.

7 Dean Forbes, Asian Metropolis. Urbanisation and the Southeast Asian city, Melbourne 1996, S. 62.

8 Michael Waibel, Die Altstadt von Hanoi, Ein Abbild urbaner Transformationsprozesse, in: Geographische Rundschau 55 (2003) Heft 1, S. 32–38, hier S. 36.

9 Ebd., S. 35.

10 Ebd., S. 36. Vgl. zu den Zahlen auch Marr (wie Anm. 5), S. 309f.

11 Ebd., S. 310.

12 Waibel (wie Anm. 8), S. 36.

13 Vgl. Alfred McCoy, Die CIA und das Heroin. Weltpolitik durch Drogenhandel; Frankfurt/Main 2003, stellvertretend für weitere Stellen S. 399f. u. 416–419.

14 UNICEF-Nachrichten. Zeitschrift des Deutschen Komitees für UNICEF, Nr. 3 (2007), S. 10f.

15 Peter Scholl-Latour, Der Tod im Reisfeld. Dreißig Jahre Krieg in Indochina; 5Stuttgart 1989, S. 71.

16 Michael Waibel, Implications and Challenges of Climate Change for Vietnam, in: Pacific News 29 (Jan./Feb. 2008), pp. 26f.

17 http://www.worldpressphoto.org/index.php?option=com_photogallery& task=view&id=170&Itemid=115&bandwidth=low (Stand: 20.8.2009).

18 Vgl. z. B. Frey (wie Anm. 4), S. 90f.

19 Scholl-Latour (wie Anm. 15), S. 111.

20 Ebd., S. 111f.; Robert Dallek sieht Kennedy zwar sehr viel kritischer gegenüber den Medien (S. 466 und 634), räumt jedoch auch ein, dass sich Kennedy mitunter von Halberstams Berichten beeinflussen habe lassen (S. 623). Robert Dallek, John F. Kennedy. Ein unvollendetes Leben, München 2003.

21 Ebd., S. 635–640.

22 Vgl. Ann Helen Unger / Walter Unger, Hue. Die Kaiserstadt von Vietnam, München 1995, S. 14.

23 William Thomas Allison, The TET Offensive. A brief history with documents; New York 2008, S. 51.

24 Eric Hammel, Fire in the streets. The battle for Hue, TET 1968; Chicago 1991 S. 254–306 u. 354, sowie Allison (wie Anm. 23), S. 55.

25 Unger / Unger (wie Anm. 22), S. 16f. und 28.

26 Ebd., S. 29.

27 Monika Heyder, Kulturschock Vietnam; 5Bielefeld 2007, S. 1–24.

28 „U.S. naval ship calls on Danang City“, in: The Saigon Times v. 20. Oktober 2008, S. 1.

29 Vgl. zu der Stadtanlage Marr (wie Anm. 5), S. 318f.

30 Sébastien Wüst, Die Metropolisierung von Ho Chi Minh Stadt. Räumliche Entwicklung und ökologische Krise, Elendsquartiere und Zwangsumsiedlung, in: Bauwelt 151 (2001), S. 40–49, hier S. 40.

31 Marr (wie Anm. 5), S. 318f.

32 Die Angaben sind der offiziellen Homepage von Ho-Chi-Minh-City entnommen, vgl. http://www.hochiminhcity.gov.vn/eng (Stand: 6.9.2009).

33 So das Auswärtige Amt der Bundesrepublik Deutschland, vgl. http://www.auswaertiges-amt.de/diplo/de/Laenderinformationen/Vietnam/ Wirtschaft.html#t1 (Stand: 6.9.2009).

34 Vgl. zum politischen Charakter Südvietnams z.B. Frey (wie Anm. 4), S. 70.

35 Vgl. z.B. Martina Düttmann, Saigon, Vietnam, in: Bauwelt 36 (2001), S. 14–29.

36 Die Volkszählung von 2009 ergab nach offiziellen Angaben eine Zahl von 7.123.340 Einwohnern, vgl. http://www.chinhphu.vn/portal/page?_pageid=439,1090462&_dad= portal&_schema=PORTAL&pers_id=1091147&item_id=33638381&p_details=1 (Stand: 6.9.2009).

37 Vgl. zu der städtischen Armut Marr (wie Anm. 5), S. 319ff.

38 Informationen nach einem Artikel von Radio Free Asia, vgl. http://www.rfa.org/english/news/vietnam/pollution-04012009110733.html (Stand: 6. 9. 2009).

39 Ronald Eckert/Michael Waibel, Climate Change and Challenges of Urban Development of Ho Chi Minh City/Vietnam, in: Pacific News 31 (Jan./Feb. 2009), S. 18–20, hier S. 18.

40 Vietnam News v. 26. Mai 2008.

41 Intergovernmental Panel on Climate Change (Hg), Climate Change 2007 – Impacts, Adaptation and Vulnerability. Contribution of Working Group II to the Fourth Assessment Report, Cambridge 2007, S. 59.

42 Vgl. hierzu die Projektbeschreibung des Bundesministeriums für Bildung und Forschung zur Reduktion der Wasserverschmutzung unter http://www.lwi.tu-bs.de/hywa/deutsch/forschung/vietnam_project.pdf (Stand: 10.8.2009), vgl. zur Gewässersituation in Vietnam insgesamt, http://dbs-lin.ruhr-uni-bochum.de/wasserverbund/pdfs/12_vietnam.pdf (Stand: 10.8.2009).

43 Wüst (wie Anm. 30), S. 43.

44 Marr (wie Anm. 5), S. 320.

45 Ebd., S. 321–326.

46 So die These der Vize-Direktorin des War Remnants Museum, Frau Huynh Ngoc Van, das der Verfasser am 14. Oktober 2008 auf Englisch mit ihr führte.

47 Vgl. als ersten Überblick über die französische Kolonialherrschaft in Südostasien, Rudolf von Albertini, Frankreich in Vietnam, in: ders., Europäische Kolonialherrschaft 1880–1940, Zürich / Freiburg i.B. 1976, S. 159–183, und Dieter Brötel, Die Dekolonisierung des französischen Empire in Indochina. Metropolitane, periphere und internationale Faktoren, in: Wolfgang J. Mommsen (Hg.), Das Ende der Kolonialreiche. Dekolonisation und die Politik der Großmächte, Frankfurt/Main 1990, S. 89–118 .

48 Die in Dien Bien Phu stationierten Einheiten der Fremdenlegion bestanden zu 80 Prozent aus Deutschen, Scholl-Latour (wie Anm. 15), S. 89.

49 Ebd.

50 Die folgenden Informationen über das Museum, dessen Ziele und Motivationen entstammen einem Interview, das der Verfasser am 1. Oktober 2008 mit dem Direktor des Museums, Nguyen Trung Sy, mittels eines Übersetzers führte.

51 Vgl. zu den Möglichkeiten und Gefahren der Darstellung von Geschichte in Museen z.B. Bodo von Borries, Präsentation und Rezeption von Geschichte im Museum, in: Geschichte in Wissenschaft und Unterricht 98 (1997), S. 337–343.

52 Die Angaben des Direktors zu den Besucherzahlen erschienen in hohem Maße unglaubwürdig, da sie zwischen verschiedenen Jahren um bis zu 90 Prozent schwanken. Zudem erschien dem Verfasser die Zahl von 200.000 ausländischen Besuchern angesichts der Tatsache unwahrscheinlich, dass er während seines eigenen fünfstündigen Besuches keinen einzigen sah.

53 Photo auf http://www.worldpressphoto.org/index.php?option=com_photogallery&task= view&id=177&Itemid=115 (Stand: 12. 9. 2009); zur Interpretation des Photos vgl. Gerhard Paul, Die Geschichte hinter dem Photo. Authentizität, Ikonisierung und Überschreibung eines Bildes aus dem Vietnamkrieg, in: Zeithistorische Forschungen. Studies in contemporary History 2 (2005), http://www.zeithistorische-forschungen.de/16126041-Paul-2-2005.

54 Photo auf http://www.worldpressphoto.org/index.php?option=com_photogallery&task= view&id=165&Itemid=115&bandwidth=low (Stand: 12. 9. 2009); zur Interpretation des Photos vgl. Stephan Schwingeler / Dorothée Weber, Das wahre Gesicht des Krieges. Die Hinrichtung in Saigon von Eddie Adams. Das Entstehen einer Ikone vor dem Hintergrund ihrer Publikationsgeschichte in den Printmedien, in: Kritische Berichte. Zeitschrift für Kunst- und Kulturwissenschaft, Heft 1 (2005), S. 36–50.

55 Die nachfolgenden Angaben über das Museum, dessen Ziele und Motivationen beruhen auf einem Interview des Verfassers mit der Vizedirektorin des Museums, Frau Huynh Ngoc Van, vom 14. Oktober 2008.

56 Nach Auskunft von Frau Van arbeiten 20 Historiker und Museumspädagogen im Haus.

57 Zwischen März und August 1945 waren die USA und die Viet Minh offiziell Verbündete, Ho Chi Minh wurde als OSS-Agent geführt; Frey (wie Anm. 4), S. 16. Dass diese Koalition sich gegen Japan richtete, wird ebenso wenig erläutert wie der Umstand, dass es sich bei den Ausbildern um amerikanische Geheimagenten handelte.

58 Der Kennedy-Administration ging es in Vietnam nicht mehr um wirtschaftliche Gründe, nicht mehr um Antikommunismus oder den Aufbau einer vietnamesischen Nation, sondern sie machte das Engagement der USA in Südvietnam zur Messlatte amerikanischer politischer Glaubwürdigkeit (credibility), Frey (wie Anm. 4), S. 79–83.

 


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